Schöpfung Ägypten

Nach altägyptischen Vorstellungen geschah die Schöpfung des Daseins aus dem Nichtsein nicht aus einem absoluten Nichts, sondern aus einem formlosen, einheitlichen und grenzenlosen Etwas, einer undifferenzierten Masse oder Ursuppe, wenn man so will. Ähnlich wie in der biblischen Genesis schuf der Urgott, indem er Kraft seines Wortes die Urmasse differenzierte und sich selbst aus seiner Einzigartigkeit zu einer millionenfachen Vielheit entfaltete. Der Tag wurde von der Nacht, das Licht von der Dunkelheit, der Himmel von der Erde, das Belebte vom Unbelebten, das Fruchtland von der Wüste, das Diesseits vom Jenseits usw. getrennt, aus dem Chaos wurde eine Ordnung geschaffen.

Zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Tempeln wurden verschiedene Versionen der göttlichen Schöpfungsgeschichte tradiert. Diese Variationen der Schöpfungsmythen standen nur bedingt in Konkurrenz zueinander. Vielmehr ergänzten sie sich, indem sie unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund and andere in den Hintergrund schoben. Die Betonung dieser Aspekte nahm natürlich Rücksicht auf die Gottheit des jeweiligen Tempels. In Memphis beispielsweise, der Stadt des Gottes Ptah, wurde die Schöpferrolle Ptahs als Urgott besonders gewürdigt, und in Heliopolis wurde der Fokus auf die Rolle des Sonnengottes Atum(-Re-Harachte) gerichtet.

Zu Beginn, so sind sich die meisten Schöpfungsversionen einig, war die „Urzeit“ (ägyptisch: Pat), die „Zeit der Götter“ oder die „Zeit des (Ur-)Gottes“. In dieser Urwelt gab es einen riesigen Urozean, den Nun, den „Vater der Götter“, und die Unendlichkeit (ägyptisch: Huh) und Richtungslosigkeit (ägyptisch: Tenemu) waren in Dunkelheit und Finsternis (ägyptisch: Keku) gehüllt. Eine Mythosversion aus Hermopolis Magna erwähnt die „Gottheiten“ des Urzustandes als vier Paare (die sogenannte Achtheit von Hermopolis), und zwar Huh und Hauhet (Grenzenlosigkeit), Keku und Kauket (Lichtlosigkeit), Nun und Naunet (die unbegrenzte Urmasse) sowie Niu und Niaut (das Nichtseiende). Niu und Niaut werden manchmal durch andere ersetzt, und zwar durch Tenem und Tenemet (Richtungs- bzw. Weglosigkeit) oder durch Amun und Amaunet (Verborgenheit). Symbol der männlichen Urzustandsgottheiten sind Frösche und die der weiblichen Schlangen.

Eins mit dem Urmeer war ein Urgott (bzw. erster eigentlicher Gott): Atum, ein Gott, der sich selbst gezeugt und geschaffen hat (Autogenese). Sein Name bedeutet gleichermaßen „alles sein“ und „nicht sein“. Er trieb träge im Urwasser bis er irgendwann, gewissermaßen spontan, aus dem Urozean ein Urhügel (Ägyptisch: Benben) emporwuchs, auf dem die eigentliche Welt geformt wurde. Atum zeugte aus sich selbst heraus zwei Kinder: den Gott Shu und die Göttin Tefnut. Shu war die Luft und Atmosphäre des Kosmos. Raum wurde dieser Atmosphäre gegeben durch deren Kinder, Atums Enkeln: Geb und Nut. Geb symbolisiert die Erde und die Göttin Nut den Himmel. Die räumliche Trennung von Himmel und Erde erschafft den Luftraum, in dem sich Shu entfalten kann. Geb und Nut zeugten vier Kinder, zwei Geschwisterpaare: Osiris, der Gott der Regeneration, und Isis, die Göttin der Mutterschaft, Seth, der Gott der Wüste, des Chaos und der männlichen Sexualität, und Nephthys, sein weibliches Gegenstück. Zusammen bilden nun Atum, Shu und Tefnut, Geb und Nut, Osiris und Isis, Seth und Nephthys die sogenannte Götterneunheit.

Diese Götterneunheit ist zwar nicht die Gesamtheit der Götter, aber sozusagen eine Kerngruppe von wichtigen Gottheiten, die jedoch die Gesamtheit symbolisieren kann. In der heliopolitanischen Schöpfungsmythologie wird die Rolle des Sonnengottes mit der Rolle des Schöpfergottes Atum verknüpft. In vielen Texten übrigens spielt die Sonne mit ihrer Erhellung und Durchleuchtung der Welt eine tragende Rolle in der Wiederholung der Schöpfung, wobei das Licht die Dinge zum Leben erweckt.

Als Schöpfungen des Urgottes gelten die ebenfalls als Götter verehrten kosmogonischen Prinzipien, die als Leitfiguren der Welterschaffung Richtung geben. Da sind nämlich das „Leben“ (ägyptisch: Anch), die „kosmische Weltordnung “ (ägyptisch: Ma’at), der rhythmisch getaktete „ewige Kreislauf der Natur“ (ägyptisch: Neheh) und die beständige „dauerhafte Ewigkeit“ (ägyptisch: Djet). Hinzu kommen das „Schöpferwort“ (ägyptisch: Hu), denn der Beginn eines jeden Schöpfungsaktes begann mit einem Wort Gottes (vgl. biblisch „Am Anfang war das Wort … und das Wort war Gott“, Johannes 1,1-3), und, vorausgehend, die „Erkenntnis“ (ägyptisch: Sia).

Über die Erschaffung der Menschen gibt es ebenfalls keine einheitliche Überlieferung. Mal sind die Menschen die Tränen des Sonnengottes, mal werden sie vom Handwerkspatron und Schöpfergott Ptah gestaltet, ein anderes mal werden sie von dem widdergestaltigen Gott Chnum auf einer Töpferscheibe geformt.

Horus ist als Kind von Osiris und Isis ein Anhängsel der Götterneunheit. Er ist sozusagen der Erbe der großen kosmischen Weltgötter. Pharao, der ägyptische Gottkönig auf Erden, steht somit als Verkörperung des Gottes Horus in direkter genealogischer Verbindung zur Götterwelt und erbt die Herrschaft und die Verantwortung gegenüber der Schöpfung von seiner Götterfamilie. Das ist seine Legitimation als Weltherrscher. Jeder neue König verkörpert dabei aufs Neue Horus und erneuert dadurch den Schöpfungsakt und seinen göttlichen Machtanspruch.

Die Welt als Geschaffenes für die Menschheit wird in einem Abschnitt aus der Lehre des Merikare bildreich umschrieben (hier in der Übersetzung nach Brunner, s.u., S. 32, mit weiteren Angaben):

„[ … ]
Wohl versorgt sind die Menschen, das Vieh Gottes (Gott ist der gute Hirte).
Er hat Himmel und Erde geschaffen um ihretwillen.
Er hat den Gierigen des Wassers vertrieben.
Er hat die Luft geschaffen, damit ihre Nasen leben.
Seine Abbilder sind sie, aus seinem Leibe entsprossen.
Er geht am Himmel auf um ihretwillen (als Sonne).
Er hat für sie die Pflanzen geschaffen,
Tiere, Fische und Vögel, um sie zu ernähren.
[ … ]
Er erschafft das Licht um ihretwillen
Und fährt (am Himmel), um sie zu sehen.
Er hat sich eine Kapelle errichtet zu ihrem Schutz,
und wenn sie dort weinen, so hört er.
Er hat für sie Herrscher gebildet im Ei,
Machthaber, um den Rücken des Schwachen zu stützen.
[ … ]“

Dieser Text veranschaulicht die Bedeutung des Gottes (gemeint ist hier wohl Atum-Re-Harachte) als Schöpfer und himmlischer Herrscher und des Königs als dessen irdischen Stellvertreter.



Weiterführende Literatur:

  • Assmann, Jan, Ägypten: Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur, Stuttgart (u.a.) 1984.
  • Assmann, Jan, „Schöpfergott“ und „Schöpfung“, in: Lexikon der Ägyptologie V, Wiesbaden 1984, Sp. 672-690.
  • Assmann, Jan, Rezeption und Auslegung in Ägypten' Das Denkmal memphitischer Theologie als Auslegung der heliopolitanischen Kosmogonie, in: Orbis biblicus et orientalis 153 (1997), S. 125-138.
  • Brunner, Hellmut, Altägyptische Religion: Grundzüge, Darmstadt 1989 (2. Aufl.).
  • Hornung, Erik, Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen, Darmstadt 1971.
  • Rothöhler, Benedikt, Neue Gedanken zum Denkmal memphitischer Theologie. Heidelberg, 2006 (www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/7030).
  • Wilson, John A., „Kosmogonie“, in: Frankfort, Henri (u.a.), Alter Orient: Mythos und Wirklichkeit, Stuttgart 1981, 58-70.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg