Sinai

Die Sinai halbinsel ist der Brückenkopf von Afrika nach Asien. Im Norden grenzt sie ans Mittelmeer, im Süden ragt sie in Rote Meer. Sie spaltet das Rote Meer in den Golf von Suez im Westen und in den Golf von Akaba im Osten. Die Ostgrenze des Sinai ist zugleich die Landesgrenze Ägyptens zu Israel.

Der größte Teil der Sinaihalbinsel ist lebensfeindliche Wüste. Im Norden ist das Relief flach. Teilweise türmen sich die Dünen einer Sandwüste auf. An der Mittelmeerküste gibt es dürre Steppen und Salzwasserlagunen. Die Lagunen sind Teil eines größeren Lagunenbinnengewässers von mehr als 80 Kilometern Länge. Das Sabachnet el-Bardawil genannte Lagunenbassin ist durch eine sandige Nehrung vom Mittelmeer abgetrennt. Wegen der Millionen von Zugvögeln die jedes Jahr auf ihrem Weg von Europa nach Afrika und zurück dort rasten, ist die Lagunenlandschaft zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Allerdings ist Fischerei erlaubt. Die Anwohner dieser Küstenregion leben hauptsächlich vom Fischfang.

Je weiter man nach Süden kommt, desto höher und zerklüfteter wird das Relief. Die Sandwüste wird zur Kieswüste und dann zur Felswüste. Bis auf den Gebel Yiallaq (1094 Meter) bleiben alle Hügelerhebungen des Nordens unterhalb der 1000-Meter-Marke. Erst im Süden der Sinaihalbinsel erreichen die Felsenberge eine Höhe von über 2000 Metern. Der höchste Gipfel ist der Katharinenberg (Gebel Katrina) mit 2637 Metern, gefolgt von den Gipfel Gebel Umm Shomar (2586 m), Gebel el Thabt (2438 m) und dem Mosesberg (Gebel Musa bzw. Mount Sinai, 2285 m). In den südlichen Bergregionen gibt es steile Felskliffs und Canyons mit Schluchten und tief eingeschnittenen Wadis. An der Südwestküste am Golf von Suez flacht das Relief wieder ab. Am Golf von Akaba reichen die Bergketten bis in die Küstenregion.

Im ganzen Sinai gibt es keine Flüsse. Die Wasservorkommen in den Oasen beruhen ausschließlich auf Quellen mit fossilem Wasser. Die Wadis führen nur an Regentagen Wasser. Solche Tage sind sehr selten. Die meisten Wadis haben ihren Ursprung in den Bergen der südlichen Hälfte. An den Küstenstädten gibt es Meerwasserentsalzungsanlagen, um den Wasserbedarf der Hotels und Ferienanlagen zu decken.

An der dem Golf von Suez zugewandten Küste wird an mehreren Stellen Erdöl gefördert. Zwar reicht die ägyptische Erdölförderung nicht an jene der Golfstaaten heran, ist jedoch von wirtschaftlicher Bedeutung.

Auf der ganzen Sinaihalbinsel herrscht trockenes Wüstenklima. Regen ist extrem selten. Im Winter kann es nachts sehr kühl werden; insbesondere auf den Bergen kann das Thermometer Minusgrade anzeigen. Die Wintertage in den Tälern und an der Küste sind mild. Ideales Reisewetter gibt es im Frühling und Herbst. Im Hochsommer sind Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius keine Seltenheit. An der Küste gibt es während der Sommerhitze eine hohe Verdunstung an der Meeresoberfläche. Dann sind die Tage tropisch-schwül. Am Roten Meer ist die Wassertemperatur ganzjährig zum Baden geeignet.

Anreise

Die meisten Touristen landen mit dem Flugzeug direkt auf dem internationalen Flughafen von Sharm el-Sheikh im Süden der Sinaihalbinsel. Wer in Kairo landet, fährt über Suez zu seinem Urlaubsort auf dem Sinai. Von Alexandria aus fährt man über Ismailia oder Port Said in den Sinai.

Strategische Lage und historische Bedeutung der Sinaihalbinsel

Als Brücke von Afrika nach Asien war die Sinai-Halbinsel seit jeher Durchgangsgebiet für Völkerwanderungen und militärische Expansionen. Vor Jahrhunderttausenden zogen durch diese Landschaften die ersten Menschen der Gattung Homo Erectus und später der moderne Mensch Homo Sapiens von Afrika in den Nahen Osten, um von dort aus sich über Europa und Asien zu verbreiten. In der Mittel- und Jungsteinsteinzeit gab es Verbindungen und Wanderungen zwischen dem Nahen Osten und Nordafrika. In der Kupfersteinzeit verbreiteten sich kulturelle Elemente von Palästina bis ins Delta aus. Zur Zeit der Pharaonen war der Sinai Durchmarschgebiet der ägyptischen Heere auf ihren Weg nach Palästina, in den Libanon und nach Syrien. Fast immer zogen die Heere auf der Nordroute durch die Gegend von el-Arisch und Gaza in die Levante. In den Südsinai begab man sich nur, um gegen Beduinen zu kämpfen oder um zu den Steinbrüchen zu gelangen, um wertvolle Bodenschätze abzubauen. Zwischen dem Mittleren Reich und dem Neuen Reich, während der Zweiten Zwischenzeit, verbreitete sich die Kultur der Hyksos von Syrien über Palästina bis nach Nordägypten aus. Im Neuen Reich zog sich durch den Sinai wieder die Durchmarschroute der ägyptischen Heere auf dem Weg nach Vorderasien. Diese Route war so wichtig, dass die königliche Residenz sogar von Theben nach Memphis und später nach Pi-Ramesse verlegt wurde, um schneller mit den Heeren nach Palästina und Syrien zu gelangen. Im ersten Jahrtausend n. Chr. änderte sich die Durchmarschrichtung. Nun waren es die Heere der Assyrer, Babylonier, Perser und Makedonen (Alexander der Große) die über den Sinai nach Ägypten gelangten. Nach dem Ende des Römischen Reiches und nachdem Byzanz die Kontrolle über Ägypten verloren hatte, waren es im 7. Jahrhundert n. Chr. wieder die Perser (Dynastie der Sassaniden) und schließlich die Araber, die von Ost nach West zogen. Über den Sinai kam der Islam nach Ägypten und verbreitete sich mit den Arabern über ganz Nordafrika. Auch im islamischen Mittelalter war der Sinai eher Bindeglied als Trennlinie zwischen den orientalischen Reiches. Das Reich des Sultan Saladin umfasste sowohl Ägypten als auch Syrien. Über Palästina und den Sinai kamen im frühen 16. Jahrhundert die Heere der Osmanen nach Ägypten, das sie ihrem Reich als Provinz einverleibten. Auch im Ersten Weltkrieg, als Ägypten unter britischer Besetzung stand und gegen das Osmanische Reich Krieg führte, war der Sinai militärisches Aufmarschgebiet.

In der modernen Zeit ist der Sinai immer wieder Streitpunkt zwischen Israel und Ägypten gewesen. Während der Suezkrise wurden einige Gebiete kurzzeitig besetzt. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 war der Sinai Teil Israels. Erst nach langen Friedensverhandlungen wurde der Sinai 1982 wieder an Ägypten zurückgegeben.

Die Bevölkerung des Sinai

Wegen der saisonal in den Touristenregionen arbeitenden Ägypter ist die Bevölkerungszahl auf der Sinaihalbinsel schwer einzuschätzen. Es dürften fast eineinhalb Millionen sein.

Die Menschen im Sinai waren seit Jahrtausenden größtenteils Nomaden aus der Levante. Vor Einführung des Kamels zogen sie hauptsächlich mit Eseln und Kleinvieh (Ziegen und Schafe) durch die Wüstentäler. Spätestens während der griechisch-römischen Zeit setzte sich die Nutzung des Kamels durch. Das einhöckrige Kamel (Dromedar, lat. Camelus Dromedarius) war zum Hauptbewegungsmittel der Beduinen geworden. Teils nomadisierend, teils in Oasen und Handelsstädten (wie Petra in Jordanien) sesshaft, lebten viele Bewohner der Region nicht nur von der Viehzucht und Oasenwirtschaft, sondern insbesondere vom Karawanenhandel. Die strategische Lage des Sinai war ideal für die Entwicklung von Handelsknotenpunkten.

Die nomadische bzw. beduinische Lebensweise hat dazu geführt, dass fast alle Stämme, die sich im Sinai niederließen, aus dem semitischen Sprach- und Kulturraum Vorderasiens kamen. Eine ägyptische Besiedlung gab es in historischer Zeit kaum. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Lebensweise. Das typische kulturelle Merkmal der Ägypter war seit Jahrtausenden die Bindung an das Land am Nil und der Rhythmus des landwirtschaftlichen Lebens. Nomadismus war für Ägypter keine alternative Lebensweise. Umgekehrt gab es einen fast beständigen Zustrom von Nomadengruppen aus Syrien oder der arabischen Halbinsel, die sich entweder ganz im Sinai niederließen oder als Durchgangsstation nach Ägypten nutzen. Fast alle Nomadenstämme der ägyptischen und nordsudanesischen Ostwüste zwischen Niltal und Rotem Meer sind diesem Weg gefolgt.

Die Beduinenkultur hat sich bis heute im Sinai gehalten. Allerdings beeinträchtigt durch die administrativen Vorgaben des ägyptischen Staates. Hier treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Die Nomaden haben durch ihre Mobilität und Unberechenbarkeit seit jeher den ägyptischen Vorstellungen von einem geordneten Gemeinwesen widersprochen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass von den Beduinen des Sinai die israelische Besatzung nicht als so ungenehm empfunden wurde. Israelis und Beduinen arrangierten sich. Nach der Rückkehr des Sinai an Ägypten wurden die Zügel der Verwaltung wieder straffer gehalten.

In den letzten Jahren hat sich auf der Halbinsel Sinai eine strukturelle Veränderung in der Bevölkerung ergeben. Der Grund hierfür ist der Boom der Touristenstädte. Durch das schnelle Wachstum der Ferienorte entstanden viele neue Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie und städtischen Infrastruktur, für die Personal aus dem ägyptischen Kernland geholt wurde. Somit sinken der prozentuale Anteil und das politische Gewicht der Beduinen auf dem Sinai. Waren früher die Angehörigen der Beduinenstämme in der Mehrheit, so hält sich heute das Verhältnis von Beduinen zu Ägyptern, die aus dem Niltal eingewandert, die Waage.

Tourismus und Sehenswürdigkeiten

Früher kamen nur Pilger und kulturhistorisch interessierte Reisende in den Sinai, um das christlich-orthodoxe Katharinenkloster zu besuchen und den Berg Sinai zu besteigen, wo nach biblischer Überlieferung Moses die Zehn Gebote empfangen haben soll. Auch heute gilt der Ort als touristisches Highlight des Sinai. Ebenso sehenswert sind ist die Oase im Wadi Feiran (Firan). Dort befinden sich die Ruinen der alten christlichen Oasenstadt Pharan mit antiken Kirchresten.

Weitere historische Sehenswürdigkeiten sind die archäologischen Ausgrabungen von Pelusium (im Nordwesten) und von Serabit el-Chadim (im Südwesten). In Pelusium befinden sich die Ruinen der alten Hafenmetropole aus griechischer und römischer Zeit. In Serabit el-Chadim stehen die Überreste eines altägyptischen Tempels aus dem 2. Jahrtausend v. Chr.

In den letzten Jahrzehnten hat sich auf der Sinaihalbinsel die Tourismusindustrie stark entwickelt. Anfangs waren es die Taucher, die von den Korallenriffen an der Küste angelockt wurden. Später kam der Massentourismus. Ganzjährige Sonnengarantie und saubere Strände locken insbesondere in den Winter- und Frühjahrsmonaten die Gäste aus Europa. Die wichtigsten Ferienorte an der Küste der Sinaihalbinsel sind Sharm el-Sheikh mit Naama Bay und Vororten an der Sinaisüdspitze sowie Dahab , Nuweiba und Taba am Golf von Akaba.

Die größte Stadt des Sinai ist el-Arisch (al-Arish). Auch hier gibt es schöne Strände. Die Stadt wird weniger von internationalen Touristen als vielmehr von ägyptischen Reisegästen aus Kairo und dem Delta besucht.

Die biblische Überlieferung des Exodus

Weltweit wird die Sinaihalbinsel mit dem Exodus assoziiert, der in der Bibel in den Büchern Genesis 2-5 geschildert ist. Der Prophet Moses soll die Israeliten aus ihrer Knechtschaft in Ägypten befreit und durch die Wüste Sinai ins gelobte Land Kanaan geführt haben. Aus Gosen, am Ostrand des Deltas gelegen, seien sie jahrelang durch die Wüste gezogen. Am Berg Sinai habe sich Gott offenbart und einen Bund mit dem Volk Israel geschlossen. Moses soll auf dem Gipfel die Zehn Gebote auf zwei Tafeln empfangen haben.

Die Mosesgeschichte hat seit Jahrtausenden die Geister und Gemüter der Gelehrten bewegt. Ursprünglich eine Domäne der Theologen, haben sich inzwischen Archäologen, Historiker und Bibelforscher dem Thema gewidmet. Die Vielfalt der Deutungs- und Erklärungsversuche ist so groß wie die Zahl der Menschen, die sich damit beschäftigt haben.

Das Bild, das die Wissenschaft, und das Bild, das die Religionsvertreter von den alten Geschehnissen des Exodus zeichnen, können unterschiedlicher nicht sein. Heute geht die Mehrheit der Religions- und Geschichtsforscher davon aus, dass es den Exodus in der überlieferten Form nie gegeben habe. Vielmehr sei die Geschichte des Exodus das Ergebnis einer Verschmelzung verschiedener Erzählungen und Legenden, die erst im 7. oder 6. Jahrhundert in der heute bekannten Form aufgeschrieben wurden. So sei bewusst ein Gründungsmythos konzipiert worden.

So sehr die historische Wahrheit hinter dem Exodus-Mythos unklar ist, umso unbestreitbarer ist dessen Einfluss auf die Weltgeschichte. Moses gilt neben Abraham als einer der Urväter der drei großen monotheistischen Weltreligionen, die den Zeitgeist von Orient und Okzident für zwei Jahrtausende bestimmt haben.

Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg