KV 55 , das Grab der Rätsel

Die wohl rätselhafteste und am kontroversesten diskutierte Entdeckung im Tal der Könige ereignete sich im Januar 1907. Der für den Privatmann Theodore M. Davis arbeitende Ägyptologe Edward Ayrton stieß, direkt neben dem Grab Ramses IX., auf ein kleines unvollendetes Grab. Zunächst war nur zu erkennen, dass ein Gang in den Felsen geschlagen wurden war.
Aus dem Tagebuch von Mrs. Andrews, der Schwester von Theodore M. Davis:

"Mr. Ayrton schickte heute morgen eine Notiz an Theo, mit der Mitteilung, dass er ein Grab gefunden hätte. Theo ging noch am Morgen hinüber, als er zurückkehrte, teilte er mit, dass es [das Grab] einiges versprach - aber noch unsicher war".

Wenige Tage später waren bereits 21 Stufen freigelegt wurden und man stieß auf einen versiegelten Eingang, dessen Tür mit mit einer Wand aus locker aufgeschichteten Sandsteinen verschlossen war.

Eine zweite Sperre und ein teilweise mit Geröll gefüllter Gang führten schließlich zu einem einzelnen Raum, der ein Durcheinander verschiedener Gegenstände enthielt: ein zerlegter Schrein, der Teje - der Mutter Echnaton s - zugeordnet werden konnte, ein menschenförmiger Sarg bei dem Gesicht und Namenskartuschen herausgeschlagen wurden waren, magische Ziegel des Pharao Echnaton und Kanopen (Krüge zur Aufbewahrung der inneren Organe) seiner Nebenfrau Kija sowie viele weitere Grabbeigaben. Der an einer Wand befindliche Sarg gab bei der Öffnung eine schlecht erhaltene Mumie frei, die beim Berühren zu Staub zerfiel und nur das Skelett zurückließ.

Die Kanopen und der Sarg, beide mit sogenannten "nubischen Perücken" ausgestattet, waren eigentlich nichtköniglicher Natur und lediglich mit königlichen Insignien nachgerüstet wurden. Für ein Königsgrab war die Anlage zu klein und das Sammelsurium an Beigaben ließ eher auf ein Versteck schliessen. Obwohl keine Grabräuber ihr Unwesen getrieben hatten, war der Zugang mehrmals nacheinander verschlossen wurden.

Wessen Grab hatte man entdeckt?

Für Theodore M. Davis war die Antwort klar: er hatte das Grab der Königin Teje gefunden. Der zerlegte Schrein gehörte zweifelsfrei ihr, der Sarg war ursprünglich für einen weiblichen Toten angefertigt worden, die Arme der Leiche befanden sich in einer für Frauen typischen Position: ein Arm an der Seite, der andere über die Brust gelegt. Zwei eher obskure "Fachleute", die das Skelett noch im Grab untersuchten waren sicher, dass es das einer älteren Frau war.

Spätere Untersuchungen der Überreste erwiesen aber, dass es sich um einen männlichen Toten handelte. Die magischen Ziegel mit seinem Namen, die Inschriften mit seinen Titeln und nicht zuletzt die Zerstörung von Gesicht und Namens- kartuschen auf dem Sarg: war man auf das Grab des verfemten Ketzerkönigs Echnaton gestoßen?

Echnaton hatte die erste in Ansätzen monotheistische Religion der Geschichte begründet und die Sonnenscheibe "Aton" zum Gott erklärt. Die anderen Götter, vor allem der bisherige Reichsgott Amun, wurden "entmachtet". In seinem vierten Regierungsjahr ließ er die Stadt Achetaton gründen, die im sechsten Regierungsjahr zur Hauptstadt Ägyptens erhoben wurde.

Nach seinem Tod kehrte man jedoch zur alten Religion zurück und die Stadt wurde verlassen, Name und Andenken Echnatons wurden ausgelöscht.

Im Königsgrab Echnatons in Achetaton hatte man keine Mumie entdeckt. Es bestand also die Möglichkeit, dass in der Regierungszeit Tutanchamuns - dessen Siegel in KV 55 vorhanden waren - seine Mumie aus der verlassenen Stadt ins Tal der Könige verbracht wurde. Später wurde das Grab erneut geöffnet und dabei die Zerstörungen am Sarg vorgenommen.

Auch diese Theorie konnte nicht mehr gehalten werden, nachdem erneute Untersuchungen des Skeletts ein Todesalter von ca. 20 Jahren ergaben. Ein Vergleich mit der Mumie Tutanchamuns führte zu interessanten Ergebnissen.

Beide Leichen haben die selbe, recht seltene, Blutgruppe und zeigen eine deutliche körperliche Ähnlichkeit. Da Alter und Körperbau gegen Echnaton sprechen, bleibt nur ein königlicher Toter aus dem fraglichen Zeitraum übrig: Semenchkare, Vorgänger und möglicherweise auch Bruder Tutanchamuns. Teile seiner Grabausstattung (Kanopenkasten, goldene Binden, Kästen, vielleicht selbst einer der inneren Goldsärge) wurden im Grab Tutanchamuns wiederverwendet.
Möglicherweise hatte man daher ersatzweise die Grabausstattung anderer Mitglieder des Königshauses für ihn umgearbeitet.

Viele Fragen bleiben ungeklärt. Was im Altertum in KV 55 geschah ist umstritten, auch ob möglicherweise weitere Personen zunächst dort beigesetzt wurden. Auch die Altersbestimmung der Mumie ist angezweifelt wurden, so dass einige Ägyptologen weiterhin die Leiche Echnatons in ihr sehen.

Das Hauptproblem und ein Grund dafür, wieso KV55 vielleicht immer rätselhaft bleiben wird : die Ausgrabung von KV55 gilt als eine der am schlechtesten durchgeführten und dokumentierten im Tal der Könige überhaupt. Die offizielle Veröffentlichung von Davis und Ayrton ist oberflächlich, teilweise ungenau und enthält nicht einmal einen Plan des Grabes. Zur Rekonstruktion der Vorgänge muss man also auf die Berichte der beteiligten Augenzeugen zurückgreifen - nur widersprechen sich diese teilweise. Selbst die bei der Öffnung beteiligten Personen lassen sich nicht zweifelsfrei ermitteln. Ohne gesicherten archäologischen Befund bleibt die Geschichte des Grabes weitgehend im Dunkeln.

Erst vor einiger Zeit war das Grab in den Schlagzeilen, als die - ca. 1914 aus dem Museum in Kairo verschwundene - Sargwanne aus dem Grab in der Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst in München auftauchte.