Pyramidenzeit und Tempelzeit

Jede historische Epoche hat ihre herausragenden Denkmäler. Sie prägen unser Bild von der jeweiligen Epoche wie Leitfossilien. Mit dem europäischen Mittelalter verbinden wir Burgen und Kathedralen. Diese Bauten spiegeln die Macht und Herrschaft der Feudalherren und der Kirche wider. Die Kathedralen der Moderne sind dagegen die Hochhäuser der Banken und Konzerne. Sie demonstrieren, wer heute die Macht hat.

Wenn man die Geschichte Ägyptens, und das ist eine Zeitspanne von immerhin mehr als 5000 Jahren, anhand seiner bauhistorischen „Leitfossilien“ beurteilt, kommt man auf folgende Epochen: Das Zeitalter der Pyramiden, das Zeitalter der Tempel, das Zeitalter der Kirchen und Klöster, das Zeitalter der Moscheen und Madrasen (Koranschulen).

Diese Einteilung entspricht in etwa jener der Religionsgeschichte des Landes, denn die Geschichte Ägyptens gliedert sich in eine pharaonische, eine christliche und eine islamische Epoche. Die meisten Touristen, die nach Ägypten reisen, interessieren sich für die Kultur der Pharaonen. Sie wollen Pyramiden und Tempel sehen. Viele wollen sich allerdings auch vom Zauber des islamischen Orients berauschen lassen und bevorzugen deshalb die Medinas (Altstädte) mit ihren Bazaren, Moscheen, Koranschulen und Karawansereien. Nur eine Minderheit zeigt besonderes Interesse an den Hinterlassenschaften der koptisch-christlichen Kultur, was angesichts der Vielzahl an Kirchenbauten und Klöstern etwas enttäuschend ist.

Immer wieder fällt einigen Reisenden fällt auf, wenn sie aus der Epoche der altägyptischen Hochkultur die Tempel und Pyramiden besichtigen, dass jene in unterschiedliche Zeitalter fallen. Alle großen Tempelanlagen Ägyptens, die heute von den Touristenströmen frequentiert werden, wie beispielsweise die Reichstempel in Karnak und Luxor , die Totentempel in Theben-West wie Medinet Habu oder das Ramesseum , die großen Göttertempel in Abydos , Edfu , Kom Ombo , Esna , Dendera, Philae usw., stammen größtenteils aus einem Zeitabschnitt, der mit dem Neuen Reich beginnt und in der griechisch-römischen Zeit endet, also etwa von der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. bis zu den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. Dagegen sind alle großen Pyramiden und Pyramidentempel Zeugnisse des Alten und Mittleren Reiches, also aus der Zeit vom frühen dritten Jahrtausend bis Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr.

Wenn die Reisenden fragen, wie alt jener Tempel sei, den sie gerade besichtigen, bekommen sie zu hören, dass es wohl schon Vorgängerbauten im Mittleren oder manchmal sogar Alten Reich gegeben habe. Und manchmal kann man diese Vorgängerbauten sogar besichtigen, wie im Falle des Weißen Kapelle in Karnak. Doch wird jedem auffallen, dass die Tempelbauten des Alten und Mittleren Reiches nicht nur größtenteils nicht mehr erhalten sind, von späteren Tempeln überbaut wurden, sondern dass sie wesentlich kleiner waren als die Megabauten etwa des Neuen Reiches oder der Ptolemäerzeit.

Hier möchte man innehalten und nach dem Grund fragen. Gab es Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. einen Wandel in der Gesellschaft, Religion oder Herrschaftsideologie, mit dem man die Verschiebung des Gewichtes von den königlichen Pyramidenstädten zu den Tempelmetropolen erklären könnte?

Theben war während des frühen Neuen Reiches Residenzstadt. Und hier lag auch die königliche Nekropole des Neuen Reiches. Das Tal der Könige und die Totentempel in West-Theben stehen zur Residenzstadt in Ost-Theben in demselben Verhältnis wie die Nekropolen von Sakkara und Giza zur alten Reichshauptstadt Memphis, könnte man meinen. Doch die Pyramidenkomplexe waren die Großbaustellen des Alten und Mittleren Reiches, im Neuen Reich dagegen waren es die Göttertempel. Auch die großen Totentempel des Neuen Reiches waren zugleich Göttertempel, der Königskult war mit dem Götterkult verknüpft. Unter Cheops konzentrierten sich die Infrastruktur und Wirtschaft des Landes auf ein einziges riesiges Megabauprojekt, nämlich der Großen Pyramide (siehe auch: Geschichte Ägyptens – Altes Reich ). Unter Ramses II. , dem größten Bauherren des Neuen Reiches, wurden dagegen zahlreiche unterschiedliche Tempel errichtet, die über ganz Ägypten und Nubien verstreut waren.

Der Unterschied zwischen der Pyramidenzeit (sehe auch Artikel: Das Geheimnis der Pyramiden) und Tempelzeit wird am deutlichsten in den Texten und Inschriften. Die Texte in den Gräbern der Mastabas des Alten Reiches zeigen, wie die ganze Gesellschaft auf den König ausgerichtet war. Jedes hohe Amt, jede Würde, jeder persönliche Wohlstand stand im Zusammenhang mit dem Verhältnis zum König. Eine Person war bedeutsamer und wohlhabender, je näher sie gesellschaftlich dem König war. Im Mittleren Reich entwickelte sich eine reichhaltige Literatur, die sich an den Maßstäben einer sozialen Grundordnung, der Ma’at, orientierte. In der Rhetorik dieser Zeit wachte der Pharao, der Gottkönig, über sein Volk wie ein Hirte über seine Herde. Er opferte den Göttern, war die Mittlerperson zu den Göttern, die wiederum für den Fortbestand des Kosmos und der menschlichen Gesellschaft auf Erden eintraten (siehe auch Artikel: Religion des Alten Ägypten – Die Weltordnung ).

Im Verlauf des Neuen Reiches wandelte sich diese klassische Vorstellung von der Ma’at. Nicht länger stand der Bezug der Menschen zu Pharao im Mittelpunkt, sondern die „persönliche Frömmigkeit“, die Hinwendung des einzelnen Menschen zu Gott, zu einer Gottheit. Der Einfluss der großen Tempel, der Hohenpriester, der Gottheiten und ihrer Kultdiener, Priester und irdischen Willensvollstrecker traten an die Seite des Pharao. Er war nicht mehr in derselben Weise Mittelpunkt allen Geschehens auf Erden, sondern eingebunden in die Welt der Tempel und Götter. Die nobelste Aufgabe des Herrschers war nun, die unterschiedlichsten Tempel und Heiligtümer zu errichten und sie mit allerlei Stiftungen auszustatten. Die Tempel wurden so zu Zentren des Landes.

Wirtschaftlich waren im Alten Reich und im Mittleren Reich die Pyramidenstädte die Umverteilungszentren der Wirtschaft. Hier kamen die Steuern und Abgaben an, hier wurde umverteilt. Hier lag das Redistributionszentrum. Ab dem Neuen Reich waren die großen Göttertempel die Wirtschaftszentren des Landes, allen voran Theben, Memphis und Heliopolis.

Dieser Prozess vollzog sich insbesondere während des Neuen Reiches, erlebt eine Unterbrechung durch die Amarna-Zeit, in welcher Pharao Echnaton nochmals alle klerikale Macht auf seine Person zu konzentrieren versuchte, und setzte sich dann im Zuge der politischen Reaktion umso stärker fort. Zum Ende des Neuen Reiches war in Oberägypten ein Gottesstaat entstanden, in welchem die Hohenpriester von Theben zugleich die weltlichen Herrscher und die obersten Militärführer waren. Sie regierten direkt im Namen Gottes (Amun-Re). Die Tempelinstitutionen waren zugleich zu Militärfestungen, zu Regierungssitzen und zu Wirtschaftszentren geworden. Sie wurden mit Mauern und Bastionen umgeben, hatten eigene Schutztruppen. Dieses Bild blieb für das ganze erste Jahrtausend v. Chr. bestimmend. Auch in Zeiten starker Zentralherrschaft war es Pharaos höchste Aufgabe, sich den Tempelinstitutionen zu widmen, ihnen Stiftungen zuzuweisen, sie mit Ländereien auszustatten, ihnen die Tributgaben unterworfener Fremdländer zukommen zu lassen.

Zusammenfassung: Im Alten und Mittleren Reich haben wir es mit einem Abschnitt der ägyptischen Geschichte zu tun, in welcher der Pharao die zentrale Figur der Kultur, Religion und Gesellschaft war. Die königliche Pyramide war das Symbol dieser Konzentration auf den Pharao. Im Neuen Reich verschob sich die Gewichtung allmählich. Die Bedeutung Pharaos wurde relativiert, jene der persönlichen Frömmigkeit und der Götterkulte intensiviert. Die Tempelinstitutionen gewannen an Bedeutung. Ab dem Ende des Neuen Reiches stellten schließlich die Tempel und Götterkulte die Bedeutung Pharaos in den Schatten. So kommt es, dass die königlichen Pyramiden die bauhistorischen Hauptleitfossilien des Alten und Mittleren Reiches waren, und dass ab dem Neuen Reich die Göttertempel die größten Bauprojekte waren.Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg