Tell el-Amarna

Sie ist das Zeugnis einer bewegten Epoche: In Tell el-Amarna , einem Talkessel auf der Ostseite des Nils, etwa 50 Kilometer südlich von Minia (el-Minja) in Mittelägypten wurden die Überreste der Residenzstadt des Ketzerkönigs ausgegraben. Pharao Amenophis IV. alias Echnaton (18. Dynastie, 14. Jahrhundert v. Chr.) hatte sich von den altägyptischen Vorstellungen der Götterwelt abgewendet und stattdessen den Kult der Sonnenscheibe Aton favorisiert (siehe Kapitel 10d: Religion des Alten Ägypten: Amarna-Zeit). Dabei gerieten er und seine Anhänger in Konflikt mit der konservativen Priesterschaft und Teilen der Bevölkerung. Insbesondere die Einstellung der Feste stieß auf Widerstand. Die Götterfeste waren für das Volk die einzige Möglichkeit, die Götter zu sehen. Denn während der Festprozessionen wurden die Götterbilder aus dem Tempel getragen. Echnaton ließ zunächst einige Umbauten in Karnak vornehmen und dort ein Heiligtum für Aton platzieren. Doch anscheinend war der Widerstand der Amun-Priesterschaft zu groß. Schließlich verlegte Echnaton seine Residenz an einen neuen Ort in Mittelägypten, wo er mit seiner königlichen Familie und seinen Höflingen und Anhängern sich dem Aton-Kult widmen konnte. So wurde Achet-Aton („Horizont des Aton“) gegründet, die heutige Ruinenstätte von Tell el-Amarna. Die Stadt war nicht nur Residenz des Pharao sondern auch eine heilige Stadt der Sonnenverehrung. Die Grenzen der heiligen Stadt waren von monumentalen Felsstelen markiert.

Die neue Stadt war großzügig geplant. Sie erstreckte sich über eine Länge von über sieben Kilometer am Ostufer des Nils. Die zentralen Anlagen waren der königliche Palastbezirk und die beiden Tempel des Aton, ein größerer namens Per-Aton („Haus des Aton“, ca. 290 mal 760 Meter, aufgeteilt in einen vorderen Tempelkomplex, namens Gem-Pa-Aton, und einen hinteren Tempelkomplex) und, weiter südlich, ein kleinerer namens Pa-Hut-Aton („das Haus des Aton“, 108 mal 109 Meter). Prachtstraßen und Prozessionswege wurden angelegt. Die Hofbeamten bekamen repräsentative Häuser und Gärten zugewiesen. Zusammen mit ihren Bediensteten haben vermutlich mehrere Zehntausend Menschen hier gelebt. Im Süden der Stadt gab es den Tempelkomplex Maru-en-pa-Aton mit Gartenheiligtümern. Die Stadt war von Kanälen durchzogen. Hier war für wenige Jahre die Schaltzentrale der politischen Macht in Ägypten. Der König hielt Hof und empfing Gesandte aus anderen Ländern des Nahen Ostens. Dass Achet-Aton tatsächlich auch Regierungssitz und nicht nur religiöses Zentrum war, beweisen die dort gefunden Keilschriften-Archive. Es handelt sich um unzählige Tontafeln, die mit Keilschrift beschrieben waren. Diese Texte spiegeln die diplomatische Korrespondenz wider. Echnaton unterhielt außenpolitische Beziehungen mit verschiedenen Ländern des Nahen Ostens, darunter Babylonien, Assyrien und die Kleinstaaten Palästinas und Syriens. Reliefs, die in Gräbern von Tell el-Amarna gefunden wurden, zeigen den König und seinen Hofstaat beim Empfang der ausländischen Delegationen. Außerdem lassen die Bilder und Texte darauf schließen, dass in Amarna bzw. Achet-Aton eine Armee-Garnison stationiert war. Die Armee stützte sich stark auf ausländische Söldner.

Es ist nicht klar, inwiefern die neue Residenzstadt auch höchster Verwaltungssitz des Landes war oder ob alte Städte wie Theben und Memphis weiterhin eine bedeutende Rolle als lokale Machtzentren spielten. Es ist nicht auszuschließen, dass Achet-Aton eine Art Staat im Staate war, ein Ort, wo die Sekte der Amarna-Religion sich hauptsächlich ihren religiösen Kultaktivitäten widmete und dabei die Realität der Landesverwaltung vernachlässigte. Allerdings wird man sicherlich darauf geachtet haben, dass genügend Steuern und Abgaben in die neue Residenz geflossen sind. Diese müssen anderswo abgezweigt worden sein, was sicherlich die wirtschaftliche Bedeutung der alten Landestempel untergrub.

Nach dem Tode Echnatons und nachdem Tutanchamun wieder nach Theben und zu den alten Göttern zurückgekehrt war, wurde auch die Stadt aufgegeben. Echnaton galt der Nachwelt als Ketzer und war geächtet. So war die Stadt dem Raubbau freigegeben. Es dauerte nicht lange, bis die meisten Bauten der Amarna-Zeit bis auf die Grundmauern abgetragen und ihre Steinblöcke anderswo verbaut waren. Aus diesem Grunde sind die archäologischen Hinterlassenschaften in Tell al-Amarna hauptsächlich als Grundrissruinen zu besichtigen. Diese wurden von den Archäologen gründlich untersucht und zum Teil rekonstruiert. Viele Gebäude waren aus relativ kleinen Steinblöcken oder aus Lehmziegeln errichtet. So hatte man es schaffen können, innerhalb kürzester Zeit eine komplett neue Stadt aus dem Boden zu stampfen.

Die Tempelanlagen Amarnas unterscheiden sich in ihrer grundlegenden Konzeption deutlich von den anderen Tempeln Ägyptens. Normalerweise residieren die Götter (in Form ihrer Statuen) in den dunklen und verborgenen Sanktuarien. Nur Priester hatten Zugang zum Allerheiligsten. Je weiter man ins Innere eines ägyptischen Tempels vordrang, desto düsterer und geheimnisvoller war die Raum- und Lichtgestaltung. In den Tempelanlagen der Amarna-Zeit war dies anders. Der Sonnengott Aton wurde nur als das abgebildet, was von ihm zu sehen war: die Sonnenscheibe am Himmel. Statt dunkler geheimnisvoller Sanktuarien im Allerheiligsten des Tempels gab es in Amarna als Kultzentrum die Sonnenhöfe mit ihren Sonnenaltären. Der Kult fand unter freiem Himmel statt. Die Sonne war stets Zeuge ihres Kultes. Vergleichbar mit den klassischen ägyptischen Tempeln war nur die Gestaltung der Prozessionswege in Form einer geraden Tempelachse mit mehreren Pylonen als Durchgänge. Jeder Tempelbezirk war von einer Mauer umzogen.

Bereits seit dem 19. Jahrhundert wurden in Tell el-Amarna Ausgrabungen durchgeführt. Berühmte Archäologen haben hier gearbeitet, darunter der Brite W. M. Flinders Petrie und der Deutsche Ludwig Borchardt. Die Briten haben unter anderem die Dekorationen und Wanddarstellungen in den Gräbern dokumentiert. Bei den deutschen Grabungen kam die berühmte Büste der Königin Nofretete zutage, die heute in Berlin steht.

Die Nekropole von Tell el-Amarna

Am Ostrand des Talkessels liegt die Nekropole von Tell el-Amarna. In ihr wurden die hohen Amts- und Würdenträger Echnatons bestattet. Viele Gräber blieben unvollendet, weil die Beamten nach der Amarna-Zeit nach Theben zurückgingen. Die Dekoration ihrer Gräber unterscheidet sich stark von jenen in Theben. Statt Themen aus dem Totenbuch oder aus der Alltagswelt darzustellen, zeigen die Reliefs in den Amarna-Gräbern das Leben am Hofe des Königs. Der König ist der zentrale Bezugspunkt allen gesellschaftlichen Lebens in der der Stadt. In Begleitung seiner Familie, seiner Frau Nofretete und seiner Kinder, stets beschienen von den Sonnenstrahlen Atons, ist der König das religiöse und gesellschaftliche Zentrum des Amarna-Universums. Der Hofstaat, die Bediensteten, die Söldnerkrieger und die Tributbringer sind stets viel kleiner dargestellt als der König. Die künstlerischen Freiheiten, die man mit der Amarna-Epoche verbindet, zeigen sich auch in den Dekorationen dieser Gräber. Thematisch dreht sich alles um Echnaton und den Aton-Kult. Die Architektur der Gräber ähnelt oft denen in Theben. Der Kultbereich besteht meistens aus einem Querraum, oft mit Säulen, und einem dahinter liegenden Längsraum. Die Grabkammer ist unterirdisch angelegt

Die Nekropole wird wegen der Geographie des Ortes in eine Nord- und eine Südgruppe aufgeteilt. In der Nordgruppe sind folgende Gräber von Bedeutung:

Grab des Huje/Huja (Nr. 1, Nordgruppe) mit Darstellungen Echnatons und Nofretetes und der Königsmutter Teje, Hofszenen und Empfang ausländischer Gesandtschaften und Tributbringer. Grab des Merire II. (Nr. 2) ebenfalls mit Darstellungen der königlichen Familie und Hofszenen mit ausländischen Tributbringern. Die Hofszenen eindrucken durch ihre Details. An der rechten Rückwand sieht man den König mit seiner Familie unter einem Baldachin in der Mitte des Königshofes. In neuen Registern sieht man, wie der Palasthof von Gabenbringern gefüllt ist. In den unteren Registern sieht man unter anderem Libyer, erkenntlich an den Straußenfedern im Haar. In den Registern hinter dem Königsthron sieht man Beduinen aus Syrien und Palätina mit ihren Gewändern und Gaben. Vor dem königlichen Baldachin sind Nubier dargestellt, mit Tributgaben aus dem Inneren Afrikas. Sie unterwerfen sich der Oberherrschaft des ägyptischen Königs. Nubische Frauen tragen ihre Kinder auf dem Arm. Auch wenn im Grab des Ahmose (Nr. 3) der größte Teil der Dekoration bereits zerstört ist, kann man noch Szenen mit Echnaton, Nofretete und ihren Kindern und Darstellungen von Söldnern erkennen. Eine beschädigte Vorzeichnung an einer Wand zeigt Echnaton und Nofretete mit ihrer Tochter Merit-Aton bei der Ausfahrt auf einem Streitwagen. Nofretete umarmt und küsst Echnaton während Aton seine Sonnenstrahlen scheinen lässt. Besser sind die Bilddarstellungen im Grab Merires I. (Grab Nr. 4) erhalten. Neben den Darstellungen der königlichen Familie ist besonders die Darstellung der Belohnung des Grabherrn durch den König mit Ehrengold erwähnenswert. Von archäologisch besonderem Interesse ist die Wanddarstellung des Aton-Tempels. Sie stellt den Grundriss der Tempelanlage vor. Sehenswert ist auch das Grab des Panehsi (Nr. 6), mit Darstellungen von Auszeichnungen und Schenkungen, die der Grabherr vom König bekommt, sowie Abbildungen des Königs beim Kult im Aton-Tempel.

Von den Gräbern der Südgruppe sind jene des Parennofer (Nr. 7), Tutu (Nr. 8), Mehu (Nr. 9) und das unbenutzte Grab des Eje / Aja (Nr. 25), in dem der berühmte Sonnengesang des Echnaton vollständig als Hieroglyphentext an die Wand geschrieben ist, sehenswert. Eje hatte sich das Grab anlegen lassen, als er noch ein hoher Amtsträger unter Echnaton war. Doch später ging er mit Tutanchamun, den er betreute und beriet, nach Theben zurück und wurde nach dem Tod des Kindkönigs selbst Pharao. Daraufhin ließ er sich ein Grab im Tal der Könige anlegen.

Ein Grab, das für Echnaton persönlich angelegt wurde (Grab Nr. 62), liegt mehrere Kilometer weiter östlich in einem Wadi namens Darb el-Melek (Darb al-Malik, „Königstal“). Dieses Wadi mündet im Talkessel von Tell el-Amarna.

Besichtigungen:

Bevor man mit seinem Rundgang startet, muss man sich am Ticketoffice im Norden des Tales die entsprechenden Eintrittskarten besorgen. Dort erfährt man auch, welche Gräber aktuelle geöffnet sind.

Besichtigungen im Umland:

Ein Besuch von Tell el-Amarna kann mit der Besichtigung von Tuna el-Gebel und Hermopolis Magna auf der anderen Seite des Nils verknüpft werden.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Aldred, Cyril, Echnaton: Gott und Pharao Ägyptens, (deutsche Übersetzung), Bergisch Gladbach 1968.
  • Assmann, Jan, Ägypten: Theologie und Frömmigkeit, Stuttgart 1984.
  • Bayer, Christian, Echnaton: Sonnenhymnen, Stuttgart 2007.
  • Brunner, Hellmut, Altägyptische Religion: Grundzüge, Darmstadt 1989 (2. Aufl.).
  • Davies, Norman de Garis, The Rock Tombs of El-Amarna, 6 Bände (mit ausführlicher Dokumentation der Wanddekorationen), London 1903-1908.
  • Hornung, Erik, Echnaton. Die Religion des Lichts, Zürich 1995.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg