Die Pyramiden von Medum, Illahun und Hawara

Auf dem Weg von Kairo nach Süden zur Faijum-Oase, kommt man an drei wichtigen Nekropolen vorbei, die jeweils aus einer königlichen Pyramide mit ihren Kultanlagen und Nebengräben bestehen: Medum (auch: Meidum, Maidum, Meydum), Illahun (auch: il-Lahun. El-Lahun, el-Kahun) und Hawara (auch: Hauwara). Die drei Pyramiden sind jeweils nach dem am nächsten gelegenen Dorf oder Ort benannt worden. Die unterschiedlichen Schreibungen der Namen rühren von der uneinheitlichen (weil allgemein nicht konventionell geregelten) Übertragung aus dem Arabischen und sollten den Besucher nicht verwirren.

Die Pyramide von Medum

Die große Pyramide von Medum (bzw. Meidum) ist ein Relikt aus der frühen Pionierphase des Pyramidenbaus am Anfang der 4. Dynastie ( Altes Reich ) und stammt von Pharao Snofru (um 2600 v. Chr.), demjenigen König, der auch die zwei monumentalen Steinbauten in Dahschur , die Knickpyramide und die Rote Pyramide errichten ließ. Aus der Ferne mutet die äußere Erscheinungsform äußerst seltsam an. Man hat fast den Eindruck, es mit einer Stufenpyramide oder einem stufenförmigen Tempelturm zu tun zu haben. Doch tatsächlich war diese Pyramide einst die erste echte monumentale Pyramide in der ägyptischen Geschichte – bzw. sie ist das Ergebnis des ersten Versuches, eine Pyramide in geometrischer Reinform zu bauen.

Lange hat man über das Szenario gerätselt, wie es zu der seltsamen stufenförmigen Form und zu dem Schuttberg an der Basis der Pyramide gekommen ist. Eine heute verbreitete bautechnische Erklärung ist, dass die Pyramide zunächst als Stufenpyramide mit erst sieben, dann acht Stufen geplant war, aber dann durch Umbauten und Erweiterungen zu einer geometrisch echten Pyramide ausgebaut wurde. Am Ende soll sie eine Basislänge von 144 Metern und eine Höhe von 92 Metern gehabt haben. Teile der endgültigen glatten Kaltsteinverkleidung kann man an manchen Stellen der Basis noch heute erkennen. Lange Zeit glaubte man, dass durch die zahlreichen Umbauten und Erweiterungen sowie durch einen zu steilen Neigungswinkel der Böschung es zu einer Baukatastrophe gekommen sei. Deshalb habe Snofru die Pyramide schließlich aufgegeben und in Dahschur neue Anlagen errichten lassen. Heute geht man jedoch davon aus, dass die Pyramide vollendet wurde, aber früh als Steinbruch für Baumaterial späterer Bauten genutzt wurde und deshalb einige Teile der äußeren Schichten zusammenrutschten, so dass heute nur noch der innere Kern stufenturmartig steht. Das Gangsystem im Innern der Pyramide ist relativ einfach. Es gibt vom Eingang an der Nordseite einen herabführenden Gang, der wenige Meter unterhalb der Mitte der Pyramide waagerecht verläuft. Dann muss man ein paar Meter senkrecht nach oben steigen, um schließlich in die Grabkammer zu kommen. Die Grabkammer hat einen rechtwinkligen Grundriss. Die 5,60 Meter hohe Decke ist, zum ersten Mal in einer Pyramidenkammer, in Form eines hohen Kraggewölbes gebaut, wie man es auch später aus Giza und Dahschur kennt. An der Ostseite der Pyramide stehen die Grundriss-Reste einer ehemaligen Totenopferkapelle mit Eingangsraum, Vestibül und einem Stelenheiligtum im Totenopferhof direkt an der Pyramidenwand. Zwischen den beiden Totenopferstelen ist ein Opferaltar. Man erkennt hier den Vorgänger des späteren Totenopfertempels. Einige Meter vor der Südwand der Medum-Pyramide kann man noch die Überreste der kleinen Kultpyramide erkennen.

Ungeklärt ist, ob die Pyramide unter Pharao Snofru begonnen wurde oder ob sie bereits unter dem Vorgänger, Pharao Huni, begonnen und erst unter Snofru vollendet wurde.

Nicht nur unmittelbar neben der Pyramide von Medum, sondern auch rund 600 Meter nördlich davon liegen, wenige Gehminuten entfernt, die Ruinen mehrerer Mastabas und Privatgräber hoher Amts- und Würdenträger aus dem Alten Reich bzw. aus der Zeit Snofrus. Erwähnenswert ist die Mastaba des Wesirs Nefermaat und seiner Frau Atet (Mastaba Nr. 16). Die überaus große Ziegelmastaba ist etwa 121 Meter lang und 68 Meter breit. Die Kultkappelle des Nefermaat in der Mastaba ist mit schweren Kalksteinblöcken verkleidet. Einzigartig ist die Wanddekoration, die vielleicht eine persönliche Erfindung des Grabinhabers gewesen sein mag. Er ließ die Reliefs in stark versengter Form einmeißeln und anschließend mit einer Farbpaste auffüllen, um den bunten Wandbildern längere Haltbarkeit zu geben. Diese sogenannten Pastenreliefs lassen sich heute im Museum von Kairo bewundern, wo sie ausgestellt sind (Erdgeschoss, Galerie 41). Ebenfalls wurden auch normale Wandmalereien im Grab gefunden, und zwar in der Kultkapelle seiner Frau Atet. Auch diese Malereien sind heute im Kairoer Museum ausgestellt (Erdgeschoss, Saal 32). Berühmt sind die Darstellungen von Gänsen, die besonders naturgetreu mit natürlichen Mineralfarbstoffen aufgemalt wurden.

Ebenfalls erwähnenswert ist das Mastaba-Grab des Prinzen Rahotep (Grab Nr. 6) und seiner Frau Nofret. Die Mastaba selbst ist aus Ziegeln errichtet. Die Kultkapelle ist mit Steinplatten verkleidet. Berühmt wurde dieses Grab durch den Fund der Statuen des Verstorbenen und seiner Frau, die heute ein Highlight im Kairoer Museum sind (Erdgeschoss, Saal 32). Die Sitzstatuen gelten als Meisterwerke der Rundbildkunst des Alten Reiches und bestechen durch die noch bestens erhaltenen Farben.

Wenn man von Medum aus im Niltal weiter nach Süden fährt und nach rund 40 Kilometern hinter dem Ort Beni Suef nach Nordwesten abbiegt und auf der Straße in Richtung Faijum fährt, kommt an den Pyramiden von Hawara und Illahun vorbei.

Die Pyramide von Illahun

Aus dem Mittleren Reich stammt die Pyramide von Illahun (bzw. il-Lahun, el-Lahun, el-Kahun). Sie wurde von Sesostris II. (12. Dynastie, 19. Jahrhundert v. Chr.) errichtet. Ihre Lage ist strategisch günstig, denn in der Nähe fließt der Bahr Jusuf, der sogenannte Josefskanal, ins Faijum. Die Pyramide besteht in ihrem Innern aus einem Gerippe von sternförmig angelegten Stützmauern aus Kalkstein, dessen Zwischenräume mit Lehmziegeln aufgefüllt wurden. Von außen wurde die Pyramide mit Kalksteinblöcken verkleidet. Da die Kalksteinblöcke über viele Jahrhunderte von Steinräubern abgetragen wurden, ist der Ziegelkern anschließend der Witterung preisgegeben worden. So erhielt die Pyramide ihre nun stumpfartige Form. Das Innere der Pyramide ist nicht betretbar. Der Eingang befindet sich an der Südseite der Pyramide, und nicht, wie bei den Pyramiden des Alten Reiches, an der Nordseite. An der Ostflanke der Pyramide stehen Überreste einer einstigen Opferkapelle.

Die ursprünglichen Maße der Illahun-Pyramide lassen sich nur schwer rekonstruieren. Vermutlich war sie etwa 48 Meter hoch und hatte eine Basislänge von rund 107 Metern.

An der Nordseite der Illahun-Pyramide befinden sich die Ruinen von acht Mastabas, die für königliche Familienmitglieder gedacht waren, sowie eine kleine Kultpyramide. In der vierten Mastaba (von Süden aus gezählt) wurde ein bedeutender Grabschatz der Prinzessin Sit-Hathor-Iunet gefunden. Unter den goldenen Grabbeigaben war auch ein prächtiges goldenes Diadem mit einer Uräusschlange aus Gold, Lapislazuli, Karneol und grüner Fayence. Die Schmuckstücke dieser Prinzessin sind heute im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt (Obergeschoss, Saal 3).

Westlich der Pyramide befindet sich ein ausgedehntes Gräberfeld. Noch weiter westlich davon fand man bedeutende Überreste der Pyramidenstadt. Dieser Fund war sehr bedeutsam, da die meisten Städte und Wohnsiedlungen aus dem alten Ägypten nicht mehr erhalten sind oder nicht archäologisch erforscht werden können, weil sie im Fruchtland im Niltal lagen, wo hohe Nilfluten und die zahlreichen Überschwemmungen und Veränderungen des Flusslaufes die Siedlungen bis zur Unkenntlichkeit zerstörten. Oft liegen die Funde auch unterhalb des Grundwasserspiegels. Viele alte Städte und Orte aus der Pharaonenzeit liegen zudem unterhalb der modernen Siedlungen und Städte, so dass sie schlecht ausgegraben werden können. In Kahun konnte man am Wüstenrand exemplarisch eine geplante Stadt des Mittleren Reiches zumindest in Teilen ausgraben und erforschen. Die Straßenverläufe und Stadtviertel waren planmäßig angelegt worden. Alle Straßen scheinen rasterförmig von Norden nach Süden und von Osten nach Westen zu verlaufen. Die sozialen Schichten der Stadtbevölkerung lebten in abgetrennten Bereichen. Es gab Wohnviertel für die einfachen Pyramidenarbeiter und große Residenzviertel der gesellschaftlichen Elite. Die Häuser der Reichen standen zudem etwas erhöht auf einer Art flachen Akropolis.

Die Pyramide von Hawara

Ebenfalls aus dem hohen Mittleren Reich bzw. aus der Zeit der 12. Dynastie stammt die Pyramide von Hawara (bzw. Hauwara). Sie wurde unter dem König Amenemhet III. errichtet (gegen 1830 v. Chr.). Etwa acht Kilometer südöstlich der Hauptstadt des Faijum, Medinet el-Faijum, erhebt sich der abgerundete Pyramidenhügel, der einst eine spitze Pyramide war. Die Pyramide wurde, im Gegensatz zu den steinernen Pyramiden des Alten Reiches, aus ungebrannten Lehmziegeln errichtet. Zwar hatte sie eine Verkleidung aus Kalkstein, doch als Steinräuber die Verkleidung abrissen, waren die Lehmziegel der Witterung ausgesetzt, so dass die Pyramide zu ihrer heutigen Form gekommen ist. Die Basisseite der Pyramide war mehr als hundert Meter lang. Vermutlich war sie etwa 58 Meter hoch. Der innere Bereich der Gänge und Kammern kann wegen des gestiegenen Grundwasserspiegels nicht mehr begangen werden. Außerdem sind die Gänge einsturzgefährdet.

Der Pyramidentempelbereich ist südlich der Pyramide, das heißt, er erstreckt sich nicht, wie bei den älteren Pyramiden, entlang der Ost-West-Achse, sondern entlang der Nord-Süd-Achse. Doch von dem Pyramidentempelbereich ist nur wenig erhalten. Allerdings muss er in seiner Ausgestaltung einzigartig gewesen sein. Schon im Altertum berichteten die antiken Autoren Herodot, Diodor, Strabon und Plinius der Ältere davon. Angeblich soll es hier 3000 Kammern auf zwei Stockwerken gegeben haben mit Tausenden von Säulen, Höfen, Krypten, Terrassen usw. Tatsächlich war die Anlage wohl recht kompliziert und mit vielen Kapellen, Säulenhallen, Höfen, Kolonnaden und Kammern ausgestattet. Flinders Petrie hat den Versuch einer Rekonstruktion eines Teiles der Anlage gewagt und über das Aussehen spekuliert. Aber eine genaue Rekonstruktion ist heute nicht mehr möglich.

Nördlich der Hawara-Pyramide wurden verschiedene Privat- und Adelsgräber entdeckt. In einem Grab aus römischer Zeit wurden Mumienporträts gefunden, das heißt gemalte individuelle Porträtbilder, die anstatt einer Mumienmaske auf dem Gesicht der Mumie angebracht wurden. Von solchen Porträts aus griechisch-römischer Zeit wurden viele im Faijum gefunden, daher kommt auch der Ausdruck der „Faijum-Porträts“.

Rund zwei Kilometer südlich der Hawara-Pyramide wurde 1956 das Ziegelpyramidengrab der Prinzessin Neferuptah, einer Tochter von Amenemhet III., gefunden. Das Grab war noch nicht ausgeraubt worden. In der Grabkammer stand noch ein Granitsarkophag. Zwar waren die Mumie und die inneren Holzsärge durch die Feuchtigkeit des Grundwasserspiegels verwittert, aber die Grabbeigaben waren noch gut erhalten. Dazu gehörten allerlei Gebrauchsgegenstände wie Schminktöpfe und Insignien, z.B. ein Zepter. Außerdem wurden zahlreiche Schmuckbeigaben gefunden, die hervorragend erhalten waren. Zum kostbaren Schmuck gehörten Armbänder, Halsketten, Halskrägen usw. aus Gold, Karneol und Feldspat. Die Schmuckstücke sind heute im Museum von Kairo zu bewundern (Obergeschoss, Korridor 27).

Der Grund, weshalb Amenemhet III. seine Pyramide am Rande des Faijums errichten ließ, lag unter anderem darin, dass zum Ende des Mittleren Reiches die große Oase immer mehr an wirtschaftlicher Bedeutung gewann. Dämme und Deiche wurden gebaut, sumpfige Gebiete entwässert und für die Landwirtschaft fruchtbar gemacht. Amenemhet III. hatte an dieser Entwicklung einen bedeutenden Anteil. Daher wurde auch die Pyramide Amenemhets III. in Dahschur zugunsten der in Hawara aufgegeben.Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Petrie, W.M. Flinders, Medum, London 1892.
  • Petrie, W.M. Flinders, Meydum and Memphis, London 1910.
  • Petrie, W.M. Flinders, Kahun, Gurob, and Hawara, London 1890.
  • Petrie, W.M. Flinders, Illahun, Kahun, and Gurob, London 1891.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden. Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg