Geographie Ägyptens - Wüsten und Oasen

„Ägypten ist ein Geschenk des Nils“, dieses berühmte Zitat des griechischen Geschichtsschreibers Herodot bringt die Geographie Ägyptens auf den Punkt. Denn Ägypten ist im Grunde genommen ein reines Wüstenland am Ostrand der Sahara. Selbst an den Küsten herrscht Wüstenklima, am Roten Meer im Osten regnet es fast nie, an der Mittelmeerküste im Norden nur im Winter. Eigentlich wäre Ägypten ein nur für wenige Beduinen und Nomaden bewohnbares Land, gäbe es nicht das große Naturwunder des Nils. Der Nil, der mit 6671 km längste Fluss der Erde, durchquert die östliche Sahara von Süd nach Nord. An seinen fruchtbaren Ufern siedeln die Menschen, hier spielt sich das gesellschaftliche Leben ab, hier gibt es Landwirtschaft. Aus der Vogelsperspektive, die sich dem Besucher aus dem Flugzeug bietet, erkennt man das schmale grüne Band, das sich durch die gelb-ockerfarbene Wüste Nordostafrikas zieht. Es handelt sich um eine endlos lange Flussoase von maximal 25 km Breite. Von der rund 1 Million km² großen Fläche des gesamten ägyptischen Staatgebietes sind nur 4-5 Prozent fruchtbares Land: die Flussoase des Nils zusammen mit dem Flussdelta und den Wüstenoasen. Das heißt, dass trotz der großen Fläche Ägyptens das eigentlich bewohnbare Gebiet relativ klein ist. Dementsprechend drängt sich hier eine hohe Bevölkerungsdichte. Nahezu das ganze Niltal ist landwirtschaftlich intensiv genutzt. Heute ist die Überbevölkerung eines der größten Probleme des Landes. Die Großstädte ersticken im Smog und auf dem Land reichen die Ackerfelder nicht mehr zur Ernährung der wachsenden dörflichen Gemeinden und Familien. Neue Bewässerungsprojekte wie die Vision eines zweiten Nils durch die Wasserabzeigungen aus dem Assuan stausee geben der Bevölkerung Hoffnung auf Linderung der Landnot.

Nördlich von Kairo, der ägyptischen Hauptstadt, spaltet sich der Nil in mehrere Arme und bildet ein großes Flussdelta. Dieses ins Mittelmeer ragende Delta bildete sich im laufe der Jahrzehntausende durch die Sedimentablagerungen an den Nilmündungen. Auch das Delta ist landwirtschaftlich intensiv genutzt.

Westlich des Nils dehnen sich die endlosen Weiten der Sahara. Nach einer Kies- und Schotterwüste kommen vereinzelte Sanddünenfelder bis schließlich das Sandmeer der Libyschen Wüste die Landschaft bestimmt. In dieser lebensfeindlichen Umwelt gibt es jedoch eine Kette von Oasen: Baris, Dakhla, Farafra, Bahariyah und ganz im Westen die große Oase Siwa. Westlich dieser Oasen ist mehrere hundert Kilometer nichts als Sand, bis man erst auf libyschem Gebiet auf die Kufra-Oasen trifft. Die Farben und Formen der Wüste variieren, auch gibt es dort vereinzelte Gebirgszüge und Hochplateaus. Weiße Kalksteinformationen durchbrechen die öden Landstriche mit bizarren Felsformen. Der Wüstenabschnitt östlich des Niltals wird Arabische Wüste genannt. Die Arabische Wüste ist durchgehend felsig und gebirgig. Der höchste Gipfel misst immerhin 2187 Meter. Durch manche Wüsten-Täler ziehen sich kilometerlange Wadis, trockene Flussbetten, die sich nur bei gelegentlichen Regengüssen füllen, dann aber kurzfristig zu reißenden Strömen werden können.

Das Wasser des Nils kommt aus den regenreichen Regionen des tropischen Afrika. Die Suche nach den Quellen des Nils hat die Forscher über viele Generation beschäftigt. Tatsächlich ist der eigentliche Nil eine Bündelung unzähliger Zuflüsse aus dem ostafrikanischen Rift-Valley-Gebiet. Ursprung dieser Wassermassen sind die dortigen Gebirgszüge, an deren Flanken sich die wasserträchtigen Wolken der inntropischen Konvergenzzone entladen. Am rund 2700 hohen und sehr regenreichen Gebirgsmassiv des Luvironza im zentralafrikanischen Burundi entspringt der Luvironza-Fluss. Nach ca. 100 km mündet der Luvironza in den Ruvuvu, der wiederum im Kagera-Fluss aufgeht. Von Norden, aus Ruanda, stößt der Rukara-Nyabarongo dazu, und vereint fließen sie als Kagera-Nil in den Victoriasee, dem größten Binnengewässer Afrikas und drittgrößtem See der Welt. Andere Wasserströme und tropische Regenfälle ergießen sich ebenfalls in den See. Im Norden dieses Inlandmeeres bricht der große Fluss als Victoria-Nil heraus und fließt von dort durch mehrere Binnengewässer in den großen Albert-See in Uganda. In dieser Region kommen die Wasser des Eduard-Sees hinzu und die Schmelzwasser des 5109 m hohen Ruvenzori-Gebirgsmassives, den berühmten Mondbergen. Aus dem Albert-See fließt der Nil nach Norden heraus und schlängelt sich durch die Feuchtsavanne hindurch bis er sich in einem riesigen Sumpfgebiet verteilt, dem berüchtigten Sudd. Aus dem Sudd fließt er als Weißer Nil in Richtung Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Wegen der andauernden Regenfälle in der Äquatorialregion ist der Wasserstand des Weißen Nils relativ beständig, und dies sorgt dafür, dass der eigentliche Nil auf seinem Weg durch die Sahara niemals austrocknet.

Bei Khartum vereinigen sich der Weiße und der Blaue Nil. Der Blaue Nil entspringt im Hochland von Abessinien, im heutigen Äthiopien. Dort ergießen sich die saisonalen Regenwassermassen an den Regenflanken der Vulkanberge und sammeln sich in den Gebirgsseen, insbesondere im Tana-See. Von dort aus flutet der Blaue Nil durch die Täler des Hochlandes, wo er sich mit anderen kleineren Gebirgsflüssen vereint und schließlich durch das ostsudanesische Tiefland in Richtung Khartum strömt. Der Wasserstand dieses Flusses schwankt und ist stark von der Jahreszeit abhängig. Die zusätzlichen Wassermassen in der Regenzeit sind für die hohen Nilstände und Nilflutungen in Ägypten verantwortlich. Außerdem trägt der Blaue Nil viel fruchtbaren Schlamm von den vulkanischen Böden Abessiniens mit sich. Aus den Ablagerungen dieses Schlemmbodens entstand die fruchtbare schwarze Erde im Niltal Ägyptens. Nördlich von Khartum mündet noch der Atbara, der schwarze Fluss, in den Nil. Der Atbara entstammt wie der Blaue Nil aus dem Abessinischen Hochland. Von da ab gibt es außer den Wadis keinen weiteren Zufluss mehr, der den Nil auf seinem Weg durch die Sahara stärken könnte. Zwischen Khartum und dem südlichen Ägypten erschweren mehrere Stromschnellen, sogenannte Katarakte, mit ihren Felsen und Untiefen die Schiffbarkeit.

Südlich von Assuan ist der Nil von einem riesigen Hochdamm zu einem gewaltigen Stausee mit einer Fläche von 5250 km² aufgestaut, der bis in den Sudan reicht. Der 1971 eingeweihte Damm hält die jährliche Nilflut zurück und lässt eine regulierte Wassermenge weiterfließen. In Mittelägypten zweigt ein Flussarm vom Nil ab, verläuft zunächst parallel zum Nil und mündet schließlich in ein großes Oasengebiet, dem Fayum.

Im Osten des eigentlichen Ägypten ist das Land durch die dreiecksförmige Halbinsel Sinai mit Asien verbunden. Diese Halbinsel wird im Südwesten vom Golf von Suez , im Südosten vom Golf von Aqaba und im Norden vom Mittelmeer begrenzt. Im Süden ist der Sinai sehr gebirgig. Die höchsten Erhebungen und Gipfel des eigentlichen Sinai-Massivs sind der Gebel Katarin (Katharinenberg, 2642 m), der Gebel Musa (Mosesberg, 2285 m) und der Serbal (2057 m). Vom Golf von Suez bis zum Mittelmeer streckt sich der 1869 eingeweihte Suezkanal, der den direkten Seeweg von Europa nach Indien und Ostasien ermöglicht. Der Suezkanal ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes.

Das relativ tiefe Rote Meer entstand durch den Grabenbruch zwischen der afrikanischen und eurasischen Kontinentalplatte. Wegen der ruckartigen Verschiebungen am Rande der Kontinentalplatte können in Ägypten Erdbeben vorkommen. Aufgrund der gleichbleibend warmen Wassertemperatur gibt es an den Küsten des Roten Meeres ideale Bedingungen für die Evolution artenreicher Korallenriffe. Diese Ökosysteme der Korallenriffe gehören zu den artenreichsten der Erde. Übrigens gehört neben dem Großen Barriere-Riff (Great-Barrier-Reef) an der australischen Ostküste und den Malediven im Indischen Ozean das Rote Meer zu den besten Tauchrevieren überhaupt.

An Bodenschätzen ist Ägypten weniger reich als gesegnet als etwa Libyen oder die Nachbarn auf der arabischen Halbinsel. Hauptsächlich wird Erdöl gefördert. Doch die Produktionsmengen können sich nicht mit denen der OPEC-Staaten messen. Weiterhin wird Erdgas gefördert sowie Eisen und Phosphate abgebaut. Gold ist kein Wirtschaftsfaktor. Die einstigen Goldadern der Pharaonenzeit in der Ostwüste sind größtenteils ausgebeutet und geben nicht mehr viel her.

Die geographische Lage Ägyptens spiegelt sich in seinen unterschiedlichen geopolitischen und kulturellen Verbindungen wider. Ägypten ist ein Land des afrikanischen Kontinents, ein Mittelmeeranrainer, ein Land des Nahen und Mittleren Ostens sowie ein Land der islamischen und arabischsprachigen Welt. Das Mittelmeer ist eine gut schiffbare Brücke zwischen Ägypten und Europa, und der Nil verbindet Ägypten mit dem tropischen Zentralafrika. Diese Lage machte es möglich, dass Ägypten in drei Kontinente hinein kulturell ausstrahlen konnte und von selbigen drei beeinflusst wurde.

Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg