Die Pyramiden von Lischt südlich von Kairo

Auf dem Weg zur Faijum-Oase, etwa 65 Kilometer südlich von Kairo, 5 Kilometer südlich der Pyramiden von Masguna und etwa 13 Kilometer nördlich der Pyramide von Medum, liegen die Pyramiden von Lischt . Es handelt sich um die Pyramiden der ersten Pharaonen der 12. Dynastie ( Mittleres Reich ), und zwar von Amenemhet I. und dessen Sohn Sesostris I. (beide 20. Jahrhundert v. Chr.).

Benannt ist die Nekropole nach dem in der Nähe gelegenen Dorf el-Lischt. Die beiden Pyramiden stehen in einem Abstand von etwa 2 Kilometern. Die Pyramide von Amenemhet I. liegt im Norden, die von Sesostris I. im Süden. Aus der Ferne wirken die zwei Pyramiden wie große Sandhügel, weil sie im Laufe der Zeit ihrer äußeren Verkleidung beraubt wurden.

Die beiden Pharaonen, Amenemhet I. und dessen Sohn und Nachfolger Sesostris I. (Anmerkung: Im Englischen wird der Name auch oft „Senwosret“ geschrieben, in Anspielung auf die hieroglyphische Schreibung des Namens. „Sesostris“ ist dagegen die griechische Variante des Namens.), läuteten mit ihrer Herrscherdynastie eine neue Epoche in der Geschichte Ägyptens ein. Nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches und der Phase einer zentralstaatslosen Zwischenzeit (genauer: der sogenannten „Ersten Zwischenzeit“, von der Mitte des 22. bis etwa zur Mitte des 21. Jahrhunderts v. Chr.), wurde Ägypten unter den Pharaonen der 11. Dynastie wieder vereint, aber vom südlich gelegenen Theben aus regiert. Die Pharaonen der 11. Dynastie errichteten sich dort auch ihre Gräber (siehe Grab und Totentempel von Mentuhotep in Deir el-Bahari ). Amenemhet I. war vermutlich zunächst Wesir, also oberster Reichsminister, wurde dann Pharao und verlegte schließlich die Hauptstadt in eine neu gegründete königliche Residenzstadt namens „Itjtaui“ (das bedeutet soviel wie „Beherrscherin der beiden Länder“) in der Nähe der alten Metropole Memphis.

Amenemhet I. plante zuerst ein Felsgrab mit Totentempel in Theben nach dem Vorbild Mentuhoteps, und zwar in einem Wadi hinter dem späteren Ramesseum (Totentempel Ramses’ II.). Doch blieb es unvollendet. Vermutlich änderte er seine Pläne und verleget den Ort seiner zukünftigen Grabstätte in die Nähe der neuen Residenz. Dort knüpfte er an die Traditionen des Alten Reiches an und ließ sich eine Pyramide errichten. Somit war die mit dem Ende des Alten Reiches erloschene Pyramidenbautradition erneut begründet worden. Von nun an ließen sich alle Pharaonen des Mittleren Reiches wieder in Pyramiden bestatten. Mit den Königen der 12. Dynastie begann in Ägypten eine klassische Zeit pharaonischer Herrschaft mit einem starken zentralisierten Staat und einem neuen kulturellen Höhepunkt. Mit dieser Entwicklung begann auch die Phase einer neuen Tradition der hohen Beamten und Würdenträger, einer Literokratie, d.h. „Herrschaft der des Schreibens fähigen Amtsträger“, die sich durch Kenntnis und Tradierung hoher Literatur sowie durch hohe ethische Vorstellungen von den Rechten und Pflichten eines Amtes auszeichnete. Der König und seine Beamten galten nicht nur als Repräsentanten einer göttlichen Ordnung, wie im Alten Reich, sondern zunehmend als Beschützer und Versorger der Menschen des Landes, der Pharao als „guter Hirte“ und seine Untertanen als das „Vieh Gottes“.

Die Pyramide von Amenemhet I., sozusagen die allererste königliche Pyramide des Mittleren Reiches, ist in ihren Ausmaßen noch recht bescheiden. Sie hatte eine Basislänge von 84 Metern. Ihre Höhe muss irgendwo zwischen 55 Metern (s. Lehner 1997) und 59 Metern (s. Verner 1999) gelegen haben. Vom Pyramidentempel gibt es nur geringe Ruinenreste. Er lässt sich nur schwer rekonstruieren. Die Pyramide wurde, im Vergleich zu denen des Alten Reiches, relativ schnell und unsorgfältig erbaut. Man errichtete Streifen aus Steinquadern und füllte die Zwischenräume mit Bauschutt und Ziegeln auf, darunter auch Spolien, d.h. Steinblöcke älterer Bauten aus dem Alten Reich. Da im Laufe der Jahrhunderte Steinräuber den glatten Kalksteinmantel der Pyramide abtrugen, waren die darunter liegenden Bauschichten der Pyramide den Witterungen ausgesetzt und wurden durch Wind und Wetter abgetragen. So entstand der eigenartige, abgeflachte Hügel, der einst eine Pyramide gewesen sein soll. Die Gänge im Innern der Pyramide können nicht mehr betreten werden. Es gib einen absteigenden Gang, der wegen des gestiegenen Grundwassers nicht bis zum Ende erforscht werden kann. Die Pyramide ist von einer inneren Umfassungsmauer (etwa 110 mal 110 Meter) und einer äußeren Umfassungsmauer (ca. 195 mal 155 Meter) umgeben.

An der Westflanke der Pyramide, innerhalb der äußeren Umfassungsmauer, sind viele Grabschächte in den Boden gegraben worden. Sie waren für Prinzen und Prinzessinnen, vielleicht auch für andere Familienmitglieder bestimmt. Außerdem durften sich einige hohe Amts- und Würdenträger Mastaba-Gräber im Umfeld der Pyramide anlegen, manche sogar innerhalb der Umfassungsmauer des Pyramidenbezirks.

Die Pyramide von Sesostris I. ist größer. Sie hatte eine Basislänge von 105 Metern und vermutlich eine Höhe von ca. 61 Metern. Sie wurde nach einer ähnlichen Methode wie die Pyramide Amenemhets I. errichtet, und zwar mit einem System aus acht zentralen Stützmauern, die von der Pyramidenmitte zu den vier Ecken und den vier Seiten führen, sowie in jedem Achtel drei weitere kleinere Stützmauern, die von den diagonalen Mauern an die Seiten führen, so dass 32 große Zwischenräume entstanden, die mit Schutt- und Ziegelfüllungen aufgefüllt wurden, bis das Ganze schließlich mit einer Kalksteinverkleidung überzogen wurde. Der Pyramidentempel ist besser erhalten als bei der Pyramide Amenemhets I. Seine Struktur und Raumaufteilung erinnert an die Pyramidentempel der 5. und 6. Dynastie in Sakkara und Abusir. Es gibt einen schmalen Eingangsportikus, der von Osten auf einen offenen Kulthof führt. Der Kulthof war von einem Pfeilerumgang umgeben, und in der Mitte stand ein Opferaltar. Dann folgt der innere Teil des Totentempels mit der Fünf-Nischen-Kammer für die Statuen des Königs und dahinter der Totenopferraum mit der Scheintür. An den Seiten ist der Tempel von allerlei Magazinräumen flankiert, in denen die Opfergaben und Kultgegenstände gelagert wurden. Im Pyramidentempelkomplex wurden zehn lebensgroße Statuen des Königs gefunden, die ihn sitzend mit königlichem Kopftuch zeigen. Der Eingang zur eigentlichen Pyramiden liegt wie bei den Pyramiden des Alten Reiches an der Nordseite. Durch eine kleine Kapelle gelangt man in den Gang, der zur Grabkammer hinabführen müsste. Doch liegt die Kammer unterhalb des Grundwasserspiegels und ist deshalb noch unerforscht. Südlich des Totentempels befinden sich Reste einer kleinen Kultpyramide. Der Pyramidenbezirk von Sesostris I. war von zwei Abgrenzungs- bzw. Umfassungsmauern umgeben. Zwischen der inneren (160 mal 140 Meter) und äußeren Umfassungsmauer (260 mal 230 Meter) wurden die baulichen Überreste von neun kleinen Satellitenpyramiden, die königlichen Familienmitgliedern vorbehalten waren, ausgegraben. Diese Nebenpyramiden waren ursprünglich im Durchschnitt etwa 16 bis 19 Meter hoch. Außerhalb der äußeren Umfassungsmauer wurden noch einige Mastabas und Privatgräber der hohen Amts- und Würdenträger gefunden. Etwas Besonderes wurde in der Mastaba eines Mannes namens Sesostris-Anch (bzw.) Senwosret-Anch vorgefunden: Er ließ in seinem Grab Hieroglypheninschriften anbringen, die Auszüge aus den Pyramidentexten enthalten. Die heiligen Pyramidentexte waren bis dahin nur Pharaonen vorbehalten gewesen, denn die Texte thematisieren unter anderem den Aufstieg Pharaos in den Himmel. Die Erklärung hierfür ist, dass es sich bei Sesostris-Anch um einen Hohenpriester des Ptah gehandelt hat, der somit Kenntnisse heiliger Texte hatte. Vielleicht stand er auch in einer besonderen Gunst des Königs, dass ihm die Ehre der Verwendung heiliger und geheimer Texte erlaubt war.

Im Umfeld der Pyramide von Sesostris I. liegen weitere Mastaba-Gräber. Wie in den Nekropolen des Alten Reiches, etwa in Giza (Giseh), Sakkara oder Abusir, legten wieder zahlreiche hohen Amts- und Würdenträger ihre Privatgräber, ihre Mastabas im Schatten der königlichen Pyramiden an. Dies ist ein deutliches Zeichen für die Zentralisation des Staates und für eine neuerliche Tendenz der gesellschaftlichen Eliten zur Verhofung. Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, The Pyramid of Senwosret I, (The South Cemeteries of Lisht, Vol. I), Publications of the Metropolitan Museum of Art Egyptian Expedition, Nr. 22, New York 1988.
  • Arnold, Dieter, The Pyramid Complex of Senwosret I, (The South Cemeteries of Lisht, Vol. III), Publications of the Metropolitan Museum of Art Egyptian Expedition, Nr. 25, New York 1992.
  • Arnold, Dieter, Middle Kingdom Tomb Architecture at Lisht, (in Zusammenarbeit mit James P. Allen), Publications of the Metropolitan Museum of Art Egyptian Expedition, Nr. 28, New York 2008.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden. Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg