Religion Altes Ägypten ohne Stiftungsreligion und keine Offenbarungsreligion

Die Religion der alten Ägypter ist eine gewachsene indigene Religion, keine Stiftungsreligion und keine Offenbarungsreligion. Es gab keine Propheten wie Moses oder Mohammed. Sie ist auch keine schriftlich kodifizierte Buchreligion. Während der Talmud, der Koran und die Bibel mit ihren umfassenden Textcorpora Wesen und Anspruch der Religion definieren und für alle Zukunft als in Wort gefasste Fundamente ihre sakralen Weltgebäude stützen, so fehlt für das alte Ägypten ein entsprechendes Gegenstück. Religiöse Texte gab zwar es viele. Doch es gab, wenn man so will, keinen Redaktionsschluss. Es wurde fortwährend am Mosaik der altägyptischen Religion gearbeitet. Alte Texte wurden auf- und umgearbeitet und neu interpretiert, neue Textformen kreiert und aktuelle Inhalte aufgenommen und religiös mit den Mythen verknüpft. Deshalb erscheint die Religion Altägyptens auf dem ersten Blick so komplex und wirr.

Doch hinter dieser Komplexität verstecken sich Variationen klarer Grundmuster und Denkformen, welche die Vorstellungswelt der alten Ägypter bestimmten. In diesen Denkformen spiegelt sich die Natur und die Umwelt wieder, sozusagen der Kosmos der alten Zeit. Zwei Faktoren dominierten diesen Kosmos: Die Sonne, die den Tag von der Nacht schied, und der Nil, der jährlich überflutete. Die Sonne bildet die Ost-West-Achse des ägyptischen Kosmos, der Nil die Süd-Nord-Achse. Beide kosmischen Kräfte folgen einem natürlichen Rhythmus des Werdens und Vergehens. Die Sonne stirbt an jedem Abend am westlichen Horizont (Sonnenuntergang), um am nächsten Morgen am östlichen Horizont wiedergeboren zu werden (Sonnenaufgang). Und was das Kommen und Schwinden der Nilflut betrifft, so schwillt der Strom mit der jährlichen Überschwemmung an und flutet die Felder, wo er die fruchtbaren Sedimente ablagert; und in der Trockenzeit wird er wieder zu einem einfachen Fluss.

Hinzu kommen die Zunahme und Abnahme des Mondes, die regelmäßige Wiederkehr der Sternbilder und die Jahreszeiten. Dieser sich ewiglich wiederholende Rhythmus der Natur liegt der ägyptischen Religion als eine Art von Strukturmuster zugrunde. Eingebettet in die kosmischen Zyklen ist alles tierische, pflanzliche und menschliche Leben. Solange der Kreislauf aus Werden und Vergehen in Gang gehalten wird, solange gibt es keinen endgültigen Tod, kein absolutes Ende. Alles, was sich diesem Kreislauf anschließt, wird wiedergeboren. Das Korn, das man sät (Beerdigung), wird eine neue Pflanze hervorbringen (Wiedergeburt). Aus diesen Gedankengängen entwickelte sich der besondere Totenkult mit all seinen Grabbauten, den die Ägypter pflegten.

Alle Aspekte der Wiedergeburt werden mit dem Gott Osiris verbunden. Osiris ist eine zentrale Figur im ägyptischen Totenkult. Nach der ägyptischen Mythologie war Osiris ein König der Urzeit, der die Welt regierte und den Menschen das Säen und Ernten der Feldfrüchte lehrte. Eines Tages wurde er jedoch von seinem Bruder Seth, dem Gott der Wüste und des Chaos, getötet. Dieser tödliche Bruderzwist erinnert an den biblischen Streit zwischen Kain und Abel. Doch die ägyptische Mythologie spinnt die Geschichte weiter. Seth zerstückelte die Leiche des Osiris und verteilte die Körperteile über das ganze Land. Zur Rettung verhalf schließlich die Schwester und Geliebte des Osiris, die Göttin Isis. Sie sammelte alle Teile und fügte den Leichnam wieder zusammen. Auf magische Weise konnte sie den Toten wiederbeleben und mit ihm ein Kind zeugen: Horus. Als Rächer seines Vaters konnte Horus Seth bezwingen und die Thronfolge des Vaters antreten, als König der Menschen. Deshalb wurde Pharao als Verkörperung des Horus geehrt. Osiris selbst konnte zwar weiterleben, aber dies nur in der Unterwelt. Dort richtet er seit jener Zeit die Toten und beherrscht das Reich im Jenseits. Osiris wird häufig in Mumiengestalt und mit grüner oder schwarzer Haut dargestellt. Damit wird die Fruchtbarkeit des Flussschwemmlandes symbolisiert, denn, wie bereits erwähnt, erwächst dort aus dem gesäten und somit beerdigten Korn neues Getreide.

Der Sonnenlauf wird mit dem Gott Re verkörpert. Re fährt mit seiner Barke über den blauen Himmel wie einst der König mit dem Boot auf dem Nil sein Reich durchfuhr. In manchen Texten als Seele des Osiris bezeichnet, leuchtet die Sonne tags den Irdischen und nachts den Unterirdischen, den Toten. Dort vereint sie sich mit dem Leib des Osiris, verjüngt sich, und erscheint am Morgen erneut am Horizont des Diesseits.

Ähnlich wie in Griechenland, Mesopotamien oder anderen frühen Kulturen, versuchten die Ägypter nicht, sich durch die Religion von anderen abzugrenzen. Während das Judentum, Christentum und der Islam, aber auch andere moderne Offenbarungsreligionen, den Wahrgläubigen vom Heiden, vom Ungläubigen zu unterscheiden suchen und mit ihren religiösen Dogmen Grenzen zu anderen setzen, sind die alten Urreligionen des Altertums offene Systeme. Sie grenzen nicht ab, sondern schließen ein. Die alten Griechen, die einst Ägypten bereisten, sahen in den ägyptischen Gottheiten Spiegelbilder ihrer eigenen. Man ging davon aus, dass der ägyptische Sonnengott Re die ägyptische Entsprechung des griechischen Helios ist, oder dass der ägyptische Gott der Weisheit, Thot, dem Hermes entspricht, usw. So wie Griechen und Römer fremde Gottheiten in ihren Pantheon aufnehmen konnten, so waren auch die Ägypter offen für neue Götter. Es gab kein Ausschlussgesetz. Vielmehr ging es um die Ergründung einer umfassenden göttlichen Weltordnung und kultischen Einflussnahme auf die Naturkräfte zugunsten der Menschen. Es ging darum, Angst und Sorge zu überwinden, nämlich die Angst vor dem Tod und die Sorge vor Hunger, Missernten, Krankheiten, bösen Dämonen und Naturkatastrophen. Man beobachtete die Sterne, observierte die Natur, deutete Krankheitsbilder und suchte nach Vorzeichen. Etwas Modernes wie die Wissenschaft war noch nicht als eigene Sinnwelt herausgeschält. Religion und Weltkunde, Astrologie und Astronomie, Alchemie und Chemie, alles war eins. Es gab nichts Nichtgöttliches. Hinter allen Naturkräften glaubte man göttliche Kräfte; alles wurde religiös ausgedeutet, Gottheiten wurden in ihren Wirkungen erlebt. Daher durfte im Kult keine Gottheit vergessen oder ausgelassen werden. Alle Aspekte und Kräfte des Universums waren von Bedeutung. Der antike Polytheismus (Glaube an viele Götter) war somit eine Universalreligion.



Weiterführende Literatur:
  • Assmann, Jan, Ägypten: Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur, Stuttgart (u.a.) 1984.
  • Assmann, Jan, Ma’at: Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 1990.
  • Brunner, Hellmut, Altägyptische Religion: Grundzüge, Darmstadt 1989 (2. Aufl.).
  • Erman, Adolf, Die Religion der Ägypter. Ihr Werden und Vergehen in vier Jahrtausenden, Berlin und Leipzig 1934.
  • Frankfort, Henri (u.a.), Alter Orient: Mythos und Wirklichkeit, Stuttgart 1981.
  • Hornung, Erik, Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen, Darmstadt 1971.
  • Kees, Hermann, Der Götterglaube im alten Ägypten, Leipzig 1941.
  • Morenz, Siegfried, Ägyptische Religion, Stuttgart 1960.
  • Morenz, Siegfried, Gott und Mensch im Alten Ägypten, Leipzig 1965.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg