Tierkulte im Alten Ägypten (Teil 2)

Auffällig ist, dass sehr viele ägyptische Götter sowohl als Tier als auch menschengestaltig mit Tierkopf dargestellt wurden: Ra und Horus mit Falkenkopf, Anubis mit Schakalskopf, der Krokodilsgott Sobek als Mensch mit Krokodilskopf, der Weisheitsgott Thot mit Ibiskopf, der Schöpfergott Chnum von Elephantine mit Widderkopf usw. Viele andere Götter konnten mal als Mensch, mal als Tier in Erscheinung treten. Amun kann als Mensch mit Federkrone dargestellt sein, manchmal aber auch als Widder. Hathor trat als Kuh in Erscheinung oder als Frau mit Kuhhörnern. Die Übergänge sind fließend. Auch in den Mythen und religiösen Texten können die Gottheiten mal wie ein Mensch erscheinen und mal wie ein Tier. Es gibt keine klaren Grenzen und Definitionen. Vielmehr handelt es sich um Ausdrucks- und Stilmittel, um das Wesen und die Aktionen einer Gottheit bildlich zu beschreiben. Überhaupt war die religiöse Sprach- und Bilderwelt des alten Ägypten voller Symbole, Allegorien, Metaphern und Gleichnisse. Die Natur wurde genau beobachtet und ausgedeutet. Alles, was in der Natur und Tierwelt vor sich ging, konnte ein Omen oder Hinweis für andere Ereignisse auf kosmischer Ebene sein. Tierdarstellungen in GräbernTiere sind wichtige Motive bei verschiedenen Themen der Grabdekoration. Seit dem Alten Reich gehören in Privatgräbern Landwirtschaftsszenen zum üblichen Dekorationsrepertoire. Hierbei werden zwei Themen gleichzeitig dargestellt. Zum einen die Viehzucht in den Ländereien des wohlhabenden Verstorbenen, zum anderen die Versorgung des Toten mit tierischen Produkten im Jenseits und die Ausstattung der Totenstiftung, damit über die Opfergaben in der Grabkapelle des Toten geleistet werden können. Weiteres wichtiges Motiv in vielen Gräbern, insbesondere in den Gräbern des Mittleren Reiches, sind die Jagddarstellungen. Hierbei werden oft auch Fabelwesen dargestellt. Sie symbolisieren das Chaos und die Wildheit der Wüstenwelt.Häufig anzutreffen sind Darstellungen des Grabinhabers mit seinen Hunden oder mit seinem Lieblingshund. Hunde wurden in Ägypten schon in prähistorischer Zeit domestiziert. Sie waren sowohl als Jagdgenosse wie auch als Schoßhündchen beliebt. Ägyptische Tierkulte in den Augen der NachbarnGriechen, Römer, Syrer, Hebräer und viele andere Nachbarn Ägyptens wunderten sich über die aufwendigen Tierkulte in Ägypten. Besonders Reisende aus dem römisch-griechischen Kulturraum schrieben ausführliche Berichte über die sonderbaren Tierverehrungen. Beschreibungen solcher Art finden sich beispielsweise bei Herodot, dem griechischen Vater der Geschichtsschreibung, der nach eigener Aussage Ägypten bereist hatte. So berichtet er unter anderem: „Die toten Katzen werden nach der Stadt Bubastis gebracht, einbalsamiert und in heiligen Grabkammern beigesetzt. Die Hündinnen begräbt man in der eigenen Stadt in geweihten Särgen. Ebenso wie die Hündinnen werden die Ichneumons begraben. Spitzmäuse und Habichte bringt man nach der Stadt Buto, Ibisse nach Hermopolis.“ (Herodot II 67)Ziemlich exotisch mutete schon damals der Kult um den Krokodilsgott Sobek an: „In manchen ägyptischen Gauen gilt das Krokodil als ein heiliges Tier, in anderen nicht, wird sogar als Feind verfolgt. In Theben und bei den Umwohnern des Moirissees gilt es als hochheilig. Dort wird je ein Krokodil gezähmt und gefüttert. Mit Ohrgehängen aus Glas und Gold wird es geschmückt und bekommt Armbänder an die Vorderfüße. Vorgeschriebene heilige Kost wird ihm gereicht, und es wird, solange es lebt, aufs beste gehalten. Stirbt es, so balsamiert man es ein und begräbt es in einem geweihten Sarge. Die Bevölkerung von Elephantine dagegen hält die Krokodile nicht heilig und ißt sie.“ (Herodot II 69)(Anmerkung: Übersetzungen von Herodot aus dem Griechischem ins Deutsche nach A. Horneffer, Herodot – Historien, Deutsche Gesamtausgabe, Stuttgart 1971.)Auf große Ablehnung stießen die Tierkulte bei den Juden und Christen. In diesem Punkt scheint sich der jüdisch-christliche Religionsentwurf ausdrücklich gegen die Tierkulte oder die Darstellung von Göttern als Tierfigur zu wenden, wie die berühmte biblische Geschichte vom goldenen Kalb (2. Mose 1-9) erzählt (hier in der wörtlichen Übersetzung aus der hebräischen Bibel nach Naftali Herz Tur- Sinai ):„Als aber das Volk sah, dass Mosche säumte, vom Berg herabzukommen, da scharte sich das Volk um Aharon, und sie sprachen zu ihm: „Auf, mache uns Götter, die vor uns herziehn sollen! Denn dieser Mann Mosche, der uns aus dem Land Mizraim heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was ihm geschehen ist!“ Da sprach Aharon zu ihnen: „Nehmt die goldenen Ringe ab, die in den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter sind, und bringt sie mir.“ Dann nahmen sie sich, das ganze Volk, die goldenen Ringe ab, die in ihren Ohren waren, und brachten sie zu Aharon. Und er nahm es aus ihrer Hand und band es ein in ein Tuch; und er machte daraus ein gegossenes Kalb, und sie sprachen: „Dies sind die Götter, Jisrael, die dich aus dem Land Mizraim heraufgeführt haben! […] Da aber sprach der Ewige zu Mosche: „Geh, steig hinab! Denn Schlimmes hat getan dein Volk, das du aus dem Land Mizraim heraufgeführt hast. Gar rasch sind sie abgegangen von dem Weg, den ich ihnen geboten, sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben sich vor ihm niedergeworfen und ihm geschlachtet und gesprochen: „Dies sind deine Götter, Jisrael, die dich aus dem Land Mizraim heraufgeführt haben.““ (Anmerkungen: Übersetzung nach Naftali Herz Tur-Sinai, Die heilige Schrift, veröffentlicht von „The Jewish Publishing House Ltd“, Jerusalem, bzw. deutsche Ausgabe vom Hänsslerverlag, Holzgerlingen 2003, 4. Aufl.; Aharon = Aaron, Mizraim (hebr.) = Ägypten, Jisrael = Israel, Mosche = Mose.)Zusammen mit dem Gebot, man solle sich kein Bildnis von Gott machen, was natürlich als kritische Anspielung auf die Götterstatuen in Ägypten und Kanaan (Kulte des Baal und der Aschera) zu verstehen ist, wurde der Tierkult zum Paradebeispiel heidnischen Götzenkultes. In späteren Zeiten äußerten Christen und Muslime immer wieder ihre Abneigung gegen die Darstellungen tiergestaltiger Götter oder, noch schlimmer, gegen menschengestaltige Götter mit Tierköpfen. In der mittelalterlich-christlichen Bilderwelt und Ikonographie verbannte man solche fabelhaften Mischwesen in die Unterwelt, in die Hölle, wo sie als Abbilder oder Schergen des Teufels angesehen wurden.Wenig Verständnis für die ägyptischen Tierkulte hatten die Perser, die im 5. bis 4. Jahrhundert Ägypten temporär beherrschten. In einer Schlacht sollen sich die persischen Truppen Katzen auf die Schilde gebunden haben, in der Absicht, die Ägypter vom Kämpfen abzulenken, denn es könnte ja ein heiliges Tier darunter sein. Auch die Apis-Kulte erregten Unmut. Eine Anekdote erzählt von einer Auseinandersetzung zwischen dem persischen Herrscher Kambyses (der Ägypten erobert hatte) und den ägyptischen Priestern (Herodot III 27-30). Kambyses war gerade in heller Aufregung und großer Wut, weil ein Teil seines Heers in der Libyschen Wüste durch einen Sandsturm umgekommen war. Dann ereignete sich folgendes: „Als Kambyses nach Memphis gelangt war, hatte sich den Ägyptern inzwischen der Apisstier gezeigt, der in hellenistischer Sprache Epaphos heißt. Bei seinem Erscheinen legten die Ägypter sofort Festtagsgewänder an und waren voller Freude. Kambyses argwöhnte, sie feierten um seines misslungenen Zuges wegen ein Freudenfest, und ließ die Stadthäupter von Memphis zu sich entbieten. Als sie vor ihm standen, fragte er, warum denn die Ägypter bei seinem Aufenthalt in Memphis sich ebenso betragen hätten wie jetzt, wo er einen großen Teil seines Heeres verloren habe. Sie erwiderten, der Gott habe sich gezeigt, der nur in langen Zeiträumen zu ihnen zu kommen pflege. Aber wenn er ihnen erscheine, feiere ganz Ägypten ein Freudenfest. Kambyses nannte sie Lügner und ließ sie ihrer lügnerischen Antwort wegen hinrichten. Als sie tot waren, ließ er weiter die Priester zu sich rufen. Die Priester gaben dieselbe Antwort. Da rief er, er werde sich selber überzeugen, ob wirklich ein Gott als zahmes Tier zu den Ägyptern gekommen sei. So rief er aus und befahl den Priestern, den Apis zu holen. Sie gingen und führten ihn herbei. Der Apis oder Epaphos muß von einer Kuh stammen, die wieder trächtig werden kann, nachdem sie ihn zur Welt gebracht hat. Die Ägypter sagen, sie werde, ehe sie den Apis zur Welt bringe, durch einen Strahl vom Himmel befruchtet. Folgende Zeichen trägt er. Er ist schwarz, hat auf der Stirn ein weißes Viereck, auf dem Rücken das Bild eines Adlers, im Schweif doppelte Haare und unter der Zunge das Bild eines Käfers. Als die Priester mit dem Apis sich nahten, zog Kambyses, halb wie ein Rasender, seinen Dolch, wollte ihn dem Apis in den Leib stoßen, verwundete aber nur den Schenkel. Lachend sagte er zu den Priestern: „Schelme seid ihr! Sind das Götter, die Fleisch und Blut haben und das Eisen fühlen? Solch einen Gott verdienen freilich die Ägypter; aber ungestraft sollt ihr mir nicht spotten!“ Damit befahl der den Henkern, die Priester zu peitschen. Und alle Ägypter, die sie im Festkleid sähen, sollten sie töten. So nahm das Fest der Ägypter ein Ende. Die Priester wurden gepeitscht, und der Apis verendete im Tempel an der Wunde im Schenkel. Den toten Gott begruben die Priester heimlich und ohne daß Kambyses es erfuhr. Wie die Ägypter erzählen, wurde Kambyses wegen seines Frevels auf der Stelle mit Wahnsinn geschlagen; er war freilich schon vorher geistesschwach gewesen.“ (Herodot III 27-30, Übersetzung nach Horneffer, s.o.)zurpck zu Tierkulte im Alten Ägypten (Teil 1)Auswahl weiterführener Literatur
  • Brunner-Traut, Emma, „Tier, Verhältnis zum“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band VI, Wiesbaden 1985, Sp.557-561.
  • Erman, Adolf, Die Religion der Ägypter, Berlin 1934.
  • Ikram, Salima, Divine Creatures: Animal Mummies in Ancient Egypt, American University Press, Kairo 2005.
  • Kessler, Dieter, „Tierkult“, in: Lexikon der Ägytologie, Band VI, Wiesbaden 1985, Sp. 571-587.
  • Kessler, Dieter, „ Tuna el-Gebel “, in: Lexikon der Ägyptologie, Band VI, Wiesbaden 1985, Sp. 79-804.
  • Kessler, Dieter, Die heiligen Tiere und der König, (Ägypten und Altes Testament, Band 16), Wiesbaden 1989.
  • Williams, A.R. und R. Barnes, „Liebe über den Tod hinaus: Schon die alten Ägypter hatten eine enge Bindung zu ihren Haustieren – und nahmen sie sogar mit ins Grab“, in: National Geographic, Deutsche Ausgabe, November 2009, S. 39-59.
  • Vercoutter, Jean, „Apis“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Wiesbaden 1973, Sp. 338-350.
  • Vercoutter, Jean, „Serapeum“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Wiesbaden 1984, Sp. 868-870.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg