Sonderthemen - Spannende Berichte über Ägypten.

Der Tod ist in allen Religionen und Kulturen ein großes Mysterium. Es gab keine Zivilisation, in der die Menschen nicht über das Jenseits nachdachten und sich um ein Weiterleben nach dem Tode sorgten. Dies lässt sich daran erkennen, dass es in allen Kulturen Bestattungsrituale gibt. Die Toten werden nicht vergessen. Sie werden durch Rituale, durch gemeinsame Erinnerung, am Leben gehalten. Wir gehen heute auf Friedhöfe, um unseren verstorbenen Familienmitgliedern zu gedenken. In allen alten Kulturen gab es Vorrichtungen, wo die Diesseitigen den Jenseitigen gegenüber treten konnten. Und vielen Religionen ist die Hoffnung gemeinsam, dass es eine Art Leben nach dem Tode gibt. In vielen alten Kulturen versuchte man, die Toten zu mumifizieren. Es gibt Mumien in allen Teilen der Welt. Die ältesten Mumien, die man aus prähistorischer Zeit in Afrika, Asien und Lateinamerika gefunden hat, sind natürliche Mumien. Sie entstanden in trockenem Klima , wo die heiße Luft den toten Körper auf natürliche Weise konservierte, sprich: mumifizierte. Auch die ältesten ägyptischen Mumien aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. sind natürliche Mumien. Sie sind im trockenen Wüstensand erhalten geblieben. Diese Beobachtung, dass unter bestimmten Vorraussetzungen der Verwesungsprozess der Leiche aufgehalten oder zumindest verzögert werden kann, schien die Menschen motiviert zu haben, der Mumifizierung künstlich nachzuhelfen.Eine wichtige Beobachtung war, dass Tiere am Verwesungsprozess beteiligt sind bzw. sich schnell über Leichen hermachen. Also musste man den Toten vor Tieren schützen, indem man ihn tief und geschützt begrub. Die erste Regel aller Bestattungen in Ägypten war, dass man Tote niemals im feuchten Fruchtland am Nilufer begrub. Tote wurden am Rande der Wüste begraben, wo die Luft und der Boden trocken waren und die Nilflut nicht hingelangen konnten. Dann stellte man fest, dass es bestimmte Organe gab, die schneller verwesten als andere, so z.B. der Verdauungstrakt, in welchem schnell Gase entstehen, die die Leiche aufblähen und sogar zum Platzen bringen können, wenn nicht zuvor Tiere Löcher in die Leiche gebissen haben, so dass die Verwesungsgase entweichen können. Daher kam man auf die Idee, die Mumifizierung zu verbessern, indem man bestimmte Organe entfernte. Außerdem konnte man im Alltag beobachten, dass in Öl getränkte Objekte länger haltbar sind. Auch dieses Wissen setzte man um. So entwickelten die Ägypter ihre eigenen speziellen Mumifizierungstechniken, die im Laufe der Jahrhunderte immer weiter verfeinert wurden. Über die verschiedenen Mumifizierungs- und Balsamierungsverfahren im alten Ägypten weiß man relativ genau Bescheid. Zum einen hat man ausführliche Beschreibungen von Mumifizierungstechniken bei klassischen Autoren der griechisch-römischen Antike wie zum Beispiel Herodot (Beispielszitat, s.u.) oder Diodor. Zum anderen hat man unzählige Mumien naturwissenschaftlich untersuchen können. Außerdem wurden sogar Werkzeuge gefunden, die man im alten Ägypten zur Mumifizierung verwendete. Die Mumifizierungstechniken variieren je nach Region und Zeit und sozialem Milieu. Aber im Groben und Granzen ging man bei aufwendigeren Mumifizierungen folgendermaßen vor. In der Regel wurde der Tote zunächst gereinigt bzw. gewaschen. Dies geschah meist mit Wasser, bei Wohlhabenden auch mit duftenden Ölen. Dann mussten die Weichteile entfernt werden, die besonders schnell verwesen. Das Gehirn wurde (ab dem Neuen Reich) mittels eines Hakens (im Neuen Reich aus Bronze, später auch aus Eisen), den man durch die Nasenlöcher in den Kopf führte, herausgezogen. Das Gehirn wurde dann entsorgt. Die Ägypter kannten noch nicht die Bedeutung des Gehirns. Sie dachten, man dächte mit dem Herzen, was poetisch klingt, aber für einen anatomisch ungebildeten Menschen auch Sinn haben kann, wenn man merkt, dass bei bestimmten Gedanken (Angst, Furcht, Sorge, Aufregung, Freude) das Herz schneller schlägt. Daher beließ man das Herz im Körper. Schnell verwesende Organe, wie die Gedärme, den Magen und die Lungen entfernte man. Sie wurden extra behandelt, haltbar gemacht und in spezielle Gefäße getan. Es waren zumeist vier besondere Gefäße, die im Totenkult mit den vier Söhnen des Horus assoziiert wurden. Sie hießen Amset (mit Menschenkopf), Hapi (mit Affenkopf), Duamutef (mit Schakalskopf) und Kebehsenuef (mit Falkenkopf). In das Gefäß von Amset kam die Leber, Hapi war für die Lungen, Duamutef für den Magen und Kebehsenuef für die Gedärme zuständig. Diese vier Krüge wurden verschlossen und mitsamt ihrem Inhalt dem Toten mit ins Grab gegeben.Der so bearbeitete Körper wurde dann in Natron gelegt. Nach Herodot handelte es sich um Natronlauge, in die man die Leiche bis zu siebzig Tage tauchte. Moderne Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass die Ägypter den Leichnam bis zu vierzig Tage in trockenem Natronsalz einlegten. Das Natron saugte die Flüssigkeit aus dem Leichnam und ließ ihn trocknen. Dies war ein wichtiger Bestandteil der Konservierung. Anschließend musste der innen hohle Leichnam wieder aufgefüllt werden, um nicht in sich zusammenzufallen. Hierzu verwendete man unter anderem Leinen oder Holzspäne. War die Einbalsamierung beendet, wurde der Leichnam in Leinenbinden eingewickelt. Um dem Körper im Jenseits magischen Schutz zu gewähren, legte man Amulette auf den Körper oder zwischen die Leinenbinden. Dann kam der Tote in den eigens für ihn hergestellten Holzsarg. Eine interessante Beschreibung der Mumifizierung und Balsamierung im alten Ägypten befindet sich in den Historien des griechischen Geschichtsschreibers Herodot (Zweites Buch 85-88). Er schrieb (Zitat, Übersetzung nach A. Horneffer, Herdot: Historien, Stuttgart 1971, S. 136 f.):„Totenklage und Begräbnis gehen folgendermaßen vor sich. Wenn in einem Hause ein angesehener Hausgenosse stirbt, bestreichen sich sämtliche weiblichen Hausbewohner den Kopf oder auch das Gesicht mit Kot, lassen die Leiche im Hause liegen und laufen mit entblößter Brust, sich schlagend, durch die Stadt; alle weiblichen Verwandten schließen sich ihnen an. Auch die Männer schlagen sich und haben ihr Gewand unter der Brust festgebunden. Hiernach schreitet man zur Einbalsamierung der Leiche. Es gibt besondere Leute, die dies berufsmäßig ausüben. Zu ihnen wird die Leiche gebracht, und sie zeigen nun hölzerne, auf verschiedene Art bemalte Leichname zur Auswahl vor. Wonach man die vornehmste der Einbalsamierungsarten benennt, scheue ich mich zu sagen. Sie zeigen dann weiter eine geringere und wohlfeilere und eine dritte, die am wohlfeilsten ist. Sie fragen dann, auf welche der drei Arten man den Leichnam behandelt sehen möchte. Ist der Preis vereinbart, so kehren die Angehörigen heim, und jene machen sich an die Einbalsamierung. Die vornehmste Art ist folgende. Zunächst wird mittels eines eisernen Hakens das Gehirn durch die Nasenlöcher herausgeleitet, teils auch mittels eingegossener Flüssigkeiten. Dann macht man mit einem scharfen aithiopischen Stein einen Schnitt in die Weiche und nimmt die ganzen Eingeweide heraus. Sie werden gereinigt, mit Palmwein und dann mit geriebenen Spezereien durchspült. Dann wird der Magen mit reiner geriebener Myrrhe, Mit Kasia und anderem Räucherwerk, jedoch nicht mit Weihrauch gefüllt und zugenäht. Nun legen sie die Leiche ganz in Natronlauge, siebzig Tage lang. Länger als siebzig Tage darf es nicht dauern. Sind sie vorüber, so wird die Leiche gewaschen, der ganze Körper mit Binden aus Byssosleinwand umwickelt und mit Gummi bestrichen, was die Ägypter anstelle von Leim zu verwenden pflegen. Nun holen die Angehörigen die Leiche ab, machen einen hölzernen Sarg in Menschengestalt und legen die Leiche hinein. So eingeschlossen wird sie in der Familiengrabkammer geborgen, aufrecht gegen die Wand gestellt. Das ist die Art, wie die Reichsten ihre Leichen behandeln. Wer die Kosten scheut und die mittlere Einbalsamierungsart vorzieht, verfährt folgendermaßen. Man füllt die Klystierspritze mit Zedernöl und führt dieses Öl in den Leib der Leiche ein, ohne ihn jedoch aufzuschneiden und die Eingeweide herauszunehmen. Man spritzt es vielmehr in den After hinein und verhindert den Ausfluß. Dann wird die Leiche die vorgeschriebene Anzahl von Tagen eingelegt. Am letzten Tage lässt man das vorher eingeführte Zedernöl wieder heraus, das eine so große Kraft hat, dass Magen und Eingeweide aufgelöst und mit herausgespült werden. Das Fleisch wird durch die Natronlauge aufgelöst, so daß von der Leiche nur Haut und Knochen übrig bleiben. Danach wird die Leiche zurückgegeben, und es geschieht nichts weiter mit ihr. Die dritte, von den Ärmeren angewandte Art der Einbalsamierung ist folgende. Der Leib wird mit Rettigöl ausgespült und die Leiche dann siebzig Tage eingelegt. Dann wird sie zurückgegeben.“ Die Archäologen haben bei ihren Ausgrabungen unzählige Mumien gefunden. Viele von ihnen liegen heute in Museen. Darunter befinden sich auch die Mumien von berühmten Persönlichkeiten und Pharaonen. Die bekannteste Mumie der Welt ist sicherlich die des Tutanchamun. Aber auch die Leichname von großen Pharaonen wie Ramses II. , Ramses III., Sethos I., Merenptah und vielen anderen liegen heute in Museen. Interessanterweise wurden viele königliche Mumien nicht in ihren ursprünglichen Gräbern gefunden. Tatsächlich waren die meisten königlichen Gräber im Tal der Könige schon ausgeraubt, als die Archäologen sie entdeckten und erforschten. Viele waren wegen ihrer unvorstellbaren Schätze schon im Altertum geplündert worden. Die Priester hatten sich damals um die königlichen Mumien gesorgt, die von den Grabräubern liegengelassen worden waren. Um den Königen die Grabruhe wiederzugeben, wurden bestimmte Gräber und Schächte als Mumienverstecke genutzt. Die zwei berühmtesten Mumienverstecke wurden in West-Theben gefunden. Das eine in Deir el-Bahari (Grab-Nummer DB 320), und das andere im Tal der Könige (Grabnummer KV 35). Das Versteck in Deir el-Bahari war zuerst von Grabräubern entdeckt worden, bis schließlich die Altertümerverwaltung dahinter kam. Es war Émile Brugsch, der 1881 im Auftrag des Antikendirektors Gaston Maspero das Grab untersuchte. Es war der spannendste Moment seines Lebens: Im Grab lagen mehr als 50 Mumien, viele davon von berühmten Persönlichkeiten, Königen, Königinnen und königlichen Familienmitgliedern. Darunter waren auch die Mumien namhafter Pharaonen wie Amenophis I., Thutmosis III., Sethos I., Ramses II. und Ramses III. Die Mumien waren in neue Särge verpackt, auf denen die Inschriften ihre Namen verraten und die Geschichte ihrer Umbettung erzählen. Ein anderes Mumienversteck war das Königsgrab von Amenophis II. Hierher hatten die Priester noch die Mumien von Thutmosis IV., Amenophis III., Merenptah, Sethos II., Siptah, Sethnacht, Ramses IV., Ramses V. und Ramses VI. gebracht. Der glückliche Finder war der französische Ägyptologe Victor Loret. Er entdeckte das Grab und die dort befindlichen Mumien im Jahre 1898. Einige königliche Mumien wurden in modernen Forschungslabors eingehend untersucht. Daher weiß man heute viel über die altägyptischen Einbalsamierungstechniken, aber auch über die körperlichen Gebrechen und Krankheiten der Pharaonen. Heutzutage werden sogar genetische Untersuchungen vorgenommen. Anhand von Proben der DNA können nicht nur Erbinformationen der Pharaonen festgehalten werden, auch die Art der Bakterien, die sich an der Mumie zu schaffen machten und die Reste der letzen Nahrung, die die Pharaonen zu sich genommen hatten, können anhand mikrobiologischer Untersuchungen identifiziert werden. Anhand von Computermodellen und forensischen Untersuchungen können die Wissenschaftler sogar das einstige Aussehen der verstorbenen Person rekonstruieren.Während die Mumien dieser beiden bedeutenden Verstecke heute in Museen aufbewahrt werden, waren damals viele andere Mumien zerstört worden. Besonders die Mumien der einfachen Ägypter wurden im Mittelalter, sogar noch bis ins 19. Jahrhundert, aus ihren Gräbern gerissen und als Brennmaterial genutzt oder zu Düngemittel verarbeitet. Das gruselige Aussehen vieler Mumien war der Stoff zahlreicher Geschichten, die schließlich in die Welt der Romane und sogar des Films Einzug fanden. Noch heute sind Museumsbesucher und Ägyptentouristen von Mumien besonders fasziniert.Auswahl weiterführender Literatur
  • Germer, Renate, Mumien: Zeugen des Pharaonenreiches, Zürich und München 1991.
  • Germer, Renate, „Die Mumifizierung“, in: Regine Schulz und Matthias Seidel (Hrsg.), Ägypten – Die Welt der Pharaonen, Köln 1997. 458-469.
  • Sandison, Andrew T., „Balsamierung“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Wiesbaden 1973, Sp. 610-614.
  • Anmerkung: Übersetzung des Herodottextes nach A. Horneffer, Herodot: Historien, Stuttgart 1971. S. 134-135.)
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg

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Mirco Hüneburg