Hermopolis Magna

Hermopolis Magna ist der klassisch-antike Name der altägyptischen Stadt Chemenu (koptisch: Schmun, arabisch: el-Aschmunein bzw. el-Eschmunen). El-Aschmunein ist auch der Name des heutigen arabischen Dorfes neben den dortigen Ruinen. Der altägyptische Name bedeutet Achtstadt bzw. Stadt der Acht, womit auf acht Urgötter am Anfang der Schöpfung hingewiesen wird. Nach der Schöpfungsmythologie von Hermopolis waren diese acht frosch- und schlangengestaltige Urgötter, vier männliche und vier weibliche, zu je vier Paaren verbunden: Nun und Naunet (sie stehen für das Urgewässer, die vorzeitliche „Ursuppe“), Heh und Hehet (sie stehen für die räumliche Unendlichkeit), Keku und Kekuit (sie repräsentieren die Urfinsternis) und viertens Amun und Amaunet (manchmal auch Tenemu und Tenemuit, die für das Verborgene stehen). Diese vier Götterpaare repräsentieren also den Zustand vor der Schöpfung, das urzeitige Chaos, die Dunkelheit und Leere. In dieser Leere erwuchs aus dem Urgewässer der Urhügel. Auf diesem Urhügel wuchs schließlich eine Lotusblüte, aus welcher der Sonnengott entstieg, der das erste Licht ins Dunkel brachte und die Weltschöpfung in Gang setzte. Der antike griechische Name Hermopolis Magna bedeutet große Stadt des Hermes. Hermes wurde von den Griechen mit dem altägyptischen Gott Thot assoziiert, der in dieser Stadt verehrt wurde. Thot war der Gott der Weisheit, der Schreibkunst, des Kalenders und der Zeit. Seine Symbol- bzw. Totemtiere waren der Mantelpavian (Parpio hamadryas) und der heilige Ibis (Ibis religiosa aethiopica). Im Altertum war Hermopolis lange Zeit Provinzhauptstadt des 15. oberägyptischen Gaues, des sogenannten Hasengaues (altägyptisch „Wnt“, sprich: „Unet“, genannt). Ursprünglich war der Hase das wichtigste Kulttier der Region, wurde aber durch die Tiere des Thot abgelöst. Die Ruinenstätte liegt etwa acht bis zehn Kilometer nördlich der Provinzstadt Mallawi (Mellawi, Mellaui), zwischen den kleinen Provinzorten el-Eschmunen (el-Aschmunein, s.o.) und Idara. Die Stätte ist von Minia (el-Minja, al-Minya) gut mit dem Auto erreichbar. Daher eignet sich ein Ausflug nach Hermopolis Magna in Kombination mit der Besichtigung von Tuna el-Gebel , Beni Hassan , Deir el-Bersche und Tell el-Amarna . Wer mit dem Zug anreist, steigt am Bahnhof von Idara (el-Idara) aus. Südwestlich des Ortes kommt zunächst ein islamischer Friedhof und weiter westlich davon das Büro und Magazin der ägyptischen Altertümerverwaltung. Vor dem Magazin hat man monumentale Pavianfiguren des Thot aufgestellt. Sie wurden bei Ausgrabungen im Tempel des Thot gefunden und sichergestellt. Das Ruinengelände beginnt unmittelbar südlich des Ortes und des islamischen Friedhofes. Folgt man den historischen Monumenten in einer Reihenfolge von Norden nach Süden, so stößt man zunächst auf die spärlichen Überreste des einst mächtigen Thot-Tempels. Der Tempel des Thot in Hermopolis Magna war ein Ort von großer religiöser Bedeutung. Leider ist der Bau fast komplett zerstört. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts standen hier noch bedeutende Überreste des Tempels aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Als Bauherren sind unter anderem die Herrscher Nektanebos I. (30. Dynastie), Alexander der Große und Philip Arrhidaeus belegt. Deren Bauten gründeten jedoch auf älteren Vorgängerbauten. Im frühen 20. Jahrhundert wurden viele Kalksteinblöcke der Gebäude und Monumente von Hermopolis in Kalköfen zu Kalk verbrannt. Die frühe Industrialisierung nahm auf antike Stätten keine Rücksicht. Gerade für die einst prächtigen Anlagen des Thot-Tempels braucht man heute viel Phantasie und Vorkenntnisse, um sich die Ausmaße und das Aussehen der einstigen Tempelanlage vorstellen zu können. Immerhin war der Tempel einst von einer 637 mal 637 Meter messenden Umwallung umgeben. Einige Meter südwestlich des Thot-Tempels steht die Kalkstein-Ruine eines Amun-Tempels der Pharaonen Merenptah und Sethos II. ( Neues Reich , 19. Dynastie, um 1200 v. Chr.). Und nur wenig weiter südlich stößt man auf Überreste einer Tempelanlage aus dem Mittleren Reich und auf die Überbleibsel eines kleinen Pylons von Ramses II. , der einst der Eingang zu einem Amun-Heiligtum war. Optisch beeindruckender sind heutzutage die Überreste einer christlichen Basilika aus byzantinischer Zeit. Sie wurde im frühen 5. Jahrhundert n. Chr. errichtet und gehört zu den größten ägyptischen Kirchenbauten jener Zeit. Sie war immerhin rund 65 Meter lang. Geweiht war sie der Jungfrau und Gottesmutter Maria, die im koptischen Ägypten sehr populär war, vermutlich, weil in ihr die Tradition der Gottes- und Königsmutter Isis fortlebte. Auch wenn diese Kirche ebenfalls zerstört ist, so stehen immerhin noch zahlreiche Säulen aufrecht. Für den Bau der Basilika waren zahlreiche Blöcke (Spolien) älter Bauten aus der Ptolemäerzeit wieder verwendet worden. Geht man noch weiter südlich, stößt man auf zwei monumentale Sitzstatuen von Ramses II. und auf die Überreste eines Heiligtums des römischen Kaisers Nero. Dann verlässt man das Ruinengelande und kommt zu den Ortschaften el-Aschmunein und Ezbet Ibrahim Bey Awwad und ein paar Gärten.Auswahl weiterführender Literatur
  • Kessler, Dieter, „Hermupolis magna“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band II, Wiesbaden 1977, Sp. 1137 – 1147.
  • Roeder, Günther, Hermopolis 1929-1939, Ausgrabungen der deutschen Hermopolis-Expedition in Hermopolis, Hildesheim 1959.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg