Kunst des Alten Ägypten - Reliefs, Wandmalereien und Rundbilder

Unverkennbar und von eigentümlicher Ästhetik ist die Kunst des alten Ägypten. Sie unterscheidet sich durch ihre charakteristischen Merkmale klar von der Kunst der klassischen Antike und des vorderen Orients und ist auch für Laien von anderen Kunst-Stilen unterscheidbar. Die Zahl der erhaltenen Kunstobjekte aus dem alten Ägypten ist immens, ebenso wie die dortige Dichte monumentaler Denkmäler aus dem Altertum. Wenn es um Kulturdichte und Kulturschätze des Altertums geht, kann Ägypten ohne weiteres in einem Atemzug mit Italien, Griechenland und der Türkei erwähnt werden. Mehr als fünftausend Jahre Kunstschaffen haben für ein reiches kulturelles Erbe des Landes gesorgt – davon mehr als dreitausend Jahre das, was man Kunst aus dem Zeitalter der Pharaonen nennt. In folgender kurzer Zusammenfassung soll ein kleiner Überblick über die Merkmale zweier wichtiger Kunstgattungen der altägyptischen Zeit gegeben werden: Flachbildkunst und Rundbildkunst. Bei der Flachbildkunst handelt es sich in erster Linie um Reliefs und Wandmalereien aus Gräbern und Tempeln, bei der Rundbildkunst um Statuen und Statuetten des Königs oder von Verstorbenen und Gottheiten. Auch sie stammen hauptsächlich aus Tempeln und Gräbern. Die Architektur des Landes wird andernorts besprochen. Ausgespart werden ebenso Papyri, Keramik, Glasgefäße, Schmuck und Textilhandwerk. Auch sie werden andernorts erläutert. Doch selbst die Flachbildkunst und Rundbildkunst des alten Ägypten ist so umfangreich, dass eine Abhandlung in wenigen Textzeilen vermessen wirken muss. Daher kann dieser Text nur als erste Orientierung zu verstehen sein.

Kunsthandwerk im religiösen Kontext

Ägyptische Kunst steht zumeist im Zusammenhang mit der Religion. Dies liegt daran, dass die meisten Reliefs und Statuen in Tempeln und Gräbern gefunden wurden. Sie wurden für Bauten des Götter- oder Totenkultes geschaffen. Wohnhäuser und Räume des Alltags waren aus Lehmziegeln und vergänglichen Materialien errichtet. Gräber und Tempel aus unvergänglichem Stein. Sie waren für die Ewigkeit bestimmt. Auf diese Weise wurden mit der Reliefdekoration der Gräber und Tempel auch unvergängliche Kunstwerke geschaffen, denn Reliefkunst und Architektur bildeten eine organische Einheit.
In der Tat kann man, wenn man von einer alten Hochkultur wie jener des alten Ägypten spricht, die Sphären der Religion, Kultur, Kunst und Gesellschaft nicht klar voneinander trennen. Jeder Aspekt des Lebens und der Gesellschaft war von religiösen Weltvorstellungen durchdrungen. In alten Hochkulturen, wie der ägyptischen, kann man wegen des Fehlens bzw. noch nicht Vorhandenseins eines säkularen Gedankenguts darüber spekulieren und diskutieren, ob man überhaupt bestimmte Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als profan bezeichnen darf. Es gab keine wirkliche Trennung von profaner und sakraler Welt, und dort, wo man es annehmen könnte, wurde die Trennlinie anders gezogen als in einer modernen säkularen Gesellschaft. Aber es gab eine Trennung zwischen profanem und heiligem Raum. Mit der Anlage eines Tempels oder eines Grabes wurde ein heiliger Raum abgesteckt, für den andere Regeln gelten. Es wurde eine neue Schöpfung vollzogen, eine Welt im Miniaturformat geschaffen, ein abgegrenzter Raum mit einer spezifischen und idealisierten kosmischen Ordnung geschaffen.
Was für Tempel und Gräber galt, galt ebenso für königliche Paläste. Doch gibt es nur wenig erhaltene Palastkunst, denn sie wurden wie die Häuser in der Regel aus Lehmziegeln errichtet. Beispiele für Wand- und Fußbodenmalereien kennt man aus den königlichen Palästen des Neuen Reiches in Malkata (westlich von Theben) und Tell el-Amarna .
Malerei und Bildhauerei erfüllte keinen ästhetischen Selbstzweck, sondern alle Objekte erfüllten einen rituellen oder praktischen Zweck. Eine Staute war ein Kultobjekt. Die Idee, eine Statue allein zum ästhetischen Selbstzweck zu schaffen, entspringt einer modernen Vorstellung von Kunst. Somit war die ägyptische Kunst primär religiös motiviertes Kunsthandwerk, niemals Kunst um der Kunst willen.

Entwicklung der Rund- und Flachbildkunst

Die altägyptische Kunst ist unverkennbar. Für Laien scheint es gelegentlich, als hätte die Kunst des alten Ägypten sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende kaum gewandelt. Tatsächlich hat sie über drei Jahrtausende gewisse Eigentümlichkeiten bewahren können, durch die sie sich deutlich von dem Kunstschaffen anderer Länder und Regionen abgrenzt. Allerdings hat sie - aus der Innenperspektive betrachtet - auch deutliche Entwicklungen durchgemacht, die erkennbar werden, wenn man die Statuen und Reliefs aus den unterschiedlichen Epochen miteinander vergleicht.
Für Ägyptologen und Kunsthistoriker ist es einerseits relativ leicht, ein Kunstobjekt einer bestimmten Epoche der ägyptischen Geschichte zuzuordnen. Andererseits gibt es auch Kunstwerke, deren Datierung und Zuordnung schwierig ist. Dies liegt daran, dass schon in pharaonischer Zeit Objekte älterer Epochen kopiert wurden. Priester und Handwerker hatten die Denkmäler der Vorfahren stets vor Augen. Man zog durch die Tempel und (offenen) Gräber, um sich vom Kunstschaffen vergangener Generationen inspirieren zu lassen. Je älter ein Objekt schien, desto würdevoller wirkte es. So kommt es, dass in der Spätzeit mancherorts der Stil des Mittleren Reiches als Vorbild fungierte. Denn das Mittlere Reich galt schon damals als Blütezeit, als klassische Zeit, als goldenes Zeitalter. Auch in der Schrift wurden bestimmte religiöse Texte in archaischer Schreibform und Sprache niedergeschrieben, um sie dadurch älter wirken zu lassen und somit eine besondere Würde zu erhalten. So ist es für einen Ägyptologen mitunter schwierig einzuschätzen, ob es sich beispielsweise bei einer Statue um ein Objekt des Alten oder Mittleren Reiches oder um eine Replik aus der Spätzeit handelt, in der ein ägyptischer Kunsthandwerker sich an älteren Vorbildern aus der Zeit der Ahnen orientierte.

Perspektive und Aspektive

Während die Rundbildkunst gerade im Porträt schon sehr früh realistische Abbildungen zustande brachte, blieb die Flachbildkunst, trotz aller Feinheiten im Detail, im Zweidimensionalen hängen, d.h. es wurde in der Darstellungsweise nicht geschafft oder aus Gründen der Tradition nicht angestrebt, durch Perspektive und Schattierung die Illusion eines dreidimensionales Raumes zu produzieren. Räumlichkeit wurde durch Plastizität der Einzelobjekte mittels Hervorhebung durch das Relief geschaffen. Menschliche Figuren wurden oft in Form einer eigentümlichen Kombination aus Seiten- und Vorderansicht präsentiert. Typisch für die ägyptischen Wandreliefs und Wandmalereien sind die Aufteilungen der Fläche in Register, d.h. in unterschiedliche Ebenen mittels Trennlinien. Die Register und die einzelnen Szenen in den Registern ergeben eine Bildfolge. Diese Bildfolgen können eine „Geschichte“ erzählen (Beispiel: Bild 1: Pharao zieht mit seinem Heer aus, Bild 2: Pharao erobert eine Stadt, Bild 3: Pharao kehrt mit Tributgaben und Gefangenen nach Ägypten zurück). Manchmal ergeben die Bilder ein Album unterschiedlicher Themen aus der Religion (z.B. Götterszenen, Szenen aus dem Totenbuch , Szenen aus der Unterwelt) oder der Lebenswirklichkeit eines Grabinhabers (z.B. mit unterschiedlichen Szenen aus dem Alltagsleben). In Kombination mit den Inschriften und Beischriften wirken die Wandbilder und Reliefs wie Bildfolgen aus einem Comicstrip.

Herstellung der Wandreliefs

Die Wandreliefs wurden von mehreren Gruppen spezialisierter Handwerker gefertigt. Es gab mehrere Arbeitsschritte. Jede Gruppe war für einen bestimmten Arbeitsgang zuständig. Zunächst kamen die Vorzeichner. Sie trugen zuerst mit zartem Strich ein gitterartiges Raster auf die Wand auf. Dieses diente zum Einhalten und Erfassen der richtigen Proportionen, damit beispielsweise der Kopf einer darzustellenden Person nicht zu groß oder der Körper zu klein aufgemalt wurde. An manchen Stellen in ägyptischen Gräbern sind noch Reste dieser Gitterraster zu sehen. Dann war es Aufgabe spezialisierter Steinmetzen, die aufgezeichneten Bilder reliefartig herauszuarbeiten. Schließlich bemühte sich eine dritte Gruppe von Handwerkern um die bunte Bemalung. Diese Vorgehensweise blieb auch in späteren Zeiten üblich. Bei reinen Wandmalereien wurde der zweite Arbeitsschritt entsprechend ausgelassen.

ägyptische Kunst im Alten Reich