Kunst des Alten Ägypten - Reliefs, Wandmalereien und Rundbilder (Teil 2)

Kunst des Alten Reiches

Die Kunst des Alten Reiches ist primär funeräre Kunst, d.h. Kunst aus Gräbern. Dies liegt zum Teil daran, dass aus jener Zeit weitaus weniger Tempel und Heiligtümer erhalten sind als aus späteren Epochen, wie dem Neuen Reich oder der Ptolemäerzeit. Bei jenen aus dem Alten Reich noch erhaltenen Tempeln handelt es sich in der Regel um die Totentempel der Pyramidenanlagen. Die bedeutendsten Kunstwerke stammen also zumeist aus Sakkara , Giza, Abusir usw.
Trotz einiger Meisterwerke aus der Zeit der ersten beiden Dynastien begann die Blüte des Kunstschaffens im Bereich der Reliefs und Rundplastik mit der 3. Dynastie und entfaltete sich endgültig während der 4. bis 6. Dynastie. Sie begann parallel zur Entwicklung der monumentalen Steinarchitektur der königlichen Grabanlagen, denn mit dem Steinmetzhandwerk schritt auch die Bildhauerkunst voran.
Von der Frühdynastischen Zeit bis zum Ende des Alten Reiches lässt sich hierbei eine bestimmte Entwicklung konstatieren: Während zu Beginn des ägyptischen Kunstschaffens mythologische und königliche Motive im Vordergrund standen, wurden später immer häufiger Abbildungen von verstorbenen Privatpersonen geschaffen. Der Grund für diese Entwicklung ist, dass es mit dem Fortschreiten des Alten Reiches mehr und mehr Amts- und Würdenträger gab, die sich ein entsprechend ausgestattetes Grab anlegen konnten bzw. durften. Der Höhepunkt der nicht-königlichen Plastik und Reliefkunst des Alten Reiches war während der 5. und 6. Dynastie erreicht. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten entdeckten nicht-königlichen Gräber des Alten Reiches.
Im Ägyptischen Museum von Kairo sind die zahlreiche der repräsentativsten Objekte und wichtige Beispiele der Rundbildkunst des Alten Reiches ausgestellt. Die wichtigsten Objektgruppen sind: Statuen des Königs (siehe z.B. Sitzfigur des Königs Chasechem, 2. Dyn. Erdgeschoss, Saal 43; Sitzfigur des Königs Djoser, 3. Dyn. Erdgeschoss Saal 43, Sitzfigur des Chephren, 4. Dyn. Erdgeschoss, Saal 42), Stauen des Königs in Begleitung einer oder mehrer Gottheiten (siehe z.B. Standfigur des Königs Mykerinos in Begleitung zweier Göttinnen, 4. Dyn. Erdgeschoss, Galerie 47) und Statuen hoher Amts- und Würdenträger (siehe z.B. Sitzfiguren des Rahotep und der Nofret, 4. Dyn. Erdgeschoss, Saal 32; Holzfigur des Kaaper, 5. Dyn., Erdgeschoss, Saal 42). Alle Statuen dienten dem Toten- und Opferkult. Die des Königs standen in den Totentempeln der Pyramidenanlagen, die der hohen Amts- und Würdenträger in den Opferkapellen der privaten Mastabas und Felsgräber. Dort wurden sie in speziellen Kultnischen aufgestellt.
Die Sitzfiguren der Schreiber, die auch in späteren Epochen immer wieder auftauchen, sind gestalterisch eine Besonderheit. Sie zeigen jeweils einen Mann aus der Bürokratie, der im Schneidersitz auf dem Boden sitzt und eine ausgebreitete Papyrusrolle auf seinem Schoß hält, um auf ihr zu schreiben. In dieser Form ließ sich die Verwaltungselite des Landes gerne darstellen, denn über Jahrtausende hinweg gab es stets nur eine kleine Minderheit, die lesen und schreiben konnte. Oft besetzen sie höchste Ämter in der Verwaltung. (Siehe berühmtes Beispiel im Ägyptischen Museum in Kairo: Sitzfigur eines Schreibers, 4. Dyn., Erdgeschoss, Saal 42).
Die Sphinx (wegen der griechischen Herkunft des Wortes in der Regel grammatikalisch feminin, im neudeutschen Sprachgebrauch manchmal maskulin – der Sphinx – geschrieben, mit der pseudogrammatikalischen Begründung, es handele sich um die Darstellung eines männlichen Wesens), die als Objektgattung ebenfalls im Alten Reich auftaucht, blieb bis in die griechisch-römische Zeit ein beliebtes Motiv ägyptischer Rundplastik. Sie zeigt in der Regel einen ruhenden Löwenleib mit Menschkopf und königlichem Kopftuch. Meistens dekorierten Sphingen (im neuern Umgangsdeutsch auch Sphinxen geschrieben) Alleen und Aufwege zu Tempeln und Palästen. Die große Sphinx von Giza ist ein monumentales Unikat und wahrscheinlich aus dem anstehenden Fels geschaffen worden, weil die Natur dem Felsen eine ähnliche Form bereits vorgab und die Vollendung zur Sphinx aus ägyptischer Perspektive naheliegend war.
Die zahlreichen Wandreliefs des Alten Reiches stammen zumeist aus Mastabas und Felsgräbern der Privatpersonen. Daneben gibt es auch Reliefs aus den königlichen Totentempeln und Sonnenheiligtümern. Abgesehen von einigen Reliefs des Pharao Djoser waren die Gänge und Kammern der Pyramiden nicht mit Wandbildern verziert. Sie waren entweder undekoriert oder wurden (in der 5. und 6. Dynastie) mit hieroglyphischen Pyramidentexten beschriftet. Typische Szenen der Wanddekorationen in den Gräbern des Alten Reiches waren Motive aus der Landwirtschaft und Viehzucht, Jagd und Fischfang, Szenen der Viehzählung sowie wie Szenen des Totenkultes und Auflistungen der Totenopfer. Zusammen mit der hieroglyphischen Totenopferformel wurde somit in Stein die Versorgung des Toten bildlich und textlich verewigt.
Kern der Grabdekoration war jedoch die Stele, der Totengedenkstein, oder wenn man so will eine Art Grabstein. Selbst Gräber, die nicht dekoriert waren, hatten oft eine Stele. Auf ihr waren neben dem Bild der verstorbenen Persönlichkeit ihre Titel und Herkunft zusammen mit der Totenopferformel in hieroglyphischer Schreibung festgehalten. Neben der Stele war die Scheintür ein typischer Bestandteil eines ägyptischen Grabes. Hierbei handelt es sich um eine reliefartige Andeutung einer Tür, durch die der mobile Aspekt der „Seele“ des Verstorbenen aus dem Totenreich zurückkehren konnte, um in der Grabkapelle die Opfergaben in Empfang zu nehmen. Oberhalb der eigentlichen Scheintür gab es eine Tafel, auf welcher der Grabinhaber vor dem gedeckten Opfertisch abgebildet ist. Auch die Texte der Scheintür erzählen von der Genealogie und den Titeln und Würden der Person und beginnen immer mit der Totenopferformel. Stelen und Scheintüren waren bis in die Spätzeit wichtige Elemente ägyptischer Grabdekoration.
Während des Alten Reiches entwickelte sich die erste Standardisierung der ägyptischen Kunst, die Orientierung an einem bestimmten Ideal von Schönheit und Ästhetik. Dies hing zum Teil mit der beruflichen Spezialisierung des Bildhauerhandwerks zusammen. Die königlichen Residenzen wuchsen, und mit ihnen die Anzahl der Noblen und hohen Amtsträger, die sich ein standesgemäßes Grab anlegen wollten, konnten und durften. Bei der Ausgestaltung der Gräber orientierte man sich an Vorbilden. Die Gräber der Vorfahren wurden studiert und nachgeahmt, neue Stilelemente hinzugefügt, und wenn der Reichtum des Grabinhabers und die künstlerischen Fähigkeiten der Handwerker es zuließen, an Detailfeinheit und Raffinesse übertroffen.
Wichtig zu erwähnen ist hierbei die Farbigkeit der Kunst. Alle Reliefs waren ursprünglich bunt bemalt. In manchen Gräbern haben sich Farbspuren erhalten, die die einstige Farbenpracht erahnen lassen. Auch die Statuen waren in der Regel bemalt. Die Reliefierung der Wände diente hierbei zur plastischeren Darstellung der Szenen. Sie war aber nie als alleinige Dekorationsform ohne anschließende Bemalung gedacht. Wie wichtig die Farben waren, zeigen Beispiele aus Meidum. Dort wurden in einem Grab vertiefte Reliefs in den Stein gehauen, die anschließend mit einer dicken Farbpaste ausgefüllt wurden. Dadurch ging zwar der plastische Effekt des Reliefs verloren, die Farben blieben jedoch länger haltbar. (Siehe hierzu im Ägyptischen Museum die Pastenreliefs des Nefermaat, Erdgeschoss, Galerie 41).

Kunst der Ersten Zwischenzeit

Mit dem Zusammenbruch des Königtums verschwanden die Auftrageber für die zahlreichen professionellen Handwerksmeister, die sich auf die Gestaltung der Privatgräber oder königlichen Grabanlagen spezialisiert hatten. In den Regionen Ägyptens, in denen sich Gaufürsten und Patrimonialherren zu Provinzmäzenen aufschwingen konnten, gab es zwar ein Kunstschaffen, das sich allerdings nicht mit der Qualität der Residenzkunst des Alten Reiches messen konnte. Man spricht hierbei von „Provinzkunst“. Nicht nur die Qualität der Ausführung, sondern die ganze Gestaltung der Proportionen jener Reliefs und Bildwerke wirkt unbeholfen und rückschrittlich.

Kunst des Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit

Im Mittleren Reich traten neue Objektgattungen in Erscheinung. Als Grabbeigaben wurden Holzmodelle sehr beliebt. Die wie Spielzeug wirkenden Modelle bilden das altägyptische Leben im Miniaturformat ab: Schiffe und Fischer mit ihren Booten und Netzen beim Fang, Hirten und ihre Tiere, Figurengruppen von bewaffneten Kriegern oder Handwerker in ihren Werkstätten. Im Ägyptischen Museum befinden sich hervorragende Beispiele im Obergeschoss, Saal 27 (Opferträgerin, Fischfang mit Schleppnetz, Viehzählung, Weberei, Schreinerei, usw.). Berühmt ist sind die Holzmodelle ägyptischer Krieger und nubischer Bogenschützen (Ägyptisches Museum, Oberschoss, Saal 37).
Eine neue Form ägyptischer Rundplastik sind die seit dem Mittleren Reich und bis in die griechisch-römische Zeit beliebten Würfelhocker. Hierbei handelt es sich um Sitzstatuen, bei denen die Figur mit angezogenen Knien auf dem Boden hockt und von einem großen Umhang oder Mantel eingehüllt ist, so dass das Gebilde wie eine Art Würfel aussieht, aus dem ein Kopf hervorlugt. Solche Hocker-Statuen waren besonders gut dazu geeignet, lange Hieroglypheninschriften anzubringen.
In den Gräbern der Provinzfürsten und Gaugouverneure wurden herrliche Wandmalerien geschaffen. Ein hervorragendes Beispiel ägyptischer Wandmalerei sind sicherlich die Darstellungen in den Gräbern von Beni Hassan in Mittelägypten. Hier verzichtete man auf die Steinmetzarbeit der Herausreliefierung der Bilder und konzentrierte sich auf die zeichnerische und malerische Ausgestaltung.
Ein Höhepunkt altägyptischer Reliefkunst wurde im Mittleren Reich in der Tempeldekoration erreicht: Die Sed-Fest-Kapelle von Sesostris I. in Karnak ist mit feinster erhabener Reliefbildkunst dekoriert, die sich durch detailverliebte Perfektion und allerfeinste Modellierung auszeichnet.
Während der Zweiten Zwischenzeit nahm die handwerkliche Qualität mangels höfischer Auftrageber und Mäzene wieder ab. Wie bei der Ersten Zwischenzeit spricht man daher oft vom sogenannten „Provinzstil“. Der Verfall der Reliefkunst lässt sich anhand der Stelen jener Zeit verdeutlichen. Die Bilder wurden gröber, und die richtigen Proportionen der Bildelemente gingen verloren.

Kunst im Alten Ägyptenägyptische Kunst im Neuen Reich