Die Pyramiden von Abusir zwischen Giza und Sakkara

 

Die Pyramiden von Abusir sind die Herrschergräber der Pharaonen aus der 5. Dynastie. Zwar sind die Pyramiden selbst schlecht erhalten. Dafür lassen sich die Grundrisse der beeindruckenden Totentempel wunderbar studieren. Abusir ist ein Geheimtipp für archäologisch Interessierte.

Abusir (arab. Abu Sir, ursprünglich von altägyptisch „pr Wsjr“, „Haus des Osiris“) ist der Name einer alten Nekropole (Totenstadt) aus der Zeit des Alten Reiches, genauer gesagt der 5. Dynastie (etwa Mitte des 25. Jahrhunderts bis Mitte Ende des 24. Jahrhunderts v. Chr.). Hier stehen die Überreste von fünf königlichen Pyramiden sowie von Beamtengräbern und einer Königinnenpyramide. Abusir liegt etwa 18 Kilometer Luftlinie südlich von Giza (Giseh) und 6 Kilometer nördlich von Sakkara (Saqqara).

Pyramiden von Abusir (Foto: M. Hüneburg)

Die meisten Pyramiden sind in einem sehr schlechten Erhaltungszustand. Archäologisch weniger interessierte Touristen werden nach dem Besuch der Pyramiden von Giza (Giseh), Dahschur und Sakkara (Saqqara) bereits die Highlights des altägyptischen Pyramidenbaus besichtigt haben und unter Umständen von Abusir enttäuscht sein. Für archäologisch und historisch interessierte Besucher dagegen lohnt sich der Abstecher auf jeden Fall, zumal wegen der geringen touristischen Frequentierung: Man hat die Anlagen fast für sich allein.

Bei den königlichen Pyramidenanlagen handelt es sich, von Süden nach Norden aufgezählt, um die Grabmäler der Pharaonen Neferefre (bzw. Raneferef), Neferirkare, Niuserre (bzw. Neuserre) und Sahure sowie nordwestlich davon der Pyramidenaushub des Schepseskare (von dessen geplanter Pyramide nur noch Reste des Bauaushubs im Boden zu erkennen sind). Alle Pyramideneingänge sind vom Antikendienst geschlossen worden. Deshalb kann man das Innere der Pyramiden nicht betreten. Das Gang-Kammer-System ist allerdings weitaus weniger spektakulär als jenes der Djoser-Pyramide oder der Cheops -Pyramide: Von Norden her führt jeweils ein einfacher Gang zu einer Grabkammer in der Mitte unterhalb der Pyramide. Das Besteigen der Pyramiden ist nicht gestattet.

Pyramide des Neferirkare in Abusir (Foto: M. Hüneburg)

Der schlechte Erhaltungszustand der Baudenkmäler macht es schwierig, sich die Pyramiden und Tempel im Originalzustand vorzustellen, zumal die Schutthügel der Pyramidenreste heute weitaus niedriger sind, als die Pyramiden ursprünglich waren. Grund für den Zustand ist die Tatsache, dass die Pyramiden seit der Antike und insbesondere im Mittelalter als Steinbrüche missbraucht wurden. Da der innere Kern der Pyramiden von Abusir weniger massiv ist als bei den großen Pyramiden von Dahschur und Giza, sind sie nach Verlust des Schutzmantels zu Hügeln deformiert. Die größte Pyramide in Abusir ist die des Neferirkare. Die Königinnenpyramide südlich der Neferirkare-Pyramide wird der Königin Chentkaus II. zugeschrieben. Sie hatte ursprünglich einen eigenen kleinen Totentempelkomplex, der sich in seiner Konzeption an den großen Königspyramidentempeln orientierte.

Die ursprüngliche Gestalt der Pyramidentempelanlagen kann man sich am ehesten vor Augen führen, wenn man die Anlage des Sahure begeht. Die Anlage des Sahure gilt zudem als klassisches Vorbild für die meisten späteren Toten- und Pyramidentempel. Nach den großen Pyramiden von Giza wurden zwar kleinere Pyramiden gebaut, deren Architektur jedoch kanonisiert und besonderer Wert auf die Anlage der Pyramidentempel gelegt. Fast alle Pyramidenanlagen des späten Alten Reiches, der 5. und 6. Dynastie, waren nach einem klaren Schema geplant. Entlang der Ost-West-Achse gab es einen Taltempel im Niltal, einen Aufweg, einen Toten- oder Pyramidentempel am Fuß der Pyramide und schließlich die Pyramide selbst, deren Eingang in der Regel im Norden liegt. So ist es auch bei der Anlage des Sahure: Einst führte von einem Torbau im Tal, innerhalb des Fruchtlandes an einem See oder Kanal gelegen, ein Aufweg zum eigentlichen Pyramidentempel. Den Eingang bildet ein langes schmales Vestibül, von dem aus man in einen offenen Hof mit Säulenumgang gelangt. In der Mitte des Hofes stand ein Altar. Dann gelangt man durch einen Durchgang zu einer Treppe, die zu einem Kultraum führt, in dem fünf Statuennischen oder Statuenschreine sind. Hier wurden vermutlich fünf verschiedene Statuen des Königs aufbewahrt. Durch eine Tür an der Südwand kommt man in einen nach Westen führenden Gang, der am Ende durch eine nach Norden zeigende Tür in den Totenopferraum führt. Hier wurden die Opferkulte für den verstorbenen Pharao zelebriert. An der Westwand des Totenopferraums ist die Scheintür angebracht, durch welche die „Seele“ Pharaos zwischen Diesseits und Jenseits wechseln konnte, um zum Beispiel im Diesseits die Totenopfer in Empfang zu nehmen. An den Flanken der Anlage gibt es noch Gänge mit Magazinräumen für die Speicherung der Opfergaben und Lagerung der Kultgeräte. An der Südseite des Pyramidentempels gab es noch eine kleine Kultpyramide und einen Nebeneingang für die Dienst habenden Priester. Die Maße und Daten der königlichen Pyramiden von Abusir (nach Miroslav Verner, 1994):

Aufgezählt von Süden nach Norden:

Pyramide des Neferefre (Raneferef):
Ursprüngliche Höhe: unbekannt, da unvollendet
Länge der Basisseite: vermutlich 78 m

Pyramide des Neferirkare:
Ursprüngliche Höhe: 72 m
Länge der Basisseite: ca. 104 m

Pyramide des Niuserrre:
Ursprüngliche Höhe: ca. 50 m
Länge der Basisseite: ca. 78,5 m

Pyramide des Sahure:
Ursprüngliche Höhe: ca. 48 m
Länge der Basisseite: ca. 78,5 m

Pyramide des Schepseskare:
Pyramidenaushub für unvollendete Pyramide.
Maße können nicht mehr rekonstruiert werden. Mastaba des Ptahschepses

Unmittelbar vor der Pyramide des Niuserre liegen mehrere Privatgräber von hohen Amts- und Würdenträgern des Alten Reiches. So etwa die Mastabas des Userkafanch und des Djadjaemanch. Das größte Grab dieser Gruppe gehörte dem Wesir Ptahschepses. Er war ein Schwiegersohn des Königs Niuserre. Mit den Außenmaßen von 56 mal 42 Metern gehört dieses Grab zu den größten nichtköniglichen Anlagen des Alten Reiches und verfügt über einen eigenen Kultkomplex. Es handelt sich eine Art Grabpalast.

Man betritt den Bau von Nordosten. Am Eingangsportal stehen zwei Lotusbündelsäulen. Geht man durch den Eingang, gelangt man in einen zweiten Eingangsraum mit ebenfalls zwei Lotusbündelsäulen. Dieser Raum war der ursprüngliche Eingang, bevor das Grab baulich erweitert wurde. Dann folgt eine Kammer mit drei Kapellen und nach Norden eine Gruppe von kleinen Magazinräumen. Nach Süden kommt man durch einen weiteren Raum in einen großen offenen Hof mit Pfeilerumgang und einem Altar in der Mitte. Von diesem Kulthof, der dem Säulenhof der Pyramidentempel entspricht, kann man nach Süden in einen Statuenraum und vier Magazinräume gelangen. In der Südwestecke des Hofes führt ein Durchgang zu einer weiteren Reihe von Magazinräumen und zu einer großen Grube für die Kultbarken, die Boote für die Reisen im Jenseits. In den eigentlichen Bereich des Totenkultes gelangt man, wenn man am nördlichen Ende der Westwand des Hofes durch einen Eingang in den Statuenraum, und durch einen Durchgang nach Norden in den ersten Totenopferraum geht. Von hier aus kann man durch einen weiteren Gang nach Norden in einen zweiten Totenopferraum kommen.

Die zwei Sonnenheiligtümer von Abu Gurob bei Abusir

Weniger als einen Kilometer nordwestlich des Pyramidenfeldes von Abusir (Abu Sir), mit den Königsgräbern der 5. Dynastie, liegen einsam und verlassen die Überreste und Ruinen zweier Anlagen, die heute allgemein als „Sonnenheiligtümer“ oder als „Sonnentempel“ bezeichnet werden, wenngleich ihre genaue Funktion noch nicht vollständig geklärt ist. Diese Heiligtümer werden den Königen Niuserre und Userkaf zugeschrieben. Beide waren Herrscher der 5. Dynastie. Allerdings ließ Userkaf seine Pyramide nicht in Abusir, sondern in Sakkara errichten. Vermutlich standen die Sonnenheiligtümer im kultischen Zusammenhang mit dem Sonnentempel im großen Kultzentrum von Heliopolis. Auf jeden Fall standen sie auch im Zusammenhang mit den Pyramidenkomplexen der besagten Könige. Dies belegen unter anderem Papyri, die in Abusir gefunden wurden und Aufschluss über den Opferkult geben.

Beide Sonnenkultanlagen waren vom groben Prinzip her wie die Pyramidenanlagen gegliedert. Es gab einen vorgelagerten Torbau im fruchtbaren Niltal, von dem ein Aufweg zum höher gelegenen Haupttempel auf den Randhügeln der Wüste, in Sichtweite der Pyramiden von Abusir, führte. Der Haupttempel bestand aus einer Umfassungsmauer, die einen offenen Hof begrenzte. Es handelt sich hierbei um den Kulthof für den Sonnenkult. In dessen Mitte standen Altäre und ein großer Obelisk.

Beim Sonnenheiligtum des Niuserre, dem größeren der beiden Sonnenheiligtümer, messen die Überreste der Umfassungsmauer rund 110 mal 80 Meter. Der Obelisk war, nach den Ausgräbern Borchardt und v. Bissing, ursprünglich wohl rund 56 Meter hoch. Heute sieht man nur noch den Sockel. In den Sockel mündete einst von Süden her ein gedeckter Gang. Er führte die ganze Südseite des Kulthofes entlang. Seine Innenwände waren im letzten Abschnitt mit Reliefdarstellungen des königlichen Jubiläumsfestes, den sogenannten Sed-Fest-Darstellungen geschmückt. Im Eingangsgangsbereich zum Inneren des Obelisken gab es eine besondere Kammer, die sogenannte Weltenkammer, deren Wände mit Darstellungen der Jahreszeiten und den dazu gehörigen saisonalen Naturgeschehnissen ausgestaltet waren. In der nördlichen Hälfte der Kulthofanlage befanden sich große Schlachthöfe zum Herrichten der Opfergaben und Magazine und Lagerräume zum Speichern der Güter und Lagern der Kultgeräte.

Anmerkungen zur Forschungsgeschichte von Abusir und Abu Gurob

Obschon die Pyramiden und Anlagen von Abusir und Abu Gorub schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnt und beschrieben wurden, begann man erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit systematischen Ausgrabungen. Es waren deutsche Archäologen, Architekten und Bauforscher, die damit begannen. Das vereinigte deutsche Kaiserreich stand damals, was die praktische Archäologie in Ägypten angeht, weit hinter den Leistungen der Briten und Franzosen. Und man war im Deutschen Reich neidisch auf die großartigen Sammlungen im Pariser Louvre und im Britischen Museum in London. Um die Berliner Museen ebenfalls mit orientalischen Artefakten zu schmücken, wurde die Deutsche Orientgesellschaft ins Leben gerufen, an deren Gründung auch der – historisch sehr interessierte – Kaiser Wilhelm II. einen nicht zu missachtenden Einfluss hatte. Der Privatier und Ägyptologe Friedrich Wilhelm Freiherr von Bissing setzte sich auch finanziell für die Ausgrabungen in Abusir und Abu Gurob ein und unterstützte die Expeditionen mit einer großen Summe Geld. Die Leitungen der Ausgrabungen in Abusir und Abu Gurob hatte größtenteils der Architekt und Bauforscher Ludwig Borchardt inne. Er war zudem der spätere Begründer des deutschen Archäologischen Instituts in Kairo und dann des Schweizerischen Instituts für ägyptische Bauforschung in Kairo. Berühmt wurde Borchardt durch den Fund der Büste der Königin Nofretete. Die Ausgrabungskampagnen waren ein großer Erfolg. Es konnten viele Erkenntnisse über den Bau der Pyramiden und insbesondere über die Pyramidentempel gewonnen werden. Zahlreiche Reliefs und Baufragmente aus Abusir und Abu Gurob befinden sich heute in deutschen Museen.

Das Sonnenheiligtum des Userkaf wurde schließlich in den 50er Jahren vom deutschen Archäologischen Institut untersucht. Dies war die erste deutsche Ausgrabung in Ägypten nach dem Zweiten Weltkrieg.

In Abusir gräbt heutzutage das Team des Tschechischen Archäologischen Instituts. Seit mehreren Jahrzehnten haben die tschechischen Archäologen und Ägyptologen die Pyramidenalgen, Mastabas und andere Gräber in Abusir erforscht.Auswahl weiterführender Literatur:

  • Borchardt, Ludwig, Das Grabmal des Königs Ne-user-re, Leipzig 1907.
  • Borchardt, Ludwig, Das Grabmal des Königs Nefer-ir-ke3-re, Leipzig 1909.
  • Borchardt, Ludwig, Das Grabmal des Königs Sa3-hu-re, 2 Bände, Leipzig 1910 u. 1913.
  • Borchardt, Ludwig und Friedrich Wilhelm Freiherr von Bissing, Das Re-Heiligtum des Königs Ne-Woser-Re, (Band 1: Berlin 1905, Band2: Leipzig 1923, Band 3: Leipzig 1928).
  • Edwards, I.E.S., The Pyramids of Egypt, London 1972.
  • Jánosi, Peter, Die Gräberwelt der Pyramidenzeit, Mainz 2006
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.
  • Verner, Miroslav, Verlorene Pyramiden - vergessene Pharaonen: Abusir, Prag 1994.
  • Voß, Susanne, Untersuchungen zu den Sonnenheiligtümern der 5. Dynastie. Bedeutung und Funktion eines singulären Tempeltyps im Alten Reich, (Online-Publikation d. Dissertation), Hamburg 2004.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg
Pyramiden von Abusir und im Vordergrud ein Schachtgrab aus der Spätzeit (Foto: M. Hüneburg)