Kalif al-Hakim

Eine der schillernden Herrschergestalten des mittelalterlichen Ägypten war der Kalif al-Hakim (geboren im Jahre 985, Regierungszeit als Kalif von 996 bis zu einem Tode im Jahre 1021). Er war der Sohn des Kalifen al-Aziz (el-Asis) und einer christlichen Konkubine. Sein eigentlicher Name war Abu Ali al-Mansur, doch als Kalif nahm er den Thronnamen al-Hakim bi-amr Allah („der auf Gottes Geheiß herrscht“) an. Al-Hakim regierte über das islamische Großreich der Fatimiden, das sich von Tunesien und Sizilien im Westen bis nach Mekka und Syrien im Osten erstreckte und dessen Zentrum Kairo in Ägypten war.Wer waren die Fatimiden? Bei den Fatimiden handelt es sich um ein Herrschergeschlecht, das sich genealogisch von Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed und ihrem Gemahl, den Vetter Mohammeds (und schließlich dessen Schwiegersohn), Ali Abu ibn Talib, herleitete. Ob diese Abstammung wirklich stimmt, war lange Zeit ein Diskursgegenstand islamischer Gelehrter. Der religiöse Hintergrund dieser Herrscherdynastie und ihrer Anhänger war die islamisch-schiitische Glaubenskonfession der Ismailiten. Die Fatimiden sahen sich als rechtmäßige Nachfolger Mohammeds und Führer des Islam. Damit traten sie in offene Opposition zum sunnitischen Abbasiden-Kalifat in Bagdad, das fortan auch der politische Hauptgegner war. Von Kairouan in Tunesien aus eroberten die Fatimiden große Teile Nordafrikas und sogar Ägypten, das schließlich zum Kernland ihres Reiches wurde. Auch Teile des Nahen Ostens und Ostarabien (Hedschas, Hijaz) mit den heiligen Städten Mekka und Medina gehörten zum Reich der Fatimiden. Als Hauptstadt und Herrscherresidenz fungierte das von den Fatimiden neu gegründete Kairo (al-Qahira, „die Siegreiche“). Damit war ein bewusster Bruch mit der Tradition der Vorgängerherrscher herbeigeführt. Neu-Kairo (al-Qahira) symbolisierte ein neues Ägypten – im Gegensatz zu Altkairo (Fustat). Ägypten zur Zeit der Fatimiden und während der Herrschaft al-HakimsDas Verhältnis der Fatimiden zu den Kopten, orthodoxen Christen (Griechen), Armeniern und Juden in Ägypten war ambivalent. Die Kopten waren noch in der Bevölkerungsmehrheit. Die Juden und griechischen Christen waren einflussreiche Minderheiten. Die sunnitischen Muslime stellten zwar noch nicht die Bevölkerungsmehrheit im Lande, waren aber inzwischen schon zahlreich genug, um einen großen Teil der Bevölkerung zu repräsentieren. Aufgrund dieser Bevölkerungszusammensetzung war die Herrschaftsgrundlage der schiitisch-ismailitischen Fatimiden ohne Basis in der Bevölkerung. Daher waren die Fatimiden einerseits auf die Unterstützung der Andersgläubigen im Staatswesen und in der Verwaltung angewiesen, um sich nicht allein auf die sunnitischen Untertanen zu stützen, andererseits waren sie dennoch zu verschiedenen Repressionen gegen Nicht-Muslime bereit, um sich der Gefolgschaft der ägyptischen Muslime zu versichern. Was die Truppen angeht, ausländische Söldner und Militärsklaven, auf die sich die Macht der Herrscher stützte, so war auch hier das Bild von unterschiedlichen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen geprägt. Es gab nordafrikanische Kriegerstämme (insbesondere die Kutama-Berber), arabische Beduinen und die turkstämmigen Mamluken, die sich gegenseitig feindselig beäugten. Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein komplexes Bild der ägyptischen Gesellschaft im hohen Mittelalter. Spannungen und Auseinandersetzungen waren vorprogrammiert.Leben und Herrschaft des al-HakimDas Leben des Kalifen al-Hakim ist durch zeitgenössische Quellen gut belegt. Nachdem sein Bruder früh verstorben war, galt Abu Ali al-Mansur, der spätere al-Hakim, als Kronprinz. Sein Vater, al-Aziz, baute ihn schon früh zum Nachfolger auf. Als der Vater eines Herztodes starb, rief man noch am selben Tag, den 13. Oktober 966, den erst elfjährigen Abu Ali al-Mansur zum Kalifen über Ägypten und das Reich der Fatimiden aus. Bereits zum Zeitpunkt seiner Ernennung wurden Konkurrenten mit Herrschaftsansprüchen kaltgestellt. Von Anbeginn seiner Herrschaft musste al-Hakim mit Intrigen und Verrat rechnen. Anfangs war der Kalif wegen seiner Unmündigkeit von verschiedenen hohen Amts- und Würdenträgern vertreten worden, die seine Vormundschaft übernahmen. Erst mit fünfzehn Jahren konnte sich al-Hakim von dieser Bevormundung durch hochrangige Hofpersonen entledigen. Seitdem ließ er keinen Hofbeamten und Minister langfristig neben sich aufsteigen. Jeder, der vom Kalifen zu einem Amt berufen war, musste sich vor dem Misstrauen des Herrschers in Acht nehmen. Jeder, der dank der Gunst al-Hakims aufstieg, konnte durch denselben über Nacht fallen gelassen werden. Außerdem musste das Volk durch populäre Maßnahmen wie Senkung der Brotpreise (z.B. durch Aufgabe der Binnenzölle an den Nilhäfen) bei Laune gehalten werden.Erste außenpolitische Maßnahme war die Stärkung des Fatimiden-Reiches im Osten. In al-Hakims Namen schickte man den Berber-General Suleiman nach Syrien, um dort den Feldzug von al-Hakims verstorbenen Vater fortzusetzen und die Herrschaft der Fatimiden zu sichern. Das Problem der fatimidischen Herrschaft im Nahen Osten war, dass die eroberten Provinzen immer wieder abfielen und sich autonom machten. Während die Berbertruppen in Damaskus weilten, putschen derweil die Mamluken gegen die Kutama-Berber in Kairo. Durch diesen Putsch konnte ein slawischer Eunuch namens Bargawan (Bardschawan) sich zum Regenten im Namen des Kalifen aufschwingen. Der Kalif hatte selbst wegen seines jungen Alters noch kaum Herrschaftsbefugnisse und musste stattdessen die Entscheidungen seiner Vormunde absegnen. Nach einem siegreichen militärischen Zusammenstoß mit den Byzantinern in Nordsyrien, konnten die Fatimiden ihre Herrschaft in Damaskus festigen. An der anatolisch-syrischen Grenze und an der syrischen Küste setzten sich jedoch die Konflikte mit aufständischen Städten und Byzanz fort. Der byzantinische Kaiser begab sich sogar persönlich in die Frontgebiete. Schließlich kam es 1001 zu einem Waffenstillstand zwischen Byzanz und dem Fatimiden-Reich. Diese außenpolitischen Erfolge gingen auf das Konto jenes slawischen Eunuchen Bardschawan, der zuvor durch einen Putsch gegen die Berber an die Macht gekommen war. Doch noch bevor es zum Abschluss der Friedenspolitik mit Byzanz kommen konnte, ließ der jugendliche al-Hakim Bardschawan durch einen Sklaven erdolchen und rammte selbst noch einen Speer in dessen Leib. Nun hatte sich der Fünfzehnjährige der Bevormundung entledigt und beschloss, selbst zu regieren. Doch auch in Zukunft musste er sich immer wieder gegen rivalisierende Hofcliquen und Verwandte durchsetzen. Überall bei Hofe und im Lande gab es mächtige Interessensgruppen, die den jungen Herrscher für sich zu gewinnen suchten.Der junge Kalif, der nun persönlich die Regentschaft übernommen hatte, sorgte für Ausgleich und Versöhnung zwischen den Kutama-Berbern und den Turk-Mamluken und versprach der ägyptischen Bevölkerung seine Fürsorge. Al-Hakim war populär, und er genoss das Bad in der Menge. Angeblich soll er es geliebt haben, sich nachts verkleidet und heimlich unters Volk zu mischen und durch Kairo zu ziehen. Außenpolitisch konnte angesichts des Friedens mit Byzanz auf Feldzüge zunächst verzichtet werden. Innenpolitisch kam es immer wieder zu blutigen Intrigen, an deren Ende meist die drahtziehenden hohen Amts- und Würdenträger, Minister und Hofdiener, enthauptet wurden. Auch korrupte Beamte wurden immer häufiger verstümmelt oder hingerichtet. Angesichts des harten Durchgreifens seitens des Kalifen, versäumten es die verschiedenen Hofcliquen nicht, ihre Gegner und Konkurrenten bei al-Hakim als Verräter anzuschwärzen, um sich auf diese Weise ihrer zu entledigen, bis es im Gegenzug sie selbst traf. Der Kalif selber wurde im Zuge dieser Entwicklungen immer misstrauischer und vertraute anscheinend niemandem mehr. Wurden Komplottversuche aufgedeckt, rollten die Köpfe. Da al-Hakim durch den wechselnden Einfluss unterschiedlicher Cliquen mal in diese, mal in jene Richtung hart durchgreifen ließ, geriet seine Regentschaft zunehmend zur Willkürherrschaft, die unter den Beamten und Höflingen Angst und Schrecken verbreitete. Jeder konnte der Nächste sein. Als al-Hakim davon erfuhr, dass einem Prinzen, einem Mitglied seiner Familie, bei einem Besuch auf dem Lande von einem Astrologen geweissagt wurde, er sei der rechtmäßige Kalif und Iman, ließ er alle Zeugen der Begebenheit hinrichten. Bald verbreitete sich eine allgemeine Furcht vor Hinrichtungen, selbst wegen kleiner Vergehen, so dass zahlreiche Einzelpersonen, Höflinge und Interessengruppen und sogar ganze Teile des Beamtenapparates und der Armee vom Kalifen Sicherheitsgarantien erbaten, auf dass sie verschont blieben. So streng al-Hakim gegen seine Höflinge, Beamten und Soldaten war, so streng war er auch gegen das Volk. Er erließ zahlreiche Anordnungen, die das gesellschaftliche Leben regelten. Der Genuss von Alkohol wurde untersagt. Frauen wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Es gab zahlreiche strenge Erlasse, um Sittsamkeit und Hygiene unter der Bevölkerung zu fördern. Sogar Musik und Gesang wurden nur noch eingeschränkt erlaubt. Da sich große Teile der Bevölkerung nicht an alle Erlasse hielten, musste der Kalif sie mehrfach wiederholen. Schließlich kam es sogar zu Kleidervorschriften, um Muslime von Juden und Christen zu unterscheiden. Für Muslime gab es zusätzliche Speiseverbote. Unterschiedliche Gewichtungen von Verboten und Geboten führten zu teils heftigen Diskussionen zwischen Sunniten und Schiiten. Oft wurde Al-Hakim ein gewisser religiöser Fanatismus vorgeworfen.Sehr offen war al-Hakim für Wissenschaft und Literatur. Auf ihn geht die Gründung einer Akademie, dem „Haus der Weisheit“ bzw. „ Haus der Wissenschaft“, einer Art früher Universität mit angeschlossener Bibliothek zurück, in der zahlreich arabische Gelehrte, insbesondere Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Poeten, Rechtsgelehrte und Mediziner arbeiteten und lehrten. Doch die Institution konnte sich nicht halten und überlebte al-Hakim nur um wenige Jahrzehnte.Eine außenpolitische Bedrohung entwickelte sich in Libyen, genauer gesagt in der Cyrenaika. Dort sammelte ein religiöser Führer namens Abu Rakwa die arabischen Beduinenstämme und Berberstämme um sich, bemächtigte sich der Region und wagte den offenen Aufstand gegen das Kalifat in Kairo. Seine religiöse Botschaft lautete, dass er selbst ein Nachfahre der sunnitischen Herrscherdynastie der Omaijaden sei und rechtmäßiger Herrscher sein müsse. Somit stellte er sich gegen die schiitische Herrschaft der Fatimiden. Im Jahre 1006 zog er mit seinen Nomaden scharen in Richtung Nildelta. Der Kalif al-Hakim stellte zügig ein Heer zusammen und zog ihm entgegen. Beim Fayum kam es zur entscheidenden Schlacht, aus der die Fatimiden siegreich hervorgingen. Aus Angst vor einer erstarkenden sunnitischen Bewegung in Ägypten, war von nun an al-Hakim bereit, den Sunniten mehr Rechte zuzugestehen.Eine weitere Bedrohung entwickelte sich, als sich 1011 der Scherif von Mekka von al-Hakim lossagte und sich selbst zum Gegenkalifen ausrufen ließ. Al-Hakim reagiert mit einem Boykott, indem er Pilgerkarawanen nach Mekka verbot und die Getreideexporte nach Arabien einstellte. Schließlich kam es zu militärischen Auseinandersetzungen und zur Besetzung Palästinas durch den Gegenkalifen. Al-Hakim konnte jedoch durch Geldgeschenke die Beduinenstämme Arabiens auf seine Seite ziehen, so dass am Ende dem Gegenkalifen die Machtbasis entzogen war. Schließlich konnten die Gebiete wieder zurückerobert werden. Der Gegenkalif gab schon 1013 auf und wurde begnadigt. Al-Hakim in der Erinnerung der ChristenDer Umstand, dass al-Hakim Sohn einer Christin war, die zudem noch zwei Brüder hatte, die Bischöfe waren, führte nicht dazu, dass al-Hakim zum Christenfreund wurde. Zwar gab es immer wieder Juden und Christen in hohen Ämtern im Kalifenpalast und in der Verwaltung, doch unterm Strich hatten die Andersgläubigen wenig Grund zum Optimismus. In der Erinnerung der ägyptischen Christen, Kopten und der griechisch-orthodoxen Christen, aber auch der Juden in Ägypten, war al-Hakim ein Despot, der durch immer neue Erlasse für Diskriminierung und Angst sorgte. Es kam immer wieder vor, dass Klöster und Synagogen abgerissen wurden. Kirchengüter wurden konfisziert. Ein besonders schweres Vergehen in den Augen der Christenheit war die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem im Jahre 1010. Außerdem wurde die Kirche nach der Schändung in die Obhut der griechisch-orthodoxen Kirche gegeben – ein Affront gegen die römisch-katholische Kirche! Die Politik al-Hakims war einer der vielen Gründe, die schließlich zu den Kreuzzügen führten. Oft wird allerdings vergessen, dass al-Hakim auch dem Neubau verschiedener Kirchen zugestimmt hatte und Andersgläubige genauso viele Karrierechancen bekamen wie Muslime.Der Tod des al-HakimGenaueres über sein Ende weiß man nicht. Al-Hakim war ein Nachtmensch und hatte die Gewohnheit, nachts auf seinem Maulesel namens „Mond“ auszureiten und durch Kairo zu ziehen. Eines Nachts kehrte er nicht mehr zum Palast zurück. Es war am 13. Februar 1021. Vermutlich war der fünfunddreißigjährige Kalif ermodert worden, denn man fand seinen Esel verletzt und die Kleider des Kalifen mit Blutspuren besudelt. Sein Leichnam blieb verschollen. Beduinen wurden festgenommen und hingerichtet. Ob sie wirklich die Täter waren oder nur als Sündenböcke herhielten, um von den wirklichen Tätern abzulenken, wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben. Es gab unzählige Vermutungen über seinen Tod. Feinde hatte er genug. Durch die unzähligen Hinrichtungen und Bestrafungen hatte er unter vielen Hofbeamten und Haremscliquen für Angst und Ärger gesorgt. Seine eigene Schwester, Sitt al-Mulk, übernahm anschließend die Regierungsgeschäfte. In den Augen seiner religiösen Anhänger war das Fehlen des Leichnams ein Anzeichen für seine Fahrt in den Himmel und somit ein Beweis für seine heilige Abstammung von Mohammed.Auswahl weiterführender Literatur
  • Erck, Christina, Das islamische Kairo, Göttingen 1990.
  • Haarmann, Ulrich und Heinz Halm (Hrsg.), Die Geschichte der arabischen Welt, München 2004 (5. Auflage).
  • Halm, Heinz, Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973-1074), München 2003.
  • Walker, Paul E., Caliph of Cairo: al-Hakim bi-Amr Allah. Kairo 2009.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg