Flora und Fauna in Ägypten - Pflanzen- und Tierwelt

Auf dem ersten Blick scheint Ägypten nicht reich an Flora und Fauna zu sein. Man kennt die Bilder der Wüste und hat das Klischee der Kamele vor den Pyramiden verinnerlicht. Kamele sind die Wüstenschiffe der Sandmeere. Um es gleich vorweg zu nehmen: das Kamel wurde erst relativ spät in Ägypten heimisch. Zur Zeit der Pharaonen benutzte man Esel als Lastentiere. Erst mit den assyrischen Eroberern kam das Kamel nach Ägypten und wurde dort frühestens in ptolemäischer Zeit in größerer Zahl eingesetzt. Dabei handelt es sich übrigens stets um das einhöckrige Kamel, dem Dromedar (Camelus Dromedarius), das seine Urheimat auf der Arabischen Halbinsel hat. Das zweihöckrige Kamel, das Trampeltier (Camelus Bactrianus), fand dagegen seine Verbreitung in den Wüsten und Steppen Innerasiens und Persiens. Die Bezeichnung „Kamel“ ist vom arabischen Wort „Gamal/Djamal“ abgeleitet. Die Beduinen Arabiens waren die ersten, die das Kamel domestizierten. Mit dem Kamel als Reit- und Lastentier war es den arabischen Beduinen möglich, weite wasserlose Gebiete zu durchstreifen. Dies war auch ein Grund für die schnelle Verbreitung des Islams und der arabischen Expansion im 6. und 7. Jahrhundert. Doch was und wer durchwanderte die endlosen Wüstengebiete, bevor das Kamel in Nordafrika heimisch wurde? Es scheint, dass außerhalb des Niltals totes Land war. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn auch die Wüste lebt. Zugegeben: die Sandmeere der Libyschen Wüste sind nicht unbedingt ein artenreiches Habitat, denn dort können tatsächlich nur Sandvipern, Skorpione und nachtaktive kleine Echsen überleben. Aber in den Felsmassiven der Arabischen Wüste in Ostägypten und im Sinai , an den Wadis und an der Kante der Oasenkette im Westen gibt es ökologische Nischen für diverse Kleintiere wie z.B. Sandechsen, Dornschwänze (eine Reptilienart), handtellergroße Walzenspinnen (die erschreckend groß, aber ungiftig sind), Skarabäen, unzählige Skorpionarten, Hornvipern und Kobras. Im Sinaigebirge erklimmen Steinböcke (Ibex, Nubischer Steinbock) die Felsen und quirlige Klippschiefer (das sind kleine Nagetiere) tummeln sich in ganzen Kolonien in der Nähe der Schatten spendenden Akazienbäume, Tamarisken und Sykomoren – stets auf der Hut vor den Raubvögeln, die am Himmel kreisen. Auf der Suche nach Wüstenspringmäusen und Käfern macht sich des Nachts der kleine Fenek (eine zierliche Wüstenfuchsart) auf die Jagd. Er hat, wie der Wüstenhase, extrem große Ohren. An den Wasserstellen lassen sich gelegentlich kleine Gazellen blicken. Regelmäßig durchstreifen Kleinviehnomaden diese Halbwüstenbereiche. Sie ziehen mit ihren Schafen, Ziegen und Eseln von Wasserstelle zu Wasserstelle und lassen die Tiere an den Trockengräsern und Dornsträuchern fressen. Gefährlich für Mensch und Tier sind die Kobras und Hornvipern, die im Schatten der Steine und Felsen auf ihre Opfer lauern.

Sowohl das Niltal als auch das Delta sind zu fast hundert Prozent Siedlungsgebiet und Agrarland. Unberührte Naturlandschaften gibt es hier faktisch nicht mehr. Das hält viele Vogelarten nicht von ihren gewohnten Nist- und Jagdgewohnheiten ab. Die Kuhreiher, Graufischer und Wiedehopfe am Nilufer und die diversen Vogelarten im Ackerlandbereich, die in den Akazien oder zwischen den Felsvorsprüngen nisten, wie beispielsweise der Stentorrohsänger, die Rauchschwalbe, der Erznektarvogel, der Graubülbül und hoch oben als Jäger die Falken, Schwarzmilane und Gleitaare, all diese Vögel halten sich gut in der Nähe der Felder und Plantagen. Wilde Säugetierarten gibt es in unmittelbarer Nähe der Siedlungsgebiete und Agrarlandes keine mehr. Allerdings treiben verwilderte Hunde und Katzen ihr Unwesen. Hunde gelten den Moslems als unrein, weshalb viele Hunde frei auf der Straße und am Rande der Städte und Dörfer leben.

Wegen der geringen Wasser- und Fruchtlandressourcen wird in Ägypten jeder Quadratmeter Ackerland genutzt. Angebaut werden hauptsächlich Baumwolle, Getreide, Mais, Kartoffeln, Hibiskus, Guaven, Auberginen, Paprika, Erdbeeren, Peperoni, Zucchini, Orangen, Zitronen, Äpfel, Bananen, Feigen, Aprikosen, Granatäpfel, Melonen, Tomaten und Salat. Außerdem ist Ägypten einer der größten Dattelproduzenten der Welt. Fast eine Million Dattelpalmen wachsen in diesem Land, manchmal in riesigen Palmwäldern und Plantagen zusammenstehend. Viele der heutzutage in Ägypten anbauten Obst und Gemüsesorten sind nicht heimisch. Kartoffeln, Tomaten und Mais kommen bekanntlich aus Amerika, Orangen aus Ostasien. Stets ist man versucht, neue Arten auszuprobieren, um die landwirtschaftliche Produktion steigern zu können.

An den Flussufern und an den Rändern der Kanäle und Bewässerungsteiche wuchert das Schilfrohr. Auch die aus Südamerika stammende Wasserhyazinthe gedeiht in Massen an den seichten Wasserstellen. Nur noch sehr selten, und nur an wenigen Stellen des Deltas und im Fayum anzutreffen, sind die Papyrusstauden und Lotusblumen. Im schilfreichen Flussufer quaken die Frösche, und auch Agamen, Geckos, Nilwarane, Schlangen und Schildkröten kann man sehen. Der Fischreichtum des Nils ist seit dem Bau des Assuan staudamms und der Zunahme industrieller Abwässer stark zurückgegangen. Wer angelt, kann gelegentlich noch einen Nilbarsch, Afrikabuntbarsch oder einen Katzenwels an Land ziehen.

Noch vor vier- bis fünftausend Jahren, in der Frühzeit und in der Zeit des Alten Reiches der Pharaonen, sah die Landschaft und Tierwelt Ägyptens anders aus. Teile der Wüste waren noch Savannen und Trockensteppen, über die Herden von Oryx-Antilopen und Dorkasgazellen zogen. Vereinzelte Schirmakazienbäume spendeten den Tieren Schatten. An wilden Raubtieren gab es Löwen, Leoparden, Geparden, Hyänen, Schakale und kleine Wildkatzen, die manchmal tags, meistens nachts auf Beutesuche gingen, dann Gazellen rissen oder über das Vieh der Hirten herfielen. Am immerblauen Himmel drehten schnelle Falken, große Gänsegeier und adlerähnliche Schmutzgeier ihre Runden. An den Ufern des Nils lauerten bis zu 7 m lange Krokodile auf ihre Opfer. Nilpferde wateten durch den Uferschlamm, trampelten manchmal über die Felder der Fellachen. Zwischen den Papyrusdickichten nisteten Spießenten und Rothalsgänse. Myriaden von Moskitos schwirrten über den Tümpeln, Teichen und Kanälen, die vom Fluss abzweigten. Rosenflamingos und Ibisse suchten im seichten Wasser nach Essbarem. Noch früher, in vorgeschichtlicher Zeit, als vor ca. sechstausend bis zehntausend Jahren die relative Feuchtzeit des Sahara-Subpluvials das Klima bestimmte, gab es sogar noch Giraffen, Elefanten und Nashörner in der Sahara. Doch diese Tiere hatten sich bis zur historischen Zeit schon in die Regionen des Sahels und Sudans zurückgezogen. Im Verlauf der Geschichte des alten Ägypten dehnte sich die Wüste immer weiter aus. Die großen Wildtiere zogen sich in die Nähe der Oasen und Wadis zurück, und ihr Bestand schrumpfte. Bereits im Mittleren und Neuen Reich war die Jagd auf die Tiere der Wüstesavanne nur in begrenzten Regionen möglich. Und schon in römischer Zeit unterschied sich das ägyptische Klima kaum vom heutigen. Nilpferde gibt es inzwischen keine mehr in Ägypten und Krokodile nur noch im Assuanstaussee. Die afrikanische Tierwelt Altägyptens hat sich in den südlichen Sudan zurückgezogen. Dort kann man in den Regionen des sogenannten Sudd eine Ahnung von den einstigen Papyrusdickichten und Schilfwäldern der alten Zeit bekommen. Unverändert geblieben ist die Plage der Fliegen und Moskitos in den landwirtschaftlichen Regionen. Auch Heuschreckenschwärme können wie vor Jahrtausenden aus den Wüsten kommen und ganze Ernten vernichten. Doch Chemie und Wasserregulierungen halten die Insektenplagen heutzutage in Grenzen.

Biotope ganz besonderer Art findet man, auch heute noch, am Roten Meer. An wenigen Küstenabschnitten gibt es hier Mangrovenwälder. Diese sind eigentlich rein tropische Uferwälder. Die Mangrovenbäume stehen mit ihrem weitverzweigten Wurzelsystem im Flachwasser und bilden eine Art Sumpflandschaft. Hier ist der Lebensraum zahlreicher Fisch- und Vogelarten, aber auch Wasserschildkröten und unzählige Krabben haben hier ideale Lebensbedingungen. Der „Goldene Fransenfinger“, eine kleine tagaktive Echsenart sucht auf den sandigen Uferböden nach Insekten und kleinen Krabben. Fischadler und Küstenreiher nutzen das reiche Jagdrevier auf der Suche nach Kleinfischen. Ein ganz besonderes und heute nur noch selten anzutreffendes Tier ist der Dugong, eine kleine Seekuh, die die Gewässer an den äußeren Rändern der Mangrovenwälder nach Essbarem absucht.

Ein wahres Naturwunder sind die Korallenriffe. Fast überall an der Küste des Roten Meeres haben sich diese artenreichen marinen Biotope gebildet. Wegen des warmen und salzhaltigen Wassers sowie geringen Wellengangs gibt es ideale Bedingungen für die Riffbildung. Zwischen den bunten Korallen tummeln sich grün-blaue Papageienfische, blaue Doktorfische, rotbunte Zackenbarsche, Kugelfische, kleine Clownsfische, blau-gelb gestreifte Kaiserfische, Riffmuränen und Schwärme von Wimpelfischen, um nur einige der vielen Arten zu nennen, denen man als Taucher begegnen kann. Am tieferen äußeren Rand der Riffe kann man Grauhaie, Weißspitzenriffhaie und allerlei Rochen antreffen, manchmal sogar die großen Mantas. Der Klimawandel und der anwachsende Tauchtourismus gefährden die Riffe. Jeder Tauchsportler und Schnorcheltourist sollte sich nach Möglichkeit nur passiv beobachtend am Riff aufhalten und die Korallen und deren Polypen nicht anfassen. Und so schön sie auch sind, Muscheln und Schneckenhäuser sollte man im Wasser liegen lassen, da sie häufig noch bewohnt sein können. Der Stachel der Kegelschnecken, deren Häuser besonders bunt sind, kann zudem für Menschen extrem giftig und gefährlich sein. Auch zu Stachelrochen, Muränen und Haien sollte man immer genügend Abstand halten. Bei bestimmten Strömungsverhältnissen können Ansammlungen von Quallen auftreten. Auf Bootsfahrten kann es passieren, dass man von Tümmlern und Delphinen begleitet wird.

Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg