Das Geheimnis der Pyramiden - Weltwunder der Antike

Symbol für Unvergänglichkeit, antikes Weltwunder und Rätsel der Menschheitsgeschichte – die großen Pyramiden von Giza (Giseh) repräsentieren die Kultur des Alten Ägypten wie kein anderes Bauwerk. Sie sind in jeder Hinsicht herausragend, errichtet in einer Zeit, als ein Großteil der Menschheit noch in Hütten lebte. Allein ihre schiere Monumentalität ruft Bewunderung hervor. Doch es ist vor allem das Alter, das diese Riesenbauwerke in geheimnisvolles Licht rückt. Viereinhalbtausend Jahre! Wie war es den damaligen Menschen mit ihren primitiven Wergzeugen möglich, solche Wunderwerkte zu schaffen? Und was motivierte sie?

Man muss sich die Welt von damals vor Augen führen, um die wahre Dimension dieses „Wunders“ erahnen zu können. Vor viereinhalbtausend Jahren war die Welt nur sehr dünn besiedelt. Weite Landstriche waren menschenleer. Durch die Steppen zogen vereinzelte Nomaden stämme. In den tropischen Savannen und Regenwäldern gab es Jäger und Sammler. Nur in wenigen geographischen Regionen hatte sich die Neolithische Revolution durchgesetzt. So nennt man die Einführung von Ackerbau und Viehzucht, die es den Menschen ermöglichte sesshaft zu werden. Anfangs beschränkte sich dieser prozessuale Wechsel von der Nahrungssuche zur Nahrungsproduktion auf wenige Orte. Frühe Dorfgemeinschaften entstanden (z.B. Jericho in Palästina, Catal Höyük in Anatolien). Vom vierten bis zum dritten Jahrtausend v. Chr. hatte in einigen Gegenden hatte die Intensivierung von Ackerbau und Viehzucht dazu geführt, dass die Nahrungsmittelproduktion erheblich gesteigert werden konnte und die Bevölkerung wuchs. Es waren erste städtische Siedlungen mit produktiver Arbeitsteilung entstanden. Dies geschah vor allem im Nahen Osten – in Ägypten, Palästina, Syrien, Anatolien und im Zweistromland – aber auch im Iran, am Indus und am Gelben Fluss in China.Besonders in den Flusstalebenen – Nil, Euphrat, Tigris, Indus und Hoang-He – war die Landwirtschaft ertragreich. Um die saisonal anschwellenden Ströme bändigen und optimal nutzen zu können, mussten Dämme und Deiche errichtet, Kanäle und Abläufe gegraben werden. Felder mussten abgesteckt und die Wasserverteilung geregelt werden. Die Landwirtschaft wurde zunehmend im großen Stile organisiert. Eine Verwaltung war nötig. Steuern wurden eingezogen, Vorratsspeicher angelegt. Herrschaftsstrukturen mit strengen Hierarchien entstanden. Die Paläste und Tempel der Herrscher und Götter wurden zu Zentren der Umverteilung. Hier kamen die Steuern an, hier wurde neu verteilt. Es war eine Machtkonzentration entstanden, wie es sie niemals zuvor gegeben hatte. Man spricht in diesem Zusammenhang von Tempelwirtschaft oder Palastwirtschaft. Ein Gott oder Gottherrscher ist der Grundherr, dem ein Teil der Ernte zusteht. Mit der Erfindung der Schrift in Ägypten (Hieroglyphen), Mesopotamien (Keilschrift) und am Indus (Indus-Schrift) war der effektiven Verwaltung und der Repräsentation der Gottherrscher und Priesterkönige ein wichtiges Werkzeug in die Hand gegeben worden. Da nur wenige Menschen lesen und schreiben konnten, übernahmen professionelle Schreiber höchste Ämter. Das Beamtentum war geboren.Diese ersten Zivilisationen entstanden um die Wende vom vierten zum dritten Jahrtausend v. Chr. in Ägypten und Mesopotamien, etwas später auf Kreta (Minoer) und am Indus, noch später in China. Allen gemeinsam waren die im großen Stile organisierte Landwirtschaft sowie die Konzentration von Macht in den Tempeln und Palästen. Doch anders als beispielsweise in Mesopotamien, wo die Stadt mit ihrem Tempel das landwirtschaftliche Umland beherrschte, und die verschiedenen Städte miteinander um Land und Handel konkurrierten, entwickelte sich in Ägypten überraschend schnell ein Flächenstaat – der erste Großstaat der Menschheitsgeschichte (siehe hierzu: Geschichte Ägyptens – Altes Reich ). Nur eine gebündelte Konzentration der Macht, gestützt auf eine straff und zentral gesteuerte Verwaltung, konnte die infrastrukturellen und logistischen Herausforderungen annehmen, ein derartiges Großprojekt wie den Pyramidenbau in Angriff zu nehmen. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass die Bevölkerung eines ganzen Landes direkt oder indirekt in eine Art nationales und religiöses Bauprojekt eingebunden war. Die Tatsache, dass sich im Verlauf des Alten und Mittleren Reiches die Residenz des Königs stets in der Pyramidenstadt am Fuße der jeweils aktuellen Großbaustelle befand, weist eindrücklich darauf hin, welche religiösnationale Sinnstiftung mit den Riesenbauwerken verbunden war. Hierauf wird weiter unten im Abschnitt zur Organisation noch näher eingegangen.

Die wichtigsten Pyramidennekropolen

Das eigentliche Pyramidengebiet erstreckt sich westlich und südwestlich von Kairo, von der Südspitze des Nil-Deltas bis zum Faijum (Fayum). Die meisten Touristen kennen und besuchen nur die zwei berühmtesten Nekropolen: die Pyramiden von Giza (Giseh) und Sakkara (Saqqara). Doch es gibt insgesamt fast hundert Pyramiden in Ägypten. Weitere wichtige königliche Pyramiden-Nekropolen des Alten und Mittleren Reiches sind: Abusir, Dahschur, Lischt, Medum, Illahun, Hawara und Abu Roasch. Alle Nekropolen sind mit dem Auto von Kairo aus erreichbar. Vor allem Abusir und Dahschur sind einen Ausflug wert. Wer die einzelnen Nekropolen besucht, kann anhand der unterschiedlichen Grabanlagen die Entwicklung des Pyramidenbaus mit eigenen Augen nachvollziehen. Es wird ersichtlich, wie, von Mastabas ausgehend, die Stufenpyramiden und dann, Schritt für Schritt, die Pyramiden entwickelt wurden.

Entwicklung der Grabanlagen

Im prähistorischen und prädynastischen Ägypten des vierten Jahrtausends v. Chr. wurden bedeutende Persönlichkeiten in kleinen Hügelgräbern bestattet. Es wurde hierzu eine rechteckige Grube gegraben und gegebenenfalls mit Steinen an den Wänden verstärkt, um ein Zusammenstürzen der Grubenwände zu verhindern. In diese Grube legte man den Verstorbenen in seitlich hockender Lage. Als Grabbeigaben wurden Keramikkrüge zur Jenseitsversorgung des Toten mit hineingelegt. Dann wurde die Grube mit Holzbrettern oder Steinplatten zugedeckt, manchmal sogar mit einem primitiven Tonnengewölbe aus grob behauenen Steinen überdacht. Schließlich wurde auf dem Grab ein Hügel aus Geröll und Steinen aufgehäuft.Zu Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. wurden die Hügelgräber weiterentwickelt. Über die unterirdische Grabgruft des Verstorbenen errichtete man einen oberirdischen Bau: eine rechteckige Anlagen aus Lehmziegeln mit Nischenarchitektur an den Außenwänden. Außerdem wurden Magazinräume für zusätzliche Grabbeigaben angelegt. Gruft und Magazine wurden mit Holzbalken zugedeckt. Darüber kam Steinschutt, der zwischen ein rasterartiges Netz aus Lehmziegelmauern gefüllt wurde. Am Ende hatte das Architekturgebilde eine kastenartige Form, die später von den Arabern Mastaba (arabisch für „Sitzbank“) genannt wurde. Diese Mastaba war die Form der ersten Pharaonengräber. Man kann sie in Sakkara besichtigen. Mit der Zeit wurden die Mastabas größer und komplexer. Kulträume für den Totenopferkult wurden angeschlossen, der Grabkomplex mit einer zusätzlichen Mauer umgeben. Auch wenn man es ihnen nicht ansieht, so waren diese Mastabas die Vorstufe zu den Pyramiden. Nirgendwo lässt sich diese Entwicklung besser verfolgen als in Sakkara: Dort ließ Pharao Djoser (3. Dynastie, 27. Jahrhundert v. Chr.) seine Mastaba schrittweise vergrößern. Sie wurde an den Seiten erweitert und auf der größeren Fläche eine weitere Stufe gesetzt. Dies wurde fortgesetzt, Stufe um Stufe, insgesamt sechs, bis eine riesige Stufenmastaba entstanden war – die Stufenpyramide von Sakkara (siehe Sakkara - Teil 2). Ein Grund für die Ortswahl war, dass in Sakkara leicht Kalkstein abgebaut werden konnte. Außerdem ist der Untergrund felsig und somit stabil. Daher ist das Plateau ideal für die Entwicklung der ersten monumentalen Steinbauten gewesen. Die Verwendung des Steins als Baumaterial geht also auf die sakralen Bauten des Totenkults zurück.Zur Anlage des Djoser gehörte ein ganzer Jenseitspalast- und Festbezirk. Zelte und Hütten, die zu Lebzeiten zum Anlass des Jubiläumsfestes (Hebsed) errichtet wurden, um die jugendliche Stärke und Macht Pharaos zu demonstrieren und zu feiern, wurden in Stein für alle Ewigkeit nachgebaut. Es waren steinerne Attrappen entstanden, die dem verstorbenen Herrscher unendlich viele Jubiläumsfeste über den Tod hinaus ermöglichten. An der Nordseite, dort wo sich auch der Eingang zu den unterirdischen Gängen und Kammern befand, entstand ein großer Totentempel für den königlichen Totenopferkult.Der nächst Schritt zur echten Pyramide lässt sich in Dahschur verfolgen. Hier begann die große Pyramidenzeit der 4. Dynastie – die Epoche der Riesenpyramiden. Zunächst ließ Pharao Snofru mit der echten Pyramidenform experimentieren. Eine Stufenpyramide in Medum wurde zu einer echten Pyramide umgebaut. In späterer, vermutlich römischer Zeit wurden die Kalksteinverkleidungsblöcke für die Zweitverwendung an anderen Bauten abgerissen, so dass nun der stufenpyramidenförmige Kern übrig geblieben ist. Eine Baukatastrophe, wie von Archäologen zunächst angenommen, hat sich hier wohl nicht ereignet. Dann wagte Snofru den Versuch, eine richtige Pyramide von Grund auf zu planen und zu errichten. Doch alsbald erwies sich der geplante Neigungswinkel von mehr als 54 Grad als zu steil. Es gab statische Probleme, so dass der Neigungswinkel mittig auf etwa 43 Grad abgeflacht werden musste. So entstand die berühmte Knickpyramide von Dahschur. Beim späteren Versuch setzte man von Beginn an auf einen flacheren Neigungswinkel. Auf diese Weise entstand die erste echte Pyramide – die ursprünglich rund 104 Meter hohe Rote Pyramide von Dahschur. Wenn man bedenkt, dass Snofru gleich drei riesige Pyramiden hat errichten lassen, insgesamt dreieinhalb Millionen Kubikmeter Steinmaterial verbaut wurden, und wenn man bedenkt, wie viel Arbeitskraft und organisatorischer Aufwand für diese Mammutprojekte nötig war, dann kann man wahrhaft von einer uneingeschränkten Königsmacht ausgehen. Doch so beachtlich die Größe der Snofru-Pyramiden war, umso weniger Aufwand wurde den Totenkult- und Tempelanlagen beigemessen. Im Gegensatz zu Djoser, der einen riesigen Jenseitspalastbezirk errichten ließ, sind die Kult- und Opfertempel des Snofru ziemlich bescheidenen Ausmaßes. Statt eines großen Totenopfertempels an der Nordflanke der Pyramide gab nur ein kleines Stelenheiligtum mit Opferaltar an der Ostseite. Krönung des Pyramidenbaus war die Pyramide des Cheops in Giza. Mit ursprünglich 146 Metern war sie mehr als viertausend Jahre lang das höchste Gebäude der Welt. Mit einem geschätzten Volumen von etwas mehr als 2,5 Millionen Kubikmetern ist sie bei weitem das größte Bauwerk Altägyptens. Hier zeigt sich eine neue Konzeption der Anlage. Der Eingang zu den Gängen und Kammern liegt wie bei der Djoser-Pyramide im Norden. Der Totenopfertempel war nicht mehr im Norden, sondern, wie die kleinen Stelenheiligtümer an der Knick- und Roten Pyramide in Dahschur, an der Ostseite der Pyramide errichtet worden. Von ihm führte ein überdachter Gang zu einem Taltempel. Einmalig ist das Gangsystem der Cheopspyramide. Nicht nur, dass es drei potentielle Grabkammern gibt, von denen man annimmt, dass die unterste unvollendet und ungenutzt blieb, die mittlere vielleicht für die Königin bestimmt war, und die oberste als eigentliche Grabkammer gedacht war. Es kann sich auch um eine nachträgliche Änderung der Planung und Konzeption gehandelt haben, die mit dem Bauverlauf einherging. Besonders ist auch die große Galerie, die zur Grabkammer führt und bei den Touristen, die sich durch diese Galerie nach oben bewegen, immer wieder ein beklemmendes Gefühl hervorruft. Eine solche Galerie gibt es in den anderen Pyramiden nicht. Die Präzision, mit der die Steine an den Wänden Fuge an Fuge verlegt sind, ist erstaunlich. Außergewöhnlich sind auch die Entlastungskammern oberhalb der Sargkammer. Fünf Ebenen riesiger Granitplatten und dann ein Granitdach sorgen dafür, dass ein Einsturz der Kammer unter dem Gewichte der Pyramide nicht möglich ist. In der Sargkammer steht noch das Unterteil des Sarkophages. Das komplexe Gangsystem, die Galerie und die Größe stellen die Cheopspyramide heraus. Doch sind viele andere Pyramiden nicht weniger beeindruckend.Die Pyramide des Chephren wirkt größer, weil sie an einer höheren Stelle des Plateaus errichtet wurde. In Wahrheit ist sie jedoch um etwa drei Meter kleiner. Ihr Volumen entspricht nur ungefähr 1,7 Millionen Kubikmeter. Zur Chephenpyramide gehört ein großer Totentempel mit Granitpfeilern, offenen Hof und Totenopferraum. Zwei Taltempel stehen bei der Spinx am Fuße des Plateaus. Der eine ist durch den Aufweg mit dem Totentempel verbunden. Der andere scheint zur Sphinx zu gehören. Wesentlich kleiner ist die Pyramide des Mykerinos. Sie ist ca. 65 Meter hoch. Sowohl die Chephrenpyramide als auch die Mykerinospyramide haben ein einfacheres Gangsystem als die Djoserpyramide oder Cheopspyramide. Die Pyramide des Mykerinos war die letzte, die die mit großem Aufwand errichtet und mit sorgfältig behauenen Steinen gebaut wurde. Besonderes Merkmal dieser Pyramide ist die Granitverkleidung am Fuß der Pyramide. Die Pyramide muss ursprünglich rotweiß geleuchtet haben, rötlich an der Granitbasis und weiß im mittleren und oberen Bereich, wo sie mit Tura-Kalkstein verkleidet war. Mit der Mykerinos-Pyramide endete die Epoche der großen Pyramidenerbauer der 4. Dynastie. Die Könige der folgenden Dynastien begnügten sich mit kleineren Pyramiden, legten dafür umso mehr Wert auch die Totentempel und Kultanlagen vor der Pyramide.Die klassische Pyramidenanlage kanonisierte sich während der fünften und sechsten Dynastie. Sie besteht aus einem Taltempel im Niltal, einem überdachten Aufweg, der zum Totentempel (mit länglicher Eingangshalle, rechteckigen offenen Innenhof mit Säulenumgängen, Querkorridor, Fünf-Nischen-Kapelle bzw. Statuen-Kultanlage zur Verehrung der Namen und Aspekte des verstorbenen Herrschers, Opferkapelle für die Totenopfer zur Versorgung des Verstorbenen und mit Scheintür, durch welche die Ka-Seele des Pharao ein- und austritt), einer kleinen Satellitenpyramide und schließlich der Pyramide selbst, mit Eingang im Norden und einer Grabkammer unterhalb des Baues. Klassischen Anlagen dieser Art sieht man in Sakkara (Unas, Teti, Pepi I., Pepi II.) und Abusir (Sahure, Neferirkare, Niuserre). Auch im Mittleren Reich (12. Dynastie) orientierte man sich zunächst an den Anlagen des späten Alten Reiches. Erst unter Sesostris III. (in Dahschur) und Amenemhet III. (in Dahschur und Hawara) begann man wieder mit der Konzeption der Totentempelanlagen zu experimentieren und errichtete die Kultanlagen südlich der Pyramide.Im Neuen Reich wurde der monumentale Pyramidenbau aufgegeben. Denn in Theben, wo die neue Elite residierte, gab es bereits Hügel und Berge. Dort einen künstlichen Berg zu errichten, wäre unsinnig gewesen. So verlegte man die Nekropole ins Tal der Könige, am Fuße des Berges el-Qurn, der an der Spitze wie eine natürlich Pyramide in den Himmel ragt. Statt sich auf den Pyramidenbau zu konzentrieren, standen von nun an die Bauprojekte in den großen Tempeln im Vordergrund. Insofern kann man von Alten und Mittleren Reich als dem Zeitalter der Pyramiden, und für die Epoche vom Neuen Reich bis zur Spät- und Ptolemäer-Zeit als dem Zeitalter der Göttertempel sprechen. Natürlich gab es auch im Alten und Mittleren Reich Göttertempel, und ebenso gab es in späteren Zeiten Pharaonengräber, doch die Verschiebung vom Pyramidenprojekt zum Tempelprojekt zeigt einen Wandel in der Idee des Gottkönigtums. Der Pharao stand im Alten und Mittleren Reich als Gottherrscher stärker im Mittelpunkt des Staatswesens. Ab dem Neuen Reich war er mehr ein Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen. Dennoch waren die Bauvorhaben nicht geringer. Denn neben den gewaltigen Göttertempeln, ließen sich die Pharaonen für ihren Totenkult eigene Totentempel errichteten, wie man sie besonders schön in Deir el-Bahari, Medinet Habu und beim Ramesseum sehen kann.

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Bauweise

Wer sich im Pyramidengebiet von Giza umschaut, wird feststellen, dass die ganze Sandfläche des Plateaus von Steinsplittern übersäht ist. Diese Splitter stammen vom Abbruch der Steine am Rande des Plateaus und vom Behauen derselben, um eine quaderförmige Form zu erhalten. Diese Abbruchsplitter sind das ideale Material, um zusammen mit Lehmziegeln und Schotter riesige Rampen zu errichten. Je nach Lage der Pyramiden konnte man mit verschiedenen Rampentypen experimentieren, mal längst, mal spiralförmig um das Rohbauwerk führend, um das Baumaterial an die vorgesehene Stelle zu transportieren. Transportmittel waren Holzschlitten. Sie wurden über angefeuchtete Lehmflächen gezogen. Diese Methode ist sehr effektiv. Räder wären nutzlos, weil das Transportgewicht der Steinblöcke – je nach geplanter Lage mehrere Tonnen – zu groß wäre. Die Achsen würden brechen. Ein Reliefbild in einem Grab in el-Berscheh zeigt den Transport einer riesigen Monumentalstatue auf einem solchen Schlitten. In vier Reihen ziehen die Arbeiterkolonnen an langen Seilen den Schlitten mitsamt Koloss vorwärts. Bei experimentellen Selbstversuchen konnten Archäologen und Bauforscher immer wieder nachweisen, wie effektiv diese Methode sein kann. Selbst beim Wiederaufbau von Teilen des Karnak-Tempel s zu Beginn des 20. Jahrhunderts bediente man sich dieser Methode. Ist der Boden ausreichend angefeuchtet, das heißt mit schleimig-feuchter Nilschlammbrühe begossen, gleitet der Schlitten ziemlich gut und ein Dutzend Arbeiter reicht aus, um einen tonnenschweren Block zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Falschenzüge, Holzkranvorrichtungen, Hubwinden oder sonstige Hebevorrichtungen verwendet wurden, wie es immer wieder vermutet wurde, ist gering. Es gibt dafür schlicht keinerlei Indizien, keine Inschriften, Bilder oder sonstigen Belege, geschweige erhaltene Fundobjekte solcher Art. Auch Waagebalken, wie sie später im Neuen Reich zum Wasserschöpfen bei der Feld- und Gartenbewässerung belegt sind (Schaduf), wären für die schweren Steinblöcke völlig unbrauchbar gewesen. Aus dem Neuen Reich kennt man Holzschlitten, die an den Kufen so abgerundet sind, dass sie wie Schaukelschlitten oder Wiegeschlitten auf und ab bewegt werden konnten. Aus dem Alten Reich ist dies nicht belegt. Doch sind am Ende die Überlegungen zum Steintransport müßig, wenn die Praxis gezeigt hat, dass die altägyptische Methode, Steinblöcke auf Holzschlitten über Rampen zu ziehen, extrem effektiv und einfach ist, dass selbst Archäologen nach aufwendigen Selbstversuchen von ihr begeistert sind. Verschiedene Teams haben bereits in Rahmen der experimentellen Archäologie versucht, kleine Pyramiden mit altägyptischen Methoden zu bauen. Am Ende war man stets überrascht, wie gut es doch ging, vorausgesetzt, die Arbeiter eignen sich im Laufe der Zeit die nötige handwerkliche Expertise an. Probleme dürfte es lediglich in größeren Höhen gegeben haben, dort, wo man an die Spitze der Pyramide kommt. Hier wird man sich auf die Hebelwirkung von dicken Holzbalken verlassen haben, um die obersten Steine und das Pyramidion auf die Spitze zu heben. Anschließend wurde die Kalksteinverkleidung an den Außenwänden der gesamten Pyramide geglättet. Hier arbeitete man sich von oben nach unten, indem man gleichzeitig die Rampen abtrug. Leider kann man die einst glatten Außenwände heute kaum noch würdigen, weil die meisten Pyramiden ihrer Verkleidung beraubt wurden. Die besten Zeugnisse der einstigen Verkleidung kann man heute noch an der Knickpyramide und an der Spitze der Chephren-Pyramide sehen.

Zum Schluss wurden die Rampen abgetragen. Archäologen und Ägyptologen, die sich intensiv mit dem Pyramidenbau beschäftigt haben, kommen immer wieder zu dem Schluss, dass weniger geniale Ideen oder geheimnisvollen Technologien angewandt wurden, als vielmehr handwerkliche Expertise und Erfahrung ausschlaggebend war. Die Pyramiden sind das Ergebnis langjähriger Erfahrungen hoch spezialisierter Handwerker und der Arbeitskraft zehntausender Männer.

Was den Abbruch und die Bearbeitung der Steine anging, so reichten auch hier primitive Methoden aus. In den Steinbrüchen wurden mit spitzen Feuersteinen tiefe Löcher in den Fels geschlagen, in die man Holzbalken schob. Vorher tränkte man die Balken in Wasser. Ins Felsloch geschoben, quoll das Holz auf und sprengte den Fels. Dann konnte man mit Holzschlägel und Kupfermeißel den Block weiter bearbeiten. Dass die Ägypter Meister der Steinmetzkunst waren, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Die Bildhauerwerke in den Museen sprechen für sich. Insofern war die korrekte Bearbeitung der Steinblöcke keine besondere Herausforderung.

Auch der Transport der Steine vom Steinbruch zur Baustelle war eine geringere Herausforderung, als angenommen. In Giza lag der Steinbruch direkt vor dem Pyramidenplateau. Hier konnte man im Tagebau den anstehenden Fels abtragen, bzw. die Quader herausmeißeln. Man musste also nur die Steine über Rampen aufs Plateau ziehen und dann über andere Rampen auf die jeweilige Höhe der Pyramidenbaustelle.

Granitblöcke aus Assuan wurden nur an bestimmten Stellen, so etwa für die Grabkammer, verwendet. Ihr Transport gestaltete sich komplizierter, denn sie mussten per Schiff den Nil hinab transportiert werden. Dafür wurden besonders große und stabile Transportbarken aus hochwertigem Bauholz benötigt. Auch für die Verkleidung der Außenwände der Pyramide wurde besonderes Steinmaterial benötig: weißer Kalkstein aus Tura, einem Ort bei den Moqattam-Hügeln am andern Ufer des Niltals, heute bei Ost-Kairo gelegen. Dort wurden große Höhlen und Schächte in den Fels getrieben, um an die Sedimentschichten mit dem guten Steinmaterial zu gelangen. Dann transportiert man die Steinblöcke per Lastschlitten, die von Zugtieren oder Arbeitern gezogen wurden, zum Nilufer, wo die Steine auf die andere Seite des Flusstals verschifft wurden.

Bewunderung und Erstaunen ruft die Menge des verarbeiteten Materials hervor. Für den Bau der Cheopspyramide wurden etwa zweieinhalb Millionen Kubikmeter Stein verbaut. Betrachtet man die tonnenschweren Steinblöcke, die im Steinbruch geschlagen, über den Nil transportiert und schließlich die Rampe empor zum zugewiesenen Platz gebracht werden mussten, so ist es kein Wunder, dass man für diesen Bau Jahrzehnte brauchte. Napoleon hatte errechnet, dass man aus den Steinen der Cheopspyramide eine dreieinhalb Meter hohe Mauer um ganz Frankreich ziehen könnte. Doch die Ägypter haben getrickst. Neueste Untersuchungen mit Ultraschallmessungen haben ergeben, dass selbst in der Cheopspyramide, die bisher als massivste galt, es im tiefen Innern Hohlräume gibt, die mit Sand, Schotter und Mörtel aufgefüllt wurden. Diese Methode kennt man schon von den alten Mastabas, wo rasterartig Mauern längst und quer gezogen wurden, so dass Kammern bzw. Hohlräume entstanden, die man mit Schotter auffüllte. Die großen Pyramiden von Giza waren massiver und mit mehr Steinmaterial gebaut als die meisten anderen Pyramiden, doch auch hier hat man an einigen Stellen Zeit, Arbeit und Material gespart. Später, bei den Pyramiden der fünften bis sechsten Dynastie hat man nur wenige Stützmauern diagonal, quer und längs aus massiven Steinquadern errichtet und die Hohlräume zwischen den Stützmauern mit Schotter und qualitativ minderwertigem Steinmaterial aufgefüllt. Doch am Ende waren die Pyramiden mit schönem Kalkstein verkleidet, der den Rohbau geschickt überdeckt und dem Ganzen einen massiven Eindruck verleiht. Im Mittleren Reich benutzte man sogar anstatt des Steinschotters Lehmziegel als Füllmaterial. Doch die Zeit straft die nachlässige Bauweise. Nachdem in späteren Jahrhunderten Steinräuber die Kalksteinverkleidungen der Pyramiden abgetragen hatten, zerfielen die meisten Pyramiden. Daher sehen die Ruinen vieler Pyramiden in Sakkara und Abusir, aber auch in Lischt oder Dachschur (die Ziegelpyramiden des Mittleren Reiches) wie Erd- und Schutthügel aus. Lediglich die Pyramiden des Snofru (Dahschur, Medum) und die gewaltigen Pyramiden von Giza haben soviel feste Bausubstanz, dass man ihnen nichts anhaben konnte. Als im Mittelalter die Kalksteinverkleidungen der großen Steinpyramiden in Dahschur und Giza zum Teil abgetragen wurden, um die Moscheen, Paläste und Festungsanlagen von Kairo mit ihnen zu errichten, war es unmöglich, die großen Pyramiden ganz abzutragen – so sehr man sie auch als Steinbruch missbrauchte.

Bauplanung

Die Exaktheit des Bauwerks hinsichtlich der geometrischen Form und geographischen Ausrichtung sind vielleicht das größte Wunder. Mathematische Papyri beweisen, wie fortgeschritten die Ägypter in der Geometrie waren. Was die Baustatik angeht, so experimentierte man. Dies gilt besonders für den Neigungswinkel der Pyramidenseiten. Schließlich wurde für die Cheopspyramide das ideale Verhältnis gefunden. Die Höhe der Pyramide und der Umfang der Pyramidenbasis, d.h. die Summe der vier Basiskanten, stehen im selben Verhältnis wie der Kreisumfang mit seinem Radius. Der Eingang war exakt nach dem Nordstern ausgerichtet. Aus der reinen geometrischen Form und der Himmelsorientierung lassen sich natürlich unendlich viele andere mathematische und astronomische Aussagen herleiten. Doch dass sich die Ägypter an diese zwei Aspekte gehalten haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie auch alle weiteren möglichen Herleitungen im Auge hatten. Man kann aus jedem geometrischen Objekt, das in eine spezifische Himmelsrichtung ausgerichtet ist, andere Aussagen ableiten. Doch heißt das noch lange nicht, dass mit dieser Bauplanung eine besondere kosmische Botschaft verbunden war, zumal die meisten anderen Pyramiden einen anderen Neigungswinkel hatten. Bei der Roten Pyramide in Dahschur war er flacher und bei der Chephren-Pyramide steiler. Ganz zu schweigen von der Knickpyramide.

Vor Baubeginn war die Wahl des richtigen Ortes wichtig. Hier war die geographische Lage entscheidend. Die Kriterien waren: hohe Lage, fester Untergrund, Nähe der Steinbrüche, Nähe zum Flusstal, Nähe zu Kanälen und Wasserstraßen, Lage anderer Pyramiden. Dann beobachteten die Priester die Sterne, um die exakte Himmelsausrichtung des Bauwerks zu gewährleisten. Man baute hierzu eine kleine kreisrunde Mauer, deren Oberkante exakt waagerecht war. Dann stellte sich ein Priester in die Mitte und beobachtete den Aufgang und Untergang der Zirkumpolarsterne, insbesondere des Polarsternes. In der Hand hielt er eine Art hölzernes Visier. Ein anderer Priester stand mit einem Winkellot an der Mauer. Hatte der beobachtende Priester beim Sternenuntergang und Aufgang das Lot im Visier, konnte an der entsprechenden Stelle an der Mauer eine Markierung angesetzt werden. Hat man einmal so die exakte Nord-Südrichtung gefunden, dann war es auch kein Problem, die Ost-West-Richtung zu definieren. Überprüft werden konnte das Ergebnis bei Tage anhand des Sonnenlaufs, und zwar mittels einer Stange, die je nach Sonnenstand einen bestimmten Schatten warf. So konnten die alten Ägypter relativ leicht gewährleisten, dass alle großen königlichen Pyramiden exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind.

Rituale, Gründungszeremonien und Opfer für die Götter sorgten für die religiöse Basis des Bauprojektes. Eine große Herausforderung war die Schaffung einer flachen Bauebene für das Fundament, auf dem die Pyramide errichtet werden konnte. Sie musste über eine große Fläche absolut waagerecht sein. Hierzu musste das Gelände eingeebnet und immer wieder neu vermessen werden. Dazu verwendete man eine Art Wasserwaage. Aus Lehmziegeln baute man kleine Becken, füllte sie mit Wasser und markierte die Höhe der Wasseroberkante mit einem Strich. Ein weiteres Problem war die Einhaltung der Neigungs- und Böschungswinkel der Pyramidenseiten und -Kanten. Hier musste immer wieder nachgemessen werden, damit die vier Kanten an der Spitze der Pyramide auch exakt zusammentrafen. Für die Überprüfung der waagerechten Lage der Steine verwendete man ein rechtwinkeliges Holzstück mit Senklot.

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