Nomaden in Ägypten - Stämme der Wüste

Die Wüste ist das Reich der Beduinen. Kamelkarawanen durchstreifen die Sandmeere der Sahara. Seit Jahrtausenden war der Vordere Orient geprägt von den Gegensätzlichkeiten unterschiedlicher Lebensformen. Nomaden , Bauern und Städter lebten in symbiotischer Abhängigkeit und gleichzeitiger Andersartigkeit. Diese Andersartigkeit führte gewissermaßen zu einer Dreispaltung der arabisch-islamischen Gesellschaft und Kultur, die im Mittelalter den geschichtlichen Puls bestimmte und bis heute fortwirkt. In vielen Details zu unterschiedlich und widersprüchlich sind die Lebensbedingungen und Erfahrungshorizonte aller drei sozio-ökonomischen Kulturweisen, um in der Realität des Alltags ein jederzeit konfliktfreies Miteinanderauskommen ermöglichen zu können.

Die Beduinen (arabisch: „bedu“, von „bedauwi“, das soviel wie „nomadisieren, umherziehen“ bedeutet) leben in Abhängigkeit von den topographisch weit voneinander entfernt liegenden Wasserstellen der Wüste und den saisonal wechselnden Weidegründen an den Wüstenrändern. Zwar stehen sie durch den Viehhandel und durch die Karawanenwirtschaft mit den Menschen in den Städten und Oasen in konstruktiven Austauschkontakt. Doch kam es in der Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens oft genug vor, dass kriegerische Beduinenstämme ganze Orte, Dörfer und Oasen plünderten oder die Ernten der Bauern vernichteten. Außerdem entzogen sie sich regelmäßig administrativer Maßnahmen seitens der Städte und Staaten, da sie exekutiv nicht fassbar und somit nicht kontrollierbar waren.

Die milieutypischen Städter (arabisch: „madâni“, von „medina“ – „Stadt“) in historischer Zeit waren zumeist Händler, Kaufleute oder Handwerker in den kommerziellen Marktzentren der Stadt, in den Souks oder Bazaren. Städte blühten insbesondere an den Kreuzpunkten der Karawanenrouten. Von daher war man auf die Nomaden, je nach Verkehrslage, mehr oder minder angewiesen. Man begegnete sich auf den Vieh- und Kamelmärkten. Nichtsdestotrotz gab es beiderseits Vorbehalte und Vorurteile.

Einem völlig anderen Lebensrhythmus folgen seit jeher die Bauern (arabisch: „fellahin“, von „fallah“ – „Pflüger, Ackerbauer“ bzw. „falaha“ – „den Boden pflügen/beackern/spalten“) in den Oasen, in den Flusstälern (Nil, Euphrat, Tigris) und Gebirgen (z.B. im Jemen, Marokko, Libanon). An ihre Landscholle gebunden, haben sie niemals die Mobilitäts- und Flexibilitätsformen entfalten können, die den geschäftsflinken Städtern und den ortsungebundenen Beduinen eigen sind. Stattdessen sind sie aus rein praktischen Gründen gezwungen, sich permanent um die Bewässerung und Kultivierung ihrer Landparzellen zu sorgen, vor Aussaatbeginn Bewässerungskanäle anzulegen, Dämme und Deiche zu reparieren (z.B. nach der Nilschwemme in Ägypten oder beim Terrassenfeldbau im Hochland des Jemen) und schließlich sich um die rechtzeitige Einholung und sachgerechte Lagerung der Ernte zu bemühen. Dementsprechend ist der Mentalitätsunterschied zwischen Beduinen und Fellachen relativ groß, auch wenn es manchmal Mischformen wie beispielsweise nur temporär nomadische Hirten gibt, die zeitweise unter den Dörflern und andernteils unter dem freien Himmel der Wüste leben.

Heute, im Zeitalter der industriellen Moderne und des Tourismus, verschwinden die einstmals klaren Konturen der unterschiedlichen Lebensformen. Zunehmend geben Beduinen ihre nomadische Lebensweise auf und beziehen feste Wohnsitze. Auch das Leben der Bauern bekommt durch das expotentiale Bevölkerungswachstum, durch neue Verkehrsanbindungen und den schneller getakteten Geschäftsbetrieb in den Orten und Dörfern einen zunehmend städtischen Charakter, während gleichzeitig durch den Zuzug der Landflüchtigen und Arbeitssuchenden in die großen Städte (wie etwa Kairo) bäuerliche Lebensformen in den urbanen Bereich eindringen, Dorfgemeinschaften ganze Stadtviertel besetzen.

Einige Zehntausend echte Beduinen leben noch heute in Ägypten. Sie sind zumeist arabische Beduinen in der östlichen Gebirgswüste oder auf der Sinai -Halbinsel. Außerdem gibt es noch einige arabische und berberische Stämme in der westlichen, d.h. libyschen Wüste. Manchmal lässt sich nicht genau nachweisen, ob die Nomaden ihr Beduinenleben noch nach traditionellen Regeln leben oder nur um der Touristen wegen, denn das Vorgaukeln traditioneller Lebensformen veranlasst die Reisenden zum Fotografieren – und das bringt Bakschisch für die Beduinen. Haupteinnahmequelle aller Beduinen ist die Viehzucht. Man unterscheidet zwischen Kleinviehnomaden, die mit Eseln, Schafen und Ziegen den saisonalen Weidegründen folgen, und Großviehnomaden, die hauptsächlich Kamele züchten. Rindernomaden, wie einstmals die altlibyschen Hirtenvölker des frühen Altertums, mit denen die Ägypter zur Pharaonenzeit zutun hatten, gibt es in Ägypten nicht mehr. Man findet allerdings noch nomadisierende Rinderzüchter im südlichen Sudan, wo im klimatischen Bereich der Sahelzone verschiedene Niloten-Völker (z.B. die Dinka oder Nuer) von ihren Viehherden leben.

Nomadismus als Lebensform ist uralt. Seit Beginn der neolithischen Revolution, als in prähistorischer Zeit die ersten Menschen von Jäger- und Sammlern zu Ackerbauern und Viehzüchtern wurden, gab es die nomadische Lebensalternative. Mit diesem Schritt besetzten die Menschen eine ökologische Nische. Denn wenn Grund und Boden einer Oase oder einer landwirtschaftlichen Region für die Ernährung der dortigen Menschen und ihr Vieh nicht mehr ausreichten, gab es die Ausweichmöglichkeit, mit dem Vieh auf die Suche nach neuen Weidegründen zu gehen und entsprechend der Jahreszeiten die Weidegründe zu wechseln. Diese Mobilität führte bei klimatischen Schwankungen oder Dürrejahren schnell zu starken Völker- und Stammesbewegungen. Dies bekamen die sesshaften Bewohner des alten Ägypten unangenehm zu spüren, denn einfallende Nomadenstämme waren eine Bedrohung für die Bauern und ihre Felder. Die Geschichte der Pharaonenzeit ist geprägt von regelmäßigen Feldzügen gegen die Nomadenstämme, aber auch von zerstörerischen Einfällen der Hirtenvölker. Ethnisch wurden die meisten Nomadenstämme den Semiten (im Osten), den antiken Libyern (im Westen) und den Nubiern (im Süden) zugerechnet, wobei diese Bevölkerungsgruppen nicht immer sauber unterschieden wurden. Den alten Ägyptern war die nomadische Lebensweise äußerst suspekt. Denn die Bindung an das Ackerland und an die Stadt und den Tempel ihres Stadtgottes war ein wesentliches kulturelles Moment in der ägyptischen Gesellschaft. Nur wer ortfest wohnte, konnte auch die Totenkulte in den Grabkapellen der Vorfahren zelebrieren. Außerdem konnte nur so eine effektive Verwaltung greifen. Nomadengesellschaften waren dagegen meist tribal, d.h. nach Gesichtspunkten der Stammeszugehörigkeit organisiert. Außerdem wurden Nomaden oft als sehr kriegerisch und als unberechenbar wahrgenommen. So heißt es in einer viertausend Jahre alten ägyptischen Lehre (Merikarê 91-4):

„Der elende Nomade hat es schwierig an dem Ort, wo er lebt:
knapp an Wasser, mangelnd an Bäumen,
wo es viele Wege gibt und die Berge es beschwerlich machen.
Er haust nicht an einem Ort, sondern der Hunger treibt seine Füße an.
Er kämpft seit der Zeit des Horus (d.h. seit Urzeiten),
ohne dass er siegt oder besiegt wird;
er gibt nämlich seinen Kampftag nicht bekannt,
wie ein Räuber, der sich vor der Gemeinschaft drückt.“


Auswahl weiterführender Literatur:
  • Bates, Oric, The Eastern Libyans, London 1914 (Neudruck 1970).
  • Giveon, Raphael, Les béduins Shosou des documents égyptiens, (Documenta et monumenta orientis antiqui, Band 12), Leiden 1971.
  • Heine, Peter, Ethnologie des Nahen und Mittleren Ostens, Berlin 1989.
  • Hölscher, Wilhelm, Libyer und Ägypter. Beiträge zur Ethnologie und Geschichte libyscher Völkerschaften nach den altägyptischen Quellen, (Ägyptologische Forschungen, Band 6), Glückstadt 1937.
  • Khazanov, Anatoly, Nomads and the Outside World, Madison/Wisconsin 1994.
  • Loprieno, Antonio, Topos und Mimesis. Zum Ausländer in der ägyptischen Literatur, (Ägyptologische Abhandlungen, Band 48), Wiesbaden 1988.
  • Ruprechtsberger, Erwin M., Die Garamanten: Geschichte und Kultur eines libyschen Volkes in der Sahara, Mainz 1997.
  • Scholz, Fred, Nomadismus: Theorie und Wandel einer sozio-ökonomischen Kulturweise, (Erdkundliches Wissen, Band 118), Stuttgart 1995.
  • Staubli, Thomas, Das Image der Nomaden im Alten Israel und in der Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn, (Diss. OBO 107), Fribourg und Göttingen 1991.
  • Vardiman, Ernst E., Nomaden: Schöpfer einer neuen Kultur im Vorderen Orient, Wien und Düsseldorf 1977.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg