Der Islam in Ägypten und die Situation der Frauen

In europäischen und amerikanischen Medien wird der Islam gelegentlich als frauenfeindlich dargestellt. Man verweist auf die vielen muslimischen Gebote und Verbote, die das Leben und die Rechte der Frauen stark reglementieren. Das ist allerdings eine eurozentristische Sichtweise, die in der islamischen Welt von den meisten nicht geteilt wird. Hierüber gibt es in verschiedenen Ländern gesellschaftliche Diskurse.Es muss erwähnt werden, dass es nicht nur im Nahen und Mittleren Osten Frauen gibt, die die orientalisch-islamischen Gesellschaftsnormen gutheißen und unterstützen. Auch in Europa gibt es viele Musliminnen, die sich offen zu ihrer Religion bekennen und den westlichen Lebensstil ablehnen. Ebenso gibt es gebürtige Europäerinnen, die zum Islam übertreten. Das Problem der Diskussion um die Rolle der Frau im Islam ist, dass es eine unendliche Vielzahl von Auslegungen des Islams gibt. Außerdem ist nicht immer klar unterscheidbar, was spezifisch islamisch ist und was traditionell orientalisch, ohne dass dies direkt mit der Religion selbst zusammenhängt.Hinzu kommt in Ägypten der große kulturelle und gesellschaftliche Unterschied zwischen den Frauen auf dem Lande und denen in der Großstadt, zwischen jenen aus ärmeren Milieus und jenen aus der wohlhabenden Mittelschicht oder reichen Oberschicht. Darüber hinaus zählt noch die individuelle Lebenssituation: in welcher Familie, in welchem Milieu, in welchen beruflichen Kreisen bewegt sich die Frau? Auch an der Kleidung lässt sich nicht viel festmachen. Viele junge Ägypterinnen tragen zwar den Hijab (Hidschab, Kopftuch), um rein optisch ein religiös-kulturelles Statement zu geben, verhalten sich jedoch im Familien- und Berufsleben recht emanzipiert. Allein die Tatsache, dass ein großer Prozentsatz der ägyptischen Familien auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen ist, d.h. dass die Frauen zum Familienunterhalt beitragen müssen, führt dazu, dass zahlreiche Ägypterinnen im Berufsleben stehen – Religion hin oder her. Auch sind zahlreiche Anweisungen im Koran recht uneindeutig formuliert, so dass sie der zusätzlichen Interpretation bedürfen. Es ist nicht verwunderlich, dass viele konservative Islamgelehrte diese Koranverse im Sinne ihrer traditionellen Vorstellungen auslegen. Es gibt nicht nur in Ägypten, sondern in der ganzen islamischen Welt einen breiten Diskurs über die Auslegungen der religiösen Vorgaben und wie streng diese interpretiert und umgesetzt werden müssen. Insofern greift man zu kurz, wenn man alle Phänome, die dem Frauenbild des Westens widersprechen, als religiös bedingt darstellt. Auch der Islam entstand einst in einem spezifischen kulturellen Kontext. Während das Tragen des Kopftuches weit verbreitet ist, ist die Ganzköperverschleierung durch weite Umhänge und Gewänder eher in den ärmeren Vierteln Kairos und vor allem auf dem Lande anzutreffen. Der Gesichtsschleier ist in Ägypten eher selten und gesellschaftlich höchst umstritten. Selbst islamische Rechtsgelehrte der Al-Azhar-Universität haben sich vor nicht allzu langer Zeit dagegen ausgesprochen, weil er nicht mit dem Koran begründet werden könne. Es wurde sogar versucht, ein Verbot durchzusetzen. Doch die Meinungen gehen auch hier auseinander. Es gibt unterschiedliche religiöse Gruppierungen, die hierzu unterschiedliche Statements abgeben. Die heutige Form des Niqabs (eine Form der Gesichtsverschleierung) ist eine jüngere, nicht ägyptische Tradition. Viele Ägypter halten sie für schlechten Einfluss aus Saudi-Arabien. Andererseits hat es im islamischen Mittelalter in Ägypten andere Formen der Gesichtsverschleierung gegeben, die allerdings eher unter vornehmen Ägypterinnen üblich waren.Unter den Frauen aus höheren, gesellschaftlichen Kreisen ist heute das Tragen islamischer Kleidungsstücke wie Kopftuch oder gar Gesichtsschleier unüblich. Hier wird eher europäische Kleidung getragen. Überhaupt ist in der historischen Betrachtung auffällig, wie sich die Normen verschoben haben: Noch im 19. Jahrhundert waren es insbesondere die Frauen aus den reichen und vornehmen städtischen Familien, die sich in der Öffentlichkeit streng verhüllt und verschleiert zeigten. Bei den Fellachinnen in den Dörfern und auf den Feldern waren die Kleidungsvorschriften allein schon aus praktischen Gründen weniger streng. Die Frauen mussten körperlich hart arbeiten. Heute sind es vor allem Frauen aus ärmeren Milieus, die sich strenger an Bekleidungsvorschriften halten. Nach dem Islam darf ein Mann bis zu vier Ehefrauen haben. Dies ist heute allerdings unüblich und wenn, dann eher auf dem Lande anzutreffen. Oft wird ein zweites Mal geheiratet, wenn sich herausstellt, dass die Frau keine Kinder bekommen kann, manchmal auch, um eine alleinstehende Witwe der Verwandtschaft bzw. Bekanntschaft in einer Familie zu integrieren und ihr somit einen sozialen Schutz zu geben. Einige reiche Ägypter haben zwei oder drei Frauen, schlicht aus dem Grunde, weil sie es sich leisten können. In den allermeisten Fällen sind ägyptische Männer mit nur einer Frau verheiratet. Eine Ehe ist mit vielen wirtschaftlichen Bedingungen verknüpft, die ohnehin von vielen jungen Männern ohne adäquate berufliche Position schwer erfüllbar sind. Nach gültigem Recht dürfen sich Frauen scheiden lassen, wenn sie nicht damit einverstanden sind, dass ihr Mann sich zur Heirat einer Zweit- oder Drittfrau entschließt. Generell muss man betonen, dass die Rolle der Frau eher von gesellschaftlichen und politischen Faktoren abhängig ist als von religiösen. Die Religion wird oft nur als Vorwand benutzt, um gesellschaftspolitische Vorstellungen zu legitimieren. Außerdem ist bemerkenswert, dass bei der ägyptischen Revolution 2011 gegen Mubarak und sein Regime auffallend viele Frauen demonstrierten und bei den Protesten eine aktive Rolle spielten. Es bleibt offen, ob die kommenden gesellschaftlichen Veränderungen zu mehr Emanzipation oder zu mehr konservativer Religiosität führen werden.