Das Naos der Dekaden

von Jean Yoyotte, Professor des Collège de France,

Paris, 3. Juni 2000

Die mit ägyptischen Figuren und hieroglyphischen Texten bedeckten Steinfragmente, die Franck Goddio in den Gewässern der Bucht von Aboukir entdeckt hat, gehören zu einem Bauwerk einzig in seiner Art: dem “Naos der Dekaden”. Sie erlauben uns, Texte besser zu verstehen und klarer in das 5. vorchristliche Jahrhundert zu fixieren, welche in der Tat die ältesten bekannten Dokumente sind, die den Ursprung klassischer Astrologie erhellen, wie sie in Ägypten aus einer Kombination von assyrischer Astrologie und dem pharaonischen Konzept des Kalenders geboren
wurde.

Die von Franck Goddio 1998 zusammengestellte Sammlung pharaonischer Fragmente trägt ein abenteuerliches Kapitel zur bewegten Geschichte eines Gebäudes von außergewöhnlicher Bedeutung bei sowie entscheidende Neuerungen zu einer geänderten Erforschung von Ursprung und Geschichte astrologischer Denkweisen: der “Naos der Dekaden”.

Im 4. vorchristlichen Jahrhundert hat Pharao Nektanebo I in der Stadt Saft am Ostrand des Nildeltas eine monolithische Basaltkapelle weihen lassen, deren Art unter Ägyptologen Naos genannt wird. Auf ihre Seitenflächen waren Abbildungen und Inschriften graviert, die die 36 Dekaden darstellen und beschreiben, die 10-tägigen Perioden, die durch das Auf- und Untergehen von spezifischen Sternen definiert werden, welche Dekane genannt werden. Die Beobachtung dieser Dekane diente dazu, die Nachtstunden zu zählen. Im 9. Jahrhundert vorchristlicher Zeit, schrieben die Ägypter diesen Formationen des Nachthimmels die bedrohliche Macht zu,

Geschicke beeinflussen zu können. Als die Griechen später eine Astrologie nach Alexandrien brachten, deren Wurzeln bis weit zurück nach Assyrien und Chaldaea verfolgt werden können, wurden die ägyptischen Dekane als Unterteilungen der 12 Tierkreiszeichen betrachtet (was sie auch heute noch für jene sind, die sich mit Astrologie befassen).

Bereits zur Zeit der Ptolemäer strebten eine Anzahl von alexandrinischen Intellektuellen, Philosophen und Astronomen nach tieferer Kenntnis der zeitlosen Glaubensweisen, die die ägyptischen Priester der Überlieferung nach von der Gottheit Thot - Hermes Trismegistos für die Griechen -
erlernt haben sollten; diese Denkweisen wuchsen unter römischer Herrschaft noch weiter zu dem späteren okkulten und hermetistischen Wissen aus, welches über das gesamte Mittelalter erhalten blieb. In römischer Zeit (1. bis 3. Jahrhundert A. D.), wurde das Naos der Dekaden von Saft in einen Tempel in Kanopus überführt, der heiligen Kultstätte von Serapis und Isis. Die spätere Christianisierung dieses Zentrums eines zähen Festhaltens an heidnischen Glaubensrichtungen verlief schwierig und endete in den der Nachwelt bekannten dramatischen Gewaltmaßnahmen. Die steinerne Kapelle wurde als herausragendes Beispiel von Götzenanbetung und schauderhaften diabolischen “Aberglaubens” von den Christen gewaltsam zerschlagen und zerstört und seine Bruchstücke lagen über weite Flächen zerstreut, als ein erheblicher Teil der Stadt unter den Fluten verschwand (Ein weiterer Vorgang, welchen die gegenwärtigen Erforschungen unter Wasser genauer festzulegen hoffen).

1940 fanden Taucher unter der Direktion des Prinzen Omar Toussoum, eines Pioniers der Unterwasser-Forschung in der Bucht von Aboukir zwei große steinerne Fragmente, welche Rückseite und Grundplatte des Tabernakels darstellten und in der Folge im Griechisch-Römischen Museum von Alexandria aufgestellt wurden.

1952 entdeckte man, dass ein pyramidaler Granitblock, welcher seit der Zeit der französischen Restauration nach 1815 im Louvre lag, tatsächlich das Dachstück des gleichen Naos war und 1954 konnte schließlich festgestellt werden, dass dieser Teil 1777 von dem Naturalisten Sonnini de Manoncour auf festem Land gefunden und aus dem Sandstrand vor dem Dorf Aboukir ausgegraben worden war.

Nun hat Franck Goddio eine Anzahl von Fragmenten aus dem Meer hervorgeholt, mit denen beide Seitenflächen praktisch vollständig rekonstruiert werden können.

Die Studien der vorhandenen Stücke haben einigen Forschern ermöglicht, eine theoretische Rekonstruktion des gesamten komplexen ikonographischen Systems auszuführen, das die 36 Dekaden aufgebaut hat, wobei die hieroglyphischen Inschriften es erlauben, die mysteriösen Figuren zu beschreiben, die den Lauf der 36 Dekane über den Nachthimmel darstellen. Es wurde dabei entdeckt, dass die Notierungen, die den Einfluss jeder Dekade auf Natur, Tierwelt, menschliche Gemeinschaften und individuelles Wohlbefinden bestimmen, in genau gleichem literarischem Stil und Genre auftreten wie in den griechischen und lateinischen Abhandlungen aus römischer Zeit, jedoch weit früher im 4. vorchristlichen Jahrhundert verfasst worden sind. Dabei wurde den Sternen nachgesagt, dass sie die Ordnung des Reiches des Pharaos und der verschiedenen angrenzenden Länder beeinflussen. Dies sind Konzepte, welche ganz offensichtlich während der Kontakte zwischen Ägypten und Assyrien zur Zeit der Wende des 8. zum 7. Jahrhundert vorchristlicher Zeit erworben wurden.

Museologie: Die von Franck Goddio gefundenen zusätzlichen Fragmente erlauben zuvorderst die fast vollständige Restaurierung eines in Qualität und Dimensionen außergewöhnlichen Bauwerks.

Kulturgeschichte: Sie zeigen zudem für die Geschichtsforscher antiker Kulturen entscheidende neue Kenntnisse auf. Die besondere Art, in der die Doktrin der Dekaden-Gottheiten in die spezifische geographische und religiöse Realität der Stadt Saft sowie in den ägyptischen Mythos der Genesis eingebracht wurde, ist nunmehr durch einen bislang völlig unbekannten Text offenbart, der auf einem der zahlreichen Fragmente erhalten ist. Zudem erhellt die Erwähnung der Meder auf einem anderen Stück, dass das Gesamtwerk nicht vor dem 5. Jahrhundert vorchristlicher Zeit entstanden sein kann, als Ägypten in das persische Reich einbezogen worden war. Das “Naos der Dekaden“ erläutert weiterhin, wie ein Gelehrter aus der ägyptischen Provinz - lange vor hellenistischer Zeit und außerhalb jeder Bezugnahme auf die Tierkreiszeichen - der himmlischen Gottheit, die die Dekane geschaffen hatte und die Dekaden kontrollierte, die gleiche Art politischen Einflusses zuschreibt, wie sie assyrische Astrologen dem Mond und den Planeten verliehen - was ein den ägyptischen Hämerologien und Menologien völlig unbekanntes Genre ist.

Es wäre in der Tat wunderbar, wenn weitere Tauchunternehmungen die noch fehlenden wenigen Stücke bergen könnten. Es muss jedoch noch viel Zeit und Arbeit darauf verwendet werden, sämtliche vorhandenen Inschriften - wovon einige stark korrodiert sind - zusammenzustellen und sodann philologisch den genauen Sinn gewisser Wörter im Text festzulegen sowie eine neuerliche Reflektion über die ägyptische Konzeption der Dekane durchzuführen.