Wadi Natrun, Oasen zwischen Kairo und Alexandria im Nildelta

An der Wüstenstraße, die westlich des Deltas von Kairo nach Alexandria führt, liegt auf halber Strecke eine Oasengruppe in einem Wüstental. Dies ist das Wadi Natrun (Wadi el-Natrun, Wadi an-Natrun), das Natron-Tal. Die Gegend des Wadi Natrun ist seit pharaonischer Zeit besiedelt. Wie der arabische Name „Wadi Natrun“, so wies schon der altägyptische Name „sechet-hemat“, was soviel wie „Salzfeld“ bedeutet, darauf hin, dass es sich um eine geographische Niederung mit Salzfeldern und salzhaltigem Sandboden handelt. Im Altertum wurde dort das Natronsalz (Natriumcarbonat) abgebaut, dass unter anderem fürs Mumifizieren, Stoffbleichen, zum Räuchern und als Rohstoff für Glas wichtig war. Die Wüste in der Gegend des Wadi Natrun wird auch Sketische Wüste genannt. Der Begriff bezieht sich auf die Askese der dort lebenden christlichen Mönche. Tal der Klöster: Im Wadi Natrun gibt es viele Klöster und Klosterruinen. Einst sollen dort an die fünfzig Klöster bewohnt gewesen sein. In frühchristlicher Zeit, insbesondere ab dem 4. Jahrhundert n. Chr., sonderten sich viele Mönche ab, um allein in der Wüste als Eremiten oder in kleinen Gemeinschaften, abseits der bäuerlichen oder städtischen Gemeinden des Deltas oder Niltals, zu leben. Sie glaubten, so ihrem christlichen Lebensideal des Betens, der Askese und der Enthaltsamkeit näher zu kommen. Die allermeisten Klöster und Eremitagen sind heute verlassen und aufgegeben. Vier sind noch bewohnt und bewirtschaftet: Deir el-Baramus (Boromäus-Kloster, Paromeus-Kloster), Deir el-Surjan (Deir al-Suryan, Deir el-Suriani, Kloster der Syrer), Deir Amba Bischoi (St. Pischoi-Kloster) und Deir Abu Makar (St. Makarios-Kloster). Das Kloster Deir el-Surjan wurde im 6. Jahrhundert errichtet. Die anderen drei stammen sogar aus dem 4. Jahrhundert. Alle vier Klöster sind koptisch-orthodox. Die Klöster und Einsiedeleien sind bzw. waren mit schützenden Mauern angelegt. Der festungsartige Charakter deutet auf Schutzbedürfnis hin. Tatsächlich waren die Klöster immer wieder den Überfällen von Berberstämmen und arabischen Beduinen ausgesetzt. Unterstützt wurde der Festungscharakter durch hohe Wohntürme, die gleich dem Bergfried einer Burg die Anlage überragten. Die Eingangstüren zu diesen Türmen waren hoch oben angelegt, sodass man nur über eine Zugbrücke oder über eine Seilwinde hoch- und hineingelangte. Im Kloster und insbesondere in den Wohntürmen waren Vorratskammern mit Lebensmitteln angelegt, um sich im Falle einer Belagerung versorgen zu können. Als im Mittelalter die Klöster im Niltal und im Delta zerstört oder bedroht wurden, sei es durch Nomaden überfälle oder durch die muslimische Bevölkerung, konnten Christen und christliche Mönche in den Klöstern des Wadi Natrun Zuflucht finden.Das Kloster Deir el-Baramus bzw. Paromeus-Kloster soll im frühen 4. Jahrhundert zur Zeit des Kaisers Valentian II. gegründet worden sein. Der Name „Deir el-Baramus“ bedeutet soviel wie „Kloster der Römer“. „Baramus“ kommt von der koptischen Bezeichnung „pa-Romeos“, was soviel wie „die Römer“ heißt. Es handelt sich um die älteste Klosteranlage des Wadis. Wer genau der Gründer des Klosters war, ist unklar. Vermutlich war es der Heilige Makarios, nachdem auch das Kloster Deir Abu Makar benannt ist. Doch der Name dieses Klosters bezieht sich auf die römischen Mönche Maximus und Domitius, die Söhne des Kaisers Valentian II. waren und einige Zeit dort lebten. Eine andere Begründung für die Namensgebung mag der Heilige Arsenius sein, der sich im Wadi Natrun niedergelassen hatte. Er war auch Theologie-Lehrer der späteren römischen Kaiser Arcadius und Honorius. Jedenfalls ließ Arsenius das Kloster wieder aufbauen, nachdem im Jahre 407 Berberstämme das Kloster überfallen und zerstört hatten. Die Festungsmauern, die das Kloster umgeben, wurden als Reaktion auf die Überfälle von Beduinen errichtet, die im Mittelalter immer wieder das Wadi Natrun heimsuchten. Fünf Kirchen und zahlreiche Wirtschafts- und Wohngebäude befinden sich innerhalb der schützenden Mauern. Es gibt Gästeunterkünfte, eine Bibliothek und Gartenanlagen. Das Kloster der Syrer – Deir el-Surjan – liegt südlich von Deir el-Baramus. Es war ursprünglich im 6. Jahrhundert gegründet worden. Im 8. Jahrhundert wurde es von einem wohlhabenden syrischen Kaufmann für syrische Mönche neu gegründet. Daher stammt der Name. Im 9. Jahrhundert war das Kloster von erneuten Beduinenüberfällen heimgesucht worden, wurde aber kurz darauf von den Mönchen Matthäus und Abraham wieder aufgebaut. In den alten Bauten des Klosters sind noch sehenswerte mittelalterliche Fresken erhalten. Außerordentlich ist der Bücherbestand der historischen Bibliothek.Weiter südlich vom Syrer-Kloster liegt das St.-Pischoi-Kloster: Deir Amba Bischoi. Es wurde im 4. Jahrhundert vom Heiligen Pischoi gegründet, der auch der Namensgeber war. Zum ummauerten Kloster gehören fünf Kirchen. Viele alte Gebäude wurden restauriert. Im Süden des Wadi Natrun liegt das Kloster des Heiligen Makarios: Deir Amba Makar. Makarios (Macarius) ließ sich Ende des 4. Jahrhunderts als Einsiedler im Wadi Natrun nieder. Um seine Einsiedlerzelle wuchs die klösterliche Gemeinde, aus der später das Kloster entstand. Seit seiner Gründung in der Spätantike bis in die heutige Zeit ist das Kloster permanent bewohnt. Im Mittelalter wurde es, wie die anderen Klöster auch, Opfer von Überfällen durch Beduinen. Als im 6. Jahrhundert die Kaiser in Byzanz die die koptische Kirche als Konkurrenz zur griechisch-orthodoxen erachteten und die Residenz des koptischen Patriarchen in Alexandria schlossen, wurde stattdessen das Kloster Deir Amba Makar zeitweiliger Sitz des Patriarchen. Heutiges Wahrzeichen des Klosters ist der moderne Kirchenturm. Umgeben ist das Kloster von einem riesigen Wehrring, in dem auch die meisten Wohn- und Wirtschaftsräume integriert sind.Ruinenfeld von Kellia: Etwa 50 Kilometer nördlich des Wadi Natrun liegen auf mehreren Hügeln zwischen der Sketischen und Nitrischen Wüste die Ruinen von mehr als 1500 Emeritagen (Einsiedlerzellen) von Mönchen. Das Ruinenfeld ist rund 20 Kilometer lang. Die frühesten Anlagen stammen aus dem 4. Jahrhundert. Wegen der andauernden Überfälle durch Berber und arabische Beduinen wurden die Einsiedlerklausen im 9. Jahrhundert aufgegeben. Das Ruinenfeld sollte nur mit einem Führer besucht werden, weil es sehr weitläufig ist und abseits liegt.Wadi Natrun in der altägyptischen LiteraturIn einem Meisterstück der Literatur des Alten Ägypten ist das Wadi Natrun der Herkunftsort eines Oasenmannes (der „beredete Bauer“), der mit einem Esel aufbricht, um im Niltal Produkte seiner Oase zu vermarkten. Unterwegs im Niltal wird er ausgebeutet und mit den Wirren der landesweiten Korruption konfrontiert. Er wehrt und beschwert sich, bis er vor den Pharao geladen wird. Der König hört sich die Reden des Oasenmannes an und ist von dessen Weisheit fasziniert. Er lässt den Oasenmann immer wieder vorsprechen und belohnt ihn schließlich und lässt Gerechtigkeit walten.Auswahl weiterführender Literatur
  • Burmeister, Oswald H.E., A Guide to the Monasteries of the Wadi an-Natrun, Cairo 1954.
  • Christianity and monasticism in Wadi al-Natrun (Essays from the 2002 International Symposium of the Saint Mark Foundation et al.), Cairo 2009.
  • Russel, Dorothea, Medieval Cairo and the monasteries of the Wadi Natrun, London 1962.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg