Mittleres Reich (11.- 13. Dynastie) - Geschichte Ägyptens

Das Mittlere Reich (ca. 2040 bis 1650 v. Chr.) ist die zweite Hochphase des zentralisierten ägyptischen Staates. Geeint wurde das Land offiziell und dem König Mentuhotep II. (11. Dyn.) aus Theben, nachdem dieser die Vorherrschaft der Herakleopolitaner im Norden überwunden hatte. Sein berühmter Terrassentempel in Deir el-Bahari zeugt vom neuen Glanz des geeinten Königreiches und war Vorbild für spätere Bauten des Neuen Reiches. Die Herrschaftsphase der 11. Dynastie war jedoch sehr oberägyptisch geprägt und hielt nicht lange. Schon unter Mentuhotep IV. erschütterten Unruhen das Land und destabilisierten das Herrschaftsgefüge. Erst der ehemalige Wesir Mentuhoteps IV., Amenemhet I., beendete die Unruhen und wurde Pharao. Er war der erste König der 12. Dynastie. Unter ihm gab es eine Art Politikwechsel. Dieser Wechsel bestand in einer bewussten Abwendung von den Zuständen der Ersten Zwischenzeit und einer Zuwendung zur Politik und Herrschaftsauffassung des Alten Reiches. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Wiederaufnahme der Pyramidenbautradition und der Verlegung der Residenz in die jeweilige Pyramidenstadt. Zwischen dem Fayum und der südlichen Deltaspitze, also in unmittelbarer Nähe der Nekropolen und Pyramidengebiete des Alten Reiches, wurden während der 12. Dynastie zahlreiche Pyramiden errichtet, so in Sakkara , Dahschur , Lischt und Hawara. Auch die Größe und Ausgestaltung der Pyramiden orientierte sich an den Vorbildern der 5. und 6. Dynastie. Nach dem Beispiel der Binnenkolonisierung Mittelägyptens während des Alten Reiches, wurde in der Zeit der 12. Dynastie ein großes Gebiet in der Oase Fayum durch Kanal- und Bewässerungssysteme urbar gemacht und landwirtschaftlich erschlossen und besiedelt.Dennoch greift man zu kurz, wenn man für die 12. Dynastie lediglich eine Restauration der Zustände des Alten Reiches annimmt. Die Erfahrungen der Ersten Zwischenzeit wurden aufgegriffen und in die neuen Formen der Literatur, Religion und Königsideologie eingearbeitet. Statt, wie im Alten Reich, allein auf seine religiöse Autorität zu setzen, wurde die Herrschaftsfunktion Pharaos als notwendig im Sinne der innergesellschaftlichen Gerechtigkeit propagiert. Das Chaos der Ersten Zwischenzeit, in der gesellschaftliche Ordnungen durcheinander gerieten, sollte durch kluge Staatsführung gebannt werden. Die neue Herrschaft gründete auf der Rhetorik der Weisheit und Gerechtigkeit. Von den Untertanen wurde Loyalität, von den Herrschern Maß und Verantwortung erwartet. Dieses gesellschaftliche Prinzip der „vertikalen Solidarität“ (Begriff nach J. Assmann) war ein Aspekt der Ma’at, jener göttlichen Ordnung und Harmonie der Gesellschaft und des Kosmos. Die Rhetorik der verantwortungsvollen Herrschaft spiegelt sich auch in der Rundbildkunst insbesondere Sesostris’ III. wider, dessen Plastiken einen altersweisen und sorgengezeichneten Mann porträtieren. In mancher Hinsicht verlief die gesellschaftliche Entwicklung während der 12. Dynastie diametral zur Entwicklung des Alten Reiches. So lässt sich vom späten Höhepunkt bis zum Ende des Alten Reiches eine Tendenz beobachten, bei der die gesellschaftlichen Eliten der Residenz an Bedeutung verlieren und die der Provinz an Gewicht gewinnen. Im hohen Mittleren Reich nahm dagegen die Bedeutung der anfangs einflussreichen Provinzeliten in den Gauen ab. Stattdessen wurde unter Sesostris III. und Amenemhet III. ein einmaliger Grad der Zentralisierung erreicht, lediglich übertroffen in der Zeit der 4. Dynastie. Diese Entwicklung brach aber unter den Königen der 13. Dynastie ab und der Zerfall begann erneut.Die Literatur des Mittleren Reiches gilt als klassisch. Nicht nur wegen der vornehmen Schriftsprache, sondern auch aus inhaltlichen Gründen wurde das Literaturgut des Mittleren Reiches bis weit ins Neue Reich weitertradiert. Die Texte wurden über Generationen hinweg kopiert und neue Abschriften erstellt. Bedeutende Literaturwerke sind unter anderem die „Geschichte des Sinuhe“ oder die „Geschichte eines Schiffbrüchigen“, aber auch der sozialkritische Text der „Erzählung des beredeten Bauern“. Archäologisch interessant ist der Festungsbau dieser Epoche. Die unter den Pharaonen der 12. Dynastie weit nach Süden vordringenden ägyptischen Truppen errichten zahlreiche Festungen entlang des Nils, um die Herrschaft über Nubien zu sichern und die nomadisieren Stämme an den südlichen Grenzen zu kontrollieren. Mit ihrer ausgefeilten Architektur mit Ringmauern, Zwingmauern, Trockengräben, Zinnen auf den Mauerbrüstungen und Schießscharten für die Bogenschützen, erinnern sie an die dreitausend Jahre jüngeren Kreuzfahrerburgen des Mittelalters. Viele der ausgegrabenen Festungen sind heute im Nasserstausee versunken. In den Provinzen sind die Gräber der Gaufürsten und hohen Amtsträger in Mittelägypten von besonderer kultur- und kunstgeschichtlicher Bedeutung. Die Gräber von Beni Hassan und el-Berscheh in Mittelägypten sind mit kunstvollen Wanddekorationen ausgeschmückt, die nicht nur einen ästhetischen Höhepunkt der altägyptischen Malerei, sondern auch inhaltlich einen detaillierten Eindruck vom Leben im Ägypten des Mittleren Reiches gebenAuswahl weiterführender Literatur:
  • Assmann, Jan, Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 199
  • Assmann, Jan, Ägypten – Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996.
  • Franke, Detlef, Altägyptische Verwandtschaftsbezeichnungen im Mittleren Reich, Hamburg 1983.
  • Franke, Detlef, Personendaten aus dem Mittleren Reich (20.-16. Jahrhundert v. Chr.), Wiesbaden 1984.
  • Franke, Detlef, Das Heiligtum des Heqaib auf Elephantine . Geschichte eines Provinzheiligtums im Mittleren Reich., Heidelberg 1994.
  • Gardiner, Alan, Egypt of the Pharaohs, Oxford 1964.
  • Grajetzki, Wolfram, The Middle Kingdom of Ancient Egypt. History, Archaeology and Society, London 2006.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Otto, Eberhardt, Der Weg des Pharaonenreiches, Stuttgart 1966.
  • Schneider Thomas, Lexikon der Pharaonen: die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft, Zürich 1994.
  • Shedid, Abdel Ghaffar, Die Felsgräber von Bei Hassan in Mittelägypten, Mainz 1994.
  • Wildung, Dietrich, Sesostris und Amenemhet: Ägypten im Mittleren Reich, München 1984.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg