Tierkulte im Alten Ägypten

Zu den auffälligsten Besonderheiten der altägyptischen Religion gehören die zahlreichen Tierkulte. Reisegäste und Museumsbesucher staunen immer wieder über die großen Mengen an Tiermumien – und darüber, mit welcher Sorgfalt die Ägypter zuweilen ihre Tiere mumifizierten. In nahezu allen Museen mit altägyptischer Kunst befindet sich auch die eine oder andere Tiermumie. Auch während einer Rundreise durch Ägypten wird der Tourist immer wieder auf Tierbestattungen stoßen. Große Tierfriedhöfe oder Katakomben, mit manchmal Hunderttausenden von Tiermumien, gab es beispielsweise in Sakkara (Saqqara), Istabl Antar ( Speos Artemidos ) und Tuna el-Gebel (bei Hermopolis Magna ). Aber auch in Giza (Giseh), Abydos , in den Nekropolen von West-Theben bei Luxor , in Dendera und an vielen anderen Orten gab es Tierbestattungen. Insgesamt gab es weit mehr als hundert Tierfriedhöfe in Ägypten.Als Antwort auf dieses Interesse ist in den Funk- und Printmedien in der letzten Zeit in mehreren Dokumentationen immer wieder von Tiermumien und Tierkulten berichtet worden. Zeitschriften greifen dieses Thema immer wieder gerne auf (so. z.B. A.R. Williams und R. Barnes in: National Geographic, November 2009: „Liebe über den Tod hinaus – Schon die alten Ägypter hatten eine enge Bindung zu ihren Haustieren – und nahmen sie sogar mit ins Grab“, S. 39-59). Nun ist es nicht so, dass die altägyptische Kultur die einzige war, in der verschiedene Tiere als göttliche Ausdrucksformen verehrt wurden. Wir kennen dieses Phänomen aus vielen polytheistischen Religionen. Ein bekanntes Beispiel ist Indien, wo noch heute einige Gottheiten verehrt werden, die tiergestaltig oder anthropomorph (=menschengestaltig) mit Tierkopf dargestellt werden (z.B. der Elefantengott Ganesha mit Menschenkörper und Elefantenkopf oder der Affengott Hanuman, der mal als Affe, mal als Mensch mit Affenkopf dargestellt wird). Auch die Verehrung heiliger Kühe oder sogar Ratten ist bekannt. Im indischen Tempel von Karni Mata werden zehntausende Ratten als heilige Tiere gehalten. Natürlich werden in Indien die heiligen Tiere auch bestattet. Aber nirgendwo sonst wurden so viele Tierkulte gepflegt und so viele Tiere mumifiziert wie im alten Ägypten. Es wäre falsch anzunehmen, dass die Tiere hierbei selbst als Götter angebetet wurden, wie einst der antike griechische Historienschreiber Herodot vermutete: „Sämtliche Tiere gelten nämlich als heilig, Haustiere so gut wie Wildtiere.“ (Herodot, Historien II 65). Vielmehr wurden sie als Symbole und Totemtiere bestimmter Götter verehrt. Religiös gesehen waren verschiedene Tiere Seelenerscheinungsformen von bestimmten Gottheiten. Die Ba-Seele einer Gottheit konnte für gewisse Zeit in einem Tier einwohnen bzw. Platz nehmen, genauso wie sie in einer Götterfigur oder Statue einwohnen konnte. So konnte ein Ibis als Ba des Gottes Thot, ein Apis-Stier (in Sakkara) als Ba des Gottes Ptah oder ein Krokodil (in Krokodilopolis) als Ba des Krokodilgottes Sobek angesprochen werden. Das heißt im Klartext: Sowohl Tiere als auch Götterfiguren konnten temporär göttlich beseelt sein. Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht, dass die Götterfigur oder ein bestimmtes Tier immer als Gottheit angesehen wurde. Nur im Zustand der göttlichen Einwohnung konnte eine Figur oder ein Tier als Gottheit angesprochen werden. Als mumifizierte Tierleichen wurden sie mit Osiris angesprochen, so wie man auch die Toten als Osiris ansprach – eine Anspielung auf den Gott des Totenreiches. Das Spektrum der verehrten, mumifizierten und bestatteten Tiere ist breit. Man fand Tiermumien von Säugetieren wie Löwen, Stieren, Ziegen, Schafen, Pavianen, Meerkatzen, Pferden, Eseln, Gazellen, Hunden, Mäusen und Katzen. Besonders beliebt waren verschiedene Vogelarten, darunter Falken, Geier, Adler, Eulen, Gänse und Ibisse. Ja sogar Reptilien wie Krokodile, Eidechsen und Schlangen sowie Insekten wurden verehrt und mumifiziert. Der Skarabäus galt beispielsweise als Symbol der aufgehenden Sonne. Es gab hauptsächlich drei verschiedene Hintergründe für die Mumifizierung und Bestattung von Tieren:1. Grabbeigaben: Die älteste Form war die, dass man mumifizierte Tiere verstorbenen Menschen mit ins Grab gab. Oft kam es vor, dass Ägypter ihre Lieblingshaustiere mit ins Jenseits nehmen wollten. Das konnten Hunde oder Katzen sein, aber auch Wildtiere wie Gazellen oder Affen. Tiere konnten aber auch die Versorgung des Toten in der Unterwelt sicherstellen. Manchmal gab man auch mumifiziertes Fleisch mit ins Grab, um dem Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits als Proviant zu dienen.2. Votivgaben: Besonders im ersten Jahrtausend v. Chr. war es üblich, dass zum Anlass religiöser Feste tausende Pilger zu einem Heiligtum oder Tempel zogen und dort jeweils eine Tiermumie als Votivgabe einem Gott weihten und opferten. Im Zuge des großen Andrangs während der großen Feste wurden die Tiermumien zu Tausenden an die herbeiströmenden Pilger verkauft. Nach der Weihung wurden diese Tiere von den Priestern in speziellen Tierfriedhöfen bestattet. Hier konnten sich im Laufe der Zeit Hunderttausende von Tiermumien ansammeln.3. Heilige Tempeltiere: An manchen Orten wurden besonders heilige Tiere gehalten. Sie wurden nach besonderen Charakteristika ausgewählt und in einem speziellen Gehege im Tempelbezirk gehalten, dort gefüttert und gepflegt – ja sogar hofiert wie würdevolle Persönlichkeiten. Die Tiere hatten ihren eigenen Kult und wurden nach besonderen Ritualvorschriften angebetet. Nach ihrem Dahinscheiden wurden diese Tiere wie bedeutende Menschen mumifiziert und in Gräbern bestattet. Diese Tiere hatten ihren eigenen Totenkult. Das bedeutet, dass sie in Kapellen oder Sanktuarien angebetet wurden und ihnen geopfert wurde. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass im Verlauf der Geschichte des alten Ägypten Millionen von Tieren mumifiziert und bestattet wurden. Viele Tiermumien (und oft auch Menschenmumien) wurden in den letzten Jahrhunderten zerstört. Entdeckten die Fellachen und Bewohner der Region einen großen Tierfriedhof, wusste man oft nichts damit anzufangen. So wurden die Tiermumien als Brennmaterial benutzt oder zu Dünger verarbeitet.Die meisten Tiermumien stammen aus den Grabkatakomben, in denen die Opfertiermumien und Votivgaben gesammelt wurden. Bei näheren Untersuchungen der Mumien hat man herausgefunden, dass sich unter den Tiermumien zahlreiche Mogelpackungen befinden. Anscheinend war zu bestimmten Tempelfesten der Besucherandrang so stark und der Bedarf nach Tiermumien zum Opfern so groß, dass man nicht genügend Tiere hatte, um allen Pilgern eine Tiermumie zum Opfern zu verkaufen. So mogelte man ab und zu und wickelte manchmal nur ein paar Knochen ein – und formte mit den Mumienbinden die Tiergestallt nach. Es gab auch leere Mumien, zusammengewickelte Mumienbinden in Tierform, aber ohne Inhalt. Den Opfernden und Weihenden dürfte es nicht aufgefallen sein, und der Opfertätigkeit war, zumindest symbolisch, dennoch Rechnung getragen.Neben der Haltung heiliger Tiere in den Tempelbezirken gab es auch zoologische Gärten. Diese waren zwar nicht mit unseren Zoos vergleichbar, aber sie bekunden ein Interesse an der Tierwelt. Besonders Pharao Amenophis III. ( Neues Reich , 18. Dynastie, 14. Jahrhundert v. Chr.) hatte ein Vorliebe für Tiere und Tierkulte. Auch Pharao Echnaton (Amenophis IV.) hatte in seinem Palast ein Tiergehege.Die Einbeziehung der Tierwelt in die ägyptische Religion ist schon für die Frühzeit belegt und eigentlich währen der ganzen Geschichte Ägyptens anzutreffen. (Erst das Christentum und der Islam beendeten die „heidnischen“ Tierkulte.) So deuten schon die alten Standarten der Gaue und Provinzen (vergleichbar mit unseren mittelalterlichen Wappen) mit ihren Tierzeichen auf die jeweiligen Tierkulte der Region hin. Allerdings änderten sich die Tierkulte. So war im 15. oberägyptischen Gau ursprünglich der Hase ein wichtiges religiöses Tier. Aber mit der wachsenden Bedeutung des Thot-Heiligtums in Hermopolis wurden der Pavian und der Ibis zum Objekt der bedeutendsten Tierkulte in der Region. Dementsprechend fand man in den Nekropolen von Tuna el-Gebel bei Hermoplis Magna große Galerien und Katakomben mit zahllosen Ibismumien und Pavianmumien. Katzenmumien wurden meistens dort gefunden, wo entweder löwengestaltige (z.B. die Göttinnen Pachet und Sachmet) oder katzengestaltige Gottheiten (z.B. die Göttin Bastet) verehrt wurden. Nahe der alten Metropole von Memphis, in der in einem großen Tempelbezirk der Schöpfergott Ptah verehrt wurde, fand man in der Nekropole von Sakkara das Serapeum. Hierbei handelt es sich um weitläufige, unterirdische Katakomben mit Galerien, Gängen und gewölbten Krypten, in denen einst Stiermumien bestattet worden waren. Der Apis-Stier galt als Fruchtbarkeitsgott und wurde zudem als Ba-Seelengestalt des Ptah verehrt. Die Stiere wurden in riesigen Steinsarkophagen, die bis zu 70 Tonnen schwer waren, bestattet. Der Entdecker des Serapeums war der Pionier der ägyptischen Archäologie: Auguste Mariette (1821 bis 1881). Die Anlage stammt größtenteils aus der Spätzeit und aus der Zeit der Ptolemäer. (Die frühesten Apis-Bestattungen in Sakkara gab es im Neuen Reich, die letzte fand in römischer Zeit statt bzw. im 1. Jahrhundert n. Chr.). Die riesigen Sarkophage waren bei ihrer Entdeckung leer, die Kammern ausgeraubt. Aber es gibt auch noch eine kleinere, ältere Galerie aus der frühen Ramessidenzeit (19. Dynastie). Dort konnte Mariette noch zwei nahezu unversehrte Stierbestattungen entdecken, zusammen mit wertvollen Grabbeigaben. In den heiligen Stieren offenbarte sich im Glauben der Ägypter an den Apis. Ein neuer Apis-Stier wurde von den Priestern unter Tausenden von Stieren ausgekundschaftet. Er musste bestimmte Eigenschaften aufweisen, um als solcher erkannt zu werden, so z.B. eine besondere Kennzeichnung des Felles. Einmal als Apis erkannt, wurde er wie eine göttliche Persönlichkeit behandelt, hofiert, gepflegt, angebetet und nach dem Tode wie ein Mensch mit allen Totenkultriten bestattet. Die Stierleichen wurden anschließend mit allen bekannten Raffinessen der Einbalsamierungskunst mumifiziert. Der Name der Apis-Stiernekropole, das Serapeum, deutet auf denn Namen Serapis hin. Serapis ist die griechische Kurzform von Osiris-Apis. Entsprechend der Mythologie verschmolz nach seinem Tode der Apis-Stier mit Osiris. Er wurde so zu Osiris-Apis. Einen stark mit hellenistischen Einflüssen geprägten Stierkult des Serapis gab es auch in Alexandria . Zusammen mit dem Isis-Kult verbreitete sich der Osirs- und Serapis-Kult vom ägyptischen Alexandria aus über weite Teile des Römischen Reiches und wurde in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. zu einer wichtigen Konkurrenz für das frühe Christentum und den Mithras-Kult.Während der Spätzeit (7. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) und der Ptolemäerzeit (4. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) erreichte die Bedeutung der Tierkulte in Ägypten ihren Höhepunkt. Insbesondere die Pflege heiliger Tiere in Tempelbezirken und die Bestattungen von Tiermumien, die zuvor als Votivgaben in die Tempel getragen worden waren, waren verbreitet wie nie zuvor. Die meisten großen Tierfriedhöfe mit Tiermumien stammen aus dieser Epoche. Tiere und Tiernamen wurden oft auch als Epitheta (Attribute, Zuordnungen) von Königen benutzt. So wurden in den königlichen Texten die göttlichen Eigenschaften des Herrschers besonders plastisch und bildlich geschildert. Der Pharao war ein „starker Stier“ oder war „schnell wie ein Falke“ oder wurde zum Panther. Das Falkenattribut war schon allein deshalb wichtig, weil der König Ägyptens als Erscheinungsform des Gottes Horus galt. Und Horus hatte die Gestallt eines Falken. Der Geier und die Kobra galten als Symbole für Ober- und Unterägypten. Sie waren an den Stirnseiten der Kronen befestigt. Die Kobra bzw. der Uräus an der Stirn des Königs verlieh ihm besondere Kräfte. Er konnte auf magische Weise töten oder zum Leben erwecken. Die Uräus-Schlange wurde als Göttin Uto verehrt. Ihr Kultort war das unterägyptische Buto. Die Geiergöttin hieß Nechbet. Sie war Schutzherrin Oberägyptens und hatte ihren Kultort in Elkab (altägyptisch: Nechab).weiter zu Tierkulte im Alten Ägypten (Teil 2)Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg