Das Geheimnis der Pyramiden - Weltwunder der Antike (Teil 2)

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Bauweise

Wer sich im Pyramidengebiet von Giza umschaut, wird feststellen, dass die ganze Sandfläche des Plateaus von Steinsplittern übersäht ist. Diese Splitter stammen vom Abbruch der Steine am Rande des Plateaus und vom Behauen derselben, um eine quaderförmige Form zu erhalten. Diese Abbruchsplitter sind das ideale Material, um zusammen mit Lehmziegeln und Schotter riesige Rampen zu errichten. Je nach Lage der Pyramiden konnte man mit verschiedenen Rampentypen experimentieren, mal längst, mal spiralförmig um das Rohbauwerk führend, um das Baumaterial an die vorgesehene Stelle zu transportieren. Transportmittel waren Holzschlitten. Sie wurden über angefeuchtete Lehmflächen gezogen. Diese Methode ist sehr effektiv. Räder wären nutzlos, weil das Transportgewicht der Steinblöcke – je nach geplanter Lage mehrere Tonnen – zu groß wäre. Die Achsen würden brechen. Ein Reliefbild in einem Grab in el-Berscheh zeigt den Transport einer riesigen Monumentalstatue auf einem solchen Schlitten. In vier Reihen ziehen die Arbeiterkolonnen an langen Seilen den Schlitten mitsamt Koloss vorwärts. Bei experimentellen Selbstversuchen konnten Archäologen und Bauforscher immer wieder nachweisen, wie effektiv diese Methode sein kann. Selbst beim Wiederaufbau von Teilen des Karnak-Tempels zu Beginn des 20. Jahrhunderts bediente man sich dieser Methode. Ist der Boden ausreichend angefeuchtet, das heißt mit schleimig-feuchter Nilschlammbrühe begossen, gleitet der Schlitten ziemlich gut und ein Dutzend Arbeiter reicht aus, um einen tonnenschweren Block zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Falschenzüge, Holzkranvorrichtungen, Hubwinden oder sonstige Hebevorrichtungen verwendet wurden, wie es immer wieder vermutet wurde, ist gering. Es gibt dafür schlicht keinerlei Indizien, keine Inschriften, Bilder oder sonstigen Belege, geschweige erhaltene Fundobjekte solcher Art. Auch Waagebalken, wie sie später im Neuen Reich zum Wasserschöpfen bei der Feld- und Gartenbewässerung belegt sind (Schaduf), wären für die schweren Steinblöcke völlig unbrauchbar gewesen. Aus dem Neuen Reich kennt man Holzschlitten, die an den Kufen so abgerundet sind, dass sie wie Schaukelschlitten oder Wiegeschlitten auf und ab bewegt werden konnten. Aus dem Alten Reich ist dies nicht belegt. Doch sind am Ende die Überlegungen zum Steintransport müßig, wenn die Praxis gezeigt hat, dass die altägyptische Methode, Steinblöcke auf Holzschlitten über Rampen zu ziehen, extrem effektiv und einfach ist, dass selbst Archäologen nach aufwendigen Selbstversuchen von ihr begeistert sind. Verschiedene Teams haben bereits in Rahmen der experimentellen Archäologie versucht, kleine Pyramiden mit altägyptischen Methoden zu bauen. Am Ende war man stets überrascht, wie gut es doch ging, vorausgesetzt, die Arbeiter eignen sich im Laufe der Zeit die nötige handwerkliche Expertise an. Probleme dürfte es lediglich in größeren Höhen gegeben haben, dort, wo man an die Spitze der Pyramide kommt. Hier wird man sich auf die Hebelwirkung von dicken Holzbalken verlassen haben, um die obersten Steine und das Pyramidion auf die Spitze zu heben. Anschließend wurde die Kalksteinverkleidung an den Außenwänden der gesamten Pyramide geglättet. Hier arbeitete man sich von oben nach unten, indem man gleichzeitig die Rampen abtrug. Leider kann man die einst glatten Außenwände heute kaum noch würdigen, weil die meisten Pyramiden ihrer Verkleidung beraubt wurden. Die besten Zeugnisse der einstigen Verkleidung kann man heute noch an der Knickpyramide und an der Spitze der Chephren-Pyramide sehen. Zum Schluss wurden die Rampen abgetragen. Archäologen und Ägyptologen, die sich intensiv mit dem Pyramidenbau beschäftigt haben, kommen immer wieder zu dem Schluss, dass weniger geniale Ideen oder geheimnisvollen Technologien angewandt wurden, als vielmehr handwerkliche Expertise und Erfahrung ausschlaggebend war. Die Pyramiden sind das Ergebnis langjähriger Erfahrungen hoch spezialisierter Handwerker und der Arbeitskraft zehntausender Männer. Was den Abbruch und die Bearbeitung der Steine anging, so reichten auch hier primitive Methoden aus. In den Steinbrüchen wurden mit spitzen Feuersteinen tiefe Löcher in den Fels geschlagen, in die man Holzbalken schob. Vorher tränkte man die Balken in Wasser. Ins Felsloch geschoben, quoll das Holz auf und sprengte den Fels. Dann konnte man mit Holzschlägel und Kupfermeißel den Block weiter bearbeiten. Dass die Ägypter Meister der Steinmetzkunst waren, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Die Bildhauerwerke in den Museen sprechen für sich. Insofern war die korrekte Bearbeitung der Steinblöcke keine besondere Herausforderung. Auch der Transport der Steine vom Steinbruch zur Baustelle war eine geringere Herausforderung, als angenommen. In Giza lag der Steinbruch direkt vor dem Pyramidenplateau. Hier konnte man im Tagebau den anstehenden Fels abtragen, bzw. die Quader herausmeißeln. Man musste also nur die Steine über Rampen aufs Plateau ziehen und dann über andere Rampen auf die jeweilige Höhe der Pyramidenbaustelle. Granitblöcke aus Assuan wurden nur an bestimmten Stellen, so etwa für die Grabkammer, verwendet. Ihr Transport gestaltete sich komplizierter, denn sie mussten per Schiff den Nil hinab transportiert werden. Dafür wurden besonders große und stabile Transportbarken aus hochwertigem Bauholz benötigt. Auch für die Verkleidung der Außenwände der Pyramide wurde besonderes Steinmaterial benötig: weißer Kalkstein aus Tura, einem Ort bei den Moqattam-Hügeln am andern Ufer des Niltals, heute bei Ost-Kairo gelegen. Dort wurden große Höhlen und Schächte in den Fels getrieben, um an die Sedimentschichten mit dem guten Steinmaterial zu gelangen. Dann transportiert man die Steinblöcke per Lastschlitten, die von Zugtieren oder Arbeitern gezogen wurden, zum Nilufer, wo die Steine auf die andere Seite des Flusstals verschifft wurden.Bewunderung und Erstaunen ruft die Menge des verarbeiteten Materials hervor. Für den Bau der Cheops pyramide wurden etwa zweieinhalb Millionen Kubikmeter Stein verbaut. Betrachtet man die tonnenschweren Steinblöcke, die im Steinbruch geschlagen, über den Nil transportiert und schließlich die Rampe empor zum zugewiesenen Platz gebracht werden mussten, so ist es kein Wunder, dass man für diesen Bau Jahrzehnte brauchte. Napoleon hatte errechnet, dass man aus den Steinen der Cheopspyramide eine dreieinhalb Meter hohe Mauer um ganz Frankreich ziehen könnte. Doch die Ägypter haben getrickst. Neueste Untersuchungen mit Ultraschallmessungen haben ergeben, dass selbst in der Cheopspyramide, die bisher als massivste galt, es im tiefen Innern Hohlräume gibt, die mit Sand, Schotter und Mörtel aufgefüllt wurden. Diese Methode kennt man schon von den alten Mastabas, wo rasterartig Mauern längst und quer gezogen wurden, so dass Kammern bzw. Hohlräume entstanden, die man mit Schotter auffüllte. Die großen Pyramiden von Giza waren massiver und mit mehr Steinmaterial gebaut als die meisten anderen Pyramiden, doch auch hier hat man an einigen Stellen Zeit, Arbeit und Material gespart. Später, bei den Pyramiden der fünften bis sechsten Dynastie hat man nur wenige Stützmauern diagonal, quer und längs aus massiven Steinquadern errichtet und die Hohlräume zwischen den Stützmauern mit Schotter und qualitativ minderwertigem Steinmaterial aufgefüllt. Doch am Ende waren die Pyramiden mit schönem Kalkstein verkleidet, der den Rohbau geschickt überdeckt und dem Ganzen einen massiven Eindruck verleiht. Im Mittleren Reich benutzte man sogar anstatt des Steinschotters Lehmziegel als Füllmaterial. Doch die Zeit straft die nachlässige Bauweise. Nachdem in späteren Jahrhunderten Steinräuber die Kalksteinverkleidungen der Pyramiden abgetragen hatten, zerfielen die meisten Pyramiden. Daher sehen die Ruinen vieler Pyramiden in Sakkara und Abusir, aber auch in Lischt oder Dahschur (die Ziegelpyramiden des Mittleren Reiches) wie Erd- und Schutthügel aus. Lediglich die Pyramiden des Snofru (Dahschur, Medum) und die gewaltigen Pyramiden von Giza haben soviel feste Bausubstanz, dass man ihnen nichts anhaben konnte. Als im Mittelalter die Kalksteinverkleidungen der großen Steinpyramiden in Dahschur und Giza zum Teil abgetragen wurden, um die Moscheen, Paläste und Festungsanlagen von Kairo mit ihnen zu errichten, war es unmöglich, die großen Pyramiden ganz abzutragen – so sehr man sie auch als Steinbruch missbrauchte.

Bauplanung

Die Exaktheit des Bauwerks hinsichtlich der geometrischen Form und geographischen Ausrichtung sind vielleicht das größte Wunder. Mathematische Papyri beweisen, wie fortgeschritten die Ägypter in der Geometrie waren. Was die Baustatik angeht, so experimentierte man. Dies gilt besonders für den Neigungswinkel der Pyramidenseiten. Schließlich wurde für die Cheopspyramide das ideale Verhältnis gefunden. Die Höhe der Pyramide und der Umfang der Pyramidenbasis, d.h. die Summe der vier Basiskanten, stehen im selben Verhältnis wie der Kreisumfang mit seinem Radius. Der Eingang war exakt nach dem Nordstern ausgerichtet. Aus der reinen geometrischen Form und der Himmelsorientierung lassen sich natürlich unendlich viele andere mathematische und astronomische Aussagen herleiten. Doch dass sich die Ägypter an diese zwei Aspekte gehalten haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie auch alle weiteren möglichen Herleitungen im Auge hatten. Man kann aus jedem geometrischen Objekt, das in eine spezifische Himmelsrichtung ausgerichtet ist, andere Aussagen ableiten. Doch heißt das noch lange nicht, dass mit dieser Bauplanung eine besondere kosmische Botschaft verbunden war, zumal die meisten anderen Pyramiden einen anderen Neigungswinkel hatten. Bei der Roten Pyramide in Dahschur war er flacher und bei der Chephren-Pyramide steiler. Ganz zu schweigen von der Knickpyramide. Vor Baubeginn war die Wahl des richtigen Ortes wichtig. Hier war die geographische Lage entscheidend. Die Kriterien waren: hohe Lage, fester Untergrund, Nähe der Steinbrüche, Nähe zum Flusstal, Nähe zu Kanälen und Wasserstraßen, Lage anderer Pyramiden. Dann beobachteten die Priester die Sterne, um die exakte Himmelsausrichtung des Bauwerks zu gewährleisten. Man baute hierzu eine kleine kreisrunde Mauer, deren Oberkante exakt waagerecht war. Dann stellte sich ein Priester in die Mitte und beobachtete den Aufgang und Untergang der Zirkumpolarsterne, insbesondere des Polarsternes. In der Hand hielt er eine Art hölzernes Visier. Ein anderer Priester stand mit einem Winkellot an der Mauer. Hatte der beobachtende Priester beim Sternenuntergang und Aufgang das Lot im Visier, konnte an der entsprechenden Stelle an der Mauer eine Markierung angesetzt werden. Hat man einmal so die exakte Nord-Südrichtung gefunden, dann war es auch kein Problem, die Ost-West-Richtung zu definieren. Überprüft werden konnte das Ergebnis bei Tage anhand des Sonnenlaufs, und zwar mittels einer Stange, die je nach Sonnenstand einen bestimmten Schatten warf. So konnten die alten Ägypter relativ leicht gewährleisten, dass alle großen königlichen Pyramiden exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Rituale, Gründungszeremonien und Opfer für die Götter sorgten für die religiöse Basis des Bauprojektes. Eine große Herausforderung war die Schaffung einer flachen Bauebene für das Fundament, auf dem die Pyramide errichtet werden konnte. Sie musste über eine große Fläche absolut waagerecht sein. Hierzu musste das Gelände eingeebnet und immer wieder neu vermessen werden. Dazu verwendete man eine Art Wasserwaage. Aus Lehmziegeln baute man kleine Becken, füllte sie mit Wasser und markierte die Höhe der Wasseroberkante mit einem Strich. Ein weiteres Problem war die Einhaltung der Neigungs- und Böschungswinkel der Pyramidenseiten und -Kanten. Hier musste immer wieder nachgemessen werden, damit die vier Kanten an der Spitze der Pyramide auch exakt zusammentrafen. Für die Überprüfung der waagerechten Lage der Steine verwendete man ein rechtwinkeliges Holzstück mit Senklot.Weiter zu Teil 3Zurück zu Teil 1