Totenbuch

Bei dem ägyptischen Totenbuch handelt es sich um einen einzigartigen religiösen Textcorpus, der weltweit vielleicht nur noch mit dem tibetischen Totenbuch vergleichbar ist und von manchen Religionshistorikern als eine Art „Bibel der alten Ägypter“ bezeichnet wurde. Bereits im Mittleren Reich (d.h. im frühen 2. Jahrtausend v. Chr.) wurden auf Särgen Sprüche und Hymnen aufgezeichnet, die den Weg der Verstorbenen ins Jenseits und andere damit verbundene Themen beschreiben. Ab dem Neuen Reich (d.h. ab Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr.) wurden Texte des Totenbuches nicht nur auf Sarkophagen, sondern insbesondere auf Papyrus- und Lederrollen, aber auch auf Leichentüchern, Mumienbinden, an den Wänden von nichtköniglichen Privatgräbern, Statuen, Amuletten und auf Tonscherben niedergeschrieben. Wie eine Art Reiseführer fürs Jenseits beschreiben die Texte des Totenbuches die Wege ins Totenreich des Gottes Osiris und was notwendig ist, um dort zu bestehen. Man kann hierbei, wie es beispielsweise der Ägyptologe Erik Hornung (s.u., S. 25) getan hat, durchaus von Einweihungstexten sprechen, deren Ziel es war, den Verstorbenen eine Einführung in die geheimnisvolle und den Lebenden unbekannte Unterwelt und in die Mysterien des Totenreiches mitzugeben. Viele Totenbuchsprüche sind Zaubersprüche, die Gefahren und Dämonen bannen und einen zweiten, endgültigen Tod verhindern sollen. Auf dem Weg in die Unterwelt muss der Tote zahlreiche Hürden überwinden, Tore durchschreiten, die von dämonischen Wesen bewacht werden, welche wiederum nur durch Kenntnis und Zitat des richtigen Spruches dem Verstorbenen Durchlass gewähren.

Weiterhin werden im Totenbuch lebensnotwendige Aspekte wie Atmen, Trinken, Essen und die geographische Orientierung im Jenseits angesprochen. Wichtig ist zudem die Ermöglichung des „Herausgehens am Tage“ (bzw. „Heraustreten ins Tageslicht“, ägyptisch: „peret-em-heru“), dass nämlich ein Teil der menschlichen Seele, der Ba des Toten, das Totenreich tagsüber als verwandelte Vogelgestalt temporär verlassen und als verklärter Ahnengeist unter den Lebenden weilen kann. Dies ist übrigens auch ein Grund für die Bedeutung der traditionellen Scheintürdarstellungen in den altägyptischen Gräbern. Durch diese angedeuteten Türen können die Ahnengeister in Form ihrer Ba- oder Ka-Seele aus dem Jenseits ins irdische Diesseits zurückkehren, um zu feierlichen Anlässen die Opfergaben, Fürbitten und Gebete der Hinterbliebenen und Nachfahren entgegenzunehmen und anschließend ins Totenreich zurückzukehren. Zahlreiche Verwandlungssprüche im Totenbuch ermöglichen es dem Ahnengeist, sich in verschiedene Tiergestalten der Oberwelt zu verwandeln, so z.B. in ein Krokodil, einen Reiher oder eine Schwalbe. Daher kommt es, dass die Ägypter sich verschiedene Tiere als von Geistern beseelt vorstellten.

Höhe- und Scheidepunkt der Jenseitsfahrt ist das Gericht in der „Halle der vollständigen Wahrheit“. Hier wird über das ehemalige Leben des Toten moralisch Gericht gehalten. Der Tote wird vom schakalköpfigen Gott Anubis dorthin geleitet. In der Halle warten bereits Thot, der als schreibkundiger Gott den Prozess protokolliert, ein Tribunal aus 42 beisitzenden Gottheiten, Horus und Osiris, der Herr der Unterwelt, begleitet von den vier Horussöhnen Kebehsenuef, Duamutef, Hapi und Amset, sowie die beiden Schutzgöttinnen des Osiris, Isis und Nephthys. Im Zentrum der Halle steht eine Waage, auf der das Herz (als Sitz des Verstandes und der Moral des Menschen) des Verstorben gegen die Feder der Wahrheit (Ma’at) gewogen wird. Ist das Herz des Verstorbenen sündenschwer, wird die Waage dies wie ein Detektor anzeigen. Dann muss er sein Urteil hinnehmen und den endgültigen Tod erleiden. Oft wird ein gefräßiges Mischwesen dargestellt, das den Sünder verschlingt. Besteht der Verstorbene jedoch den Detektortest an der Waage, so wird er vom Gott Horus zum Thron des Osiris geführt. Dem Osiris obliegt nun das abschließende Urteil, ob der Verstorbene seine Existenz im Jenseitsreich fortführen darf oder nicht.

Während dieser „Gerichtsverhandlung“ hat der Verstorbene die Möglichkeit, sich zu verteidigen und die Götter um ein gerechtes Urteil zu beschwören. Der in Versen gestaltete Textinhalt dieser Verteidigungs- und Unschuldsrede des Toten ist im umfangreichen Spruch 125 des Totenbuches aufgezeichnet. Diese Rede beinhaltet ein sogenanntes negatives Sündenbekenntnis, wobei der Verstorbene in allen Details aufzählt, was er Gutes getan und Schlechtes gelassen hat, versichert, keine moralischen Grenzen überschritten zu haben und beschwört, dass er ein reines Leben im Angesicht der Götter geführt habe.

Die Unschuldigen und Herzensreinen können schließlich als Verklärte in den elysischen Binsengefilden, den sogenannten Feldern von Jaru, ein paradiesisches Leben führen, während Uschebtis, das sind kleine Holz- oder Tonfiguren, die den Verstorbenen abbilden, auf magische Weise die lästigen Arbeiten und Aufgaben des unterweltlichen Alltags für ihn erledigen.


Auswahl weiterführender Literatur:
  • Assmann, Jan, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München 2001.
  • Brunner, Hellmut, Altägyptische Religion: Grundzüge, Darmstadt 1989 (2. Aufl.).
  • Champdor, Albert, Das ägyptische Totenbuch, Kult und Religion im alten Ägypten, (deutsche Ausgabe herausgegeben von Manfred Lurker), München und Bern 1977.
  • Hornung, Erik, Das Totenbuch der Ägypter, (eingeleitet, übersetzt und erläutert von Erik Hornung), Zürich und München 1979.
  • Saleh, Mohammed, Das Totenbuch in den thebanischen Privatgräbern, (Archäologische Veröffentlichungen, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Kairo, Band 46), Mainz 1984.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg