Die Tempelanlagen von Karnak

 

Sie ist neben den Pyramiden von Giza der Höhepunkt jeder Ägyptenreise und Ziel von Millionen von Besuchern jährlich: die große Tempelstadt von Karnak. Tatsächlich sind die zwei Kilometer nördlich von Luxor gelegenen Ruinen von Karnak weit mehr als nur die Überreste eines Tempels. Es handelt sich um einen riesigen Komplex aus vielen unterschiedlichen Tempeln und Kultanlagen, die miteinander in Beziehung stehen. Hier schlug für viele Jahrhunderte das religiöse Herz Ägyptens. Karnak war der Hauptkultort des Reichsgottes Amun-Re und das größte Heiligtum des ganzen Reiches. Zusammen mit Amun wurden auch die Gottheiten Mut, Chons, Month, Opet, Ptah und Min verehrt. Die Götter Amun, Mut und Chons bilden eine Triade, eine typische Götterfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Götterkind.

Eingang vom Karnak-Tempel - © STERN TOURS

Die Anfänge dieses Tempels reichen viertausend Jahre zurück. Zumindest ist dies das Alter der ältesten archäologischen Funde in Karnak. Es ist nicht auszuschließen, dass es unterhalb der Ruinen noch Reste älterer Anlagen gibt. Doch was man bisher konkret als ältestes Gebäude in Karnak identifiziert hat, ist eine kleine Kapelle aus weißem Kalkstein, die König Sesostris I. (12. Dynastie) als Barkenstation für die religiösen Feste des Amun errichten ließ. Bei solchen Festen wurde die Statue des Gottes in einer Barkensänfte umhergetragen. Die feierliche Prozession hielt an Kultpunkten und Barkenstationen, um bestimmte Riten zu vollziehen. Die Stationskapelle wurde im Neuen Reich abgerissen und ihre Steine als Spolien (d.h. als Baumaterial wiederverwendete Bauelemente) in einem Pylon als Füllmaterial verbaut. Archäologen haben die Bausteine wieder zusammengesetzt und die Kapelle in einem Freilichtmuseum rekonstruiert.

Weiße Kapelle in Karnak (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Die weiße Kapelle ist der Anfang der rund zweitausendjährigen Baugeschichte von Karnak, die vom frühen Mittleren Reich bis in die griechisch-römische Zeit dauerte. Mit einigen Unterbrechungen bauten Generationen von Pharaonen an den Anlagen von Karnak. Es wurden zum Teil alte Gebäudeteile abgerissen und als Baumaterial für neue Umbauten genutzt. Meistens wurde der vorhandene Komplex um neue An- und Ausbauten erweitert. So entstanden im Laufe der Jahrhunderte immer neue Kultkapellen, Tore (Pylone), Obelisken, Statuen, Säulenhallen, Höfe, Prozessionswege mit Sphinxalleen und Verwaltungsgebäude mit Lagerräumen und Magazinen. Im Neuen Reich war der Tempel schließlich zu einer heiligen Tempelstadt herangewachsen, die von großen Lehmziegelmauern umgeben war. Die Größe ist beeindruckend. Allein der ummauerte Kultkomplex des Gottes Amun hat mit all seinen Anlagen eine Grundfläche von 123 ha, bzw. eine Fläche von 530 x 510 x 510 x 700 m. Auch hinsichtlich der einzelnen Anlagen sprengt der Tempel alle Rekorde. Das große Hypostyl aus der 19. Dynastie ist die größte Säulenhalle der Welt. Und der 100 m breite Eingangspylon aus der 30. Dynastie ist der größte Pylon, der jemals in Ägypten errichtet wurde.

Die meisten Kultbauten wurden mit Hieroglypheninschriften überzogen und künden von ihren jeweiligen Erbauern. Große Pharaonen waren darunter: Hatschepsut , Thutmosis III., Haremhab, Sethos I., Ramses II. , Ramses III. und Taharka, um nur einige zu nennen. So liest sich die Entstehung und Entwicklung des Tempels wie ein „who-is-who“ der gesamtägyptischen Geschichte. Erst mit Einführung des Christentums wurden zunächst die Bauerweiterungen und dann die Kultausübungen eingestellt. So endete die Geschichte von Karnak in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr.

Die Tempelstadt von Karnak lässt ich in drei große Bezirke einteilen, die ihrerseits jeweils von einer eigenen Schutzmauer aus Lehmziegeln umgeben waren: Dem Bezirk der Mut im Süden, den Bezirk des Month im Norden, und im Zentrum der gewaltige Bezirk des Amun, der die Tempel des Chons, der Opet und des Ptah mit einschließt. Der Amun-Bezirk war durch eine Sphinxallee mit dem Mut-Tempel verbunden. Eine weitere Sphinxallee führte über mehr als zwei Kilometer zum Tempel von Luxor .

Der Amuntempel hat zwei große Kultachsen: Nord-Süd und Ost-West. Die Nord-Südachse weist in Richtung Mut-Tempel und Luxor. Die Ost-West-Achse zeigt nach Theben-West auf der anderen Seite des Nils, wo es weitere Heiligtümer und Tempel gibt, die der Gott Amun bei großen Prozessionsfesten besuchte.

Der arabische Name al-Karnak bedeutet soviel wie „befestigte Siedlung“. Tatsächlich wirkten ab dem späten Neuen Reich viele Tempel wie Götterfestungen: von Mauern umgeben und von der Außenwelt abgeschirmt.

Wegen der Größe des Tempelkomplexes werden die verschiedenen Anlagen in einzelnen Unter-Kapiteln beschrieben.

Freilichtmuseum

Ausschnit aus der Gauliste an der Weißen Kapelle (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Wer chronologisch vorgehen möchte, kann seine Besichtigung mit dem Freilichtmuseum beginnen. Hier stehen die älteren Vorgängerbauten, die schon zu Zeiten der Pharaonen abgerissen wurden, um Neubauten Platz zu machen, und deren Steine und Blöcke man als Füllmaterial für die neuen Bauten wiederverwendete. Die Weiterverwendung von Spolien, d.h. von Steinen abgerissener Gebäude, hatte Tradition und war in den Augen der alten Ägypter nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, so waren die Teile der älteren Gebäude doch weiterhin Bestandteil im sakralen Kontext des Tempels. Insbesondere die Kultkapellen, Stationsheiligtümer und Barkenkioske mussten größeren Neu- und Umbauten und neuen Raumkonzeptionen weichen. Solche kleinen Heiligtümer dienten als Zwischenstationen für die Prozessionen der Götterbarken während der großen heiligen Feste. Die Götterbarken, die auf Sänften von den Priestern getragen wurden und auf welchen die Götterstatuen standen, pausierten für bestimmte Kulthandlungen in solchen Stationskapellen, bevor sie ihre Prozession fortsetzten.

Bei den Bauuntersuchungen im Inneren der Ruinen der großen Pylonen hat man allerlei Reste und Spolien dieser alten und kleinen Heiligtümer und Kapellen gefunden. Archäologen haben diese Steinblöcke wieder zusammengefügt und Teile der alten Bauwerke rekonstruieren können. Sie erlauben einen erhellenden Einblick in die Baugeschichte der Anlagen von Karnak, denn für den archäologisch nicht ausgebildeten Besucher ist es oftmals schwer zu erkennen, wie sich die Tempelstadt von Karnak im Laufe der Zeit entwickelte und wie sie zu den unterschiedlichen Epochen ausgesehen haben mag.

Man erreicht das Freilichtmuseum über das nördliche Tor des ersten Hofes (zwischen dem ersten und zweiten Pylon). Das Museum kostet zwar einen kleinen Betrag an Extra-Eintritt, aber das lohnt sich, zumal man sich hier auch etwas abseits der großen Touristenströme bewegt, die meist nur die Hauptachse von Karnak auf und ab gehen.

Die „Weiße Kapelle“ Sesostris I. (12. Dynastie)

Darstellung des Gottes Moth an der Weißen Kapelle (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Große Bewunderung erntet die sogenannte Weiße Kapelle (Chapelle blanche) des Königs Sesostris I. (gegen 1925 v. Chr., Mittleres Reich ) wegen ihrer klaren Formen, ihrer Symmetrie und überaus sorgfältigen Bearbeitung. Die sanft erhabenen Reliefs an den Wänden und Pfeilern dieser weißen Kalksteinkapelle sind von einer nahezu unerreichten Qualität. Die hohe Handwerkskunst und vollendete Komposition des Baus lässt darauf schließen, dass die Handwerker und Baumeister ältere Vorbilder vor Augen hatten und auf ähnliche Bauprojekte als Erfahrungsschatz zurückblicken konnten.

Die einzelnen Blöcke dieser Kapelle wurden bei französischen Ausgrabungsarbeiten unter Henri Chevrier in den Jahren 1927-38 geborgen, als die Fundamente des dritten Pylons untersucht wurden. Dort waren sie als Füllmaterial verbaut worden. Vermutlich ließ sich die Kapelle nicht in die Erweitungspläne des Amun-Tempels integrieren und wurde deshalb unter dem König Amenophis III. abgerissen.

Die Rekonstruktion dieses Bauwerks ergab einen Kiosk mit den quadratischen Grundrissmaßen von 6,54 x 6,54 Meter und 16 Pfeilern. Von zwei gegenüber liegenden Seiten führen kleine Rampen auf das Sockelniveau von 1,18 Meter. Auf den allseitig dekorierten Pfeilern ruht das mit einer Hohlkehle umfasste Flachdach. Im Zentrum des Innern rekonstruierte man einen Steinquader als Barkensockel zum Abstellen der Barkensänfte, in der Annahme, dass es sich bei der weißen Kapelle um ein Stationsheiligtum handelt.

Anlass der Erbauung war das Hebsed, das heilige Jubiläums- und Erneuerungsfest der Königsherrschaft. Auch während der großen Feste des Amun, dem „Schönen Fest vom Wüstental“ und dem „Opet-Fest“, hat dieses Sanktuar als Stationsheiligtum Verwendung gefunden. Bei diesen Festen trugen die Priester das Abbild der Gottheit auf einer Barkensänfte durch die Anlagen des Tempels und schließlich aus dem Tempel heraus, um auf einem langen und feierlichen Prozessionsmarsch die Götter in den anderen Tempeln zu besuchen. Die Kapellen oder Barkensanktuare wie die weiße Kapelle von Sesostris I. dienten hierbei als Stationsheiligtümer. Die Prozession hielt für eine Kultpause an solchen Kapellen, und man stellte die Götterbarke auf ein Podest im Innern. Priester vollzogen Festrituale vor der Barke, dann ging es mit dem Prozessionsmarsch weiter.

Geweiht ist die Kapelle dem Gott Amun-Re. Tatsächlich zeigen die meisten der Reliefbilder den König Sesostris I. vor diesem Gott, der in seinen verschieden Erscheinungen und Aspekten und manchmal in Begeleitung anderer Götter wie z.B. Month abgebildet ist. Ägyptologisch von besonderem Interesse sind die an den Außenwänden des Sockels und der Balustrade angebrachten Hieroglypheninschriften und Listen, die von der Festbesteuerung der 42 ägyptischen Gaue bzw. Provinzen berichten. Hier erfährt man einen Einblick in die kultische, administrative und fiskalische Organisation des Landes zur Zeit des Mittleren Reiches.

Wo die Kapelle ursprünglich gestanden hatte, weiß man nicht. Es ist gut möglich, dass sie irgendwo zwischen dem vierten und siebten Pylon errichtet worden war.

Alabasterschrein von König Amenophis I. (18. Dynastie)

König Sestris vor dem Gott Amun (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Während der 18. Dynastie ließen die Pharaonen die Anlagen des Mittleren Reiches erweitern und fügten neue Gebäudeelemente hinzu. Amenophis I. beispielsweise, einer der frühesten Herrscher der 18. Dynastie, ließ zunächst die Gebäude des Mittleren Reiches wieder erneuern und errichtete anschließend mehrere Kapellen und ein Eingangstor. Das meiste dieser baulichen Erneuerungen kann nicht mehr rekonstruiert werden, weil zu wenige Original-Blöcke erhalten sind. Eine Ausnahme ist der berühmte Alabasterschrein, bei dem es sich um ein kleines Barkensanktuarium handelt

Unter Amenophis I. begonnen (d.h. etwa um 1500 v. Chr.) und unter Thutmosis I. vollendet wurde die sorgfältig gearbeitete Kapelle, die aus Kalzit-Alabaster gefertigt ist, der in den Steinbrüchen bei dem mittelägyptischen Hatnub gebrochen wurde. Der Kapellenschrein ist viereinhalb Meter hoch, mehr als sechseinhalb Meter lang und über dreieinhalb Meter breit. An den Innenwänden sind Reliefs mit Opferhandlungen zu sehen. Eine interessante Reliefszene an der Außenwand zeigt Amenophis I. beim Kultlauf während des Erneuerungsfestes. Sehr individuell sind die Gesichtszüge des Königs dargestellt: mit kleinen Augen, Ohren und spitzem Kinn sowie einer großen Hakennase. Die Stiftungstexte an den Seiten der Eingänge erwähnen die ursprünglich prächtige Ausstattung des Schreins mit (heute nicht mehr erhaltenen) Türflügeln aus Ebenholz, die mit Edelmetallbändern aus Gold und Kupfer beschlagen waren. Auch der Baumeister dieses Kleinods ist belegt: Er hieß Ineni

Bereits unter Amenophis III. wurde das Alabaster-Sanktuarium abgerissen und im dritten Pylon als Füllmaterial verbaut. Bei Untersuchungen dieses Pylons wurde die einzelnen Blöcke identifiziert und das Puzzle wieder zu einer Rekonstruktion zusammengesetzt

Die „Rote Kapelle“ der Königin Hatschepsut (18. Dynastie)

Ihren Namen „Chapelle rouge“ erhielt dieses schöne und extravagante Bauwerk nach dem rötlichen Quarzit, aus dem die Kapelle gefertigt wurde. In farblichem Kontrast dazu waren auch Quader aus schwarzem Granit verbaut. Die Königin Hatschepsut (18. Dynastie, um 1460 v. Chr.) ließ im Rahmen großer Erweiterungs- und Ausbaumaßnahmen am Amun-Tempel die Kapelle als Stationsheiligtum für die Barkenprozessionen errichten. Zwar weiß man nicht genau, wo das Bauwerk ursprünglich gestanden hatte, es ist aber plausibel anzunehmen, dass der ursprüngliche Standort irgendwo zwischen dem dritten und siebten Pylon lag. Trotz ihrer außergewöhnlichen Farbgebung und Ästhetik hielt das Sanktuar nicht lange. Wahrscheinlich wurde es schon unter Thutmosis III. abgerissen und spätestens unter Amenophis III. im dritten Pylon verbaut.

Leider sind nicht alle Blöcke wiedergefunden worden. Deshalb ist die Rekonstruktion nicht vollständig aus originalen Teilen errichtet, sondern zum Teil ergänzt worden. Rund 15 Meter misst die große Kapelle in der Länge.

Das Stationsheiligtum stand ursprünglich vor dem Zentralheiligtum des Amun und in Verbindung mit der Errichtung zweier monumentaler Pylone. Ein Reliefbild zeigt die Königin vor den zwei aufgerichteten Pylonen. Die anderen Reliefszenen der Kapelle handeln von den Tempelstiftungen, von Opfergaben der Königin vor Amun, vom göttlichen Orakel und der Krönung der Hatschepsut, die sich somit ihre Herrschaftslegitimation aus der gegebenen Kultgarantie für Amun-Re ableitete. Auch Thutmosis III. ist dargstellt. Deutlich zu erkennen sind außerdem die Darstellungen zu den beiden großen Prozessionsfesten, dem „Opet-Fest“ und dem „Schönen Fest vom Wüstental“ mit den Fahrten nach Luxor und Deir el-Bahari .

Die rekonstruierte Tempelwand von Thutmosis IV. (18. Dynastie)

Eine nur kurze Lebenszeit hatten die Bauten von Thutmosis IV. Er ließ vor dem vierten Pylon einen Hof anlegen. Doch schon sein Nachfolger Amenophis III. hatte andere Pläne und ließ die Anlage wieder abreißen und die Steine anderweitig verbauen. In jüngster Zeit haben die Archäologen versucht, dass Puzzle wieder zusammenzufügen und die Wände aus der Zeit Thutmosis IV. anhand der erhaltenen Blöcke zu rekonstruieren. Das zum Teil in seinen Farben noch erhaltene Reliefwerk zeigt die üblichen Kulthandlungen des Königs vor den Göttern, aber auch eine ausgefallene Szene mit dem Aufzug der gemästeten Opferrinder.

Der große Amun-Tempel

Blick in den Amun Tempel in Karnak

Die Tempelstadt von Karnak ist so großflächig, dass man eigentlich mehrere Tage braucht, um alle Bauwerke und Denkmäler zu besichtigen. Da allerdings Teile der Anlagen nicht zugänglich sind und andere stark zerstört, lohnt es sich, die Highlights herauszupicken, um erst am Schluss noch die eine oder andere Detailbesichtigung anzuschließen. Die meisten Highlights von Karnak erwarten den Besucher auf der Hauptachse des Amun-Tempels, der Ost-West-Achse. Hier trifft man allerdings auch auf die großen Touristenströme, die zum Teil mit Bussen vom Roten Meere herangefahren werden, um die Wunder von Karnak besichtigen zu können.

Der Wegverlauf im Überblick: Vom Busparkplatz geht es über den Vorplatz mit Sphinxallee zum ersten großen Pylon, dem mehrere Innenhöfe und Säulenhallen und weitere Pylone folgen, bis man am östlichen Ende das Allerheiligste des Amun und wiederum dahinter das „Achmenu“, den Festtempel von Thutmosis III. erreicht. Einzelne Schilder und Tafeln mit Plänen und Erklärungen auf Englisch, Französisch und Arabisch erläutern die Tempelabschnitte. Viele sehenswürdige Details werden schnell übersehen, weil oftmals große Touristentrauben davor stehen. Deshalb sollte man sich für den Rundgang genügend Zeit nehmen. Da außerdem die Besuchermengen zu bestimmten Stoßzeiten ansteigen, kann man zwischendurch Pausen einlegen, um dann mit seinem Rundgang fortzufahren, wenn die jeweiligen Säle und Hallen etwas leerer sind.

Der Vorplatz mit Sphinxallee und erstem großen Pylon

Vom Busparkplatz kommend, betritt man die Tempelstadt über die Reste der mit Widder-Sphinxen (Löwenleib mit dem Kopf eines Widders.) flankierte Festallee, auf der zur Zeit der Pharaonen die Götterprozessionen zum Anlegekai am Nilhafen zogen, um dann per Boot über den Nil zu setzen und dort die anderen Heiligtümer Thebens zu besuchen.

Die Widdersphinxen (der Plural „Sphinxen“ wird in der ägyptologischen Literatur auch „Sphingen“ geschrieben) stammen aus der Zeit der 19. Dynastie (um 1250 v. Chr.). Der Widder war eines der heiligen Tiere des Amun, der selbst manchmal in Gestalt eines Widders abgebildet wurde. Zwischen den Vordertatzen der Sphinxen sind zum Teil noch kleine Königsfiguren erhalten. Sie symbolisieren den Schutz des Gottes für den König.

Man kann sehr leicht erkennen, dass der erste Pylon, der die Besucher als ersten Monumentalbau empfängt, unvollendet geblieben ist. Dennoch ist er der größte je errichtete Pylon der ägyptischen Baugeschichte. Die riesigen Tortürme sind 15 m dick, und der gesamte Pylon hat eine Höhe von über 43 m und eine Breite von 113 m. Errichtet wurde dieser monumentale Torbau zur Zeit der 30. Dynastie (4. Jahrhundert v. Chr.), also relativ spät, wenn man sich die gesamtgeschichtliche Entwicklung der Tempelstadt von Karnak vor Augen führt. Aber man darf nicht vergessen, dass Karnak über zweitausend Jahre lang permanent ausgebaut und erweitert wurde. Der Besichtigungsweg durch die Tore, Höfe und Hallen bis zum Innersten ist im Groben auch eine Art Zeitreise zu den Anfängen des Tempels, auch wenn in vielen Details in den Innenhöfen und Kapellen zu späteren Zeiten nachträgliche Veränderungen vorgenommen wurden.

Die große Hofanlage mit den Stationskapellen und dem Säulenkiosk

Hinter dem riesigen Torbau des ersten Pylons erstreckt sich der große Tempelhof. Wenn man sich nach Osten orientiert, dann sieht man geradeaus den zweiten großen Pylon. Den Rundgang über diesen Hof beginnt man am besten mit dem Stationsheiligtum von Pharao Sethos II. (19.Dynastie). Zu diesem Stationsheiligtum gelangt man, wenn man sich hinter dem Pylon nach Norden bzw. nach links wendet. Bei dem Stationsheiligtum handelt es sich um eine dreischiffige Kapelle aus Sandstein. Diese drei Kapellräume waren der Thebanischen Göttertriade geweiht: die zentrale Kapelle dem Gott Amun, die linke seiner göttlichen Gemahlin Mut und die rechte dem Götterkinde Chons. Die Nischen waren für die jeweiligen Götterbilder bestimmt. Ursprünglich konnte man über eine kleine Treppe an der Chonskapelle auf das Dach des Heiligtums gelangen. Sehr anschaulich sind die Reliefdarstellungen mit den Barkensänften. Sie geben einen Einblick in die Ritualhandlungen, welche in diesen Barkenkapelle stattfanden.

Im Zentrum des Hofes sieht man eine große Säule. Sie ist der Rest von ursprünglich zwei parallelen Säulen-Reihen. Diese rund 21 hohen Säulen gehörten zu einem großen Kiosk, einem überdachten Säulengang, mit ursprünglich insgesamt zehn Säulen. Errichtet wurde dieser Kiosk unter dem König Taharka. Taharka war ein Pharao der rund hundert Jahre dauernden 25. Dynastie (Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. bis Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr.), d.h. der nubisch-kuschitischen Fremdherrschaft. Die Nubier eroberten für kurze Zeit Ägypten, waren aber bereits so ägyptisiert, ja geradezu fromm im ägyptischen Sinne, dass auch sie dem Amun-Kult huldigten und Bauten für die ägyptischen Götter errichteten.

Vor dem zweiten Pylon steht eine auffällige Kolossalfigur. Diese rund 11 Meter hohe Figur stammt vermutlich aus der Ramessidenzeit, obwohl eine Inschrift behauptet, es handele sich um den Priesterkönig Pinodjem I. aus der Dritten Zwischenzeit. Aber vermutlich hatte er die Figur nur usurpiert und als die seinige ausgegeben. An den Beinen dieser imposanten Königsstatue steht eine kleine figürliche Darstellung einer Königin.

Tempel Ramses’ III.

Von Süden her ragt ein kleiner Extra-Tempel in den großen Hof. Es handelt sich um einen Amun-Tempel von Ramses III. Das besondere an diesem Tempel ist, dass er im Gegensatz zu den Gesamtanlagen von Karnak nicht mit der Zeit über Herrschergenerationen hinweg gewachsen ist und sich aus der Summe unterschiedlicher Bauvorhaben entwickelt hat, sondern nach einem einheitlichen Plan innerhalb kurzer Zeit errichtet und vollendet wurde. Dabei verfügt dieses 24 mal 62 Meter kleine Heiligtum über alle Grundmerkmale, die einen eigenen Tempel ausmachen: Einen Pylon mit zwei Kolossalfiguren, einen Hof mit (2 mal 8) Statuenpfeilern, einen Säulensaal (Hypostyl), ein Opfertischsaal und ein dreigegliedertes Sanktuarium mit den heiligen Räumen für die Thebanische Göttertriade: Amun, Mut und Chons.

Auch das Bildprogramm erinnert an einen ganz normalen Tempel im Kleinformat. Die Frontseiten des Pylon-Tores sind mit Reliefs geschmückt. Die Türme zeigen den König Ramses III. beim kultischen Erschlagen der Feinde. Amun steht ihm gegenüber und reicht ihm ein Schwert. Auf dem einen Flügel trägt der König die Doppelkrone, auf dem anderen die unterägyptische Krone. Auch die Innenwände des Hofes sind mit Reliefszenen geschmückt. Man sieht hier vor allem Fest- und Opferszenen.

Mehrere Darstellungen der Amunbarke deuten an, worum es sich bei diesem kleinen Tempel wirklich handelt. Er ist nichts anderes als eine monumental erweiterte Barkenstation für die großen Prozessionen des Amun, vergleichbar mit dem gegenüberliegenden Stationsheiligtum von Sethos II. im großen Hof.

Der zweite Pylon

Der zweite große Pylon misst in der Breite etwa 100 Meter und in der Tiefe 13,9 Meter. Seine ursprüngliche Höhe ist nicht mehr exakt bestimmbar, weil er zu stark verfallen ist. Er wurde hauptsächlich unter der Herrschaft des Pharao Haremhab errichtet, einem König der 18. Dynastie, der ursprünglich General und oberster Befehlshaber der Truppen war. Die Reliefs an den Wänden des Pylons stammen aus späteren Zeiten. Da sieht man zum Beispiel Rames II., wie er die Feinde erschlägt und dem Gott Amun opfert. Auch ptolemäische Könige haben sich in Reliefform hier abbilden lassen.

Touristen im großen Säulensaal und im Hintergrund der Obelisk der Hatschepsut (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Der große Säulensaal (Hypostyl) von Karnak

Zwischen dem zweiten Pylon aus der Regierungszeit des Königs Haremhab und dem dritten Pylon von Amenophis III. (beide 18. Dynastie) ließen die Pharaonen Sethos I. und sein Sohn Ramses II. (beide 19. Dynastie) den weltweit größten Säulensaal des Altertums errichten. Dieser Säulensaal (Hypostyl) erstreckt sich über eine Grundfläche von mehr als 5400 Quadratmetern. Ursprünglich war der ganze Saal komplett überdacht. 16 Säulenreihen mit insgesamt 134 Papyrussäulen aus Sandstein trugen die Decke. Dabei ist der ganze Saal in etwa wie eine dreischiffige Basilika aufgebaut. In der Mitte sind die Säulen höher (21 m) und haben ein geöffnetes Kapitell, in den zwei Seitenschiffen sind die Säulen im Verhältnis kleiner (13 m) und haben ein geschlossenes Kapitell. Die mittleren Säulen haben einen Durchmesser von mehr als dreieinhalb Metern. Auf den Säulen lasten bis zu 70 Tonnen schwere Architravblöcke, auf denen einst die Decke ruhte.

Der Säulensaal ist zum Teil restauriert. Tatsächlich waren im Verlauf der Jahrtausende die meisten Säulen umgefallen, zum Teil durch Erdbeben, und im 19 Jahrhundert auch durch Nachlassen des Bodenfundamentes. Langjährige Restaurierungsarbeiten französischer Archäologen und Architekten haben zur Wiederherstellung der Anlage geführt, auch wenn die Decke und die ursprünglich farbenfrohe Bemalung nur noch erahnt werden können. An einigen Stellen ist die Farbgebung noch zu erkennen, insbesondere, wenn man zu den Architraven emporschaut.

Die Relief-Dekoration hat zumeist Kulthandlungen Pharaos vor der Gottheit zum Thema. Man kann die Reliefs von Sethos I. und Ramses II. unterscheiden: Sethos ließ im nördlichen Teil des Saales erhabene, Ramses im südlichen Teil vertiefte Reliefs anfertigen. Die Wandreliefs an den Innenwänden des großen Hypostyls erzählen interessante Details aus den Kulthandlungen. Man sieht unter anderem, wie der König vor den heiligen Barken des Amun, der Mut und des Chons räuchert und wie er vor dem Allerheiligsten Kultausübungen vollzieht.

An den Außenwänden, d.h. an der Nordmauer und Südmauer des Hypostyls sind hauptsächlich militärische Themen dargestellt, wie die Feldzüge der Pharaonen nach Palästina, Syrien und Nubien (Sudan) und die von dort mitgebrachten Tributgaben der unterworfenen Völker.

Der dritte Pylon und Zwischenhof

Unter Amenophis III. wurde der dritte Pylon errichtet. Der 97 m breite Pylon ist nicht mehr gut erhalten, aber bei seiner baulichen Untersuchung erwies er sich als archäologische Fundgrube. Es waren als Spolien die Blöcke von mehreren Kapellen und Heiligtümern verbaut, die dem Pylon als Füllmaterial dienten.

Zum Teil lassen sich noch einige Reliefabbildungen erkennen. Am der Wand des südlichen Torturms werden in einer Inschrift die königlichen Stiftungen und Opfergaben an Amun aufgezählt. Am nördlichen Turm des Pylons sind Darstellungen der Barkenprozession zu Schiff erkennbar. Bei großen Festen überquerte der König mit der Götterbarke auf einem Schiff den Nil, um in anderen Tempeln und Heiligtümern eine Götterbegegnung zu zelebrieren.

Zwischen dem dritten und vierten Pylon liegt ein kleiner Mittelhof, in dem einst vier Obelisken standen. Zwei waren unter Thutmosis I. und zwei unter Thutmosis III. errichtet worden. Leider ist nur noch einer erhalten geblieben, auf dem neben der Weihinschrift des Erbauers Thutmosis I. an den anderen Seiten noch nachträglich Inschriften von Ramses IV. und Ramses VI. eingemeißelt wurden. In der frühen 18. Dynastie bildeten diese Obelisken den Eingang zum Tempel. Der noch stehende Obelisk ist über 20 m hoch und wiegt an die 130 Tonnen.

Der vierte Pylon

Ebenso wie der dritte, so ist auch der vierte Pylon stark zerstört. Unter Alexander dem Großen wurde die Tür nochmals neu restauriert. Er wurde unter Thutmosis I. errichtet und misst 63 m in der Breite und 12,6 m in der Tiefe. Seine Höhe kann heute nicht mehr genau bestimmt werden.

Der Bereich hinter dem vierten Pylon bis zum Allerheiligsten ist bauhistorisch sehr komplex, weil die ursprünglich aus dem Mittleren Reich stammenden inneren Anlagen des Amuntempels unter Thutmosis I, Thutmosis II, Hatschepsut und Thutmosis III. aber auch in späteren Zeit oft umgebaut wurden. Im folgenden beschränken wir uns auf die für den Besucher klar identifizierbaren und besichtigungswürdigen Bauten.

Säulenhalle mit Obelisken der Hatschepsut und fünfter Pylon

Im schmalen Säulenhof zwischen dem vierten und fünften Pylon standen einst die zwei berühmten Obelisken der Königin Hatschepsut, von deren Errichtung zahlreiche Inschriften der Pharaonin erzählen. Einer steht noch, der andere ist umgestürzt. In nur sieben Monaten sollen die Meisterwerke aus hartem Rosengranit gearbeitet worden sein. Das noch stehende Exemplar misst 29,5 Meter in der Höhe und wiegt 322 Tonnen. Die Inschriftenbänder auf dem Obelisken berichten von Opferhandlungen der Hatschepsut und Thutmosis III. vor Amun. Der „Ketzerkönig“ Echnaton , der die ägyptischen Götterkulte zugunsten der Aton-Verehrung zu reformieren gedachte, ließ den Namen Amun aus dem Obelisken meißeln. Sethos I. ließ ihn wieder einfügen. Noch heute kann man die Spuren erkennen.

Thutmosis III. ließ die Obelisken der Hatschepsut ummanteln, sodass ihre unteren Hälften nicht mehr erkennbar waren, und ließ zwischen dem vierten und fünften Pylon eine Säulenhalle von Thutmosis I. ausbauen und mit einer steinernen Decke abschließen. Heute ist die Halle nicht mehr überdacht und hat daher Hofcharakter.

Der fünfte Pylon von Thutmosis I. ist stark zerstört. Durch ihn gelangt man zu heute schlecht erhaltenen Vorräumen, die Thutmosis III. vor dem kleinen sechsten Pylon erbauen ließ.

Sechster Pylon und Wappenpfeiler von Thutmosis III.

Hinter dem kleinen sechsten Pylon stehen die zwei großen Wappenpfeiler von Thutmosis III. Sie symbolisieren die königliche Herrschaft über die beiden Länder, dem Delta und dem Niltal. Im Norden (aus der Perspektive des kommenden Betrachters links) steht der Pfeiler mit der Papyruspflanze als Symbol für Unterägypten (Delta). Der südliche Pfeiler (rechts) trägt die Lilie als Symbol für Unterägypten (Niltal).

Rechts und links dieser Wappenpfeiler erstrecken sich die Reste eines Säulenhofes, der wohl auch ursprünglich überdacht war.

Granitkappelle von Philippus Arrhidäus

Hinter den großen Wappenpfeilern betritt man den Kultbereich der heiligen Barke, auf der die Götterstatue des Amun während der Prozessionen gestellt wurde. Dieser Bereich ist mehrfach umgebaut worden, insbesondere unter der Königin Hatschepsut. Der zentrale Bau ist das Sanktuarium des Makedoniers Phillipus Arrhidäus, der nach dem Tode Alexanders des Großen (323 v. Chr.) einige Jahre das Land regierte (bis 317 v. Chr.). Das Barkensanktuarium wurde anstelle eines viel älteren Barkenheiligtums errichtet, dass vielleicht noch aus der Zeit der Hatschepsut stammte oder sogar noch älter war. Der Vorgängerbau lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Die Wände des räumlich in einen vorderen und einen hinteren Raum gegliederten Barkensanktuariums sind aus Granit. Für den Besucher sehenswert sind die vielen gut erhalten Reliefs mit den detailreichen Darstellungen zu den königlichen Kulthandlungen vor der Gottheit.

Das Allerheiligste: Das Zentrum des Tempels

Kern aller Anlagen von Karnak war das Allerheiligste des Amun. Das Sanktuarium stammte zum größten Teil noch aus dem Mittleren Reich. Dort wurden die täglichen Rituale vor der Götterstatue des Amun abgehalten. Doch in christlicher Zeit, nach der Aufgabe des Amuntempels, verschwanden viele Steine und Baublöcke, so dass nur noch ein Ruinenhof übrig geblieben ist. Zu sehen ist hier leider nicht mehr viel. Es bedarf viel Phantasie des Besuchers, sich ausgerechnet hier die dunkelsten, geheimsten und heiligsten Räume der höchsten Gottheit vorzustellen.

Festtempel und Heiliger See

Der Heilige See in den Tempelanlagen von Karnak (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Östlich des alten Allerheiligsten, von dem heute nur noch ein Hof und ein paar Ecksteine erhalten sind, wurden der ost-westlichen Tempelachse des Amun-Tempels weitere Gebäude angefügt. Es handelt sich um einen umfangreichen Festtempel von Thutmosis III. sowie, noch weiter östlich davon, einen schlecht erhaltenen Tempel, der von Thutmosis III. begonnen und von Ramses II. und Taharka erweitert wurde und zum östlichen Tor des Amunbezirks führt. Sehenswert ist jedoch insbesondere der Festtempel Thutmosis’ III.

Festtempel von Thutmosis III.

Noch innerhalb der Umfassungsmauer des Zentralbezirks des Amun-Tempels liegt hinter dem Bereich des alten Allerheiligsten und dem Hof des Mittleren Reiches ein außergewöhnlicher Annexbau von Thutmosis III. Bei diesem, „Achmenu“ („Erhabenes der Monumente“) genannten, Baukomplex handelt es sich um den Festtempel, einem „Haus der Millionen Jahre“, des Königs Thutmosis III. Der Tempel liegt quer zur Hauptachse des Amun-Tempels und hat seinen unscheinbaren Eingang an der Südostecke. Heute kann man jedoch direkt von der Mitte des Ruinenhofes des Mittleren Reiches ins Achmenu gelangen. Geht man jedoch durch den ursprünglichen Eingang im Südwesten, gelangt man über einen kleinen Vorraum sich nach Norden wendend in die große basilikale Halle des Tempels, deren Mittelschiff mit Säulen und deren Seitenschiffe mit Pfeilern ausgestattet ist. Diese 44 mal 16 Meter große Festhalle imitiert die Konstruktion eines großen Festzeltes mit Zeltstangen. Sinn und Zweck des Festsaales war die Jubiläumsfeier des Sed-Festes, bei dem die Inthronisation und Herrschaftskraft des Königs rituell gefeiert wurde. Nördlich, östlich und südlich der Haupthalle befinden sich zahlreiche kleinere Räume, Kappellen, Sanktuarien und Magazine.

An der Mitte der langen Ostwand des Festsaales befindet sich ein Durchgang zu drei hintereinander liegenden Räumen. Diese Raumfolge entspricht dem Allerheiligsten des Amun-Tempels und liegt auch exakt auf dessen Achse. Vom letzten Raum führt ein höher gelegener Durchgang nach Norden (wegen einer erhöhten Schwelle über eine kleine Treppe) in einen kleinen Saal, dessen Dach ursprünglich von vier Säulen getragen wurde. Bei diesem Raum handelt es sich um die berühmte „Botanische Kammer“. Der Name verweist auf die Reliefdarstellungen an den Wänden. Hier sind die Flora und Fauna der damals bekannten Welt abgebildet. Allerdings handelt es sich nicht um eine botanische oder zoologische Auflistung der Pflanzen und Tiere aus naturwissenschaftlichem Interesse, sondern um eine Naturdarstellung, die auf den theologischen Erwägungen gründet, die Schöpfung des Gottes Amun-Re zu lobpreisen. Von der Mitte der nördlichen Wand der „Botanischen Kammer“ zweigt ein Durchgang nach Norden ab in den Bereich des heiligsten Kultbereiches des Festtempels mit Altar.

Die religiöse „Funktion“ des Festtempels von Thutmosis III. war die Verehrung der Verbindung aus göttlicher und königlicher Macht zur Erhaltung und Erneuerung der Schöpfung. Der vergöttlichte König wurde hierbei als Erscheinungsform des Gottes Amun-Re gefeiert, der durch seine irdische Herrschaft die Ordnung der Welt und durch seine rituellen Handlungen die Ordnung des Kosmos aufrechterhält.

Heiliger See

Südlich des hinteren Bereichs der Ost-West-Achse des Amuntempels liegt ein großer rechteckiger Tempelteich, der sogenannte „Heilige See“, der heute auf Arabisch Birket el-Mallaha genannt wird. Ein solcher heiliger See ist nichts Spezielles, das nur in Karnak zu finden ist. In der Tat hatten die meisten Heiligtümer im alten Ägypten ein künstlich angelegtes Gewässer. Sie konnten in rechteckiger Poolform aber auch als runde, ringförmige oder T-förmige Teiche angelegt sein. Oft waren sie von Bäumen und Gartenanlagen umgeben. Sie dienten für rituelle Kultfahrten der Götterbarken oder den rituellen Reinigungen der Priester. Auch das Wasser für Libationen (Wasseropfer) wurde aus solchen Tempelteichen geschöpft. Nicht selten wurde der Teich als mythologisches Gewässer ausgedeutet.

Das besondere am See in Karnak ist seine Größe: Mit rund 77 mal 120 Metern ist er der größte Tempelteich. Im Altertum wurde das Wasser über eine Zuleitung aus dem Nil in den See geführt. Der heutige Wasserspiegel wird allein vom gestiegenen Grundwasser gespeist. Wegen der Verdunstung und mangels Frischwasserzufuhr ist das Wasser heute leicht salzig. An verschiedenen Stellen führen Treppen zum Wasser hinab.

Direkt am See steht eine Imbissbude mit Café und Sitzgelegenheiten für die Touristen. Da ein Rundgang durch Karnak mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann, ist es durchaus sinnvoll, hier eine kleine Verschnaufpause einzulegen. Östlich des Sees steht eine riesige moderne Tribüne. Sie dient als Zuschauertribüne bei den „Sound-and-Light-Shows“ am Abend.

Nord-Süd-Achse

Thutmosis III beim Erschlagen der Feinde auf dem siebten Pylon (Foto: M. Hüneburg, 2009)

Die Hauptachse des Karnak-Tempel s ist die Ost-West-Achse, die nach dem Sonnenlauf ausgerichtet ist. Eine andere wichtige Achse ist die Nord-Süd-Achse. Sie zeigt zum einem zum Mut-Tempel südlich des Amun-Komplexes und zum anderen nach Luxor zum dortigen Amun-Tempel.

Zur Nord-Süd-Achse gelangt man, wenn man sich von der Hauptachse abkehrend zwischen dem dritten und vierten Pylon nach Süden wendet. Ein anderer Weg ist, vom großen Haupthof des Karnak-Tempels durch das Bubastiden-Tor (benannt nach den libysch-stämmigen Pharaonen der 22. Dynastie) die Hauptachse zu verlassen und sich dann nach Osten zum Vorhof des siebten Pylons (sogenannter Cachette-Hof) zu begeben. Das Bubastiden-Tor befindet sich zwischen dem Annex-Tempel Ramses’ III. und dem zweiten Pylon.

Die Nord-Süd-Achse besticht weniger durch imposante Säulenhallen und Kioske als vielmehr durch ihre Aneinanderreihung von Pylonen. Der siebte, achte, neunte und zehnte Pylon bilden zusammen mit ihren Höfen eine lange Allee der Torbauten und unterstreichen die Funktion des Prozessionswegs. Viele Bauten in der Tempelstadt von Karnak wirken daher wie Festkulissen, vor denen das große Götterspiel der Prozession aufgeführt wurde. Wir dürfen hierbei nicht vergessen, dass Götterkult auch immer etwas mit Performanz und theatralischen Inszenierungen zu tun hat.

Östlich dieser süd-nord-gerichteten Pylon-Allee liegt der Heilige See und südwestlich dieser Achse der Tempel des Chons und das Heiligtum der Opet.

Die Pylone und Höfe der Nord-Süd-Achse

Von der Ost-West-Ache kommend betritt der Besucher zunächst einen Hof, der zum siebten Pylon gehört. Dieser Hof wird Cachette-Hof genannt. Hier wurden mehrere tausend Statuen gefunden, die in der griechisch-römischen Epoche im Boden vergraben worden waren, vermutlich um Platz für bauliche Veränderungen zu schaffen.

Der siebte Pylon wurde unter Thutmosis III. errichtet. Die Reliefdarstellungen und Hieroglyphentexte erzählen von den militärischen Erfolgen des Königs und zeigen ihn beim kultischen bzw. symbolischen Erschlagen der Feinde. Ein interessantes Detail sind die Listen der Städte und Länder, die der Pharao erobert hatte. Tatsächlich gab es keinen anderen Pharao, der Thutmosis III. an erfolgreichen, militärischen Eroberungszügen übertreffen konnte. Ganz Palästina und Syrien bis hin zum Euphrat und große Teile Nubiens konnten durch eine aggressive Expansionspolitik dem ägyptischen Imperium angegliedert und tributpflichtig gemacht werden. Vor dem siebten Pylon (d.h. an dessen Südseite) standen ursprünglich zwei große Obelisken. Einer wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. von Kaiser Konstantin nach Byzanz (Konstantinopel, heute Istanbul) gebracht, wo er noch heute steht.

Der achte Pylon stammt von der Königin Hatschepsut . Vor diesem Pylon steht eine relativ gut erhaltene Figur des Königs Amenophis I.

Der neunte Pylon, der unter Haremhab errichtet wurde, ist schlecht erhalten und zum großen Teil abgetragen. In ihm wurden zahlreiche Steine aus dem Aton-Tempel des Echnaton als Spolien verbaut. Diese Blöcke hat man im Luxor-Museum zusammengefügt und konnte somit eine große Reliefwand der Amarna-Zeit rekonstruieren.

Zwischen dem neunten und dem zehnten Pylon stehen Reste eines Heb-Sed-Heiligtums des Königs Amenophis II. Über eine Rampe gelangt man auf den erhöhten Unterbau der Anlage mit Pfeilersälen. Später hinzugefügte Reliefdekorationen an der östlichen Hofmauer zeigen König Haremhab, wie er asiatische Gefangene vor die Gottheiten Amun, Mut und Chons führt.

Der zehnte Pylon stammt wieder von König Haremhab. Er bildet zusammen mit der an beiden Seiten anschließenden Umfassungsmauer die Grenze und das südliche Eingangtor zum Amunbezirk. Vor der Nordfassade dieses Pylons stehen zwei Kalksteinstauen des Königs Ramses II.

Der Tempel des Chons

Relativ gut erhalten ist der kleine Tempel des Chons, der alle Elemente eines eigenen Tempels aufweist: Einen großen Pylon mit Vertiefungen für die vier Fahnenmasten, die einst hier standen, dahinter ein Säulenhof mit etwas erhöhter Rückhalle, darauf folgend eine Säulenhalle (Hypostyl) mit acht Säulen, gefolgt von einem zentralen Barkensanktuarium und dahinter einem kleinen Viersäulensaal und schließlich, am nördlichem Ende, der heilige Kultbildraum des Gottes Chons und dessen Nebenräume. Von dem Tempelpylon führte ursprünglich eine Sphinxallee direkt zum Luxor-Tempel in die Stadt.

Begründet und errichtet wurde der Chons-Tempel unter Ramses III., zumindest konnte bisher kein Vorgängerbau nachgewiesen werden. Allerdings haben spätere Pharaonen an der Dekoration weitergearbeitet, insbesondere Ramses IV., Ramses XI. und der Priesterkönig Herihor.

Die religiöse Funktion dieses Tempels lag in der Verehrung des Götterkindes der Thebanischen Triade (Götterdreiheit). Chons galt als Sohn des Amun und der Mut.

Opet-Tempel

Im rechten Winkel zum Chons-Tempel stehen die Überreste eines Tempels des Osiris und der Opet, einer nilpferdgestaltigen Göttin, die im Zusammenhang ihrer Rolle als Geburtshelfer- und Hebammengöttin als Mutter des Osiris gedeutet wird.

Am besten erhalten ist der hintere Teil des Tempels, womit der östliche Abschnitt gemeint ist, der an den Pylon des Chons-Tempels stößt. Der Eingang des Opet-Tempels war an der Westseite. Dieser Teil ist hauptsächlich in der griechischen Zeit der Ptolemäer (Ptolemäus VIII. Euergetes II.) entstanden, hat aber seine Wurzeln in der 18. Dynastie (Amenophis II.).

Betritt man den Tempel durch seinen eigentlichen Eingang von Westen, so geht man zuerst durch einen Kiosk des Königs Taharka (25. Dynastie), durchschreitet dann einen Pylon des Königs Nektanebos I. (30. Dynastie). Dann steht man in einem zweigeteilten Hof mit weiterem Kiosk. Über einen Treppenaufgang gelangt man zum höheren Podest mit der Säulenhalle und dahinter dem Allerheiligsten. Im Osten schließen sich eine tiefe Krypta und an der östlichen Außenwand eine Osiris-Kapelle an. Die mythologische Ausdeutung der Anlage ist kompliziert. Götter konnten in bestimmten Aspekten die Wesenzüge anderer Gottheiten annehmen oder mit ihnen verschmelzen. Das Opet-Heiligtum diente der kultischen Begleitung der täglichen Schöpfung serneuerung, nämlich der Idee folgend, dass der höchste Gott als Osiris zunächst stirbt, dann in den Körper der Opet-Nut (Nut ist die Himmelsgöttin in deren Leib sich die Götter während der nächtlichen Sonnenfahrt verjüngen) einfährt, sich dort verjüngt und schließlich als Amun-Re wiedergeboren wird, um mit seiner Wiedergeburt auch die Schöpfung des Kosmos zu erneuern.

Der Tempel der Mut (außerhalb des Amun-Komplexes, bedingt zugänglich)

Südlich und außerhalb der Mauern des Amun-Komplexes liegt der Tempelkomplex der Göttin Mut, nach dem ägyptischen Pantheon die Gemahlin des Amun. Man gelangt dorthin, wenn man den zehnten Pylon durchschreitet und entlang der Sphinxallee direkt nach Süden geht. Allerdings sind die Anlagen nicht immer zugänglich. Im Normalfall wird man durch Zaun und Wächter abgehalten.

Die Tempel sind wesentlich schlechter erhalten als die des Amun-Komplexes. Vor den Umfassungsmauern findet der Besucher zu seiner Linken Reste des Kamutef-Heiligtums und zu seiner Rechten die Überreste eines Barkenheiligtums der Hatschepsut. Innerhalb des von der Umfassungsmauer umrahmten Hauptkomplexes stehen in der Mitte der Tempel der Mut, im Norden zwei kleine Tempelchen des Chons und im Süden ein kleiner Tempel von Pharao Ramses III.

Video mit Eindrücken von der großen Säulenhalle im Karnak-Tempel

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, Zürich und München 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen, Baudenkmäler, Kultstätten, Zürich 1992.
  • Badawi, Alexander: A History of Egyptian Architecture, Los Angeles 1968.
  • Borchardt, Ludwig, Zur Baugeschichte des Amonstempels von Karnak, Hildesheim 1964.
  • Blyth, Elisabeth, Karnak: Evolution of a Temple, London 2006.
  • Donadoni, Sergio: Theben, Heilige Stadt der Pharaonen, München 2000.
  • El-Sharkawy, Ali, Der Amun-Tempel von Karnak. Die Funktion der Großen Säulenhalle, Berlin 1997.
  • Beatrix Gessler-Löhr, Beatrix, Die heiligen Seen ägyptischer Tempel, Hildesheim 1983
  • Glovin, Jean-Cl. Golvin und Jean-Cl. Goyon, Karnak, Ägypten, Anatomie eines Tempels, Tübingen 1987.
  • Habachi, Labib, Die unsterblichen Obelisken Ägyptens, Mainz 200.
  • Otto, Eberhard, Osiris und Amun. Kult und heilige Stätten, München 1966.
  • Siliotti, Alberto, Luxor, Karnak and the Theban Temples, Kairo und New York 2002.
  • Wilkinson, Richard H, Die Welt der Tempel im alten Ägypten, Stuttgart 2005.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg