Totentempel von Sethos I.

Etwas älter die Totentempel von Ramses II. und Ramses III., das Ramesseum und Medinet Habu , ist der Totentempel des Königs Sethos I. (19. Dynastie, 13. Jahrhundert v. Chr.). Dieses „Gotteshaus der Millionen von Jahren“ liegt am nördlichen Ende der Reihe der Totentempel am Rande des Fruchtlands westlich von Luxor , und zwar beim Dorf el-Qurna (el-Gurna), südwestlich der Hügel von Dra Abu en-Naga. Im Altertum lag er direkt auf dem Weg des festlichen Prozessionszuges vom Amun-Tempel in Karnak nach Deir el-Bahari . Wie die anderen Totentempel Thebens war er als Kombination von einerseits Fest- und Prozessionstempel für den Reichsgott Amun und andererseits Totenopfertempel für den nach seinem Tode vergöttlichten Pharao konzipiert. Leider ist er schlechter erhalten als die Templeanlagen des Ramesseums und in Medinet Habu und ist somit auf den ersten Blick weniger beeindruckend. Doch seit den 1970er Jahren haben sich Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts um dessen Erforschung und Rekonstruktion bemüht. Heute ist die Anlage auch für den Tourismus präpariert. Allerdings wird er zurzeit nur von wenigen Reisegruppen besucht. Nicht nur der Steintempel als solcher, sondern auch die aus Lehmziegeln bestehenden Umfassungsmauern mit ihren Wehrtürmen sowie die Vorratshäuser und Magazine wurden in ihren Grundrissen und mit ihren unteren Ziegellagen restauriert und rekonstruiert, so dass der Besucher den Grundriss der ganzen Anlage gut nachvollziehen und sich den ursprünglichen Zustand vorstellen kann. Im Originalzustand muss der Tempel an Pracht und Größe beeindruckend gewesen sein. Wie beim Sethos-Tempel in Abydos , so waren auch hier die Reliefs mit großer handwerklicher Meisterschaft in den Stein gemeißelt worden. Zwar blieben sie zunächst unfertig, wurden aber unter Ramses II. vollendet. (Ramses II. setzte auch an anderen Orten die Bauprojekte seines Vaters Sethos I. fort, wie z.B. in Karnak und Abydos.) Die Lehmziegelmauer grenzt den 165 Meter mal 137 (im Westen) bzw. 139 Meter (im Osten) messenden Tempelkomplex nach außen ab. Die Mauern waren einst über 10 Meter hoch. Nach sorgfältiger Untersuchung der bestehenden Mauerreste hat das deutsche Archäologenteam die Mauer rekonstruiert und bis zu fast drei Meter Höhe wiedererrichtet. Da der Haupteingang, der große Eingangspylon im Osten, direkt am heutigen Dorf grenzt, nehmen die Reisegäste einen kleinen Seiteneingang am östlichen Ende der Nordmauer, um in den Vorhof des Tempelbezirks zu gelangen. Vom steinernen Eingangspylon ist nur wenig erhalten. Seine Basis wurde restauriert und rekonstruiert. An der Hofwand des Pylons hat man beiderseits des Eingangs die Sockel von Sphinxen ausgegraben. Die große Doppelkrone auf einem der Sphinxsockel war einst auf dem Kopf einer monumentalen Sitzstatue vor dem Eingang angebracht. In der Südostecke des Tempelbezirks (bzw. auf der Südseite des ersten Vorhofes) findet man die Ruinen bzw. den beinahe quadratischen Grundriss des königlichen Ritualpalastes vor. Man sieht noch die Säulenstümpfe des Portikus und dahinter den Residenzsaal sowie, an den Seiten und im hinteren Bereich, die privaten Gemächer. Vom zweiten Pylon ist noch weniger erhalten als vom ersten. Die Archäologen haben seine Basis kenntlich gemacht, so dass der Besucher überhaupt wahrnimmt, dass hier einst ein Pylon stand. Von den Säulenumgängen an den Seiten des zweiten Vorhofes ist fast nichts mehr zu sehen. Der Prozessionsweg, der heute als Besichtigungsweg für die Besucher fungiert, führt direkt auf die Front des Tempelhauptgebäudes zu. Das Tempelgebäude ist aus Sandstein errichtet, der vermutlich bei Gebel es-Silsisla abgebaut wurde. Der Säulenportikus ist noch gut erhalten. Neun von ursprünglich zehn Papyrusbündel-Säulen stehen noch zur Gänze aufrecht. Zwischen den Säulen hat man einige Stauten aufgestellt. Die Darstellungen an der Rückwand des Portikus beziehen sich auf die Götterkulte und das Talfest, bei dem die Kultbarken der Göttertriade von Karnak den Heiligtümern des Westens einen festlichen Prozessionsbesuch abstatteten. Ganz links an der Wand, links neben dem linken Durchgang, erkennt man Darstellungen dieser Prozession und sieht, wie die Priester die Götterbarken wie Sänften tragen. Drei Eingänge führen vom Säulenportikus in das Innere des Tempelgebäudes, ein mittleres Hauptportal und zwei Seitenportale. Diese drei Eingänge mit ihren dahinter liegenden Raumgruppen machen deutlich, dass der Tempel dreierlei Kultfunktionen hatte. Der linke Eingang führt zu den Totenkultkapellen, die Sethos zu Ehren seines Vaters Ramses I. anlegen ließ. Die Reliefs um den Durchgang zeigen den König bei der Verehrung verschiedener Gottheiten. Über dem Durchgang ist eine Hohlkehle in die Wand gesetzt und darüber sieht man das Relief der geflügelten Sonne. Geht man durch die Tür hindurch, kommt man zuerst in eine dunkle überdachte Vorhalle. An der Rückwand befinden sich die Eingänge zu drei schmalen Kapellen, von denen die mittlere breiter und bedeutungsvoller ist. Die Reliefs und Texte an den Wänden deuten darauf hin, dass hier Sethos I. seinen Vater Ramses I. verehrte. An der Rückwand der Hauptkapelle ist eine doppelte Scheintür in Reliefform angebracht. Das mittlere Portal führt in den Bereich des Amun-Kultes. Hier gelangt man zunächst in den noch überdachten Säulensaal (Hypostyl). Sechs Papyrusbündelsäulen ragen empor. An den Deckenbalken kann man die noch farbig erhaltenen Namen von Sethos I. und Ramses II. lesen. Die Reliefs erzählen von den Kult- und Festhandlungen. Vom Säulensaal zweigen beiderseits drei kleine Kapellen ab. Die erste links führt zu den bereits beschriebenen Totenkulträumen, die Sethos für seinen Vater anlegen ließ. Die erste rechts zu dem Sonnenkultbereich (s.u.). Die anderen Seitenkapellen waren für die Aufbewahrung der Statuen und Barken bestimmt. In der mittleren rechten Kapelle zeigen die Reliefdarstellungen wie sich der König und der Gott Amun rituell vereinigen. Die Götter Thot und Horus übergießen Sethos und Amun mit Weihwasser. Hinter dem Hypostyl folgt ein Querraum und dahinter, in der Mitte, als zentrales Kultziel und Allerheiligstes des Tempels, das Barken-Sanktuarium des Amun. Hier sieht man in den Reliefs unter anderem dargestellt, wie Sethos I. vor der Barke des Amun ein Räucheropfer darbringt. Direkt hinter dem Allerheiligsten befindet sich ein Vier-Pfeiler-Saal, der an seiner Rückseite offen ist. Das rechte Portal am Portikus führt schließlich in den Bereich des Sonnenkultes. Hier wurde Re-Harachte verehrt. Ähnlich wie beim Totentempel der Königin Hatschepsut in Deir el-Bahari, besteht er, wie bei Sonnenheiligtümern üblich, aus einem kleinen offenen Hof, in dessen Mitte ein Opferaltar stand. Man sieht zur Hälfte noch die Reste dieses Altars. Die Reliefdarstellungen an den Wänden zeigen den König bei den verschiedenen Kulthandlungen. Die Nischen in den Wänden waren für Königsstatuen gedacht, die dort aufgestellt wurden. An der Nordseite des Tempels sind die Grundrisse der Magazine und Wirtschaftsräume rekonstruiert. An der Südseite des Tempelgebäudes schließt sich ein Hof an, in dessen Mitte ein Kultbrunnen angelegt ist. Auch er wurde rekonstruiert. Er hatte die Funktion, die in anderen Tempeln der sogenannte Heilige See hatte. Es ging um rituelle Waschungen und um die Bereitstellung des Wassers für die Libation (Wasseropfer). In der Spätantike und im Mittelalter wurden Teile des Tempels zu einem koptischen Kloster mit Kirche umfunktioniert. Dann, im späteren Mittelalter und in der Neuzeit, wuchs das benachbarte Dorf in das Tempelgelände hinein. Man baute seine Lehmziegelhäuser mitten ins Trümmerfeld und bediente sich bei den Lehmziegelresten der Magazinbauten. Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens, München und Zürich 1992.
  • Osing, Jürgen, Der Tempel Sethos I. in Gurna. Die Reliefs und Inschriften I, Mainz 1977.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Tal der Könige – Die berühmtesten Nekropolen der Welt, Köln 2004.
  • Stadelmann, Rainer, „Der Totentempel Sethos’ I. in Qurna“, in: Günter Dreyer und Daniel Polz (Hrsg.), Begegnung mit der Vergangenheit – 100 Jahre Ägypten (Deutsches Archäologisches Institut Kairo 1907-2007), Mainz 2007, S. 260-269.
  • Wilkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg