Echnaton und Nofretete

Zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des Alten Ägypten zählen sicherlich der Pharao Echnaton und seine Frau, die Königin Nofretete ( Neues Reich , 18. Dynastie, 14. Jahrhundert v. Chr.). Schon allein ihre merkwürdigen Darstellungen in der flachbildlichen und rundplastischen Kunst haben allerlei Spekulationen über dieses Paar ausgelöst. Kein anderer Pharao hat sich so individuell darstellen lassen wie Echnaton. Sogar Laien können Bilder von ihm mühelos identifizieren. Auch die Bilder der Königin Nofretete sind einzigartig. Die Büste der Königin im Ägyptischen Museum zu Berlin zählt zu den wertvollsten und am meisten bewunderten Kunstwerken des Altertums. Herausragendes Merkmal von Echnatons Persönlichkeit und seiner Zeit war die umfassende Reform der ägyptischen Religion und die Propagierung eines außergewöhnlichen Sonnenkultes, bei dem die Anbetung der Sonnenscheibe Aton im Mittelpunkt stand. Seine Religion war die „Religion des Lichts“. Anstatt den Kult auf eine Vielzahl von Göttern auszurichten, wurde die Sonnenscheibe Aton zwar nicht zum alleinigen Gott, aber doch zur wichtigsten Gottheit erkoren. Statt in dunklen Sanktuarien fanden die wichtigsten Kultrituale jetzt im Freien vor großen Sonnenaltären statt. (Weiteres zur Religion der Amarna-Zeit im Artikel/Abschnitt: Die Religion des Alten Ägypten – Götter und Kulte – Teil 5: Amarna-Zeit.) Echnaton trat eigentlich als Amenophis IV. (Amenhotep IV.) die Herrschaft über das Land am Nil an (Regierungszeit: 1340 bis 1324 oder 1353 bis 1336 v. Chr. nach Th. Schneider; 1351 bis 1334 v. Chr. nach J. v. Beckerath). Er folgte seinem Vater Amenophis III. (Amenhotep III.) auf den Thron. Doch schon bald zeigte sich, dass er an großen Veränderungen interessiert war. Zunächst wurden zahlreiche Tempel umgebaut, Bilder herkömmlicher Gottheiten zum Teil zerstört und neue – diesmal von Aton – geschaffen. Später wechselte er sogar seinen königlichen Regierungssitz. In einem Wüstental in Mittelägypten ließ er eine komplett neue Hauptstadt errichten. Zentrum dieser Stadt waren ausgedehnte Palastanlagen und der große Tempel des Aton. Der Name dieser Stadt war „Achet-Aton“. Dies bedeutet soviel wie „Horizont der Sonne“. Überhaupt schien die ganze Stadt (heutiger Name der Ruinenstätte: Tell el-Amarna ) allein dem Zwecke gedient zu haben, dass der König und seine Entourage ungestört dem Kult der Sonnenscheibe huldigen konnte. Auch außenpolitisch setzte er neue Akzente. Statt an der Spitze seines Heeres alljährlich auf Kriegszug nach Vorderasien oder Nubien zu gehen, setzte er auf Diplomatie. Während seiner Regierungszeit gab es nur wenige Feldzüge. Dies schien zum Nachteil der Verbündeten gewesen zu sein, die sich im Angesicht außenpolitischer Bedrohungen in Syrien mehr ägyptisches Engagement erhofften. Einblick in die außenpolitische Situation dieser Zeit geben die Amarna-Briefe. Hierbei handelt es sich um in Keilschrift verfasste Texte auf Tontafeln, die in Tell el-Amarna gefunden wurden. Sie beinhalten die Korrespondenz zwischen den einzelnen Königen und Fürsten des Nahen Ostens. Besonders auffällig ist, dass Ägypten sich die Bündnistreue der Vasallen nicht selten durch Goldgeschenke erkaufte. Jedenfalls gab es allseits ein großes Interesse an ägyptischem Gold. Sogar Bittbriefe von Königen sind erhalten, in denen sie um mehr Gold baten, vermutlich, um daheim die Gefolgsleute bei der Stange zu halten. Die Reformen Echnatons brachten neue Chancen und Vorteile für eine begrenzte Elitegruppe von Höflingen. Doch die großen Tempel der alten Götter und die Mehrheit der Bevölkerung schien sich den Reformen und Ideen ihres Königs nicht anschließen zu wollen. Jedenfalls kam es unter seinem Schwiegersohn, dem Kindkönig Tutanchamun, zu einer Umkehrung der Reformen und zur Rückkehr zu den alten Tempeln und Kulten. Nach dem Ende der Amarna-Zeit wurden die Erinnerungen an den „Ketzerkönig“ ausgelöscht. Seine Inschriften wurden zerstört, sein Name ausgemeißelt. Am Ende der Amarna-Periode übernimmt schließlich ein ehemaliger General Echnatons die Macht: Haremhab wurde zum Pharao. Mit ihm gewann wieder das Militär an Einfluss, denn auf Haremhab folgte ein weiterer General: Ramses I. – und mit ihm die Dynastie der Ramessiden. Das Ende von Echnaton und seiner Familie hat Anlass zu vielen Spekulationen gegeben. Es ist nicht genau bekannt, ob Echnaton einem Gewaltakt zum Opfer gefallen ist oder nicht. Auch über den Tod seiner Frau Nofretete, die ihm bei seinem Reformbestrebungen folgte und ihn vermutlich noch einige Jahre überlebte, weiß man nichts. Echnaton und die Periode von Amarna war eine Ausnahmeerscheinung in der ägyptischen Geschichte. Gleiches gab es weder zuvor noch danach. In der heutigen Zeit ist Echnaton sehr populär geworden, weil seine Ideen um den Monotheismus, das heißt den Glauben an einen einzigen Gott, mit dem Christentum vereinbarer zu sein scheinen als viele andere Religionen und Kulte des Altertums. Daher wurde seine Religion von vielen religiösen Predigern für ihre Zwecke umgedeutet und vereinnahmt. Echnaton wurde auch zur Figur unzähliger Romane, einige davon gingen in die Weltliteratur ein (so z.B. Thomas Manns „Josef und seine Brüder“ oder Agatha Christies „Akhetaton. A Play in Three Acts“ oder Mika Waltaris „Sinuhe, der Ägypter“). Auswahl weiterführender Literatur
  • Aldred, Cyril, Echnaton: Gott und Pharao Ägyptens, (deutsche Übersetzung), Bergisch Gladbach 1968.
  • Assmann, Jan, Ägypten – Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996.
  • Bayer, Christian, Echnaton: Sonnenhymnen, Stuttgart 2007.
  • Beckerath, Jürgen v., Chronologie des pharaonischen Ägypten, (Münchener Ägyptologische Studien, Band 46), Mainz 1997.
  • Gardiner, Alan, Egypt of the Pharaohs, Oxford 1961.
  • Hornung, Erik, Echnaton. Die Religion des Lichts, Zürich 1995.
  • Redford, Donald B., Akhenaten – The Heretic King, Princeton 1984.
  • Reeves, Nicholas, Echnaton – Ägyptens falscher Prophet, Mainz am Rhein 2002.
  • Schlögl, Hermann A., Echnaton, München 2008.
  • Schneider, Thomas, Lexikon der Pharaonen – Die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft, Zürich 1994.
  • Wenig, Steffen, „Amenophis IV.“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Wiesbaden 1973, Sp. 210-219.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg