Weisheitslehren im Alten Ägypten

Klassifikation

Die Weisheitslehren nehmen mit der altägyptischen Bezeichnung sbAj.t eine Ausnahmestellung in den bekannten Literaturgattungen des Alten Ägypten ein. Wie in der Einleitung kurz erwähnt, pflegten die Ägypter eher kaum bestimmten Literaturgattungen eine Bezeichnung geben, weder sie zu definieren. Anhand einiger speziell wiederkehrender Satzstrukturen ist es jedoch gelungen, den größten Teil des bis heute erhaltenen Schriftguts in Literaturgattungen einzuordnen.

Weisheitslehren können demnach wie folgt klassifiziert werden:

Die altägyptische Bezeichnung für Gattungen der Lehren lautet sbAj.t = Lehre, Belehrung

Lehren beginnen in der Regel mit HA.t-a m sbA.jt, was übersetzt Anfang der Lehre bedeutet und im Mittleren sowie im Neuen Reich obligatorisch als Einleitung für Lehren eingesetzt wurde. Einzige bekannte Ausnahme ist die Lehre des Ptahhotep aus dem Mittleren Reich. Nach HA.t-a m sbA.jt folgt in den meisten Fällen jrj.t.n = welche verfasst hat + Titel + Name des angeblichen Lehrers.

Der Titel lautet bis auf wenige Ausnahmen „Beginn der Schriftrolle mit der Lehre, die X für seinen Sohn Y gemacht hat“.[1] Der Gebrauch der Bezeichnung „Sohn“ in altägyptischen Weisheitslehren ist dabei nicht unmittelbar auf verwandtschaftliche Beziehungen bezogen, sondern bezeichnet Sohn hier vielmehr einen Schüler. Gelegentliche Ausnahmen wie wir sie im Grab des Amenemhet (TT 97) oder bei Sehetep-ib-Re finden, lassen den Schluss zu, dass der Titel nicht ausschließlich in Weisheitslehren genutzt wurde, sondern auch in anderen literarischen Werken[2] Verwendung fand.

Der größte Teil der Weisheitslehren wurde jedoch auf Papyri, Ostraka oder Schreibtafeln niedergeschrieben, wo sie nach heutiger Auffassung den Zweck der schulischen Bildung dienten. Anders als bei oralen Kulturen, welche eine mündliche Tradierung von Wissen bevorzugen wie es bei traditionell afrikanischen Gesellschaften wie den LoDagaa[3] der Fall ist, bevorzugte das altägyptische Volk eine Weitergabe des Lernstoffes durch stetes Abschreiben bzw. Umschreiben des vorhandenen Schriftwerkes. Die altägyptische Gesellschaft kann demnach in die Kategorie der literalen Gesellschaften eingruppiert werden, obwohl Jack Goody[4] und Ian Watt[5] Griechenland die erste eindeutige literale Gesellschaft zuweisen[6].

Wie bei oralen Gesellschaften gibt es bei der Wissensübertragung in literalen Gesellschaften ebenfalls einen Lehrenden.

Lehrende in oralen Gesellschaften sind häufig ältere Personen, die als Weise fungieren und die durch Handeln und wiederholendes Vortragen bestimmter Sequenzen dem Schüler das Wissen übermitteln.

Lehrende der literalen Gesellschaft übermitteln ihr Wissen, welches sie ebenfalls aus Schriftsequenzen oder durch Erfahrung gesammelt haben, dem Schüler durch Niederschreiben des zu lehrenden Wissens. Im Falle des Lehrenden der altägyptischen Weisheitslehren handelt es sich häufig um Wesire, Königssöhne oder zum Teil auch Könige, die nur im Mittleren Reich als Lehrende in Weisheitslehren auftreten. Ebenso finden sich Lehrende in mittleren Schichten der Gesellschaft wie Ani und Amenemope oder in einfachen Schichten wie Cheti.

Die überwiegende Bezeichnung „Sohn“ für den zu Belehrenden in altägyptischen Weisheitslehren lässt, wie schon erwähnt, nicht immer verwandtschaftliche Rückschlüsse zu. Dabei fungiert dieser nicht als einziger Schüler der Lehre, sondern diese zielt auf die gesamte Personengruppe ab, für die das Schriftgut verfasst wurde. Zumeist handelt es sich hierbei um lesekundige Schüler, die Beamtenfamilien entstammen und in den Beruf des Lehrenden aufsteigen sollen.

Lehren dienen somit nicht nur als Wissensübertragung, sondern ebenso auch als eine Art Ausbildung.

Weisheitslehren bedienen sich einer gebundenen Sprache, das heißt im Mittelpunkt steht die Antithese oder die Figur des Gedankenpaares. Gedankenpaare oder Thought-Couplets wie sie John L. Foster[7] nennt, sind Gedanken eines Satzes, welche im nachfolgenden Satz inhaltlich weiter ausgebaut werden.

Zumeist werden Gedankenpaare in zweireihigen Versen verfasst, die miteinander „verknotet“ sind (taz) und welche vom Schüler „entknotet“ und verstanden werden müssen[8]. Weitere stilistische Anwendungen finden sich zum Teil bei Ani und Amenemope. Jene lassen in ihren Lehren bildliche Ausdrücke und Gleichnisse einfließen. Allegorien in sprichwortartiger Verwendung werden hauptsächlich in demotischen Lehren wie die Lehre des Anchscheschonqi eingesetzt. Der überwiegende Teil der Lehren bedient sich jedoch eines bildlosen Schriftstils.

Inhaltlich sind Lehren zumeist mit Ratschlägen zur und mit einem gewissen Reglement über die ägyptische Gesellschaft geprägt. Jede Lehre zielt auf ein bestimmtes Lehrziel ab. So stehen bei der Lehre des Ptahhotep Regeln über bestimmte Sitten und das Benehmen in der Gesellschaft im Vordergrund. Bei der Lehre des Amenemhets I sowie bei der Lehre für Merikare sind Ratschläge zur Innenpolitik vordergründig. Anders verhält es sich bei der Lehre des Cheti, welche dem Schüler neben einigen Regeln zur Etikette aufzufordern versucht, Beamter zu werden. Die Loyalistische Lehre und die Lehre eines Mannes für seinen Sohn haben als Lehrziel die Treue zum König. Die Beziehung des Menschen zum Gott sowie Frömmigkeit wird in den Lehren des Ani und Amenemope beschrieben. Die Lehre des Anchscheschonqi konzentriert sich hingegen inhaltlich auf Bürgerweisheiten.

Jedoch zielt neben den vorher genannten Forderungen und Absichten der überwiegende Teil der Lehren auf das Zusammenspiel von Mensch und König in geordneter Weise ab. Dies bedeutet, eine gewisse Ordnung im Staat zu bewahren und sich nach den Gesetzen der Maat zu bewegen. Götterkult und Jenseitsbeschreibungen sind in Lehren hingegen kaum zu finden.

Die Wirkung der Lehren lässt sich bisher nur vermuten. Allem Anschein nach waren Lehren sehr bedeutsam in der ägyptischen Gesellschaft. Sie wurden bis in die demotische und koptische Zeit tradiert, wohl gemerkt in veränderter inhaltlicher Form und zeitlich angepasst. Durch die Integration einiger Kontextstücke der Lehren in die Bibel wurde die ägyptische Weisheitsliteratur bis nach Europa verbreitet, von wo sie dort außerhalb der ägyptischen Grenzen allem Anschein nach ebenso gewirkt hat.

 

[1] Vergleiche LÄ III, S. 964

[2] Bsp.: Autobiographie des Amenemhet (TT 97); Stele CG 20538 (II c8-20) des Sehetep-ib-Re

[3] Vergleiche Alternative paths to knowledge in oral and literate cultures, Jack Goody, 1987

[4] Jack Goody, geb. 1919, britischer Ethnologe, Anthropologe, Medientheoretiker

[5] Ian Watt, geb. 1917, gest. 1999, Literaturkritiker, Literaturhistoriker

[6] Vergleiche Goody, Watt, Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur. 1986, S. 83.

[7] Vergleiche: John L. Foster: Thought Couplets in The Tale Of Sinuhe. 1993 (MÄU 3)

[8] LÄ III, S. 965