Einladungen und Bekanntschaften

Bekanntschaften und Freundschaften zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen können für beide Seiten eine Bereicherung sein. Der kulturelle Unterschied zwischen Ägyptern und Europäern ist durchaus noch groß genug, um der Begegnung für beide Seiten etwas Exotisches abzugewinnen.

Besonders Städter aus der gebildeten und aufstrebenden Mittelschicht freuen sich, ihre Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Französisch oder gar Deutsch aufzufrischen. Nebenbei genießt man für ein paar Momente internationales Flair in einer gepflegten Konversation oder einem spannenden Gedankenaustausch. Die den westlichen Besuchern besonders aufgeschlossenen Ägypter sind in der Tendenz eher weltlich als streng religiös orientiert und am westlichen Konsum und Lebensstil interessiert. Besonders Studenten mit guten Fremdsprachenkenntnissen suchen Gesprächskontakt mit Ausländern. Nicht wenige von ihnen träumen von einem Studium, einer Ausbildung oder einem Job in der großen weiten Welt. Jeder Kontakt kann neue Chancen mit sich bringen. Das Internetzeitalter führt die Menschen im globalen Dorf der Online-Kommunikation zueinander. Das nimmt auch die Hemmungen, Europäer oder Amerikaner anzusprechen, um nach einem interessanten Gespräch ggf. e-Mail-Adressen auszutauschen.

In eine reiche Familie aus der zahlenmäßig kleinen aber sehr mächtigen Oberschicht Ägyptens wird man nur eingeladen, wenn man sich in entsprechenden Milieus bewegt und dem Ambiente entsprechend gekleidet ist und die dazugehörige Etikette beherrscht. In Kairo und Alexandria trifft man die Reichen des Landes in den teuersten Restaurants, Clubs und Hotels, aber auch in entsprechenden Boutiquen und Kaufhäusern. Die distinguierte Oberschicht des Landes wahrt den Abstand zur normalen Bevölkerung, bleibt gern unter sich, genießt aber zuweilen internationale Bekanntschaften im Jet Set. Normale westliche Touristen gelten in solchen Kreisen als ordinär, doch ist man offen und freundlich gegenüber seinesgleichen.

In den kleinen Dörfern auf dem Lande wird man nur selten eingeladen. Meist sind es die fehlenden Sprachkenntnisse, die die Ägypter aus sozial einfachen Verhältnissen daran hindern, näheren Kontakt zu Fremden zu suchen. Beiderseitige Vorurteile und Unwissenheit sind ein zusätzliches Hemmnis. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich Ausländer an bestimmten Orten in den großen Städten und an den Sehenswürdigkeiten konzentrieren. Es gibt Orte in Ägypten, in den jährlich Hunderttausende, mancherorts Millionen von Touristen durchgeschleust werden – aber es gibt umso mehr Dörfer, Ortschaften und Großstadtviertel, in die sich nur sehr selten Fremde wagen.

Auf dem Lande ist es in der Regel nicht irgendjemand, der einlädt, sondern eine Respektsperson des Dorfes. Die Tatsache, von Europäern Besuch zu bekommen, wird nämlich von den anderen Dorfbewohnern sehr schnell bemerkt und herumgesprochen. Die einladende Familie wird innerhalb der Dorfgemeinschaft an Ansehen gewinnen, weil sie Gäste von weither empfängt. Meist wird man zum Tee eingeladen. Dabei werden die Gäste mit allerlei Begrüßungsfloskeln („ahlan wa sahlan“ oder „ahlan, ahlan, ahlan“) herzlich begrüßt und anschließend bewirtet. Ein kleines Mitbringsel für die Gastgeber ist eine höfliche Geste. Als Gesprächsthemen bieten sich zum Einstieg die Familienverhältnisse an: Wie viele Kinder hat man, wie alt, Jungs oder Mädchen? Um im weiteren Gesprächsverlauf Komplikationen zu vermeiden und in keine Fettnäpfchen zu treten, empfiehlt es sich, stets bescheiden, freundlich, höflich und zurückhaltend zu sein. Man erzählt am besten, was man schön findet, verschweigt, was man gern kritisieren möchte. Zum Abschied bedankt man sich höflich (am besten einfach „schukran ghazilan“ sagen).

Wer in der Stadt oder an den Touristenpfaden angesprochen und spontan zu etwas eingeladen wird, kann sich leider ziemlich sicher sein, am Ende um etwas gebeten zu werden, sei es ein Geschenk, ein besonderes Bakschisch oder die Aufforderung, etwas im Laden zu kaufen. Eine bekannte Masche ist folgende: Man verwickelt die Touristen in ein lockeres Gespräch, erzählt, man habe Bekannte in Deutschland, führt die Gäste ein wenig umher, und schließlich landet die Gruppe im Geschäft oder Souvenirladen eines Verwandten. Dann wird erwartet, dass die Gäste etwas kaufen.

Alleinreisende Frauen werden nicht selten von Gigolos angesprochen. Dies trifft besonders auf Kairo und auf die Touristenorte am Roten Meer zu. Meistens enden die „Romanzen“ mit einer großen Enttäuschung. Entweder wurde die Frau um Geld betrogen oder beraubt, im besten Falle nur finanziell ausgenutzt.

Allgemein ist es in Ägypten sehr verbreitet, Kontakte zu Europäern und Amerikanern materiell auszunutzen. Dies ist keine typische, kulturelle Eigenschaft, sondern schlicht das Ergebnis des Massentourismus‘. Hinzu kommen übertriebene Vorstellungen vom westlichen Reichtum. Der Einfluss der Medien spielt hier eine sehr große Rolle. Außerdem gehen viele Touristen sehr verschwenderisch mit ihrem Reisetaschengeld um und sind oft bereit, ungewöhnlich hohe Preise zu zahlen. Allein das Wissen um die Kosten eines Hotelzimmers beweist vielen Ägyptern, dass es sich bei den meisten Touristen um Reiche handeln muss. Wenn sehr arme Menschen jeden Tag sehr viele verhältnismäßig reiche Menschen aus anderen Ländern sehen und weiterhin beobachten, wie andere Ägypter, die in Kontakt zu Touristen stehen, sehr viel Bakschisch mit nach Hause bringen, und zwar mehr als ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Ägypten durch berufstätige Arbeit verdienen kann, dann wächst der soziale Druck der Familie auf alle, die sich in irgendeiner Form in der Nähe von Touristen aufhalten, vom Kuchen etwas abzubekommen. Auf dem Lande kann der Kontakt mit Touristen das ganze Sozialgefüge eines Dorfes durcheinander bringen, und zwar dann, wenn jemand, der als Türsteher im Hotel arbeitet, durch Bakschisch mehr verdient als Polizisten, Lehrer, Bauern und Handwerker. So ernüchternd die Tatsache auch sein mag: Wenn man von Ägyptern aus armen, sozialen Verhältnissen eingeladen wird, hat dies leider oft eine materielle Komponente.