Christen in Ägypten - Geschichte der Kopten

Heutzutage gibt es in Ägypten schätzungsweise etwa 7 bis 9 Millionen Christen, doch genau weiß es niemand, und die Schätzungen weichen je nach Quelle voneinander ab. Die meisten dieser ägyptischen Christen sind Kopten und gehören mehrheitlich der Koptisch-Orthodoxen Kirche von Alexandria an. Sie ist die größte christliche Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten. Daneben gibt es noch die kleineren Konfessionen der Koptischen Protestanten und Koptischen Katholiken. Man sieht koptische Kirchen in nahezu allen größeren Städten und Orten Ägyptens. Auch verschiedene traditionelle Klöster werden von den Kopten unterhalten; ebenso gibt es in Ägypten viele koptische Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Altersheime, Waisenhäuser, Kinderhorte, Frauenhilfsstationen, Blindenheime, Studentenwohnheime, Museen und Kulturzentren. Mancherorts prägen – die nach wie vor stark besuchten! – koptischen Kirchen und Kathedralen ebenso das Stadtbild wie es die großen islamischen Moscheen tun. Koptische Feste werden zum Teil auch in der ägyptischen Öffentlichkeit begangen. Heute leben zahlreiche Kopten in der Diaspora, insbesondere in Europa und Nordamerika. Weltweit wird die Zahl der Kopten auf insgesamt etwa 10 bis 15 Millionen geschätzt.

Der deutsche Begriff „Kopten“ (englisch: „Copts“) leitet sich von der koptischen Selbstbezeichnung „Kubti“ bzw. „Kuptaion“ (Ägypter) und dem darauf basierenden arabischen Wort „Gubti“ bzw. „Gybti“ ab. So wurde auch im frühen Mittelalter die einheimische Bevölkerung Ägyptens von den muslimisch-arabischen Eroberern genannt. In diesem Wort „Gubt(i)/Gypt(i)“ verbirgt sich die Wurzel des griechischen Wortes „Ai-gypt-os“ bzw. des lateinischen Pendants „Ae-gypt-us“. Die Griechen benannten Ägypten einst nach dem großen Tempel des Ptah in Memphis, weil Memphis die größte Metropole des Landes und ein religiöses und politisches Zentrum war. Der Tempel und sein Einflussgebiet hieß „Hut-ka-ptah“, das soviel wie „Haus der Ka-Seele des Gottes Ptah“ bedeutet. Das genannte griechische Wort für Ägypten ist in archaischer Form schon in den Linear-B-Texten aus mykenischer Zeit belegt (späte Bronzezeit, Ende 2. Jahrtausend v. Chr.). Im Verlauf des Mittelalters und im Zuge der zunehmenden Arabisierung und Islamisierung des Nillandes wurde der Begriff „Gubt“ / „Kopten“ mehr und mehr auf den christlichen Teil der Bevölkerung bezogen, während die Ägypter sich allgemein auf Arabisch „Masri“ nannten. Dementsprechend lautet auch der moderne Name Ägyptens „Masr“ (im Ägyptisch-Arabischen Dialekt) bzw. „Misr“ (im Hocharabischen), welches die gemeinsame semitische Wurzel mit dem Hebräischen Wort für Ägypten teilt: „Mizraim“ (Mizzrayim). In frühchristlicher Zeit nannten sich die Ägypter bzw. die Kopten „rem-en-khemi“ (so in etwa im Bohairischen Dialekt ausgesprochen). Dies heißt soviel wie „Mensch von Ägypten“ bzw. „Ägypter“ und hat seine Wurzeln im altägyptischen Ausdruck „rmtj-n-kmt“. Heutzutage benutzen die Kopten diese Selbstbezeichnung nur noch selten. Nach wie vor kann es in bestimmten Kontexten vorkommen, dass sich nicht nur die christlichen Kopten, sondern auch muslimische Ägypter als „Kopten“ bezeichnen, um ihre Verbundenheit mit den altägyptischen Wurzeln und Vorfahren zu zeigen.

Die koptische Sprache ist die letzte Sprachstufe des indigenen Ägyptischen. Sie wird mit griechischen Lettern geschrieben, ergänzt durch acht Zusatzzeichen, die aus dem Ägyptisch-Hieroglyphischen bzw. dessen Spätform, dem Demotischen übernommen wurden. Es gibt also einunddreißig Buchstaben. Auch wenn es heute nur noch wenige hundert Muttersprachler gibt, die sich im Alltag auf Koptisch verständigen, wird das Koptische als Liturgiesprache im religiösen Kontext der Kirchen und Klöster weiterhin verwendet, ähnlich wie das Lateinische im Vatikan und in der Liturgie der katholischen Kirche. Bis ins frühe Mittelalter hinein wurde Koptisch von der Mehrheit der Ägypter verstanden und gesprochen. Im Zuge der Islamisierung wurde das Koptische auch im Alltag vom Arabischen abgelöst, wobei im ägyptisch-arabischen Dialekt sich noch einige Spuren koptischen Einflusses verbergen. Man unterscheidet wichtige Dialekte: Bohairisch (gesprochen im Osten des Deltas), Sahidisch (in Oberägypten), Fayumisch (im Fayum) und Achmimisch (im südlichen Oberägypten). Im Verlauf des 17. und 18 Jahrhunderts wurde schließlich das Koptische als Alltagssprache nahezu komplett abgelöst. Allerdings blieb es als religiöse Liturgiesprache und auch im Alltag weniger dörflicher Sprachinseln erhalten. Die spätantike und mittelalterliche Literatur der Kopten ist geprägt von Bibelübersetzungen, Codices, Klostertexten, Mönchsregeln, theologischen und kirchenrechtlichen Abhandlungen, Märtyrerlegenden und Volksmärchen. Es gibt auch mittelalterliche Texte über Wissenschaft und Mathematik, die in koptischer Sprache und Schrift verfasst wurden. Auch der koptische Kalender folgt dem Vorbild aus dem alten Ägypten. Es gibt zwölf Monate zu je 30 Tagen, plus fünf Zusatztage, um das Kalenderjahr zu komplettieren. In den Schaltjahren gibt es einen weiteren Tag. Die koptischen Monatsnamen gehen ebenfalls auf die altägyptischen Namen zurück. Zwar bedienen sich heute, im modernen Ägypten, viele Kopten, wie die anderen Ägypter, des islamischen Kalenders, doch unter den koptischen Bauern ist nach wie vor der urägyptisch-koptische Kalender beliebt, da er den natürlichen Gegebenheiten der ägyptischen Jahreszeiten besser Rechnung trägt. Auch wenn viele koptische Personennamen christlichen Einfluss verraten (z.B. „Boulos“ für Paul/Paulus, „Boutros“ für Peter/Petrus), so gibt es einige, die eindeutig altägyptischen und somit heidnischen Ursprungs sind: z.B. Bahur (von altägyptisch pa-Hor „der von Horus“) oder Banoub (von pa-Inpu bzw. pa-Anub, „der von Anubis“).

Der Überlieferung nach wurde das Christentum vom Apostel Markus in den 50er und 60er Jahren n. Chr. nach Ägypten, und zwar zuerst nach Alexandria gebracht. Vor dort aus verbreitete sich das Christentum über die ländlichen Regionen Ägyptens. Trotz der Christenverfolgungen im Römischen Reich fand der neue Glaube schnell neue Anhänger. Viele Motive der christlichen Religion waren den alten Ägyptern durchaus vertraut, zumal im christlichen Gedankengut altägyptische Motive weiterlebten. Die Wiedergeburt und das ewige Leben, vorgeben durch Jesus Christus als Sohn bzw. Verkörperung Gottes auf Erden erinnert an die Horus-Osiris Konstellation. Auch jeder Pharao war als Heilsbringer Sohn Gottes (des Osiris bzw. des Ra). Maria, als Mutter Gottes, fand ihr ikonographisches Vorbild in der Figur der stillenden Isis mit dem Horuskinde. Die Lehre von der Gottesmutterschaft Marias war insbesondere von den Kopten in die christliche Urkirche getragen worden. In der Feier der göttlichen Geburt Jesu spiegeln sich übrigens die altägyptischen Feiern der Geburt des Gotteskindes wieder. Viele altägyptische Tempel, insbesondere in der ptolemäischen Zeit, hatten ein kappellenartiges Geburtshaus, in dem die Geburt des Gotteskindes rituell zelebriert wurde, denn Götter wurden in Triaden verehrt: Vater-Mutter-Kind (z.B. Osiris-Isis-Horus). So nimmt es nicht wunder, dass nur wenig später viele alte koptische Kirchen innerhalb oder neben altägyptischen Tempeln errichtet wurden. Zu erwähnen ist, dass in jener Zeit der Isis-Osiris-Horus-Kult nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen Teilen des Römischen Reiches populär wurde.

Bereits Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. war die Mehrheit der Ägypter zum Christentum übergetreten. Die so entstandene koptische Kirche ist damit die älteste Kirche Afrikas und eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Der Einfluss der koptischen Kirche auf das übrige Christentum war immens. Ein wichtiger Beitrag zur Kultur des christlichen Abendlandes war die Idee des Mönchtums und Klosterlebens, das zuerst in Ägypten entwickelt wurde und im Verlauf des Mittelalters sich auch in Europa verbreitete. Die koptischen Klöster in Ägypten waren religiöse und intellektuelle Zentren. Tausende von theologischen Schriften wurden dort archiviert.

Die koptisch-orthodoxe Kirche von Alexandria war eine der ersten christlichen Gemeinschaften, die sich von der Hauptgemeinde der römischen Reichs- bzw. Urkirche abspaltete. Grund war ein Schisma nach dem Konzil von Chalcedon (im Jahre 451), der durch einen theologischen Streit um die göttliche Natur Christi hervorgerufen wurde. Die koptischen Kirchenvertreter vertraten einen monophysitischen bzw. miaphysitischen Standpunkt, der die Einheit der menschlichen und göttlichen Natur Jesu lehrt. Trotz dieser theologischen Auseinandersetzung mit der Römischen Kirche und später (nach dem großen Ost-West-Schisma) griechisch-orthodoxen Kirche von Byzanz profitierte das Koptentum von der Christianisierung des Oströmischen Reiches. Erst die arabisch-islamischen Eroberungen des 7. Jahrhunderts kehrten den eingeschlagenen Pfad um. Wegen der unterschiedlichen Besteuerungen von Christen und Muslims und wegen zahlreicher temporärer Christenverfolgungen und Plünderungen von Klöstern wurden die Kopten zur Minderheit in Ägypten zugunsten einer arabisierten und muslimischen Mehrheit. Dennoch war im Mittelalter der koptische Einfluss groß. Zeitweise konnten Kopten auch unter der Herrschaft muslimischer Sultane und Könige zu hohen Ämtern aufsteigen.

Nicht alle Klöster und Kirchengebäude im heutigen Ägypten sind koptisch. Tatsächlich sind nahezu alle großen christlichen Konfessionen im modernen Ägypten präsent, von der Katholischen bis zur Lutherischen, wenn auch nur mit verhältnismäßig geringer Mitgliederzahl. Nennenswert ist die griechisch-orthodoxe Kirche, die einige sehenswerte Kathedralen unterhält und auch für das St.-Katharinen-Kloster am Berg Sinai verantwortlich ist.

Christen in Ägypten - Der Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten

Eine besondere Inspiration und Motivation der frühen gläubigen Christen im spätantiken Ägypten war der feste Glaube an die biblische Überlieferung, dass die Heilige Familie, d.h. Josef, Maria und Jesus in Ägypten weilten. Nach der Geburt Christi seien sie aus Bethlehem nach Ägypten vor der Verfolgung durch Herodes geflohen, welcher der Überlieferung des Matthäus-Evangeliums zufolge die neugeborenen Kinder dort töten ließ (siehe Matthäus 2,13). Aufgrund der Aussagen der heiligen drei Magier fürchtete er die Geburt eines neuen Königs. Ob es sich historisch so zu zugetragen haben könnte, ist sehr fraglich, denn der Kindermassenmord ist nirgends sonst überliefert. Außerdem starb Herodes im Jahre 4 v. Chr., während die große Volkszählung unter dem römischen Präfekten Publius Sulpicius Quirinius, Statthalter des Kaisers Augustus in Syrien/Palästina, erst im Jahre 7 n. Chr. stattgefunden haben soll. Dieser Sachverhalt legt auch die Problematik offen, dass unsere Zeitrechnung vermutlich nicht exakt mit der Geburt des historischen Jesus übereinstimmt. Inwiefern die so genannte Weihnachtsgeschichte um die Geburt des Messias tatsächlich ein reales Ereignis wiedergibt oder nur eine Synthese aus verschiedenen zeitgenössischen Geburtslegenden ist (z.B. Mithras, Horus), die sich mit ihren Erzählmotiven überlagern, sei der theologischen Diskussion überlassen. Festzuhalten ist die Tatsache, dass Millionen Christen daran glauben und dass der Glaube daran die weitere Gestaltung des Christentums beeinflusste. Der historisch unbelegte Kindermassenmord zu Bethlehem erinnert zudem an den massenhaften Kindermord Pharaos in der Mosesgeschichte (Exodus 1,22).

Für die koptischen Christen ist der Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten ein wichtiger Bestandteil ihres Glaubens. Durch die temporäre Anwesenheit Christi wird Ägypten Teil des Heiligen Landes. Damit war Ägypten, in dem angeblich schon Josef Amtsträger des Pharao war und Moses als Prophet, Befreier und Heilsbringer wirkte, erneut Teil der biblischen Glaubenswelt geworden. Nach koptischer Tradition soll sich die Heilige Familie mehr als drei Jahre lang in Ägypten aufgehalten haben. Eine Reihe von Orten am Nil sind mit koptischen Überlieferungen verknüpft, die Anekdoten zum Leben und zu den Wundern Jesu erzählen.


Auswahl weiterführender Literatur:

  • Brunner-Traut, Emma, Die Kopten: Leben und Lehre der frühen Christen in Ägypten, München 1993 (Neuauflage: Freiburg 2000).
  • Eaton-Krauss, Marianne u. Gawdat Gabra, The Illustrated Guide to the Coptic Museum and Churches of Old Cairo, Kairo u. New York 2007.
  • Till, Walter C., Koptische Grammatik, (Lehrbücher für das Studium der orientalischen Sprachen, Band 1), Wiesbaden 1955.
  • Kamil, Jill, Coptic Egypt: History and a Guide. (Revised Ed. American University in Cairo Press), Kairo 1990.
  • Brunner-Traut, Emma, Die Kopten: Leben und Lehre der frühen Christen in Ägypten, München 1993 (Neuauflage: Freiburg 2000).
  • Cannuyer, Christian, Coptic Egypt: The Christians of the Nile, London 2001.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg