Profane Architektur - Häuser, Paläste, Festungen

Ägypten ist ein Land der sakralen Baudenkmäler. Aus der Pharaonenzeit sind Tempel, Pyramiden und Grabanlagen erhalten, aus dem Mittelalter prächtige Kirchen, Klöster und Moscheen. Doch über die alten Städte und Dörfer wissen wir nur wenig. Der Grund für diesen archäologischen Befund liegt in der geographischen Beschaffenheit der Region und in der Verwendung der Baumaterialien. Heiligtümer, Tempel und Moscheen wurden aus Stein errichtet, oftmals aus erlesenen Baumaterialien. Die einfachen Wohnhäuser und Gehöfte wurden dagegen aus sonnengetrockneten Lehmziegeln gebaut. Stein ist dauerhaft haltbar. Lehmziegel können zerfallen. Einfache Hütten, Häuser und Gehöfte hatten daher eine geringere Chance die Jahrtausende zu überdauern bleiben als steinerne Tempel.
Wohnhäuser in der Oase Dakhla
Die geographische Situation im Niltal spielt bei diesem Befund eine zusätzliche Rolle. Der Nil hat im Verlauf der letzten Jahrtausende mehrfach sein Flussbett verschoben. Zwar blieb er immer innerhalb der Flusstalebene, konnte aber innerhalb dieser selbst sein Bett mal einige Kilometer nach Osten oder nach Westen verschieben. Nach jeder Nilflut konnte sich der mäandrierende Fluss einen neuen Weg suchen. Besonders im Delta ist dies auffällig. Auf diese Weise sind im Verlauf der Jahrtausende viele Siedlungen einfach weggespült worden. Dort jedoch, wo sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende Siedlungen ununterbrochen an ein und derselben Stelle befanden und noch heute befinden, sind die alten Bauten von modernen Gebäuden überbaut. Um zu den Resten der alten Häuser zu gelangen und diese auszugraben, müsste man zunächst die neuen abreißen, was, wie man sich vorstellen kann, im Regelfall nicht möglich ist. Wenn jedoch in Kairo, Luxor , Assuan oder anderen Orten Häuser abgerissen werden oder bei Baustellen in die Tiefe gegraben wird, und man dabei auf alte Baureste stößt, ergeben sich Chancen für archäologische Notgrabungen. In ländlichen Gebieten ist es oft vorgekommen, dass durch die Verlagerung des Flussbettes oder Umleitung eines Kanals die eine oder andere Siedlung aufgegeben und für den Ackerbau eingeebnet wurde – so geschehen bei den großen Residenzstädten Auaris und Ramsesstadt im Delta, wo schon im Altertum der östliche Nilarm austrocknete. Die Bauern dort beackern Erde, unter deren Oberfläche die Ruinen einstiger Hauptstädte liegen.Ein weiterer Grund ist der Ziegelraub. Sobald Häuser zerfallen oder eine Siedlung aufgegeben wird, kommen die Bewohner der umliegenden Orte und Dörfer, um sich Ziegelmaterial für die Aus- und Umbauten ihrer eigenen Häuser zu holen. Das erspart die Arbeit des Ziegelherstellens. Kaputte Ziegel können eingestampft oder zerbröselt werden, um als Dünger für die Felder zu dienen. Denn die Mischung aus Strohmergel und Lehm ist ideal, um den Acker fruchtbar zu machen. So kommt es, dass die Touristen schnell den Eindruck bekommen, die alten Ägypter hätten sich mehr um Tempel und Gräber gekümmert, als um ihre eigenen Dörfer und Städte. Die typische Form einer antiken Ruinenstadt in Ägypten (und auch sonst im Nahen und Mittleren Osten) ist der Tell oder Kom. Hierbei handelt es sich um alte Siedlungshügel, die im Verlauf der Jahrtausende gewachsen sind. Sie ragen wie eine braune oder sandfarbene Lehmmasse aus der grünen Flusstallandschaft hervor. Wie entsteht ein solcher Tell? Zunächst lassen sich Siedler an einem Ort im Flusstal nieder. Sie errichten einfache Wohnbauten und Gehöfte aus Lehmziegeln. Mit der Zeit wird das eine oder andere Wohnhaus erneuert, ausgebessert, erweitert oder komplett umgebaut. Wegen der schlechten Haltbarkeit des Baumaterials kommt es immer wieder vor, dass ein Haus komplett eingestampft und auf dessen Bauschutt ein neues errichtet wird. Mit jedem Um- und Neubau erhöht sich das Bodenniveau. Der Schutt des alten ist das Fundament des neuen Hauses. So wächst der Ort nach oben: Man baut auf den Häusern der Vorfahren. Hinzu kommen Sandstürme. Ständig legt sich eine Staub- und Sandschicht auf den Boden. Regnet es oder wird Wasser darüber gegossen, was oft getan wird, um den Boden zu kühlen oder den Boden nach dem Trocknen fest werden zu lassen, so wächst das Niveau der Straßen und Wege innerhalb des Ortes. Auch wenn es sich pro Staub- und Sandschicht nur um Millimeter handelt, können sich über die Jahrhunderte meterdicke Niveauunterschiede herausbilden. In alten Orten, aber auch an manchen Stellen in der Altstadt von Kairo, kann man noch sehen, wie das Eingangsniveau mancher Haustür unterhalb des Straßenniveaus liegt. Man muss ein paar Stufen herabsteigen, um in das Hausinnere zu gelangen. Solche Niveauunterschiede von Häusern und Straßen sind die Folge solcher Aufschichtungen. Archäologen haben es bei ihren Ausgrabungen daher oft mit Siedlungsschichten zu tun, die sich wie Sedimentschichten übereinander lagern. So entspricht die Arbeit eines Archäologen in etwa jener des Geologen. Bestes Beispiel eines solchen Tells oder Koms ist die ausgegrabene Siedlung auf der Nilinsel Elephantine bei Assuan. Hier kann man die Siedlungsgeschichte über mehrere Jahrtausende durch die ganze Pharaonenzeit verfolgen, von der Frühzeit und dem Alten Reich bis zur byzantinischen Zeit. Alle Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude waren aus Lehmziegeln und in agglutinierender Bauweise errichtet worden. Agglutinierend bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Häuser Mauer an Mauer errichtet wurden. So konnten per Durchbruch auch mal zwei Häuser verbunden und somit zu einem gemacht werden – oder ein Haus durch eine zusätzliche Mauer in zwei Wohneinheiten aufgeteilt werden. Einen guten Eindruck altägyptischer Wohnbauten vermitteln ebenfalls die Ausgrabungen von Deir el-Medine bei Luxor und in Tell al-Amarna. In Deir el-Medine kann man die Hausgrundrisse einfacher Arbeiterhäuser besichtigen. Sie sind Mauer an Mauer wie Reihenhäuser errichtet worden. Man gelangt durch einen Eingangsraum mit Kapelle in den Hauptwohnraum mit einer Säule in der Mitte. Von dort zweigen Speisekammern und Vorratsräume ab. Am Ende des Hausdurchgangs ist die Küche mit der Feuerstelle. In Tell el-Amarna hat man die Villen und Domizile der reichen Oberschicht ausgegraben. Hier waren die Häuser freistehend, mit Garten und Vorratsgebäuden auf dem Grundstück. Überhaupt wirkt die Beamtensiedlung von Tell el-Amarna wie eine moderne Vorstadtsiedlung mit Parkanlagen. Alle Gutshäuser hatten einen sehr repräsentativen Charakter mit Empfangsräumen und zentraler Säulenhalle. Dahinter lagen die privaten Gemächer. Die Dienerschaft wohnte bei den Vorratshäusern und Stallungen. Auch die Küche ist ausgelagert.Fast alle Lehmziegel-Wohnhäuser hatten ein Flachdach. Die Decke oder das Dach eines typischen Lehmziegelhauses bestand in der Regel aus dicken hölzernen Trägerbalken, die mit Matten und Flechtwerk überdeckt wurden. Seltener waren Lehmziegelgewölbe. Nur gelegentlich waren Wohnhäuser zwei- oder mehrstöckig. Bei den mehrstöckigen Ausnahmen handelt es sich in der Regel um Stadtwohnhäuser aus dem Neuen Reich. Die Fenster waren mit einem Holzrahmen versehen. Auch die Türen und Türrahmen waren aus Holz. Ziegel wurden manchmal mit, oft auch ohne Mörtel für die Fugen verlegt. Wände wurden manchmal weiß getüncht. Der Fußboden war aus einfachem Stampflehm. Fliesenziegel waren Luxus und wurden nur bei repräsentativen Bauten verwendet. Da es im Sommer in den Häusern sehr heiß und stickig werden konnte, schliefen viele Ägypter nachts auf dem Dach unter dem Sternenzelt. Überhaupt fand das meiste Leben im Freien statt. Dennoch bemühte man sich, die Luftzufuhr in den Wohnhäusern zu verbessern, indem man auf dem Dach Öffnungen nach Norden einrichtete, die durch Auffangen des Nordwindes für eine angenehme Belüftung der Wohnräume sorgten.Ein älteres Beispiel einer ägyptischen Siedlung hat man in der Nähe der Pyramide von Illahun ausgegraben. Hier handelt es sich um die Pyramidenstadt Kahun, die unter Pharao Sesostris II. (19. Jahrhundert v. Chr., Mittleres Reich ) entstand. Die sorgfältig geplante Stadt hatte eine rechteckige Grundfläche, die komplett von einer Mauer umgeben war. Auch das System der Straßen und Gassen war rechtwinklig angelegt. Im Zentrum erhob sich eine Art Akropolis mit den Verwaltungsgebäuden. Deutlich zu erkennen sind die Reste der unterschiedlichen Stadtviertel, durch welche die einzelnen Gesellschaftsschichten voneinander getrennt waren. Es gab Wohnviertel für die einfachen Pyramidenarbeiter und Wohnviertel für die gesellschaftliche Elite, die hohen Amts- und Würdenträger. Die Häuser der Arbeiter waren recht klein, die der Eliten sehr groß. In den Villen der Reichen gab es repräsentative Räume für den gesellschaftlichen Empfang und private Räume mit Schlafgemächern für die Familie, Latrinenraum, Bad, Abstellkammern usw. Die Wirtschaftsbereiche des Haushalts und die Unterbringung der Bediensteten waren bei den Stallungen und Vorratsräumen.Auch im Mittelalter und in der Neuzeit wurden die Häuser der Fellachen aus Nilschlammziegeln errichtet. Noch heute sieht man diese Häuser überall. Auf der Nilinsel Elephantine kann man im Nubischen Dorf erkennen, wie sich die Bauweise über Jahrtausende nicht verändert hat. Erst im 20. Jahrhundert begann sich eine neue Bauweise durchzusetzen: Betonpfeiler mit roten Industrieziegeln. Diese moderne Bauweise sieht man überall an den Rändern Kairos. Da viele Häuser in Ägypten nicht fertig gestellt und verputzt sind, sehen einige Stadtviertel Kairos wie Rohbauwüsten aus. (Der Grund dafür, dass viele Häuser in Ägypten heute halb im Rohbau stehen, hat mit dem Steuerrecht zu tun. Für ein fertiges Haus muss man Steuern zahlen, für ein halbfertiges nicht.) Auch in anderen Städten wird diese moderne Bauweise bevorzugt. Wegen des Bevölkerungswachstums werden ganze Trabantenstädte in der Wüste hochgezogen. Die Kunst der Lehmziegelbauweise gerät immer mehr in Vergessenheit und ist nur noch auf den kleinen Dörfern anzutreffen. Während auf den Dörfern über Jahrtausende die Häuser mit Lehmziegeln errichtet wurden, sind die prächtigen Stadthäuser des mittelalterlichen und neuzeitlichen Kairo zum Teil auch aus Stein gebaut worden. Im Mittelalter wuchsen die Stadthäuser Kairos in die Höhe, waren oft mehrstöckig. Die Häuser der Mächtigen und Wohlhabenden hatten prächtige Fassaden. Sie hatten einen offnen Innenhof und einen Empfangssaal. Bei den Gemächern schied man zwischen dem Bereich der Herrengemächer (Salamlik) und dem Bereich der Frauengemächer (Haramlik). Zur Belüftung wurde eine altägyptische Tradition weiter geführt. Auf dem Dach war ein nach Norden ausgerichteter Luftfänger, um die frische Abendbrise einzufangen. Diese Luft wurde in das Innere des Hauses geleitet, um die verbrauchte und erwärmte Raumluft durch einen Dachturm oder ein anderes Dachfenster herauszudrücken. Altägyptische Paläste: Auch die Paläste im Alten Ägypten der Pharaonenzeit wurden aus Lehmziegeln errichtet und sind daher schlechter erhalten als die Tempel und Heiligtümer. Reste großer Palastanlagen sind vor allem aus dem Neuen Reich erhalten. In Tell el-Amarna wurden die Palastanlagen von Echnaton ausgegraben. In West-Theben stand der große Königspalast von Malkata (Malqata) aus der Regierungszeit von Amenophis III. (14. Jahrhundert v. Chr.). Es handelt sich um eine sehr weitläufige Anlage mit unzähligen repräsentativen Räumen. Der Palast lag an einem See. Sowohl in Amarna als auch in Malkata hat man Wand- und Fußbodenmalereien mit Tier- und Pflanzenmotiven gefunden. Ägyptischer Festungsbau: Beeindruckend ist der Festungsbau. Nur selten werden Touristen mit ägyptischen Festungen konfrontiert. Der einzige Ort mit Resten einer Festung, der von Reisenden häufig besucht wird, ist der Tempel von Medinet Habu, der auch eine Festung war. Doch es gab auch Festungen ohne Tempelcharakter. So etwa die Grenzbefestigungen in Nubien. Leider sind sie heute alle im Nasser-Stausee versunken. Doch wurden sie zuvor archäologisch erforscht. Paradebeispiel einer ägyptischen Grenzfestung des Mittleren Reiches war Buhen in der Nähe von Wadi Halfa (heute im Nordsudan). Sie lag direkt am Nil. Es handelte sich um ein riesiges Gebilde aus inneren und äußeren Mauerringen, Zwingmauern mit Wachtürmen und Eckbastionen. Umzogen war die Festung von einem trockenen Wehrgraben. Den Eingang zur Landseite bildete ein monumentaler bastionsartiger Torbau. Zum Fluss hin gab es zwei Seiteneingänge. Im Schutz dieser Mauern konnte gesiedelt und gehandelt werden. Im Zentrum stand ein rechteckiges Kastell für die Garnison, das ebenfalls von hohen Mauern und Bastionen geschützt war. Die Art der Wehranlagen mit ihren Zinnen und Schießscharten and den Mauern und Türmen und die Raffinesse der Festungsarchitektur beweisen, dass die alten Ägypter schon zweitausend Jahre vor den Römern und dreitausend Jahre vor den Kreuzfahrern in der Lage waren, ebenbürtige Festungsbauten zu errichten. Im Unterschied zu den mittelalterlichen Kastellen waren die ägyptischen Festungen nicht aus Stein sondern aus sonnengehärteten Nilschlammziegeln errichtet worden.
Ein Paradebeispiel für den Festungsbau in römisch-byzantinischer Zeit ist die Feste „Babylon“ im koptischen Viertel von Kairo. Die Festung war im 1. Jahrhundert n. Chr. erbaut worden. In der byzantinischen Epoche wurde sie umgebaut und erweitert. Heute befindet sich auf und innerhalb der Ruinen dieser gigantischen Festung das koptische Stadtviertel mit seinen Kirchen.
Bestes Beispiel für eine mittelalterliche Festung in Ägypten ist die berühmte Zitadelle auf einem Hügel inmitten von Kairo. Die gigantischen Befestigungswälle wurden im 12. Jahrhundert unter Saladin errichtet, um sich gegen die Kreuzfahrer zu schützen. Angeblich sollen dazu Steine der Pyramiden verwendet worden sein. Die Zitadelle wurde im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut, erweitert und stärker befestigt. Die Festung war so groß, dass in den folgenden Jahrhunderten verschiedene Herrscher dort Paläste und Moscheen errichten ließen.
Auswahl weiterführender Architektur:
  • Arnold, Dieter, „Hausbau“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band II, Wiesbaden 1977, Sp.1062-1064.
  • Arnold, Dieter, „Palast“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band IV, Wiesbaden 1982, Sp. 644 ff.
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Brings, Jürgen, „Haus“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band II, Wiesbaden 1977, Sp. 1055-1061.
  • Endruweit, Albrecht, Städtischer Wohnbau in Ägypten: Klima gerechte Lehmarchitektur in Amarna, Berlin 1994.
  • Haeny, Gerhard, „Decken- und Dachkonstruktion“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Wiesbaden 1974, Sp. 998-1002.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg