Neues Reich (18.-20. Dynastie) - Geschichte Ägyptens

Das Neue Reich (ca. 1550 bis 1070 v. Chr.) ist die dritte Hochphase des zentralisierten ägyptischen Staates. Man spricht auch vom Zeitalter des ägyptischen Imperiums bzw. von der imperialen Phase, weil in dieser Zeit Ägypten aufgrund seiner zahlreichen Eroberungen weit über das ursprüngliche Landesterritorium hinaus fremdländische Gebiete militärisch kontrollierte und in den Nachbarregionen unterworfene Kleinreiche zum tributpflichtigen Vasallenstatus verpflichtete. Nach der Quellenlage ist die Geschichte dieser Epoche besonders dicht belegt und gut dokumentiert.

Im Grunde ist die Entstehung des Neuen Reiches eine direkte Folge der Vertreibung der Hyksos aus Ägypten. Die ägyptischen Truppen unter den Königen Kamose und schließlich Ahmose konnten Unterägypten komplett zurückerobern. Unter den Nachfolgern Amenophis I. und Thutmosis I. rückten die königlichen Armeen bis tief nach Syrien vor und erreichten sogar den Euphrat. Nach einer militärisch weniger auf Asien ausgerichteten Außenpolitik unter der Königin Hatschepsut , verfolgte ihr Nachfolger Thutmosis III. eine umso aggressivere Politik und leitete als Feldherr so viele militärische Expeditionen und Kriegszüge nach Vorderasien wie kein anderer Pharao vor oder nach ihm. Nach der Fortsetzung der imperialen Eroberungspolitik unter Pharao Amenophis II. geriet die Expansion an ihre Grenzen. Keilschriftliches Archivmaterial belegt die zunehmende Bedeutung der Diplomatie mit den anderen Großmächten (Mitanni, Babylon, etc.) als außenpolitisches Mittel.

Mit der militärischen Expansion gewann eine neue Gesellschaftsschicht an Bedeutung. Es handelt sich um die ranghohen Militärs, die sich mit kriegerischen Attributen zu einer königstreuen Elitekaste entwickelten. Als Beispiel hierfür zeugt die biographische Grabinschrift des Generals Ahmose, Sohn der Abana, der über seine Teilnahme an Feldzügen in Vorderasien und Nubien berichtet.

Große Veränderungen gab es im religiösen Bereich. Im Neuen Reich wurden die Pharaonen nicht mehr in Pyramiden bestattet, sondern im sogenannten Tal der Könige bei Theben. Der dortige Berg, in dessen Fels die Stollen der Gräber geschlagen wurden, hat die grobe Form einer Pyramide. Die Felsgräber waren im Neuen Reich vom Totentempel räumlich getrennt. Die königlichen Totentempel jedoch waren zugleich auch Göttertempel, insbesondere für den Reichsgott Amun-Re, und kultisch, organisatorisch und infrastrukturell mit den großen Göttertempeln Thebens verbunden. So wurde der königliche Totenkult mit dem Götterkult verflochten. Das herausragende Merkmal des Neuen Reiches, im Gegensatz zum Alten und Mittleren Reich, ist die zunehmende Bedeutung der Göttertempel als religiöse, wirtschaftliche und administrative Institutionen. Das Priesterwesen wurde verstärkt professionalisiert. Statt der Pyramide und Pyramidenstadt waren von nun an die Tempel die Zentren der wirtschaftlichen Redistribution und Verwaltung. Königliche Feldzüge ins Ausland wurden aus den Schatzkammern der Tempel finanziert und die Tributzahlungen der unterworfenen Völker von Pharao an die Tempel vermacht. So heißt es generell in den Texten, Pharaos göttlicher Vater Amun-Re habe ihn beauftragt, in dieses oder jenes Land einen Feldzug zu unternehmen, um „die Feinde zu vernichten und die Grenzen Ägyptens zu erweitern“. Bedeutende Landschenkungen und Tributlieferungen an die Tempel wurden mit großen Festen zelebriert, von denen die kultischen Festkulissen der Pylone (das sind besondere monumentale Prunktore) und zahlreiche Tempelinschriften zeugen. Pharaos primäre Aufgabe schien es gewesen zu sein, die Tempel durch regelmäßige Stiftungen zu stärken und zu stützen. Szenisch wurden solche Stiftungstaten als Opfergaben Pharaos für die Götter dargstellt.

Der wichtigste Einschnitt in der Geschichte des Neuen Reiches war die Amarna-Zeit. Pharao Amenophis IV. reformierte Schritt für Schritt die religiösen Kulte und propagierte die Sonnenscheibe Aton als höchsten Gott, der sich ihm, dem König und Propheten offenbart habe. Die religiöse Erkenntnis, die das Weltbild des neuen Königs prägte, war, dass alles Leben nur in der Zeit stattfinden kann. Keine Zeit, kein Leben. Denn Leben ist Werden und Vergehen. Da man aber in Ägypten die Tageszeit mit der Sonnenuhr maß, und auch sonst die tägliche Wanderung der Sonne über den Taghimmel mit dem Verlauf der Tageszeit in Verbindung brachte, war die Sonne mit ihren Strahlen das Symbol für Leben. Durch ihre Strahlen und ihre Himmelswanderung war die Schöpfung möglich. Also wurden wichtige Heiligtümer dem Aton geweiht und die königliche Residenz in eine neue Stadt namens Achet-Aton: „Horizont der Sonne“ (heute Tell el-Amarna ) verlegt. Dort konnte sich der König, der sich in Echnaton umbenannte, mit seinen Gefolgsleuten seiner neuen Religion widmen. Nachteilige Auswirkung war die Volksferne der neuen Religion. Die Feste in den Tempeln der anderen Götter blieben aus, der Auszug der Götterbilder wurde nicht mehr zelebriert. Damit war die Bildung einer gesellschaftlichen Opposition vorprogrammiert.

Unter Tutanchamun, Eje, Haremhab und seinem General, dem späteren Pharao Ramses, gab es eine Politik der Restauration. Die alten Tempel und Götter wurden wieder in den Mittelpunkt gerückt. Insbesondere Theben (Tempel des Amun-Re), Memphis (Tempel des Ptah) und Heliopolis (Tempel des alten Sonnengottes Re) waren die neuen theologischen und theokratischen Zentren. Die entscheidende Wende in der Geschichte des Alten Ägypten lag nun darin, dass vor der Amarna-Zeit Pharao und die Lehre der Ma’at die zentrale Leitidee des Staates waren. Nun, nach der Erfahrung der Amarna-Zeit, traten die Götter und ihre Tempel eindeutig in den Mittelpunkt. Die Funktion und Position Pharaos wurde zwar nicht völlig entsakralisiert, aber in ihrer Bedeutung und im Verhältnis zu den Göttern relativiert. Hauptmerkmal dieser Veränderung war die neue Betonung der sogenannten „persönlichen Frömmigkeit“. Nicht mehr das Vertrauen zur Ma’at und die Loyalität zu Pharao gaben den Grundton der Religion und Ideologie an, sondern die individuelle Hinwendung zu Gott, zu einer Gottheit, deren Schutz man sich anvertraute. Der Ausbau und die Ausstattung der Göttertempel waren mehr denn je oberste Aufgaben Pharaos.

Der größte außenpolitische Konflikt der folgenden Ramessidenzeit war der Zusammenstoß Ägyptens mit dem Reich der Hethiter. Zum ersten Mal in seiner Geschichte war Ägypten militärisch mit einer wirklichen Großmacht konfrontiert, die zumindest ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen war. Nach einer finalen Schlacht bei der syrischen Stadt Kadesch kam es zum ersten historisch belegten interstaatlichen Friedensvertrag zwischen zwei ehemals verfeindeten Großmächten. Pharao Ramses II. und der hethitische König Hattusili III. vereinbarten neben den Friedensregelungen auch eine diplomatische Hochzeit. Das Ende der Expansionszeit bedeutete jedoch kein Ende kriegerischer Ereignisse. Ägypten hatte sich unter Merenptah gegen einfallende Libyerstämme und unter Ramses III. gegen den Ansturm der Seevölker zu verteidigen.

(Zum Ende des Neuen Reiches siehe Artikel zur Dritten Zwischenzeit.)


Auswahl weiterführender Literatur:
  • Assmann, Jan, Ägypten – Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996.
  • Gardiner, Alan, Egypt of the Pharaohs, Oxford 1964.
  • Helck, Wolfgang, Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr., (Ägyptologische Abhandlungen, Band 5), Wiesbaden 1971 (2. Aufl.).
  • Hornung, Erik, Echnaton: die Religion des Lichts, Düsseldorf und Zürich 1995.
  • Otto, Eberhardt, Der Weg des Pharaonenreiches, Stuttgart 1966.
  • Schneider Thomas, Lexikon der Pharaonen: die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft, Zürich 1994.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg