Die Festung von Qasr Ibrim bei Assuan

Rund 235 km südlich von Assuan und etwa 60 km nordöstlich von Abu Simbel liegt auf einer kleinen Felseninsel im Nasser-Stausee die imposante Ruinenstätte von Qasr Ibrim (Kasr Ibrim, „Festung des Abraham“). Die Ruinenstätte war einst größer, versank jedoch zum Teil in den Fluten des durch den Assuan-Hochdamm angestauten Nasser-Sees. Während heute die Spitze als Insel nur wenige Meter kliffartig aus dem Wasser herausragt, thronte sie früher mehr als 65 Meter über dem Nil am Ostufer.

In der Regel ist die Ruineninsel für Touristen unzugänglich, weil sie abseits der Verkehrsrouten liegt. Daher wird der Ort in vielen Reiseführern nicht erwähnt. Aber gelegentlich bieten einige kleine Reiseagenturen Kreuzfahrten auf dem Nasser-See an, bei denen auch diese Insel angesteuert wird. Lohnenswert ist ein Besuch auf jeden Fall.

Die beeindruckenden aber stark mitgenommenen Ruinen von Häusern, Heiligtümern, Kirchen, Moscheen und Befestigungsanlagen aus unterschiedlichen Epochen spiegeln die lange und wechselhafte Geschichte der Festungsstadt wider. Einige, tiefer gelegene, Teile der Stadt- und Befestigungsanlagen und eine alte Kirche liegen heute allerdings unterhalb des Wasserspiegels.

Vor dem Neuen Reich war der Ort unbewohnt. Ab dem Neuen Reich, also ab dem 15. Jahrhundert v. Chr. begannen die ersten Ansiedlungsbemühungen der Ägypter. Vermutlich war es die strategische Lage am nubischen Nil und auf dem uneinnehmbar hohen Felsen, die den Ort für die Errichtung einer befestigten Siedlung empfahl. Königin Hatschepsut ließ hier eine Felskapelle errichten, und unter Thutmosis III. (beide 18. Dynastie, 15. Jahrhundert v. Chr.) wurden ein Schrein errichtet und zahlreiche Felsinschriften angebracht. Aus der Regierungszeit des kuschitischen Königs Taharka (25. Dynastie, 7. Jahrhundert v. Chr.) wurden Reste eines Amun-Tempels gefunden. Als Bauherren inschriftlich bzw. namentlich belegt sind ferner die Pharaonen Amenophis I., Thutmosis I., Amenophis II. und Ramses III.

Im 2. Jahrhundert v. Chr. wuchs die Anlage zu einer befestigten nubischen Stadt heran. Später diente der Ort als befestigter Stützpunkt der Römer, wurde dann aber abwechselnd von den untereinander verfeindeten einheimischen Stämmen der Blemmyer und Nobaden besetzt. Im 7. Jahrhundert, in byzantinischer Zeit, gab es dort eine starke koptische Gemeinde mit Bischofssitz. Aus dieser Zeit stammen die imposanten Ruinen der christlichen Basilika (Marienkathedrale). Des weiteren gibt es Ruinen einer noch älteren altkoptischen Kirche, die durch den Umbau altägyptischer Tempelbauten aus der Zeit des Taharka entstand. Im 12. Jahrhundert wurde Qasr Ibrim von den Truppen des ägyptischen Sultans Saladin eingenommen und war seitdem islamisch-ägyptischer Verwaltungssitz für die Region. Die Basilika wurde zur Moschee umgebaut. Wie aus den Textfunden hervorgeht, lebten über mehrere Jahre sowohl Muslime als auch Christen zusammen auf der Insel. Im 15. Jahrhundert wurde Qasr Ibrim von den Osmanen eingenommen. Im Mameluckenkrieg wurde der Ort 1812 von ägyptischen Truppen zerstört und blieb seitdem unbewohnt.

Die wechselhafte Geschichte der befestigten Stadt von Qasr Ibrim spiegelt sich auch in zahlreichen Textdokumenten wieder. Es wurden an unterschiedlichen Stellen zahllose Papyri, Schriftstücke, Lederrollen und Papierrollen und anderer Schriftträger mit demotischen, griechischen, lateinischen, altnubischen, meroitischen, arabischen und osmanisch-türkischen Texten gefunden.Auswahl weiterführender Literatur:
  • Caminos, Ricardo, „Qasr Ibrim“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Sp. 43-45.
  • Willeitner, Joachim, Nubien: Antike Monumente zwischen Assuan und Karthum, München 1997.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg