Die Götter des Alten Ägypten

Die altägyptische Götterwelt ist hochkomplex. Es gibt tausende Gottheiten. Viele sind Verkörperungen oder Personifizierungen von kosmischen Aspekten. Die meisten Götter haben eine lange Entwicklung und viele Wandlungen durchgemacht. Viele wurden zuerst als Ortsgötter kleiner Heiligtümer verehrt, waren Schutzpatrone einer bestimmten Gemeinschaft. Einige bekamen schließlich überregionale Bedeutung zugemessen. Man kann einzelne Götter nicht auf bestimmte Funktionen oder Aspekte beschränken. Es gibt hier unendlich viele Überschneidungen. Je nach Kontext, Zeit, Kultort und ritueller Bedeutung im Kult konnten verschiedene Götter ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Gottheiten konnten zudem verschmelzen oder als Aspekte anderer Götter angebetet werden. Diese Problematik wird noch verkompliziert durch den Umstand, dass von Ort zu Ort eine andere Göttermythologie erzählt und tradiert wurde. Die Kulte unterschieden sich, die Deutungen ebenfalls.Das Befremdliche für viele moderne Menschen, die während ihrer Ägyptenreise mit der altägyptischen Religion konfrontiert werden, ist die scheinbare Widersprüchlichkeit einzelner Götter und Kulte. Es ist, als ob es kein einheitliches Konzept in der Götterverehrung gegeben hätte. Dies liegt daran, dass die Religion der alten Ägypter zum einen keine Stiftungsreligion und zum anderen keine dogmatische Religion war (siehe Einführung: Die Religion des Alten Ägypten). Vielmehr war sie eine gewachsene Religion. In dieser Hinsicht ist sie mit dem Hinduismus vergleichbar: Eine Familie unterschiedlicher aber verbundener Kulte und Mythologien. Widersprüche in den unterschiedlichen Erzählungen wurden nicht hinterfragt, weil sie kein Problem darstellten. Es ging nicht um ein logisches Konzept. Vielmehr wurde versucht, die Komplexität der Welt und Schöpfung, die Geheimnisse des Lebens und das Mysterium der Wiederauferstehung nach dem Tode in der Unterwelt, in immer neuen Bildern und Motiven erklärend wiederzugeben. Es ging darum, das Unverständliche verständlich zu machen. Hinzu kommt die Rolle der Götter in den Mythen. Wenn ein Vorgang erklärt werden sollte, wurde er in einen größeren kosmischen Zusammenhang gesetzt. Eine alltägliche Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse wurde zum Kampf zwischen Horus und Seth. Die Belebung eines scheinbar unheilbar Kranken zur Aufgabe der Isis erklärt, die mit ihrem Zauber ihren ermordeten Bruder Osiris zum Leben wiedererweckte. Die Göttermotive waren die kosmischen Abbilder kleiner Dinge, wie die kleinen Dinge kosmische Vorgänge abbildeten. Der Mistkäfer, der seine Mistkugel formt und rollt, war ein Miniaturabbild des kosmischen Sonnenkäfers Chepri, Re am Morgen, der die Sonnenkugel über den Himmel schiebt. Die Regentropfen waren die Tränen der Himmelsgöttin Nut und der Donner ihr Grollen oder Lachen. So war die Welt ein unendliches Reservoir an Allegorien und Symbolen. Jeder Aspekt der Natur konnte religiös ausgedeutet werden. Für eine polytheistische Religion wie die altägyptische war es unproblematisch, fremde Götter aufzunehmen oder sie mit eigenen Gottheiten in Verbindung zu bringen. Auch die Frage, ob hinter all den Gottheiten eine Allmacht, eine göttlich Urkraft steht, wurde offen gelassen. Zwar wurden einige Götter als Allgötter angesprochen, in denen sich unterschiedliche Gottwesen manifestieren können, es gibt sogar textliche Hinweise auf den Glauben an einen Gott der alles verkörpert „was ist und was nicht ist“, doch löst sich diese theoretische Einheit in den alltäglichen Kulten und Ritualen des religiösen Lebens wieder auf.Natürlich waren sich zumindest die Priester dessen bewusst, dass es in der ägyptischen Götterwelt an Ordnung und Systematik fehlt. Deshalb versuchten sie, Ordnung zu schaffen, indem sie Hierarchien, Genealogien, Götterfamilien (Triaden aus Vater, Mutter und Kind) und Göttergruppen (wie die Achtheit, Neunheit, usw.) zusammenstellten. Doch jeder Tempel hatte seine eigene theologische Schule, seine eigene Version der Mythologie. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Tempel um Einfluss rangen. Je bedeutender ein Tempel war, desto größer waren die Stiftungen, die dem Tempel zugedacht wurden. Daher lag es natürlich im eigenen Interesse, die Gottheit des eigenen Tempels mit besonderer Wichtigkeit auszustatten. So ist es kein Wunder, dass man in Heliopolis Atum, in Memphis Ptah, in Theben Amun-Re, in Hermopolis Thot und auf Elephantine Chnum eine Schlüsselposition bei der Schöpfung zuschrieb. Götterkulte konkurrierten miteinander. Was den meisten ägyptischen Göttern fehlt, sind die menschlich anmutenden Anekdoten, wie wir sie von den griechischen oder mesopotamischen Gottheiten kennen. Zwar gibt es den Konflikt zwischen Seth und Osiris bzw. zwischen Seth und Horus. Doch es fehlen die allzu menschlichen Schwächen und Charakterzüge, die Streitig- und Zwistigkeiten, die Schicksale und Krisen, die in der griechischen und mesopotamischen Götterwelt so typisch sind. Die ägyptischen Götter wirken abgehobener, abstrakter, symbolträchtiger. Es gab keine guten und bösen Götter, keine klugen und dummen. Es gab nur die Unterscheidung von schöpferischen und zerstörerischen Kräften. Seth mag in der Mythologie eine Ausnahme sein. Doch ist er weniger ein böser Gott, als vielmehr ein notwendiger Gegenpart zu Horus und Osiris, um dem dualistischen Weltbild gerecht zu werden. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass die Götter der großen Tempel nicht immer die Götter waren, zu denen auch die Menschen beteten. Es gab eine Vielzahl kleiner Götter, die als Schutzgötter angebetet werden konnten. Eigentlich konnte alles personifiziert und zur Gottheit erklärt werden. Sogar Ortschaften und Gaue konnten als personifizierte Gottwesen dargestellt und angesprochen werden. Einige Götter sind in ihrem Ursprung Begriffsgötter, d.h. als Gottwesen angesprochene abstrakte Konzepte, wie zum Beispiel die Ma’at, die für Wahrheit, Ordnung und Gerechtigkeit steht, im Gegensatz zu Isfet, der Verkörperung des Chaos. Andere Götter entstanden eindeutig aus Tierkulten, wie zum Beispiel Anubis, der schakalgestaltige Totengott. Auch Verstorbene konnten als Götter angesprochen werden. Andere waren aus der Anbetung von Naturgewalten entstanden, wie die Sonne, die von Re personifiziert wird.Verwirrend ist auch die Vielgestaltigkeit der Gottheiten. Thot konnte als Ibis oder Pavian oder Mond in Erscheinung treten, Amun in Menschengestalt, als Widder oder als Gans abgebildet werden, Hathor als Frau oder als Kuh dargestellt werden. Mit den Erscheinungsformen konnten sich auch die Namen eines Gottes ändern, wie der Sonnengott, der als Chepri aufgeht, als Re-Harachte über den Himmel zieht und als Atum-Re im Westen untergeht.Die folgende Liste zählt eine kleine Auswahl an Gottheiten auf. Ihre wichtigsten Formen, Funktionen und Eigenschaften werden vorgestellt. Doch ist unbedingt zu beachten, dass sich keine Gottheit mit wenigen Worten beschreiben lässt. Zu fast jeder einzelnen Gottheit gibt es spezielle wissenschaftliche Abhandlungen, die trotz aller Mühe und großen Quellenmaterials niemals der Bedeutungsfülle einer Göttergestalt gerecht werden.
Auswahl weiterführender Literatur und Nachschlagewerke:
  • Bonnet, Hans, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Hamburg 2005 (Neuauflage).
  • Brunner, Hellmut, Ältägyptische Religion, Darmstadt 1989.
  • Helck, Wolfgang und Eberhard Otto (Hrsg.), Lexikon der Ägyptologie, Band I-VI, Wiesbaden 1974-1985.
  • Hornug, Erik, Der Eine und die Vielen – Ägyptische Gottesvorstellungen, Darmstadt 1971.
  • Lurker, Manfred, Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter, Bern-München-Wien 1987.
  • Wilkinson, Richard H., Die Welt der Götter im alten Ägypten, Stuttgart 2003.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg