Hathor-Tempel von Dendera

Hathor-Tempel von Dendera bei Luxor
Neben den Tempeln von Edfu , Esna und Kom Ombo ist der Hathor-Tempel von Dendera eines der Highlights einer jeden Nilkreuzfahrt oder Ägyptenrundreise. Dendera (auch „Dendara“ geschrieben, von den alten Griechen Tentyra genannt), liegt rund 50 Kilometer nördlich von Luxor in der Nähe der Stadt Qena (Kena), dort wo in Oberägypten der Nil einen großen Bogen zuerst nach Osten einschlägt (sogenannter Qena-Bogen), um dann wieder nach Westen und schließlich in grob nördliche Richtung zu fließen. Wegen dieser Lage ist die Achse des Tempels nicht von Osten nach Westen angelegt, wie bei den anderen Tempeln Ägyptens, sondern von Norden nach Süden. Vor dem Tempel liegt das Fruchtland des Niltals, hinter dem Tempel beginnt die Wüste. Der Tempel entstand größtenteils in ptolemäischer und römischer Zeit. Er gehört zu den am besten erhaltenen Bauwerken aus dem alten Ägypten und steht, wie jener in Edfu, noch mit kompletter Überdachung. Erhalten sind auch spärliche Reste der farblichen Dekoration des Tempels. Auf historischen Gemälden des 19. Jahrhunderts (z.B. von David Roberts) lässt sich erkennen, dass noch vor hundert Jahren die Farben der Reliefdarstellungen und Hieroglypheninschriften hervorragend erhalten waren.
Wie in allen großen Tempeln Ägyptens, wurde in Dendera eine Götter-Triade verehrt, d.h. eine Dreiheit in Form einer Götterfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind. In Dendera waren dies Hathor, die die auch die Hauptgottheit der Tempelanlage ist, ihr Mann Horus (von Edfu) und das gemeinsame Kind, der Götterknabe Ihi, der auch als Gott der Musik verehrt wurde. Hathor ist eine uralte ägyptische Göttin, die entweder als heilige Kuh oder als menschengestaltige Göttin mit Kuhhörnern und Sonnenscheide dargestellt wird. Ihr Name bedeutet soviel wie „Haus des Horus“. Sie hatte eine vielschichtige Götterpersönlichkeit mit vielen Aufgaben, Aspekten und Charakteristika. Sie wurde sowohl als Muttergöttin, als Göttin der Liebe oder auch als Göttin des Tanzes und der Freude angesprochen. Die Griechen sahen in ihr das ägyptische Pendant zur Aphrodite.Man betritt den 291 mal 280 Meter großen Tempelkomplex, der von den Überresten einer hohen und bis zu 10 Meter dicken Lehmziegelumwallung aus der Spätzeit umgeben ist, von Norden durch ein Tor aus römischer Zeit und kommt auf den Tempelvorplatz. Auf der rechten (d.h. westlichen) Seite sieht man die Ruinen eines Mammisi, d.h. eines Geburtshauses, in dem die Geburt des Götterkindes zelebriert wurde, sowie die Überreste einer koptischen Kirche. Geradeaus sieht man die Front des eigentlichen Hathor-Tempels. Von der inneren Umfassungsmauer sind nur noch an den Seiten einige Reste zu sehen. Wir beginnen mit dem eigentlichen Hathor-Tempel und wenden uns dann den Nebengebäuden zu.

Der Hathor-Tempel

Der 35 mal 81 Meter messende Hauptbau des Tempelbezirks stammt in seiner letzten Form und baulichen Ausführung im inneren Bereich aus ptolemäischer und im vorderen Bereich aus römischer Zeit. Einen großen Eingangs-Pylon, wie in Edfu oder Philae , hat der Hathor-Tempel nicht. Vom Tempelvorhof geht man direkt in die berühmte Vorhalle. Schon die Front der Vorhalle (Pronaos) ist beeindruckend. Sie wird gebildet von sechs (bzw. zu jeder Seite drei) Säulen, deren Zwischenräume bis zur Hälfte von Mauern geschlossen sind. Jeder Mauerabschnitt ist mit einem Fries aus Uräus-Schlangen geschmückt. Das Gesims am Dach hat die typische Form der ägyptischen Hohlkehle. Auf den Schäften der Säulen ruhen Hathor-Kapitelle mit dem Gesicht der Göttin (menschengestaltig mit Kuhohren und Sistrum auf dem Kopf) – jeweils in vierfacher Ausführung in alle Himmelrichtungen schauend. In der Vorhalle selbst sind noch weitere 18 (rechts 9 und links 9) Säulen, so dass das Dach der Vorhalle insgesamt von 24 Hathor-Säulen getragen wird. Die Halle stammt aus der Zeit des römischen Kaisers Tiberius. Die Reliefdarstellungen zeigen auch die Kaiser Augustus, Caligula, Claudius und Nero. Sie alle sind natürlich im ägyptischen Ornat abgebildet, sozusagen als Pharaonen, die entsprechend des jährlichen Festkalenders den Opferkult und religiösen Rituale für Hathor ausführen. An der Decke des Pronaos sind astronomische Darstellungen angebracht. Damit wird ein Gedanke aus früheren Zeiten fortgeführt, der den Tempel als Abbild des Kosmos versteht. Allerdings wurden in den Tempeln des Alten, Mittleren und Neuen Reiches die Decken lediglich mit Sternenbildern musterartig dekoriert. Nun, in Dendera, gibt es komplexe astronomische und astrologische Abhandlungen, die Informationen über den Himmel und den Kosmos mit ihren nächtlichen Sternenbildern, Mondphasen und tagesstündlichen Sonnenphasen thematisieren und somit das geheime Wissen über diese Sphären festhalten, wie ein steinernes Buch. (Eine ähnliche Entwicklung kennt man auch aus dem Tal der Könige: In den älteren Gräbern sind die Decken mit Sternenmustern dekoriert, in den jüngeren mit Darstellungen der komplexen Himmelsbücher).
Mammisi am Hothort-Tempel von Dendera
Auf die monumentale Vorhalle folgt der ptolemäische Bau. Man kommt zunächst in eine kleine Halle mit sechs Säulen. An den Seiten zweigen jeweils drei kleinere Kulträume ab. Von der mittleren Kammer auf der rechten Seite und der dritten Kammer auf der linken Seite kann man jeweils durch eine Türöffnung in den Umgang des Tempels gelangen. Folgt man weiter der Tempelachse steht man, nachdem man einen Quersaal durchschritten hat, schließlich vor dem Naos, der erste Teil des Allerheiligsten, in dem die Kultbarken der Göttin aufbewahrt waren. Um den Schrein des Allerheiligsten herum verläuft ein schmaler hoher korridorartiger Umgang mit zahlreichen Zugängen zu elf weiteren kleinen Kulträumen, von denen einige zu kleinen Krypten führen, die unterhalb des Fundamentniveaus liegen. Direkt hinter dem Naos, an der Südseite des Umgangs, befindet sich der der zweite Teil des Allerheiligsten, der Kultraum, in dem die Statue der Hathor aufbewahrt war. Die Beleuchtung im Innern des Tempels wird durch kleine Lichtluken und Lichtschlitze im Dach gewährleistet, die die Sonnenstrahlen hinein lassen. Um die Reliefs besser sehen zu können, hat der ägyptische Antikendienst Lichtröhren am Fußboden montiert.Nach Besichtigung des Tempelinneren lohnt es sich, die Außenwand des Tempels zu umgehen. Die Wände sind mit gut erhaltenen Reliefdarstellungen dekoriert, die wie im Innern des Tempels, ptolemäische und römischer Herrscher im pharaonischen Ornat beim Vollzug der Rituale und Opferkulte zeigen.

Das Dach des Hathor-Tempel s

Zu den Besonderheiten des Tempels gehört, dass man heute noch aufs Dach gehen kann, sofern die Treppe nicht gerade durch den Antikendienst temporär geschlossen wurde. Hierzu gibt es zwei Möglichkeiten: Vom ersten Quersaal nach links (Osten) kommt man zu einer langen, dunklen und schnurgeraden Treppe, die direkt aufs Dach führt. Vom ersten Quersaal (nach dem Sechs-Säulen-Saal) nach rechts (Westen) kommt man in eine Art rechtwinkliges Treppenhaus, das ebenfalls aufs Dach führt. In beiden Treppenaufgängen sind die Wände mit Darstellungen von Priesterprozessionen dekoriert. Auf dem Dach wurden zu bestimmten Festtagen, beispielsweise dem Neujahrsfest, Riten mit den Kultbildern im Sonnenlicht vollzogen. Vom Dach aus hat man zunächst einmal einen guten Überblick über das gesamte Tempelgelände. Außerdem befinden sich auf dem Dach noch einige interessante Gebäudeeinheiten. In der Südwestecke der Dachterrasse steht ein Säulenkiosk mit zwölf Hathor-Säulen. Außerdem gibt es auf dem Dach noch zwei Kapellen-Heiligtümer für Osiris, und zwar in der Nord-Ost-Ecke und in der Nord-West-Ecke. Jede Osiris-Kapelle besteht aus drei hintereinander gelagerten Räumen. Im mittleren Raum der nordöstlichen Kapelle wurde an der Decke eine berühmte Darstellung des astronomischen Tierkreises (Zodiak) gefunden. Das Original-Relief ist heute allerdings als Ausstellungsstück im Pariser Louvre zu bewundern. Vorort befindet sich dafür ein Gipsabdruck als Ersatz.

Der kleine Isis-Tempel

Hinter der Südfront der inneren Umfassungsmauer des Hathor-Tempels stehen noch die Überreste eines kleinen Tempels der Isis. Er wird von Osten betreten, von wo man in zwei hintereinander gelegene Säulenräume (einen gossen Breitraum und einen kleineren quadratischen Raum) mit jeweils vier Säulen kommt. Der Bereich des Allerheiligsten ist erhöht und wird durch eine Tür an der Nordseite betreten. Auf einen Querraum folgen drei Längsträume, zwei schmale an den Seiten und eine geräumige in der Mitte. Hier war das Allerheiligste der Isis von Dendera.

Das große Geburtshaus aus römischer Zeit

Auf dem Weg vom Eingangstor zum Hathor-Tempel liegt zur Rechten, d.h. auf der westlichen Seite, zwischen den Überresten einer koptischen Kirche und der äußeren Lehmziegelumwallung des Tempelkomplexes, die noch gut erhaltenen Ruinen eines heiligen Geburtshauses (Mammisi) aus römischer Zeit, und zwar aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Solche Geburtshäuser sind Barkenstationen für heilige Prozessionen der Götterbarken des Tempels. Zu bestimmten Festanlässen zogen die Priester-Prozessionen mit den Barkensänften der Gottheiten in ein solches Mammisi ein, um die heiligen Riten der Geburt des Götterkindes (in diesem Falle der Kindgott „Ihi“) zu vollziehen. Rituell ist dieser Akt zugleich auch eine symbolische Wiedergeburt Pharaos als Sohn des jeweiligen Götterpaares und somit eine nachträgliche kultische Legitimierung des Königtums auf Erden. Dementsprechend handeln die Reliefdarstellungen im Geburtshaus primär von der Geburt und dem Aufwachsen des Götterkindes. Der architektonische Grundriss orientiert sich am klassischen Muster des Ringhallentempels, doch die Stilelemente kopieren den ägyptischen Stil des Hauptheiligtums der Hathor. Während vom vorderen Eingangsbereich – man betritt das Mammisi von Osten – nur die Fundamente erhalten sind, ist der innere Bereich des Geburtshauses noch sehr gut und mit Überdachung erhalten.

Heiliger See

Nahe der Südwestecke des Hathor-Tempels liegt ein 25 mal 21 Meter großes Wasserbecken, der sogenannte heilige See. In ihm wurden die rituellen Waschungen der Priester vollzogen, um sich für die Kulttätigkeiten zu reinigen. Der in Form eines rechteckigen Pools angelegte Teich hat an allen vier Seiten Treppen, die einst ins Wasser führten. Heute wachsen auf dem ehemaligen Grund des heiligen Sees Palmen. Nördlich des Sees gibt es noch alte Brunnenanlagen.

Das kleine Geburtshaus aus der Spätzeit

Aus der Regierungszeit von Pharao Nektanebos I. (30. Dynastie, 4. Jahrhundert v. Chr.) stammt das ältere und kleinere der beiden Geburtshäuser. Es wurde in ptolemäischer Zeit ausgebaut. Erhalten ist nur noch der hintere Teil, da der vordere Bereich durch die Errichtung der steinernen Umfassungsmauer des Hathor-Tempels den Umbaumaßnahmen in römischer Zeit weichen musste. Im Innern kann man noch Reliefdarstellungen sehen, die von der Geburt des Götterkindes Ihi erzählen. Südlich des kleinen Geburtshauses liegen noch die Überreste eines römischen Sanatoriums mit Baderäumen. Nur die Grundmauern sind erhalten.

Die koptische Kirche

Zwischen dem Hathor-Tempel und dem Mammisi stehen die Überreste, Fundamente und Mauern einer koptischen Kirche. Sie stammt aus byzantinischer Zeit, aus dem Ende des 5. Jahrhunderts. Die Kirche ist, wie das römische Geburtshaus, west-östlich ausgerichtet. Doch der Eingang liegt nicht, wie beim Mammisi, auf der Ostseite, also dem Hof vor dem großen Tempel. Stattdessen hat sie zwei kleine Eingänge: am hinteren Ende der Nord- und Südwand. Der Besucher wird, vom Tempelplatz oder dem Mammisi kommend, den kleinen Eingang an der Nordwand nehmen bzw. die Kirche von der Nord-West-Ecke betreten. Man gelangt so in die schmale quergelagerte Vorhalle, und von dieser, nach Westen, in die dreischiffige Haupthalle, an deren Ost-Ende das Sanktuar, das Allerheiligste der Kirche liegt. An der Süd-Ost-Ecke schmiegt sich die Kirche an die innere Umfassungsmauer des Hathor-Tempels.

Kapelle des Mentuhotep

Die ältesten Gebäudereste, und zwar eine Kapelle aus der Regierungszeit des Königs Metuhotep II. Nebhepetre ( Mittleres Reich , 11. Dynastie, um 2000 v. Chr.), wurden westlich des Hauptgebäudes gefunden. Die Kapelle steht heute im Museum von Kairo. Damit ist sicher, dass spätestens seit dem Mittleren Reich in Dendera ein bedeutendes Heiligtum stand. Inschriftlich sind sogar noch ältere Gebäudestiftungen aus dem Alten Reich belegt.Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, Zürich und München 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen, Baudenkmäler, Kultstätten, Zürich 1992.
  • Daumas, François, „Dendara“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Wiesbaden 1975, Sp. 1060-1063.
  • Daumas, François, „Hathor“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band II, Wiesbaden 1977, Sp. 1024-1033.
  • Hoenes, Sigrid, „Ihi, in: Lexikon der Ägyptologie, Band III, Wiesbaden 1980, Sp. 125-126.
  • Wilkinson, Richard H., Die Welt der Tempel im alten Ägypten, Stuttgart 2005.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg