Der Horus-Tempel in Edfu

(*1) Quellenangaben Grundriss siehe Artikelende
 
Der rund zweitausend Jahre alte Horustempel in Edfu gehört zu den besterhaltenen Tempeln Ägyptens und ist insbesondere wegen seiner komplett erhaltenen Überdachung und seines klassischen Ideal-Grundrisses eine herausragende Sehenswürdigkeit.
 
Edfu (altägyptisch „Djebau“ und „Behdet“ genannt, in der klassischen Antike „Apollinopolis Magna“, nach dem Sonnengott Horus-Apollo) liegt am Westufer des Nils zwischen Assuan im Süden und Luxor im Norden. In pharaonischer Zeit war Edfu der Hauptort des zweiten oberägyptischen Gaues, der auf Ägyptisch „Horusthron“, dann in griechisch-römischer Zeit Apollonopolis genannt wurde. Als prominenter Kultort des Gottes Horus war der Tempel der Stadt ein landesweit bedeutendes Heiligtum. Horus trägt in einigen hieroglyphischen Inschriften den Beinamen „Horus von Behdet“ oder „der von Behdet“ (Behdet = Edfu). Hier soll, der ägyptischen Mythologie nach, der falkenköpfige Horus einen Kampf gegen seinen Widersacher Seth bestanden haben. Diese Horus-Seth-Konstellation, Gut gegen Böse, Ordnung gegen Chaos, ist eine zentrale Denkfigur der altägyptischen Religion und Mythologie.

Der Horus-Tempel wurde auf dem Grund eines älteren Tempels aus dem Neuen Reich errichtet, von dem noch die Reste eines Pylons Ramses’ III. erhalten sind. Auch aus dem Mittleren Reich ist ein Vorgängertempel an dieser Stelle bezeugt. Begründet wurde der neue Bau 237 v. Chr. unter Ptolemaios III. Euergetes I. Die Bauarbeiten setzten sich unter Ptolemaios IV. Philopator und seinen Nachfolgern fort. 237-142 v. Chr. wurde der Kernbau des Tempels, 140-124 v. Chr. die Vorhalle (Pronaos) und 116-71 v. Chr. der große Hof und der Pylon errichtet. Schließlich wurde das Bauprojekt 57 v. Chr. unter Ptolemaios XII. Neos Dionysos, der den großen Pylon mit Reliefs versehen ließ, abgeschlossen.

Der Tempel misst in etwa 137 m in der Länge von Süd nach Nord und 79-80 m in der Breite. Der Eingangspylon ist ca. 36 m hoch. In seiner Form und in seinem Grundriss entspricht er dem klassischen Ideal-Schema eines ägyptischen Tempels, wie es z.B. auch beim Chonstempel in Karnak vorbildlich wiedergegeben wird.
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Der Pylon ist das eigentliche Eingangstor zum Tempel. Auf den Fronten beider Tortürme ist der König Ptolemaios XII. Neos Dionysos dargestellt, wie er vor den Gottheiten Horus und Hathor die unterworfenen Feinde rituell erschlägt. Hier wird auf ein uraltes Motiv zurückgegriffen, das bis in die Frühzeit Ägyptens belegt und an den Außenfassaden vieler Tempel zu finden ist. Vor dem Pylon stehen zwei steinerne Horusfalken. Der Pylon kann übrigens, sofern geöffnet, von innen begangen werden. Der Eingang zu den Treppen ist auf der Rückseite im Innenhof.

Durchschreitet man den Pylon, gelangt man in den großen Kolonnadenhof. Die Säulen des Hofes und die Wandflächen dahinter sind mit Reliefs versehen, die meist Opfer- und Kulthandlungen Pharaos vor den Göttern zeigen. Bei den Königsdarstellungen handelt es sich je nach Szene entweder um Ptolemaios IX. Soter II. oder Ptolemaios X. Alexander I. Die runden Säulenschäfte tragen Kapitelle in Form einer Palme oder eines Lotusblütenkelches. Die Nordwand des Hofes bildet mit ihren Halbsäulen die Front zur Vorhalle des Tempels. Sie ist mit Reliefs des Königs Ptolemaios VIII. Euergetes II. verziert und zeigt den König bei seinen Kulthandlungen vor Horus. Wie beim Pylon, bewachen zwei steinerne Horusfalken den Eingang; einer ist jedoch umgestürzt. Die Vorhalle (Pronaos) selbst wird von zwölf Säulen getragen. Die schwarze Farbe an der Decke entstand durch Ruß und rührt vermutlich aus koptischer Zeit, als der Tempel entweiht und als Wohn- und Kochstätte genutzt wurde. Rechts und links des Eingangs sind zwei kleine Kapellen in die Wand hineingebaut, von denen die rechte (westliche) eine Weihekapelle und die rechte (östliche) eine kleine Bibliothek war.

Von der Vorhalle (Pronaos) gelangt man in den großen Säulensaal, dessen Decke ebenfalls von zwölf Pflanzensäulen getragen wird. Kleine Lichtschlitze an den Wänden sorgen für eine natürliche Minimalbeleuchtung und lassen die Konturen der Reliefs hervortreten. An den Seiten führen kleine Durchgänge zum Tempelumgang und eine Treppe zum Tempeldach. Folgt man weiter der Süd-Nord-Achse, gelangt man durch zwei kleinere Breitraum-Vorhallen zum Hauptsanktuar, dem Allerheiligsten.

Die Wandreliefs im Hauptsanktuar zeigen erneut den Pharao bei seinen Kulthandlungen. Hier ist es Ptolemaios IV. Philopator. Im unteren Bildregister rechts sieht man den König, wie er den Verschluss der Horuskapelle und die Kapellentür öffnet, wie er vor seinen vergöttlichten Eltern Ptolemaios III. Euergetes I. und Berenike sowie schließlich vor der heiligen Barke der Göttin Hathor ein Rauchopfer darbringt. Der isoliert stehende Naos (ein freistehender Schrein für das Kultbild des Gottes) des Königs Nektanebos II. (30 Dynastie) stammt noch aus dem Vorgängerbau. Vor dem Naos ist ein steinerner Untersatz als Station für die Barke aufgestellt. Bei Prozessionen konnte das Kultbild auf die Barkensänfte gestellt werden und der Gott Horus symbolisch mit der Barke aus dem Tempel fahren, praktisch von den Priestern aus dem Tempel getragen werden. Das Sanktuar ist mit einem Kranz von kleineren Kapellen umgeben.

Von der großen Säulenhalle kann man in den inneren Umgang des Tempels gelangen, der zwischen der Fassade des Kernbaus und der Umfassungsmauer des Tempels entlangführt. Dieser Umgang ist wegen einiger besonderer Reliefdarstellungen recht interessant. So ist z.B. auf der Westwand dargestellt, wie Pharao mit einem Speer ein Nilpferd jagt, ebenso Horus, der einen Spieß zum Stoß in der Hand bereithält. In einem zweiten Bild wird schließlich der König vor zwei Nilschiffen abgebildet, auf denen Horus mit seiner Mannschaft stehen. Horus hält das Nilpferd an einer Kette und stößt den Spieß in den Kopf des Tieres. Diese und ähnliche Darstellungen schildern einen Aspekt des Kampfes zwischen Horus und Seth. Die Einbeziehung des Königs in dieses Geschehen gibt Sinn, weil Pharao als eine Verkörperung des Gottes Horus angesehen wurde.

Vom östlichen Tempelumgang führt eine unterirdische Treppe zum sogenannten Nilometer, zum Nilmesser, an dem früher die Höhe der Nilflut gemessen wurde. Solche Messeinrichtungen gab es an vielen Tempeln und Heiligtümern (z.B. auch auf der Insel Elephantine bei Assuan ).

Südwestlich des Tempeleingangs steht ein weiteres kleines Heiligtum, das sogenannte Mammisi. Ein Mammisi ist ein kultisches Geburtshaus, indem die Mysterien um die Geburt des Götterkindes begangen wurden und zudem die Geburt eines neuen Königs (der ja eine Verkörperung des Horus war) und somit die Wiederbelebung des Königtums zelebriert wurde. Diese Geburtshäuser sind bei Festen als Barken- und Prozessionsstationen kultisch mit dem eigentlichen Tempelbau verbunden.

Französische und polnische Ausgrabungen in den 1920er und 30er Jahren legten in der Nähe des Tempels Teile der alten Stadt und ihre Nekropole frei. Der Tell (Siedlungshügel) umfasst in den oberen Grabungshorizonten Besiedlungsschichten aus der koptischen und griechisch-römischen Epoche, darunter liegen die Überreste der Siedlungen aus pharaonischer Zeit. Zudem wurden in Edfu Ziegelmastabas von hohen Provinzbeamten der 6. Dynastie ( Altes Reich ) und Gräber aus dem Mittleren und Neuen Reich gefunden.

(*1) Quellangabe Grundriss: Skizze basierend auf dem Grundrissplan des Ägyptologen Georg Steindorff, publiziert in: K. Baedeker, Ägypten und der Sudan, 8. Aufl., Leipzig 1928, S. 163. Ergänzungen und Modifizierungen unter Berücksichtigung des Plans von Josiane d’Este-Curry, in: Dieter Arnold, Lexikon der ägyptischen Baukunst, Zürich 1994, S. 71, sowie des Bauplans in: Serge Sauneron, Henri Stierlin, Die letzten Tempel Ägyptens, Zürich 1975, S. 36/37. – Der Pylon Ramses’ III. und das Mammisi sind nicht eingetragen.
 

(*2) Bezeichnung der Fotoreihenfolge von 1 bis 5 (Fotocredit: M. Hüneburg):
Foto 1: Allerheiligstes, Sanktuar mit Naos und Barkenstation
Foto 2: Kolonnadenhof
Foto 3: Kolonnadenhof und Front der Vorhalle (Pronaos)
Foto 4: Mammisi des Horustempels
Foto 5: Pylon des Horustempels

 

Weiterführende Literatur

  • Arnold, Dieter, „Edfu“, in: Lexikon der ägyptischen Baukunst, Zürich 1994, S. 71 f.
  • Kurth, Dieter, Treffpunkt der Götter: Inschriften aus dem Tempel des Horus von Edfu, Zürich 1994.
  • Kurth, Dieter, Edfu: ein ägyptischer Tempel gesehen mit den Augen der alten Ägypter, Wiesbaden 1994.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg