Götter und Kulte im Alten Ägypten

Unter der Regierungszeit des Königs Amenophis IV. (18. Dynastie, 14 Jh. v. Chr.) gab es eine kurze Periode ungewöhnlicher religiöser Reformen, die nach ihm jedoch zum Teil wieder zurückgenommen wurden. Er ließ Schritt für Schritt von der Vielgötterei ab und erhob den Sonnengott, dargestellt als „Re“ und dann insbesondere als Sonnenscheiben „Aton“ zur alleinigen Gottheit des Universums. Zwar war die Abkehr von den anderen Göttern nicht abrupt und absolut, aber immerhin waren seine religiösen Reformen so weit gehend, dass andere Kulte zum Teil geschlossen und verboten wurden. Religiöse Feste, insbesondere des Amun von Theben, fanden nicht mehr statt. Auf dem Höhepunkt seiner Regierungszeit gründete Amenophis IV. eine neue Hauptstadt namens Achetaton („Horizont des Aton“) und änderte seinen Namen in Echnaton . Er selbst sah sich als Propheten und Sohn seines Gottes, denn nur durch ihn konnte man mit dem Sonnengott kommunizieren. Insgesamt fußt die neue Lehre auf der Erkenntnis, dass es ohne den Lauf der Sonne keine Zeit gibt, und ohne Zeit kein Leben in ihr. Man kann von Echnaton als ersten überlieferten Religionsstifter sprechen, denn es handelt sich hierbei, im Gegensatz zur klassischen ägyptischen Religion, um eine echte Stiftungsreligion.

Die wichtigsten Aussagen der Sonnenlehre von Amarna sind zusammengefasst etwa folgende:

- Aton, die Sonne mit ihrem Licht, ist der einzige Gott.
- Die Sonne ist fern am Himmel, allein und einzigartig.
- Aton ist unergründlich in seinem Wesen.
- Die Sonne ist zwar fern, aber die Lichtstrahlen erreichen die Erde.
- Das Licht belebt das Leben und ermöglicht den Zyklus der Zeit.
- Das Licht gibt den Augen das Sehvermögen.
- Der Sonnenlauf ist stetig, verlässlich, definiert den Rhythmus der Natur.
- Der König ist der Sohn der Sonne, nur durch ihn kann man die Sonne verehren.

Mit der neuen Religionslehre gab es viele kulturelle Reformen und Veränderungen. Die Alltagssprache wurde als Schriftsprache zugelassen und kultiviert, die Tempel waren nicht mehr finster und dunkel, sondern ohne Dach und lichterfüllt, die Kunstform ließ von strengen Darstellungsregeln ab, engte aber die Darstellungsthemen auf den König, den Sonnengott und das von Aton erfüllte Leben ein, und schließlich gab es keine Anbetung der alten Götterbilder mehr. Die Sonne braucht keine Statue, denn sie konnte direkt am Himmel gesehen und gepriesen werden. Viele dieser Reformen werden in der Bevölkerung und insbesondere unter den Priestern auf große Ablehnung gestoßen sein, denn nur kurze Zeit nach Echnaton wurde das Rad wieder zurückgedreht. Allerdings hinterließ die Amarnazeit deutliche Spuren. Die Bedeutung des Sonnengottes hatte auch in der folgenden Ramessidenzeit (19. und 20. Dynastie) großen Einfluss. Tatsächlich war die Amarnareligion kein individueller Ausrutscher eines einzelnen Königs, sondern vielmehr eine temporäre „radikale Position im Prozess des theologische Diskurses“ (Assmann). Die besondere Bedeutung der Sonne im Kosmos und in der Götterwelt war seit jeher im Bewusstsein der Ägypter und wurde mal stärker, mal weniger stark betont.

Einige Auszüge aus dem Sonnenhymnus (hier in der Übersetzung von Hornung, s.u., S. 88 ff.) illustrieren die Lehre Echnatons:

[…]
Schön erscheinst du
im Horizonte des Himmels,
du lebendige Sonne,
die das Leben bestimmt!
du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land.

Deine Strahlen umfassen die Länder
bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast.
Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst
und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn.
Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden;
du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf.
[…]
Am Morgen aber bist du aufgegangen im Horizont
und leuchtest als Sonne am Tage;
du vertreibst die Finsternis und schenkst deine Strahlen.
Die beiden Länder sind täglich im Fest,
die Menschen sind erwacht
und stehen auf ihren Füßen, du hast sie aufgerichtet.
Rein ist ihr Leib, sie haben ihre Kleider angelegt,
und ihre Arme sind in Anbetung bei deinem Erscheinen,
das ganze Land tut seine Arbeit.

Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraut,
Bäume und Kräuter grünen.
Die Vögel sind aus ihren Nestern aufgeflogen,
ihre Schwingen preisen deinen Ka.
Alles wild hüpft auf den Füßen,
alles, was fliegt und flattert, lebt,
wenn du für sie aufgegangen bist.
[…]
Die Fische im Strom springen vor deinem Angesicht,
deine Strahlen sind im Innern des Meeres.
[…]
Wie zahlreich sind deine Werke,
die dem Angesicht verborgen sind,
du einziger Gott, dessengleichen nicht ist!
Du hast die Erde geschaffen und nach deinem Wunsch, ganz allein,
mit Menschen, Vieh und allem Getier,
mit allem, was auf der Erde ist,
was auf den Füßen umherläuft
und allem, was in der Höhe ist und mit seinen Flügeln fliegt.
[…]
Deine Strahlen säugen alle Felder –
wenn du aufgehst, leben sie und wachsen für dich.
Du schaffst die Jahrenzeiten, um alle deine Geschöpfe sich entwickeln zu lassen –
den Winter, um sie zu kühlen,
die Sommerglut, damit sie dich spüren.
[…]



Auswahl weiterführender Literatur:
  • Aldred, Cyril, Echnaton: Gott und Pharao Ägyptens, (deutsche Übersetzung), Bergisch Gladbach 1968.
  • Assmann, Jan, Ägypten: Theologie und Frömmigkeit, Stuttgart 1984.
  • Bayer, Christian, Echnaton: Sonnenhymnen, Stuttgart 2007.
  • Brunner, Hellmut, Altägyptische Religion: Grundzüge, Darmstadt 1989 (2. Aufl.).
  • Hornung, Erik, Echnaton. Die Religion des Lichts, Zürich 1995.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg