Tempel von Kom Ombo

Relief im Tempel von Kom Ombo
Hypostyl im Tempel von Kom Ombo
Säulen im Tempel von Kom Ombo

Aus der griechisch-römischen Zeit (2. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) stammt der Tempel von Kom Ombo. Es handelt sich um einen Doppeltempel, der gleichermaßen zwei Göttern geweiht ist: der krokodilgestaltige Sobek (griech. „Suchos“) und der falkengestaltige Haro?ris (lokale Erscheinungsform des Horus; ägyptisch: „Hr wr“ – sprich: „Hor wer“ – der Name bedeutet soviel wie „großer Horus“ oder „Horus, der Große“; „Haro?ris“ ist die griechische Version dieses Namens).

Kom Ombo liegt auf halber Strecke zwischen Edfu und Assuan . Anfahrt mit dem Auto: Von Assuan sind es etwa 50 Kilometer und etwas weniger als eine Stunde Fahrzeit, von Edfu rund 70 Kilometer und mehr als eine Stunde Fahrzeit, von Luxor rund 170 Kilometer und fast zweieinhalb Stunden Fahrzeit. Die Stadt, die vom Tempel rund drei Kilometer entfernt liegt, hat etwa 70.000 Einwohner, viele davon umgesiedelte Nubier. Die antike Stadt hieß Ombos. Der arabische Name „Kom Ombo“ heißt übersetzt „Hügel vom Ombos“.

Der Tempel von Kom Ombo gehört sicherlich nicht zu den bedeutendsten des Alten Ägypten und ist im Vergleich zu jenen in Dendera oder Edfu schlechter erhalten. Seine Prominenz verdankt der der pittoresken Lage am Nilufer, ca. 15 Meter über dem mittleren Wasserspiegel des Flusses. Der Fluss macht hier eine Biegung und lässt den erhöht angelegten Tempel gut zur Geltung kommen. Seine Lage prädestiniert ihn zum Ausflugsziel für die Touristen, die eine Nilkreuzfahrt von Luxor nach Assuan unternehmen. Die Schiffe können ganz nah am Tempel anlegen. Daher kann der Tempel zu bestimmten Tageszeiten von den Touristenströmen stark frequentiert sein. Im 19. Jahrhundert war er das beliebte Motiv europäischer Maler und Fotografen. Damals waren seine mächtigen Ruinen und Säulen halb vom Sand bedeckt und entsprachen ganz dem Bild einer versunkenen Hochkultur. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie komplett ausgegraben und seitdem gründlich restauriert. Heute ist die ganze Anlage perfekt für den Massentourismus präpariert. Die Uferböschungen sind im Umfeld des Tempels befestigt.

Zu Datierung des Bauwerks: Der Tempel hatte Vorgänger, die mindestens bis ins Mittlere Reich zurückgehen. Dies weiß man anhand von Bauuntersuchungen, bei denen wiederverwendete Spolien gefunden wurden, d.h. Steinblöcke älterer Bauten, auf denen die Namen von verschiedenen Königen aus der 12., 18. und 19. Dynastie genannt werden. Der jetzige Bau wurde größtenteils unter Ptolemäus VI. Philometor nach einem einheitlichen Bauplan entworfen und errichtet. Spätere Pharaonen (Ptolemäus II. Euergetes II. und Ptolemäus XII. Neos Dionysos) und römische Kaiser (Augustus, Tiberius, Domitian, Macrinus) ergänzten den Bau oder ließen Reliefdekorationen und Inschriften anbringen. Allerdings blieb das Heiligtum bis zum Schluss unvollendet.

Man beginnt die Besichtigung von der Flussseite her. Der Tempel ist (wie die Hauptachse im Tempel von Karnak) kultisch von Osten nach Westen ausgerichtet. Der Kultweg öffnet sich vom Allerheiligsten gen Westen und führt in Richtung Fluss. Es soll hierbei nicht stören, dass die kultische Ausrichtung nicht exakt mit der geographischen übereinstimmt, denn nach dem Kompass zu urteilen verläuft die Achse von Nordosten nach Südwesten. Von der Terrasse vor dem Tempel (mit dem Fluss im Rücken) blickt man geradeaus auf die Reste des Tempeltores (Pylons). Links sieht man die Ruinen des Mammisi. Es handelt sich um das kultische Geburtshaus des Götterkindes, wie man es auch aus Dendera, Edfu oder Philae kennt. Vom Mammisi in Kom Ombo ist nur die rechte Hälfe erhalten. Die linke Hälfte ist zerstört. Sie war im 19. Jahrhundert abgebrochen, als die Strömung einer starken Nilflut das Erdreich darunter unterhöhlte. Erbaut und dekoriert wurde das Mammisi unter Ptolemäus VIII. Euergetes II. (2. Jahrhundert v. Chr.). Man sieht den königlichen Bauherrn in den Reliefs verewigt. Eine größere Reliefdarstellung zeigt ihn bei der Vogeljagd per Boot im Papyrusdickicht.

Die Ruinen des Tempel hinterlassen zunächst einen verwirrenden Eindruck, weil, im Gegensatz zum Tempel in Edfu, wichtige Gebäudeteile mehr oder weniger stark zerstört sind. Ein Blick auf den Plan zeigt jedoch die klare Baukonzeption des Heiligtums.

Wenn man von der größtenteils zerstörten Lehmziegelmauer absieht, die einst den ganzen Tempelbezirk abschirmte, so ist der eigentliche Tempel dreifach von einer Mauer umgeben: der eigentlichen Wand des Gebäudes, einer inneren steinernen Umfassungsmauer und einer äußeren steinernen Umfassungsmauer. So ist das Allerheiligste im Innern des Heiligtums schalenartig von der Außenwelt abgeschirmt und geschützt. Zwischen den Mauern gibt es einen inneren und einen äußeren Tempelumgang.

Das größtenteils zerstörte Frontportal ist schmaler als die üblichen Pylone, die man an dieser Stelle erwartet hätte. Eigentlich handelt es sich nur um die Frontseite der äußeren steinernen Umfassungsmauer. Die zwei Eingänge machen deutlich, dass es sich um einen Doppeltempel handelt. Von Beginn an durchziehen den Tempel zwei parallele Achsen, die Kultachse des Haro?ris auf der linken und jene des Sobek auf der rechten Seite. Die Reliefdarstellungen an der Front sind an der rechten Seite teils erhalten. Sie zeigen unter anderem die Triade Sobek, Hathor und Chons und den Pharao (Ptolemäus XII. Neos Dionysos) auf seinem Prozessionszug zum Heiligtum.

Durch den (Doppel-)Eingang gelangt man in den Vorhof. Man muss sich vorstellen, dass er einst von drei Seiten von der hohen äußeren Umfassungsmauer mit Kolonnadenumgang (mit insgesamt 16 Säulen) begrenzt war. Heute steht man inmitten von Mauerresten und Säulenstümpfen. Geradeaus blickt man auf die Fassade des eigentlichen Tempelgebäudes bzw. auf den Pronaos (Vorhalle). Die Front des Pronaos ist links mit Abbildungen des Horus, Thot und Haro?ris, rechts mit Darstellungen der Götter Horus, Thot und Sobek dekoriert. In beiden Darstellungen wird geweihtes Wasser über den König (Ptolemäus XII. Neos Dionysos) gegossen. Die zehn großen Säulen im Innern des Pronaos, von denen acht noch in ihrer vollen Größe (ca. 15 Meter) aufrecht stehen, tragen schwere Architrave und die Dachbalken. Den oberen Abschluss bildet das Gesims mit der typisch ägyptischen Hohlkehle. Auf der Rückseite der linken Pronaosfront sieht man den Pharao mit den Gottheiten Haro?ris, Isis, Harsi?sis („Horus, Sohn der Isis“), Nut und Thot. Auf der Rückseite der rechten Pronaosfront erhält Ptoleäus XII. Neos Dionysos den Segen von Schutzgöttinnen. Die Rückwände der Vorhalle und die Darstellungen an den Säulen zeigen den Pharao bei Kult- und Opferhandlungen vor verschiedenen Gottheiten.

Vom Pronaos aus gelangt man in den Säulensaal mit fünf Säulen, vier im Bereich des Sobek, vier im Bereich des Horus und zwei als thematischer Raumtrenner in der Mitte der Halle. Die Dekoration der Säulen konzentriert sich auf Darstellungen des Königs (Ptolemäus VIII. Euergetes II.) bei Opfer- und Ritualhandlungen vor den Göttern. An der linken Wand des Saales sieht man unter anderem Kleopatra VII. dargestellt, jene Köngin, die durch ihre Liebschaften mit Julius Caesar und Marcus Antonius in die Weltgeschichte eingegangen ist. An der Wand zwischen den Durchgängen, durch die man vom Pronaos kommt, ist die Verkörperung des Sobek auf Erden, nämlich das heilige Krokodil von Kom Ombo bzw. Ombos abgebildet. Krokodile waren in ganz Ägypten gefürchtet und geehrt. Daher gab es mehrere Krokodilheiligtümer (z.B. Krokodilopolis im Faijum). Aber in Oberägypten ist das Heiligtum des Sobek von Kom Ombo das bedeutendste.

Nach der Säulenhalle folgen drei mit Reliefdarstellungen dekorierte Breiträume, die als Vorhallen zum Allerheiligsten gedacht sind. Von Vorhalle zu Vorhalle erhöht sich das Fußbodennivau. Schließlich steht der Besucher vor dem Allerheiligsten, den zwei Sanktuarien, links für Haro?ris, rechts für Sobek. In jedem Sanktuarium stand einst die Götterbarke mit dem Standbild der Gottheit, die zu Festanlässen durch den Tempel heraus getragen wurde. Heute sieht man nur noch die Steinblöcke aus Granit, auf denen einst die Kultbarken angestellt worden waren. Dreht man sich um und schaut aus dem jeweiligen Sanktuarium hinaus, kann man die geradlinige Orientierung der Architektur an der Festwegsachse bewundern. Man kann vom Inneren des Allerheiligsten geradeaus bis zur Terrasse vor dem Tempel schauen – sofern keine Touristen im Weg stehen.

Wenn man sich die Krypten und Nebenräume des Allerheiligsten und der Vorhallen angeschaut hat, kann man sich den Tempelumgängen widmen. Von der Säulenhalle gelangt man in den inneren Umgang. Hier sind die Relief- und Inschriftendekoration teils unvollendet. Auch die Wände des äußeren Umgangs sind mit Reliefs und Inschriften dekoriert. Die Darstellungen beziehen sich auf den königlichen Opferkult vor den Gottheiten und stammen größtenteils aus römischer Zeit. So ist Kaiser Trajan als Pharao beim Opferkult dargestellt. Die Fremdenführer halten mit ihren Reisegästen gern bei einem Relief, das thematisch aus dem Rahmen fällt. Im hinteren Abschnitt, an der Nordecke an der linken Wand der äußeren Mauer, ist ein geöffneter Schrank mit ärztlichen Utensilien bzw. chirurgischen Instrumenten wie Zangen und Messern sowie zur Heilkunst magisch eingesetzten Amuletten zu sehen.

Ganz rechts vorm Tempeleingang, vor der Südwestecke des Tempels, steht der Rest eines einst großen Tores, das in die alte Lehmziegelumwandlung integriert war und durch das die Pilger und Besucher auf die Terrasse vor das Tempelportal gelangen konnten. Auch hier ist eine Hälfte durch die das Ufer unterhöhlende Strömung während der starken Nilflut in den Fluss gerutscht und fortgespült worden. Das Tor stammt von Ptolemäus XII. Neos Dionysos. Nur ein paar Meter vom Tor entfernt steht eine kleine Kapelle, die der Göttin Hathor geweiht war. Heute werden in der Kapelle Krokodilsmumien in Glasvitrinen ausgestellt, die in einem Tierfriedhof in der Nähe gefunden wurden.

Einige Ruinen befinden sich noch auf der Nordseite des Heiligtums. Es handelt sich um eine kleine Kapelle für den Gott Sobek an der Nordecke des Tempels und, auf der Freifläche nördlich des Tempels, einen ausgebauten Brunnenschacht.

Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens, München und Zürich 1992.
  • Gutbub, Adolphe, „Kom Ombo“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band III, Wiesbaden 1980, Sp. 675-683.
  • Willkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg