Tempel von Serabit el-Chadim

Eingebettet in der wilden Felswüstenlandschaft des Sinai liegen die pittoresken Ruinen des Tempels von Serabit el-Chadim (Serabit al-Khadim). Die Anlage ist aus zwei Gründen einzigartig. Zum einen hat sie einen außergewöhnlichen Grundriss, zum anderen gibt es im Sinai keine vergleichbaren Denkmäler aus der Zeit der Pharaonen. Der Tempel stammt aus dem Mittleren und Neuen Reich (2. Jahrtausend v. Chr.) und war der Göttin Hathor und dem Gott Sopdu geweiht. Lokale Beduinen behüten die Ruinenstätte und bieten Führungen und Souvenirs an.

Anfahrt: Serabit el-Chadim liegt im östlichen Sinai auf halber Wegstrecke zwischen Suez im Norden und Scharm el-Scheich ( Sharm el-Sheikh ) im Süden. Man fährt auf der Küstenlandstraße 66 und biegt südlich von Abu Zeinima nach Osten ab. Dann fährt man rund 50 Kilometer entlang der Wüstenpiste nach Osten. Um zur Anlage zu gelangen, muss man noch etwa sechs Kilometer durch die Felswüste wandern. Es ist empfehlenswert, einen ortskundigen Führer dabei zu haben.

Historischer Hintergrund

Der Sinai war zur Zeit der Pharaonen kein Teil des eigentlichen Ägypten, sondern Fremdland, in dem die Nomaden lebten. Dennoch waren die Ägypter stets bemüht, die Wüste Sinai unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie stationierten dort Truppen und bestimmten die Verwaltung. Der Grund waren die Rohstoffe. In den dortigen Bergwerken wurden bestimmte Materialien gewonnen, die in Ägypten begehrt waren. Im Südwesten des Sinai gibt es eine Hochebene, in der hauptsächlich Türkis (Kalait) abgebaut wurde. Der blaugrünlich bis bläulich schimmernde Halbedelstein war begehrt. Er wurde für Intarsienarbeiten bei der Schmuckherstellung verwendet. Zu den wichtigsten Wadis und Orten des Sinai, in denen Türkis abgebaut wurden, gehört neben den Wadis um Serabit el-Chadim das Wadi Maghara (s.u.).

Anfangs, im Alten Reich, wurden vereinzelte paramilitärische Expeditionstruppen losgeschickt, um das begehrte Material aus dem Sinai zu besorgen. Später gab es eine organisierte Bergbauproduktion. Die Schutzgöttin des Türkisabbaus war Hathor. Sopdu war ein Lokalgott der östlichen Wüste. Für diese beiden Gottheiten errichtete man in der Nähe der Steinbrüche einen Tempel.

Bereits im Mittleren Reich, unter Amenemhet III. und IV. (12. Dynastie, um 1800 v. Chr.), wurden die Kultgrotten für Sopdu und Hathor angelegt. Dortige Kulthandlungen sollten den Herrn des Sinai milde und die Herrin der Bergwerke gütig stimmen. Im Verlauf des Neuen Reiches wurden die Vorbauten errichtet. Ein langer Prozessionsweg entstand. Die meisten Gebäudeabschnitte des Tempelkomplexes stammen von Hatschepsut , Thutmosis III. und von Amenophis III. (18. Dynastie 15.-14. Jahrhundert v. Chr.). Neben Hathor und Sopdu wurden auch der Gott Thot und der vergöttlichte Pharao Snofru geehrt, der schon im frühen Alten Reich Expeditionen in den Sinai schickte.

In den Ruinen des Tempels fanden die Archäologen Kultgeräte, Statuen und Stelen mit bedeutenden Inschriften. Die frühesten Stelen stammen aus dem Mittleren Reich. Die meisten entstanden zur Zeit des Neuen Reiches. Die Objekte befinden sich heute im Kairoer Museum.

Beschreibung des Tempels von Serabit el-Chadim

Auf dem ersten Blick ähnelt der Tempel einem Ruinenfeld. Von den Mauern stehen nur noch die untersten Steinlagen. Einige Stelen stehen noch aufreicht. Man betritt den Tempel am besten von Westen. Dann gelangt in einen Raum mit vier Pfeilern. Es folgen weitere Räume, teilweise mit Pfeilern. Insgesamt sind es 14 Räume, die man durchschreiten muss, bis man zum eigentlichen Zentralhof des Heiligtums gelangt. Diese Kette von Räumen symbolisiert den Kultweg der Gottheiten. Wegen der Felslandschaft ist der Tempel nicht streng axial angelegt, sondern passt sich den natürlichen Gegebenheiten an. Die Pfeiler deuten darauf hin, dass die Räume überdacht waren, sodass man ursprünglich durch einen landen Tunnel gehen musste, um zum Innenhof zu gelangen. Zur drittletzten Kammer dieser Reihe gehört ein Pylon aus der 18. Dynastie, der eine Zeit lang der Eingang gewesen sein musste. Südlich des Hofes schließt sich ein Kultbad an. Hier wuschen sich die Priester, um für ihre Kulthandlungen rein zu sein. Nach Südosten zweigen zwei Kultbereiche ab, die jeweils in einer Felsgrotte als Sanktuarium münden. Die linke, die größere, war der Göttin Hathor geweiht, die rechte, die kleinere, dem Gott Sopdu.

Wadi Maghara

Rund 15 Kilometer südwestlich von Serabit el-Chadim entfernt liegt das Wadi Maghara („Tal der Höhlen“). Dieser Ort war vor allem im Alten Reich ein bevorzugter Steinbruch für den Türkisabbau. Aber auch noch in der Neuzeit wurde Türkis gefunden. Zahlreiche Felsstelen mit Hieroglypheninschriften berichten von den Steinbruchexpeditionen der Ägypter. (Viele dieser Stelen wurden von Archäologen abgeschlagen und ins Kairoer Museum gebracht, wo man sie besichtigen kann.) Da das Gebiet kaum bewohnt war und vom Nildelta viele Tagesmärsche entfernt, wurden diese Expeditionen wie militärische Feldzüge geplant und organisiert. Teilweise zogen ganze Hundertschaften von Arbeitern, Soldaten und Steinmetzen aus, um die begehrten Halbedelsteine abzubauen und nach Ägypten zu bringen. Von den Expeditionstrupps hat man Überreste der Lager gefunden. Die Soldaten begleiteten die Expeditionen zum Schutz gegen Überfälle der Nomaden, die in dieser Region lebten. Diese Nomaden waren zumeist Kanaaniter bzw. Beduinenstämme aus Palästina und Syrien. Von ihnen hat man im Sinai Inschriften gefunden, die einige Hieroglyphenzeichen der Ägypter verwendeten, um semitische Wörter zu schreiben. Diese „protosemitischen“ Hieroglyphentexte waren die Vorgänger späterer Alphabetschriften des Nahen Ostens. Aus dieser Schrift hat sich das phönizische und hebräische Alphabet, später auch das griechische und lateinische Alphabet entwickelt.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens, München und Zürich 1992.
  • Giveon, Raphael, „Serabit el-Chadim“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Wiesbaden 1984, Sp. 866-868.
  • Giveon, Raphael, „Maghara“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band III, Wiesbaden 1980, Sp.1135-1137.
  • Petrie, W.M. Flinders, Researches in Sinai, London 1906.
  • Willkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg