Das Geheimnis der Pyramiden - Weltwunder der Antike (Teil 3)

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Organisation

Nicht minder wichtig war die Infrastruktur, die geschaffen werden musste, um das Heer an Arbeitern zu organisieren und zu versorgen. Arbeiterkolonnen wurden aus allen Gauen und Provinzen des Landes rekrutiert. An den großen Pyramiden von Giza arbeiteten ganzjährig mehrere tausend spezialisierte Handwerker und saisonal weitere zehntausend Bauern als Hilfsarbeiter. Alle waren paramilitärisch in Trupps und Kolonnen organisiert. In der Nähe der Pyramidenanlage wurden sie in Arbeitersiedlungen untergebracht. Die Unterkünfte waren einfach. Jeder Arbeiter hatte eine Schlafstätte. Das war’s. Doch die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln schien einen hohen Stellenwert gehabt zu haben. Man wusste, dass nur gesunde und gut ernährte Arbeiter im Stande sind, die erforderliche Kraft und Energie für die anstehenden Aufgaben aufzubringen. Im ganzen Land wurden hierzu landwirtschaftliche Siedlungen gegründet, Viehzuchtbetriebe und Farmen, die einzig und allein dem Zeck dienten, Nahrungsmittel für die Arbeiter und die Bewohner der Pyramidenstadt zu produzieren. Es gab neben Getreideprodukten auch ausreichend Fleisch und Fisch. So waren die Arbeiter mit genügend Eiweiß und Fett versorgt. In der Pyramidenstadt war die Residenz des Pharao. Und hier hielt sich die Elite des Landes auf. Die hohen Amts- und Würdenträger übernahmen wichtige Funktionen bei der Überwachung des Pyramidenbaus und verwalteten die Infrastruktur. Man darf nicht vergessen, dass zu jener Zeit nur rund ein bis zwei Millionen Menschen in Ägypten lebten. Der Pyramidenbau war eine Art nationales Projekt gewesen, an dem direkt und indirekt ein Großteil der Bevölkerung beteiligt war.Viele Ägyptologen sind der Ansicht, dass der Pyramidenbau erheblich zur Schaffung des zentralisierten Staates beigetragen hat. (Siehe hierzu: Geschichte Ägyptens – Altes Reich ). Nur eine zentrale Herrschaft mit strikter Organisation und aufwendiger Verwaltung konnte die Bedingungen für das Mammutprojekt erfüllen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Bevölkerung sich mit dem Bauvorhaben identifizierte. So war eine Art nationaler Einheit entstanden – Jahrtausende bevor das moderne Konzept der „Nation“ erdacht wurde. Dieses Phänomen ist für die damalige Zeit einzigartig.

Bedeutung der Pyramiden

Den Ägyptern des Neuen Reiches oder der Spätzeit war die Bedeutung der älteren Pyramiden aus dem Alten oder Mittleren Reich kein Rätsel. Ihnen war klar, dass es sich um die Grabmonumente der Pharaonen aus älteren Zeiten handelt. Sie sind Bestandteil des königlichen Grabkomplexes und haben in ihrem Innern eine Grabkammer. Die Inschriften sind eindeutig. Und ihnen war auch klar, dass die Form der Pyramide in den Himmel weist, zu den Sternen und zur Sonne. Selbst im Neuen Reich, als die Könige in Theben sich ihre Gräber im Tal der Könige anlegen ließen, wählte man einen Ort am Füße eines Berges, dessen höchste Gipfelspitze wie eine natürliche Pyramide in den Himmel ragt. Und auch in den Tempeln des Neuen Reiches und späterer Zeiten war die Idee der Pyramide integriert: Die Obelisken in den Tempeln wurden mit einem kleinen Pyramidion aus Elektron bekrönt, das das Sonnenlicht reflektierte. Die Privatgräber der hohen Amts- und Würdenträger in Theben-West haben manchmal eine kleine Pyramide auf ihrer Totenopferkapelle stehen. Diese kleinen Grabdachpyramiden haben Nischen, in denen Stelophoren stehen – das sind Statuetten des Verstorbenen, der eine Stele mit Inschrift festhält. Die Hieroglyphentexte auf den Stelophoren dieser kleinen Grabdachpyramiden sprechen eine eindeutige Sprache: Auf der Spitze der Pyramide lassen sich die Sonnenstrahlen nieder, wenn die Sonne im Osten aufgeht. So wird der Sonnengott Re bei seinem Aufgang angebetet, der Gott, der sich im Tag-Nacht-Rhythmus immer wieder verjüngt und somit den Kreislauf des Lebens symbolisiert. Die Pyramidentexte, uralte Zauber- und Ritualtexte, die an den Wänden in den Grabkammern mancher Pyramiden aufgezeichnet sind (z.B. bei Unas, Teti), thematisieren immer wieder die Himmelfahrt des verstorbenen Königs. Der Pharao steigt nach seinem Tode auf zu den Zirkumpolarsternen, zu den „Unzerstörbaren“, und zur Sonne. Im Alten Reich kommt ein weiterer Königsname auf: Der Name mit dem Titel „Sohn des Re“. Und während der 5. Dynastie wurden parallel zu den Pyramiden Sonnenheiligtümer mit großen Obelisken errichtet. Der Name Re ist Bestandteil vieler Königsnamen: Cheph-RE-n, Niuse-RE, Sahu-RE, Menkau-RE (Mykerinos), usw. Die Stufenpyramiden ragen wie Himmelstreppen empor, und die Hieroglyphe für „aufsteigen“ wird manchmal mit einem solchen Determinativ geschrieben (siehe die Inschrift an der Scheintür im Grab des Mehu in Sakkara ). Die reine Pyramidenform gleicht den Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke brechen. Und die aufgehende Morgensonne beleuchtet die Pyramidenspitze, bevor ihre Strahlen das Niltal erhellen. Die Pyramide ermöglichte es also der „Seele“ des verstorben Pharao, in die jenseitige Himmelsresidenz aufzusteigen und zur irdischen Totenresidenz im Totentempel zurückzukehren, um dort in den Statuen einzuwohnen und Opfergaben entgegenzunehmen. Die Pyramide war eine Verbindung von Himmel und Erde.Doch mit dem Untergang der pharaonischen Kultur, dem Aufkommen des Christentums und des Islams, der Abkehr von der Hieroglyphenschrift und dem Absterben der altägyptischen Kulte, geriet nicht nur die Bedeutung der Tempel und Obelisken, sondern auch die der Pyramiden in Vergessenheit. Im Mittelalter glaubte man in den Pyramiden die Kornkammern des biblischen Joseph zu erblicken, der Pharao dazu aufforderte, für die sieben mageren Jahre Vorräte anzulegen. Eine andere religiös geprägte Vorstellung ist jene, dass israelitische Sklaven diese Bauwerke errichtet haben. In der Neuzeit wurden die Pyramiden mehr und mehr Objekt okkulter Projektionen. Es wurde gemutmaßt, ob es sich um astronomische Observatorien handelt mit Kammern geheimen Wissens. Die geometrische Genauigkeit ihrer Konstruktion und ihre Ausrichtung auf bestimmte Sternenkonstellationen lieferte Grund für wilde Spekulationen. Die Pyramide wurde zur Ikone okkulter Organisationen und Geheimbünde. In den letzten Jahrzehnten haben die Anhänger von extraterrestrischen Entstehungstheorien Freude an den Pyramiden gefunden. Ihrer Meinung nach können nur Außerirdische zu jener Zeit die Bauwunder geschaffen haben. Auch seltsame Ideen, dass in den Pyramiden kosmische Strahlungen gebündelt werden, die Menschen heilen können und Rasierklingen scharf werden lassen, wurden diskutiert und verbreitet. Die schier unfassbare Zahl der Spekulationen und Theorien rund um die Bedeutung und Entstehung der Pyramiden unterstreicht die enorme Anziehungskraft dieser Gebäude. Ihre Größe, Monumentalität, ihr Alter und die Schlichtheit der reinen geometrischen Form bieten anscheinend die ideale Projektionsfläche für die mystischen Fantasien der Menschen.

Erforschung der Pyramiden

Bauwerke wie die Pyramiden laden zur Frage ein: Was befindet sich darin? Vermutlich wurden die Gräber des Alten Reiches schon in pharaonischer Zeit ausgeraubt. Wie viel Schätze als Grabbeigaben in den großen Pyramiden lagen, lässt sich nur erahnen. Grabungen von G.A. Reisner haben in einer Königinnenpyramide in Giza bereits sehr viel Gold und Möbelstücke zutage befördert. Immer wieder drangen Grabräuber in die Pyramiden ein. Im 9. Jahrhundert ließ der abbasidische Kalif al-Mamun ein Team aus Arbeitern und Ingenieuren zusammenstellen, um das Innere der Cheops pyramide zu erforschen. Man hoffte auf reiche Schätze und geheimnisvolle Gegenstände aus fremdartigen Materialien zu stoßen. Nach schier endloser Suche mussten die Arbeiter resigniert feststellen, dass sie den Eingang nicht finden konnten. So wurde mit großem Aufwand ein gigantischer Stollen in die Pyramide geschlagen. Schließlich stießen die Araber auf einen Gang, von dem aus sie die anderen Gänge und Kammern im Innern der Pyramide erreichen konnten. Doch es war bereits alles leer und ausgeraubt. Einmal zur Erkenntnis gelangt, dass die Pyramiden leer und ohne Schätze sind, und in einer Zeit, in der Christen und Muslime gleichermaßen den Bauwerken keinerlei religiöse Bedeutung beimessen konnten, wurden sie als Steinbrüche benutzt. Viele Moscheen, Paläste und Festungsbauten in Kairo wurden aus den Steinblöcken der Pyramiden gebaut. Manche Pyramiden wurden regelrecht abgetragen, wie z.B. in Abu Roasch. Bei anderen konnte man nur die Kalksteinfassade abreißen. Keine Pyramide blieb unversehrt.Europäische Reisende des Mittelalters und der frühen Neuzeit bemühten sich, die Pyramiden zu beschreiben und manchmal zu vermessen. Für sie war keine andere Erklärung denkbar, als dass es die gigantischen Getreidespeicher des Joseph sein müssten, von denen in der Bibel berichtet wird. Erst im 17. und 18. Jahrhundert bemühte man sich um erste korrekte Bauaufnahmen, vermaß die Pyramiden, durchforschte die Gänge. Beliebtestes Ziel war natürlich die Cheopspyramide. Erst mit der berühmten Ägypten-Expedition des Napoleon Bonaparte 1798/99 kamen Wissenschaftler und Ingenieure dazu, die Pyramiden genauer zu erforschen und exakte Pläne zu erstellen. Von nun an kamen immer mehr Forscher ins Land. 1818 kam Giovanni Battista Belzoni nach Giza und gelangte als erster Europäer in das Innere der Chephren-Pyramide. Sein Name steht noch in großen Lettern an der Wand. Überhaupt fingen nun die Reisenden und Forscher an, ihre Namen mit Datum an die Innenwände der Grabkammern zu ritzen, frei nach dem Motto: „Ich war auch hier!“. 1820 entdeckte Girolamo Segato den Eingang zur Djoser-Pyramide in Sakkara. Eine Gründliche Untersuchung der Pyramiden von Giza gelang dem Briten Howard Vyse in den 1830er Jahren. Er fand in der Grabammer der Mykerinos-Pyramide einen schweren Basaltsarkophag, der nach England verschifft werden sollte. Leider ging das Schiff mitsamt Mannschaft und Sarg unter. Genauere topographische Aufzeichnungen und Bauaufnahmen der Pyramidennekropolen wurde von Richard Lepsius und seinem Team besorgt, die in den 1840er Jahren im Rahmen einer größeren preußischen Forschungsexpedition nach Ägypten kamen. Zahlreiche archäologische Entdeckungen in der Pyramiden-Nekropole von Sakkara gelangen dem französischem Archäologen Auguste Mariette, der auch Gründer des Ägyptischen Museums in Kairo war. Weitere Archäologen, allen voran der Brite William Matthew Flinders Petrie und der Franzose Jacques de Morgan, untersuchten die zahlreichen Gräber und Mastabas im Umfeld der Pyramiden. Die Pyramiden und Pyramidentempel von Abusir wurden von deutschen und später tschechischen Ausgrabungsteams genauer untersucht. Bis heute sind immer wieder Forscherteams in den Pyramidengebiete n unterwegs. Ausgegraben oder neu entdeckt werden zumeist die kleinen Gräber und Mastabas der Höflinge und Beamten Pharaos. Aber besonderes Augenmerk gilt der Erforschung der Totentempel und Taltempel, der Arbeitersiedlungen und Kultanlagen. Der amerikanische Ägyptologe Mark Lehner hat sich besonders auf die Untersuchung der Arbeiterunterkünfte und Werkstätten spezialisiert, so dass wir heute mehr über das Leben und die Organisation der Arbeiter und Handwerker wissen.Immer wieder beschäftigen sich Laien mit den Pyramiden und kommen mit allerlei Vorschlägen zu Klärung der großen Fragen: Wie wurden sie gebaut? Gibt es noch geheime Kammern? Hatten sie doch eine andere Bedeutung und Funktion als bisher angenommen? Doch kaum eine Antwort hält den Forschungen der Archäologen und Ägyptologen stand. Die seriösen Forscher haben seit nunmehr fast zweihundert Jahren jeden Stein umgedreht und jede relevante Inschrift übersetzt und gedeutet. Die Zahl der Forschungsberichte und Bände geht in die Zehntausende. Daher ist es unwahrscheinlich, dass selbsternannte Experten von außerhalb mit ernstzunehmenden Theorien kommen, die nicht schon hundert Mal von den Ägyptologen durchdacht und diskutiert wurden. Gerade aus der Szene der Pyramidologie, einer esoterisch-pseudowissenschaftlichen Forschungsrichtung, die die Pyramiden in einen größeren kosmischen Kontext stellen möchte und gegebenenfalls das Wirken von Außerirdischen annimmt, werden immer wieder neue Ideen in die Öffentlichkeit getragen. Die Aufgabe der Ägyptologen und Archäologen ist es dann, die Diskussion wieder auf den Boden der Realität zurück zu holen. Dennoch bleibt der Druck der Öffentlichkeit groß genug, um unter lauter Medienrummel spektakuläre technologische Experimente durchzuführen, in der Hoffnung, die letzte geheime Kammer in der Cheopspyramide zu finden. Doch bis jetzt erfolglos.Ein wichtiger Teil der archäologischen Arbeit an den Pyramiden ist die Restauration. Oft liegen im Pyramidengebiet weit verstreut Steine, Baublöcke und Reliefstücke, die zu den Totentempeln oder Kultanlagen der Pyramiden gehören. Archäologen wie der Franzose Jean Philippe Lauer haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Anlagen nicht nur zu erforschen, sondern nach allen Regeln der Denkmalrestaurationskunst wieder herzustellen. Er selbst widmete mehr als siebzig Jahre seines Lebens dem Pyramidenbezirk des Djoser in Sakkara. Forscher, die einmal begonnen haben, sich mit den Pyramiden zu beschäftigen, kommen in ihrem Leben nicht mehr davon los.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Aldred, Cyril, Egypt to the end of the Old Kingdom, London 1965.
  • Edwards, I.E.S., The Pyramids of Egypt, London 1972.
  • Fakhry, Ahmed, The Pyramids, Chicago und London 1969.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden – Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004.
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Reisner, George Andrew, A History of the Giza Necropolis, Vol. I – II, Cambridge/ Mass. 1942-1955.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg