Gebel es-Silsila

Rund 145 Kilometer südlich von Luxor und etwa 60 Kilometer nördlich von Assuan treten die Felsen der Ostwüste und Westwüste bei Gebel es-Silsila (auf Karten, Plänen, Straßenschildern und in Travelguides auch mit Gebel es-Silsile, Gebel el-Silsileh, Jebel es-Silsila, Jabal al Silsilah, Dschabal as-Silsila umschrieben) so nah aneinander heran, dass das Niltal hier besonders eng ist. In geologischer Zeit brach sich hier der Fluss seinen Weg durch die Sandsteinhügelkette. Seit ältester historischer Zeit wird hier Sandstein abgebaut. Dies belegen alte Felsinschriften. Aus dem Sandstein dieser Steinbrüche wurden zahlreiche oberägyptische Tempel gebaut. Besonders ab dem Neuen Reich, als man vermehrt Sandstein anstelle des Kalksteins oder Granits als Baumaterial zu verwenden pflegte, wurde der Ort als Steinbruch massiv genutzt. Die Steine wurden nach Karnak, Luxor, Kom Ombo , Esna , Edfu , Dendera und vielen anderen Orten Oberägyptens verschifft. Im Tagebau wurden teilweise bis zu zwanzig Meter hohe Schnitte in den Fels getrieben, um an das begehrte Baumaterial zu kommen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde hier abgebaut. Der arabische Name Gebel es-Silsila („Berg der Kette“) bezieht sich auf eine Überlieferung, nach der zu einer Zeit im Mittelalter eine Kette von Ufer zu Ufer gespannt war, um den Flussschifffahrtsverkehr zu hindern oder zu kontrollieren. Es kann sich aber auch um eine Verballhornung eines älteren Namens handeln, der in der arabischen Sprache entsprechend umgeformt wurde, um einen Sinn zu ergeben. In altägyptischer Zeit war der Ortsname „Chenu“ bzw. „Cheni“ („Ruderort“, „Ort des Ruderns“) und spielt mit der Ruderhieroglyphe am Anfang des Wortes darauf an, dass man an diesem Ort rudern musste, um sich durch die Flussenge zu manövrieren.

Die Besonderheit des Ortes wurde mit zahlreichen Heiligtümern gewürdigt. Es handelt sich, der Beschaffenheit des Ortes angemessen, um Felsheiligtümer. Die meisten befinden sich auf dem Westufer des Nils, während sich auf dem Ostufer ein Großteil der gewaltigen Steinbrüche (mit einigen historischen Inschriften, zum Teil aus frühdynastischer Zeit) befindet.

Wichtige Sehenswürdigkeiten auf dem Westufer

Highlight des Ortes ist der Felstempel (Speos) des Königs Haremhab aus der 18. Dynastie. Er liegt nahe am Flussufer. Seine Front besteht aus fünf Eingängen bzw. vier Pfeilern. Es folgt ein Quergang, der sozusagen das Portal bildet. Hier befinden sich Reliefdarstellungen aus der Zeit des Haremhab selbst (z.B. über seinen Feldzug nach Nubien), aber auch zu späteren Zeiten angebrachte Reliefs und Inschriften. Dann folgt tiefer im Felsmassiv das quadratische Sanktuarium mit sieben aus dem Fels gehauenen (und mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit zerstörten) Götterbildern, die hier verehrt wurden: In der Mitte die Thebanische Triade bestehend aus Amun und zu seinen Seiten seine Gemahlin Mut und deren Götterkind Chons, links davon Sobek, der im nahe gelegenen Kom Ombo verehrt wurde, und Thoeris, und rechts der Thebanischen Triade der vergöttlichte Pharao Haremhab und der Weisheitsgott Thot.

Einige hundert Meter südlich des Haremhab-Heiligtums befinden sich entlang des Ufers 32 Felskenotaphe (Felskapellen als Scheingräber) hoher Amts- und Würdenträger des Neuen Reiches bzw. der 18. Dynastie. Dabei handelt es sich zumeist um in den Fels geschlagene Räume mit rechteckigem oder manchmal quadratischem Grundriss und mit einer oder mehreren Statuen als Kultziel an der Rückwand. Einige Kapellen sind mit Reliefbildern und Inschriften dekoriert. Das Dekorationsprogramm ähnelt thematisch jenem der Gräber. Man sieht die Verstorbenen vor den Opfertischen und Opfergabenbringer.

Noch weiter südlich kann man u. a. die prächtigen Felsstelen von Sethos I., Ramses II. , Merenptah und Ramses III. besichtigen, die sich ebenfalls zwischen den Felsen des Niluferbereichs befinden. Die Stelen sind vertief in den Fels angebracht und an den Seiten mit Halbsäulen flankiert. Die Felsstelen waren dem Nilgott Hapi geweiht.

Anreise

Da es sich nicht um eine stark frequentierte Touristenattraktion handelt, ist die Anfahrt schwierig und schlecht ausgeschildert. Am besten ist es, sich ein Taxi zu mieten und einen Tagespreis auszuhandeln. Angefahren wird der Ort in der Regel von Luxor und Edfu (40 Kilometer nördlich von Gebel es-Silsila) im Norden oder von Assuan oder Kom Ombo (Entfernung: 18 Kilometer) im Süden. Weil die interessanteren Sehenswürdigkeiten auf der Westseite liegen, muss man darauf achten, dass man bei seiner Anfahrt rechtzeitig, entweder mit der Fähre oder über eine Brücke, vom Ostufer auf das Westufer wechselt.

Die beste Anreisemöglichkeit ist, eine Felukenfahrt von Assuan nach Edfu zu buchen und auf dem Weg direkt an den Felsheiligtümern am Flussufer zu halten. Die Nilkreuzfahrtschiffe passieren den Ort meist ohne zu halten. Einige halten für einen kurzen Zwischenstopp, sei es um eine kurze Besichtigung zu ermöglichen oder nur, um den Gästen an Bord das Fotografieren der Ufer zu ermöglichen. Bessere Chancen auf einen Halt mit Besichtung haben die Schiffsreisenden auf den Dahab iyas. Die Anfahrt mit der Feluke oder Dahabiya erlaubt es auch, beide Ufer zu besichtigen.

Auswahl weiterführender Literatur:
  • Caminos, Ricardo A., „Gebel es-Silsile”, in: Lexikon der Ägyptologie, Band II, Wiesbaden 1977, Sp. 441-447.
  • Caminos, Ricardo A. und Thomas G.H. James, Gebel Es-Sisilah, Band I: The Shrines, London 1963.
  • Klemm, Rosemarie und Dietrich D. Klemm, Steine und Steinbrüche im Alten Ägypten, Heidelberg 1993.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg