Koptisches Museum und Kirchen von Altkairo

Im Stadtteil von Altkairo (arab. Misr el-Qadima und Misr el-Fustat) gibt es einen kleines Viertel, das von christlichen Bauten bestimmt wird. Dieses, teilweise von alten römischen Festungsmauern begrenzte Viertel heißt Qasr el-Schama (gesprochen: Qasr esch-Schama), was soviel wie „Festung der Kerze“ bedeutet (und vermutlich auf die altpersische Tradition zurückgeht, Festungstürme mit Kerzen zu illuminieren). In diesem christlichen Bezirk befinden sich das Koptische Museum, christliche Friedhofsanlagen, eine Synagoge und mehrere bedeutende Kirchen. Alle Bauten sind eingebettet in einen Komplex aus römischen Festungsruinen (Festung Babylon; nicht zu verwechseln mit dem mesopotamischen Babylon im Irak). Religiös von Bedeutung ist der Ortsteil insbesondere deshalb, weil sich der Überlieferung nach die heilige Familie, d.h. Josef und Maria mit dem Jesuskinde auf ihrer Flucht nach Ägypten hier in einer kleinen Höhle aufgehalten haben sollen. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind die folgenden:

Koptisches Museum

Das architektonisch ansprechend gestaltete und frisch renovierte Museum beherbergt die größte Sammlung koptischer Kunst überhaupt. Die Gründung dieses Museums im Jahre 1908 geht auf die Initiative des geschichtsbegeisterten Kopten Markus Simaika Pascha zurück. Zu besichtigen sind unter anderem Ikonenmalereien, Architekturfragmente alter Kirchen und Klöster (insbesondere aus dem Kloster von Ahnas, 4. Jh., und dem Kloster des Heiligen Jeremias in Saqqara, 6. Jh.), Reliefs mit religiösen Szenen, Grabstelen, Holzschnitzereien, Gebrauchsgegenstände aus koptischer Zeit, Textilien und christliche Kultutensilien. Besonders beeindruckend sind die führchristlichen Reliefs, die altägyptische Symbolik (das Anch-Zeichen bzw. Henkelkreuz) mit christlichen Symbolen vereinen. Ebenso werden in einem speziellen Archiv des Museums über tausend Manuskripte aus dem Sensationsfund von Nag Hammadi aufbewahrt, die allerdings nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. 1945 war im oberägyptischen Dorf Nag Hammadi ein Tonkrug mit 1600 Jahre alten koptischen Handschriften gefunden worden. Darunter war auch ein Manuskript mit dem Thomas-Evangelium.

Festung Babylon

Der antike Ort von Altkairo wurde von diversen klassischen Autoren (Strabo, Diodor, Josephus, Ptolemaeus) Babylon genannt, vermutlich eine lautmalerische Anspielung auf die ägyptische Ortsbezeichnung Pi-Hapi-en-On (pr-Hapi-n-Jwnw, „Haus des Nilgottes von Heliopolis“). Wegen seiner Lage an der Südspitze des Deltas war dieser Ort schon in altägyptischer Zeit von strategischer Bedeutung. Er wurde in pharaonischer Zeit auch Cheri-aha, Ort des Kampfes, genannt, eine Anspielung auf den Zweikampf von Horus und Seth. Die gewaltige römische Garnisonsfestung wurde unter Kaiser Augustus unweit einer Stelle errichtet, an der schon eine altägyptische und später eine persische Festung standen. Kaiser Trajan (98-117) ließ das Römerkastell ausbauen und der oströmische Kaiser Falvius Arcadius (395-498) erweiterte die Anlage um gigantische runde Festungstürme und zusätzliche Anbauten. Als die Araber 639 Ägypten eroberten, integrierten sie die Festungsanlagen in ihre neue Hauptstadt Al-Fustat, der Vorgängerin des eigentlichen Kairo. Die christlichen Kirchenbauten fügen sich in die Festungsruinen wie in eine Landschaft. Die griechisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Georg hat beispielsweise einen der großen Rundturmanlagen als Basis, die koptische Kirche El-Muallaqa sitzt auf einem Torbau.

Die hängende Kirche El-Muallaqa
Nische mit Fresko in der Kirche El-Muallaqa
Die der Gottesmutter Maria geweihte Kirche El-Muallaqa gehört zu den ältesten Basiliken Kairos und Ägyptens. Zwar gibt es bereits für das 3. Jahrhundert Hinweise auf eine Kirche in der Nähe dieser Stelle, allerdings geht der jetzige Bau der Basilika El-Muallaqa auf den Patriarchen Isaac zurück, der von 689 bis 692 der Koptisch-Orthodoxen Kirche von Alexandria vorstand. Die Kirche wird „hängende Kirche“ genannt, weil sie in erhöhter Lage auf dem Rest eines Torbaus der römisch-byzantinischen Festung „Babylon“ errichtet wurde und wie ein Nest auf die Festungsrundmauern aufgesetzt ist. Von daher kann sie keinen Vorgängerbau exakt an dieser Stelle gehabt haben. Von außen gesehen ist diese Tatsache kaum sichtbar, außer dass die Kirche dadurch erhöht ist. Allerdings gibt es Sichtstellen im Innern der Kirche, an denen man die Konstruktion der Kirchenbasis und das, was an römischen Ruinen direkt darunter liegt, bestaunen kann. Das Zentralsanktuar im Innern dieser vierschiffigen Basilika ist der Jungfrau Maria, die Seitensanktuare sind den Heiligen Georg und Johannes dem Täufer geweiht. Die Holzkonstruktionen und Dachbalken mit ihren Verzierungen, die insgesamt über hundert Ikonenmalereiern, die Ikonostasen (Ikonenwände) mit den kunstvollen Schnitzereien aus Nussbaum-, Eben- und Zedernholz mit Elfenbeineinlagen und die von kleinen Dachfenstern bestimmten Lichtverhältnisse hinterlassen eine ursprüngliche Raumatmosphäre. Zum älteren Teil der Kirche gehört eine Seitenkapelle, die direkt auf dem Westtor der römischen Festung aufsitzt. In einer Sanktuar-Nische ist ein Fresko mit einer Darstellung der 24 Ältesten der Apokalypse zu sehen. Die Kirche wurde in ihrer mehrhundertjährigen Geschichte mehrfach umgebaut, renoviert und restauriert.

Koptische St. Georg-Kirche und St. Georg-Kloster
Griechisch-Orthodoxe Kirche St. Georg mit Dekoration
Griechisch-Orthodoxe Kirche St. Georg
Griechisch-Orthodoxe Kirche St. Georg von Innen
Der St. Georg-Konvent ist ein von Nonnen bewohntes Kloster. Benannt ist der Konvent bzw. die dazugehörige Kirche nach dem Heiligen Georg, der zunächst Soldat in der Leibwache des Kaisers Diokletian war und später wegen seines christlichen Bekenntnisses den Märtyrertod erlitt. Der Legende nach soll er einen Drachen getötet haben. Herzstück des Klostergebäudes ist eine aus dem 10. Jahrhundert stammende Kapelle, dem ältesten Gebäudeteil. Die nur rund fünfzig Meter entfernte St. Georg-Kirche geht auf das Jahr 684 zurück, als ein reicher Gelehrter namens Athanasius den Bauauftrag zur Kirche gab. Sehenswert sind unter anderem die kunstvoll verzierten Holzfenster und der aus dem 14. Jahrhundert stammende Hochzeitssaal.

Griechische St. Georg-Kirche


Die von außen imposanteste Kirche des ganzen Viertels ist die griechisch-orthodoxe Kirche St. Georg, die auf den Fundamenten des nördlichen großen römisch-byzantinischen Festungsturms ruht und deshalb erhöht steht. Sie hat die typische runde Architekturform einer byzantinischen Kirche und ist auch im Innern im byzantinischen Stil prächtig dekoriert und ausgestattet. Der Bau geht auf das 10. Jahrhundert zurück und wurde nach einem Brand im Jahr 1904 neu errichtet.
Christliche Friedhöfe
Koptischer Friedhof in Altkairo
Krypta in der Kirche von St. Sergius und St. Bacchus an der Stelle, wo einst die Heilige Familie Zuflucht und Herberge gefunden haben soll.
Das Kirchenviertel ist umgeben von drei großen Friedhofsanlagen, einem griechisch-orthodoxen, einem koptisch-orthodoxen und einem melkitisch-griechisch-katholischen Friedhof. Viele Gräber sind mit sehenswerten Aufbauten, Grabstelen oder kleinen Kapellen ausgestattet.

Abu Sarga (Kirche des St. Sergius und St. Bacchus)

Diese Kirche ist der älteste noch heute benutzte Kirchenbau Ägyptens und geht in seinen Grundmauern auf das 5. Jahrhundert zurück. Sie heiligt den Ort, an dem sich nach der Überlieferung des Neuen Testaments die heilige Familie während ihres Exils in Ägypten für einige Wochen aufgehalten haben soll. Der Baugrundriss entspricht dem einer Basilika mit einem mittigen Hauptschiff und zwei Seitenschiffen. Die Kirche ist zudem den Märtyrern St. Sergius und St. Bacchus gewidmet, die zunächst römische Legionäre waren und schließlich wegen ihres Übertritts und Bekenntnisses zum christlichen Glauben hingerichtet wurden. Treppen führen von den Seitenkapellen zu einer tiefer gelegenen Krypta unter der Apsis des Altars, an der Stelle, wo einst Maria mit dem Jesuskinde geruht haben soll.

St. Barbara-Kirche

Wie die Kirchen Abu Sarga und El-Muallaqa ist die alte Kirche der heiligen Barbara, die im Arabischen Sitt Barbara genannt wird, mit zahlreichen wertvollen Ikonen ausgestattet. Die hervorragend erhaltenen Ikonostasen sind mit kunstvollen Holzreliefs und Elfenbein-Intarsien ausgestattet. Der Bau geht auf das 5. Jahrhundert zurück. Nach mittelalterlichen Dokumenten sollen hier einst Relikte der Märtyrerin St. Barbara aufbewahrt worden sein.

Ben Esra-Synagoge

Die Ben-Esra-Synagoge steht an einem heiligen Ort, weil hier der jüdischen Überlieferung zufolge der Prophet Elias erschienen sein soll und Moses dort angeblich als Säugling im Korb am Nilufer aufgefunden worden war. Es ist nicht auszuschließen, dass es an dieser Stelle schon in vorchristlicher Zeit ein jüdisches Heiligtum gab. Tatsächlich war hier schon einmal eine Kirche, und zwar die St. Michaels-Kirche aus dem 8. Jahrhundert. Um das Jahr 1115 soll der Jerusalemer Oberrabbiner Abraham Ben Esra gegen Bezahlung von 20.000 Dinaren die Kirche vom koptischen Patriarchen Alexander „zurückerhalten“ haben. Die Synagoge ist im Interieur üppig ausgestattet. Bei Renovierungsarbeiten wurde 1984 ein Archiv von 250.000 Buchfragmenten entdeckt, die in arabischer, aramäischer und arabischer Sprache verfasst sind, darunter eine hebräische Version des Alten Testaments.
Auswahl weiterführender Literatur:
  • Badawy, Alexander, Coptic Art and Archaeology. The Arts of the Christian Egyptians from the Late Antique to the Middle Ages, Cambridge 1978.
  • Brunner-Traut, Emma, Die Kopten: Leben und Lehre der frühen Christen in Ägypten, München 1993 (Neuauflage: Freiburg 2000).
  • Eaton-Krauss, Marianne u. Gawdat Gabra, Treasures of Coptic Art in the Coptic Museum and Churches of Old Cairo, Kairo u. New York 2006.
  • Eaton-Krauss, Marianne u. Gawdat Gabra, The Illustrated Guide to the Coptic Museum and Churches of Old Cairo, Kairo u. New York 2007. (Für die Besichtigung des Koptischen Kairo ist dieser offizielle Führer sehr zu empfehlen.)
  • Grossmann, Peter, Christliche Architektur in Ägypten, Leiden, Boston und Köln 2002.
  • Kamil, Jill, Coptic Egypt: History and a Guide. (Revised Ed. American University in Cairo Press), Kairo 1990.
  • Empfehlenswerte Internet-Links: www.coptic-cairo.com und www.nag-hammadi.com
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg