Spätzeit (26.-31. Dynastie) - Geschichte Ägyptens

Die Spätzeit (664 – 330 v. Chr.) gliedert sich grob in zwei Phasen. Die erste Phase ist die Epoche der Saiten, d.h. der 26. Dynastie, die in Sais residierte. In dieser Phase blühte eine Renaissance der altägyptischen Kultur. Die zweite Phase ist geprägt von der persischen Fremdherrschaft und deren innerägyptischen Widerstandsbewegungen, die temporär ägyptische Autonomie erkämpfen konnten.

Im Jahr 663 v. Chr. versetzten die Assyrer unter ihrem Herrscher Assurbanipal mit der Eroberung Thebens der kuschitischen Dynastie in Ägypten endgültig den Todesstoß. Sie setzten den Lokalfürsten von Sais, Psammetich I., als König von ganz Ägypten ein. Dies war die Belohnung für die loyale Politik, die der Herrscher von Sais gegenüber Assyrien pflegte. Psammetich I. festigte seine Herrschaft auch über Oberägypten, indem er seine Tochter Nitokris von der thebanischen „Gottesgemahlin des Amun“ als Nachfolgerin adoptieren ließ und somit eine verwandtschaftliche Verbindung zur oberägyptischen Elitekaste schaffte. Der Begriff „Gottesgemahlin“ muss erläutert werden, denn es handelt sich um eine eigentümliche Institution. Zu jener Zeit lag das formell höchste Amt in Theben nicht mehr in den Händen der Hohenpriester, sondern bei der obersten Priesterin des Amun, die jeweils als unverheiratete Jungfrau von ihrer Vorgängerin adoptiert werden musste und symbolisch als Frau des Gottes fungierte. Durch die Etablierung seiner Tochter als Nachfolgerin öffnete Psammetich I. die Tür zur weiteren Einflussnahme und schließlich zur Herrschaft in Oberägypten.

Militärisch konnte Psammetich I. auf ein großes Söldnerheer aus Libyern, Griechen, Karern, Nubiern, Judäern und Phöniziern aufbauen. Die Rekrutierung ausländischer Söldner war schon lange Tradition in Ägypten und an sich nichts Neues. Mit diesem Heer konnte er am Ende sogar die assyrischen Garnisonen aus Ägypten vertreiben und die Tributzahlungen an Ninive einstellen. Ein assyrischer Gegenschlag in Form einer Strafexpedition blieb diesmal aus. So gewann Ägypten seine politische Einheit und staatliche Souveränität zurück.

In die Regierungszeit Nechos II. fielen drei bemerkenswerte Ereignisse. Herodot berichtet, die Ägypter hätten mit phönizischer Hilfe eine Flotte gebaut, die auf dem Seeweg ganz Afrika umrundete. Hinweis auf die tatsächliche Umrundung ist der Vermerk Herodos, die Seeleute hätte während einer langen Strecke die Sonne auf der falschen Seite gehabt – ein Hinweis für die Teilstrecke auf der Südhalbkugel der Erde. Ein anderes großes Projekt war ebenso bemerkenswert. Necho II. startete ein großes Bauvorhaben und ließ einen Kanal ausheben, um das Rote Meer mit dem Pelusischen Nilarm zu verbinden. Zwar wurde das Projekt erst unter Darius I. vollendet, war aber eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Mehr als zweitausend Jahre vor Eröffnung des Suez -Kanals konnten somit Schiffe vom Roten Meer ins Mittelmeer fahren. Sowohl auf dem Roten als auf dem Mittelmeer unterhielt Necho II. eine ernstzunehmende Flotte von Galeeren mit griechischen und phönizischen Seefahrern und Söldnern in ägyptischen Diensten. Überhaupt unterstützten die Pharaonen der 26. Dynastie die Ansiedlung von Griechen in Ägypten. So entstand später (unter Amasis) auch die griechische Kolonie Naukratis im Delta.

Das dritte bemerkenswerte Ereignis in Nechos Regierungszeit war der militärische Zusammenstoß mit dem neu erstandenen Reich von Babylon. Babylon und Ägypten wollten beiderseits ihren Einfluss in Palästina geltend machen. Als Necho 609 v. Chr. mit seinem Heer nach Syrien vorrücken wollte, stellte sich König Josia von Juda ihm in den Weg. Die Truppen der Judäer wurden von Nechos Armee bei Megiddo aufgerieben und Josia getötet. Necho bestimmte nach seinen Gutdünken den Nachfolger des judäischen Königs und verpflichte Jerusalem zu Tributzahlungen. 605 wurde jedoch die ägyptische Armee bei Karkemisch in Syrien vom babylonischen Heer besiegt. Und 601 v. Chr. rückten die babylonischen Truppen des Königs Nebukadnezar gegen Ägypten vor, wurden aber an der Grenze zurückgeschlagen.

Nachdem sein Nachfolger, Psammetich II, die Politik Nechos fortsetzte und insbesondere nach Süden in Richtung Nubien expandierte, geriet unter König Apries die saitische Herrschaft ins Wanken. Als Pharao Apries eine Armee gegen die in Libyen gelegene griechische Kolonie Kyrene schickte, misslang diese Expedition und nur wenige Überlebende kehrten zurück. Daraufhin gab es einen Militärputsch und Bürgerkrieg im Heimatland, bei dem der General Amasis zum neuen Pharao ausgerufen wurde und Apries ums Leben kam. Amasis festigte seine Herrschaft und erneuerte die ägyptische Freundschaft mit den Griechen in Ägypten und Nordafrika. Amasis’ Nachfolger Psammetich III. konnte sich nicht lange auf dem Thron halten. Von Osten rückten die Perser unter Kambyses heran und eroberten 525 v. Chr. Ägypten. Von nun an war das Land am Nil persische Provinz.

Die Saitische Zeit gilt aus vielerlei gründen als Epoche der altägyptischen Renaissance. Es wurden nicht nur viele Tempel restauriert und Kulte wiederbelebt, sondern auch Denkmäler aus älterer Zeit kopiert und wichtige Inschriften im (für jene Zeit bereits) archaischen Mittelägyptisch verfasst.

Während der anschließenden Perserherrschaft gab es immer wieder Aufstände gegen die Fremdherrschaft. In den Jahren 404 – 343 v. Chr. (28. – 30. Dynastie) konnte Ägypten jedoch noch einmal zeitweise die Unabhängigkeit zurückerlangen.


Auswahl weiterführender Literatur:

  • Assmann, Jan, Ägypten – Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996.
  • Gardiner, Alan, Egypt of the Pharaohs, Oxford 1964.
  • Otto, Eberhardt, Der Weg des Pharaonenreiches, Stuttgart 1966.
  • Schneider Thomas, Lexikon der Pharaonen: die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft, Zürich 1994.
  • Vercoutter, Jean, „Die Saitische Renaissance“, in: Fischer Weltgeschichte, Die Altorientalischen Reiche, Band III, Frankfurt am Main 1967, S. 256-282.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg