Kunst des Alten Ägypten - Reliefs, Wandmalereien und Rundbilder (Teil 3)

Kunst des Neue Reiches und der Amarna-Zeit Aus der Zeit des Neuen Reiches sind viele bedeutende Kunstwerke erhalten. Die Kunst erlebte in der imperialen Phase Ägyptens eine neue Blütezeit. Gerade in den Residenzen und große Metropolen, insbesondere in Theben, entwickelte sich ein neuer Reichtum der Tempel und gesellschaftlichen Eliten, genährt durch die militärische Expansion des Landes und den Tributgaben aus dem Ausland. So wurden viele Ressourcen frei, um die unzähligen Kunsthandwerker mit der Dekoration der Tempel und Gräber zu beauftragen und zu finanzieren. In Theben und Umgebung wurde auf diese Weise eine nie zuvor da gewesene Anhäufung von kunstvoll dekorierten Altertümern geschaffen. Die Wandmalereien im Tal der Könige, im Tal der Königinnen und in den Thebanischen Nekropolen der hohen Würdenträger in Sheikh Abd al-Qurna, El-Asasif, Qurnet Murai, Deir el-Medina und Dra Abu el-Naga sind von einzigartiger Sorgfalt und Pracht. Beispielhaft für die zauberhafte Grabmalerei der Privatgräber sind etwa die Gräber des Nacht, des Sennefer, des Sennedjem, des Menena, um nur wenige zu nennen. Herausragendes Merkmal an der Rund- und Flachbildkunst des Neuen Reiches ist die Loslösung von alten überlieferten Formen und Schemata, hin zu einer freieren Gestaltung der Bildgliederung, lockeren und variationsreicheren Darstellungen menschlicher Bewegungen sowie kreativerer Ausnutzung der Bildfläche. Eine neue Leichtigkeit und Detailfreude verrät die souveräne Beherrschung der Handwerkstechniken. An den Wänden der Tempel wurden aufwendige Bildfolgen geschaffen, die detailliert von den Feldzügen der Könige und von den Kulthandlungen im Tempel berichten. In den königlichen Gräbern im Tal der Könige wurden komplexe Entwürfe der Unterwelt und der religiösen Kosmologie in unzähligen Variationen abgebildet. Wie in der Flachbildkunst, so entstand auch im Bereich des Rundbildes eine neue Blütezeit. Die kunstvoll gearbeiteten Statuen, Sitzstatuen und Statuengruppen hoher Amts- und Würdenträger, nobler Damen und ranghoher Priester stammen weiterhin oft aus den Kultnischen der Grabkappellen. Aber seit dem Mittleren Reich verbreitete sich auch die Tradition, dass reiche und fromme Stifter, die einem Tempel eine Stiftung oder Gabe zukommen ließen, eine Statue ihrer selbst dort hinterlassen konnten, um, vertreten durch ebendiese Statue, auf ewig dem Götterkult und Gottesdienst im Tempel beiwohnen und von den Opfergaben profitieren zu können. Wurden die Kulträume der Tempel im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte übervoll wegen der zahlreichen Stiftungen, grub man Tiefe Gruben unterhalb des Tempels. Dort wurden die Statuen „eingelagert“, um Platz für neue Statuen neuer Stifter zu machen. So kam es, dass Archäologen manchmal Hunderte Figuren und Statuen an einem einzigen Ort fanden (sog. „Cachette“). So kann der Museumsbesucher davon ausgehen, dass eine nicht-königliche Statue mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder in der Kultnische einer Grabkapelle, als Grabbeigabe oder als Stifterfigur in einem Tempel gestanden haben muss. Eine wichtige Fundgruppe aus der Rundplastik des Neuen Reiches sind die Uschebtis (auch Schawabtis genannt). Hierbei handelt es sich um kleine mumienförmige Standfiguren, die im kunsthandwerklichen Idealfall das Gesicht des Grabinhabers tragen, oder, wie meistens, eine idealisiertes Gesicht tragen. Die Aufgabe dieser Figürchen war es, die für den Verstorbenen im Jenseits anfallenden Arbeiten zu erledigen, denn auch im Totenreich warteten die Lasten des Alltags. Sie waren also eine Art Dienerfiguren. Daher tragen sie auch manchmal eine oder zwei kleine, in der damaligen Landwirtschaft üblichen, Hacken und, über die Schulter geworfen, ein oder zwei kleine Säckchen für Saatgut. So konnte die Dienerfigur die landwirtschaftlichen Aufgaben ihres Herrn übernehmen. Viele wohlhabende Leute hatten kleine Trupps solcher Helferfiguren als Grabbeigaben. Nicht selten wurden sogar exakt 401 Exemplare solcher Uschebtis mit ins Grab gegeben: 365 Arbeiter, und zwar einen Arbeiter für jeden Tag, sowie 36 Wochenaufseher (eine ägyptische Woche dauerte 10 Tage) sowie 12 Oberaufseher für die einzelnen Kalendermonate. Die Kunst der Amarna-Zeit fällt aus dem Rahmen des bisherigen ägyptischen Schönheitsideals. Sie ist so eigentümlich, dass sie auch von Laien leicht als besonderer Kunststil erkannt wird. Sowohl in den flachbildlichen als auch in den rundplastischen Darstellungen von Menschen nahm man Abschied von idealisierten Schönheitsidealen. Insbesondere die Darstellung des menschlichen Körpers orientiert sich nicht mehr an den archaischen Formvorstellungen von weiblichen Rundungen und männlich-muskulöser Kantigkeit, sondern ließ verstärkt die Wiedergabe individueller Merkmale zu, bis hin zur Verschmelzung weiblicher und männlicher Körperformen. Bei dem am meisten während der Amarna-Zeit dargstellten Menschen, Pharao Echnaton , wurden dieses neue Merkmal geradezu ins Groteske überzogen. Wie die Karikatur eines geschlechtslosen Menschen wurde der Pharao mit weiblichen Hüften und hängendem Bauch dargestellt. Auch die individuellen Gesichtszüge wurden markant hervorgehoben. Im Ägyptischen Museum in Kairo werden einige Meisterstücke der Amarna-Zeit ausgestellt, so beispielsweise die riesige Büste Echnatons (Amenophis’ IV.) im Erdgeschoss, Saal 3 oder die Büsten und Porträts der Königin und der Prinzessinnen im selbigen Saal. Ein Meisterwerk der Bildhauerkunst aus Amarna ist sicherlich auch die weltberühmte Büste der Königin Nofrete im Ägyptischen Museum in Berlin. Ein weiteres deutliches Erkennungsmerkmal der Amarna-Kunst ist die Darstellung des Strahlen-Atons. Es handelt sich hierbei um die Wiedergabe der Sonnenscheibe mit Sonnenstrahlen, die in alle Winkel des Bildes vordringen und an deren Enden Hände mit Lebenszeichen sind. Die Botschaft ist eindeutig: Die Strahlen des Sonnengottes ermöglichen das Leben auf Erden. Die berühmtestes Kunstwerke aus dem Neuen Reich, ja aus dem alten Ägypten überhaupt, sind die Schätze und Beigaben aus dem Grab des Tutanchamun, wie sie in mehreren Sälen des Ägyptischen Museums in Kairo zu sehen sind. Sie geben einen hervorragenden Eindruck von meisterlicher Handwerkskunst. Die Totenmaske des Tutanchamun ist eines der bekanntesten Kunstwerke weltweit (siehe Ägyptisches Museum, Obergeschoss, Saal 4). Allerdings muss man davon ausgehen, dass auch die anderen Pharaonen des Neuen Reiches und späterer Zeiten in der Regel prächtige Särge und Totenmasken aus Gold hatten. Eine vergleichbare königliche Totenmaske wurde von Pierre Montet 1940 in Tanis gefunden. Sie stammt aus der dritten Zwischenzeit und gehörte dem Pharao Psusennes I. (siehe Ägyptisches Museum in Kairo, Tanis-Saal bzw. Obergeschoss, Saal 2 E). Kunst der Dritten Zwischenzeit und Spätzeit Im Verlauf der ersten Jahrtausends v. Chr. gab es immer wieder Rückgriffe auf Stilvorbilder älterer Epochen. Besonders in den Gräbern des Alten und Mittleren Reiches fand man Vorbilder für Replikate, um die Würde des Alters vorzutäuschen. Beispielhaft sind die Darstellungen und Dekorationen des Montemhet (26. Dynastie) in seinem Grab in El-Asasif bei Theben. Die Architektur ist spätzeitlich, doch die Reliefs nehmen deutliche Anleihen aus den viel älteren Epochen des Alten und Mittleren Reiches. Zugenommen hatte in der Dritten Zwischenzeit und Spätzeit der Gebrauch der Uschebtis. Oftmals von schlechterer Qualität und mit blaugrüner Fayence überzogen, wurden sie in Massen hergestellt, so dass auch die „Mittelschicht“ jener Zeit sich solche Helferfigürchen für ihre Grabausstattung leisten konnte. Heute gibt es nicht nur Tausende solcher Uschebtis in den Museen und Antikengalerien dieser Welt zu besichtigen, auch im Kunst- und Antikenhandel sind sie sehr beliebt. In Ägypten werden gern Replikate von Uschebtis als Souvenir an Touristen verkauft. Auch wurde es seit dem Ende des Neuen Reiches üblich, kleine Osiris-Figuren mit ins Grab zu geben, von denen ebenfalls Tausende Exemplare gefunden wurden. Aus der Spätzeit, aber auch aus der Ptolemäischen Zeit, sind viele Götterbilder aus Schiefer (Grauwacke) erhalten. Auch diese Figuren stammen zumeist aus Tempeln. Aber auch in den Gräbern wurde häufiger solche Götterfiguren als Grabbeigaben gefunden. Die Götterstatuen in den Gräbern sind dem Ausdruck einer gewachsenen persönlichen Frömmigkeit geschuldet. Der Mensch drückte seine Verbundenheit mit der Welt der Götter aus, ohne auf Pharao als Mittler zurückzugreifen. Dies steht ganz im Gegensatz zur Botschaft der Grabdekorationen aus dem Alten Reich. Dort stand noch die Loyalität zum König im Mittelpunkt, der zwischen Götterwelt und menschlicher Gesellschaft als Mittler fungierte. Ptolemäische und römerzeitliche Kunst Interessant ist die Entwicklung der Kunst während der hellenistischen Zeit. Während fast überall in Südeuropa, Nordafrika und Vorderasien Städte, Tempel, Paläste und Häuser mit all ihrem Schmuck an Statuen und Reliefs im griechischen (und später griechisch-römischen) Stil gehalten waren, so blieben die Tempel der Ptolemäer rein ägyptische Monumente. Die monumentalen Tempel in Edfu , Dendera, Esna , Kom Ombo und Philae belegen, wie die ägyptische Baukunst, und mit ihr die ägyptische Flach- und Rundbildkunst, ihre Eigenart behielt. Griechisch-Makedonische und später römische Herrscher ließen sich nicht als Hellenen oder Römer darstellen, sondern im ägyptischen Königsornat, mit ihrem Namen in ägyptischen Hieroglyphen geschrieben. Nirgendwo waren die Griechen so in der Kunst und Kultur des Gastlandes aufgegangen wie in Ägypten. Lediglich in Alexandria , per se eine internationale Metropole, existierte ägyptische und griechische Kunst gleichwertig nebeneinander, ebenso wie die zwei Bevölkerungsgruppen in der Stadt parallel lebten. Bedeutende Beispiele antiker Kunst aus jener Zeit, die sich mehr an Rom und Hellas als an altägyptischer Kunst orientierte, kann man im Griechisch-Römischen Museum in Alexandria besichtigen. Zwar gab es anfangs Versuche, hellenistische Reliefkunst mit ägyptischen Stilen verschmelzen zu lassen, wie etwa das Grab des Petosiris in Tuna el-Gebel zeigt. Doch hat sich schließlich die ägyptische Darstellungsweise der Reliefkunst für einige Zeit durchgesetzt, wie die großen Tempel belegen. Allerdings gewannen später, d.h. in der spätrömischen und byzantinischen Zeit, wieder griechisch-römische Formen und Stilrichtungen die Oberhand. In den ersten zwei Jahrhunderten nach Christus entstanden interessante Mischstile. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür sind die weltberühmten Fayum-Porträts. Hierbei handelt es sich um ägyptische Särge, bei denen anstatt der üblichen Totenmaske naturalistische Porträtbilder der Verstorben auf das Gesicht gelegt wurden. Sie waren mit Wachsfarben auf Zedernholz gemalt. In der Darstellungsweise entsprechen sie dem typischen Stil der römischen Antike: naturalistische Wiedergabe des Gesichtes und zeitgemäße griechisch-römische Kleidung. (Siehe zum Beispiel im Ägyptischen Museum in Kairo die Maske einer jungen Frau, Obergeschoss, Saal 14.) Den Mischstil aus klassisch-antiker und altägyptischer Formensprache kann man beispielhaft in den Reliefs, Rundbildern und Malereinen in den Katakomben von Kom el-Schufaka in Alexandria besichtigen.

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