Dahschur - Pyramiden und Nekropolen von Dahschur

Dahschur Knickpyramide (Foto: M. Hüneburg, 1996)
Knickpyramide von Dahschur (Foto: M, Hüneburg, 1996)
 
Die beiden Haupt-Pyramiden von Dahschur sind die größten und erhabendsten Ägyptens, nach jenen von Giza. Die zwei Monumentalbauten des Pharao Snofru aus der vierten Dynastie zeigen die Pionierarbeit der frühen Pyramidenerbauer vor 4600 Jahren. Im Schatten dieser Monumentalbauten stehen die Überreste von Pyramiden und Mastaba-Gräbern aus dem Mittleren Reich. Im Gegensatz zum Giza-Plateau gibt es hier nur wenige Touristen. An guten Tagen hat man die Pyramiden für sich allein, ein echter Geheimtipp für wahre Pyramiden-Fans.
 
Nur etwa 7 km südlich der berühmten Nekropolen von Sakkara erstreckt sich das Pyramidenfeld von Dahschur, benannt nach dem gleichnamigen Dorf Menschije Dahschur, das in Sichtweite der monumentalen Grabmonumente im Fruchtland liegt. Das Pyramidengebiet von Dahschur wird nur wenig von Touristen frequentiert. Bis 1996 war es für Reisende nicht zugänglich, weil sich direkt neben den Dahschur-Pyramiden militärisches Sperrgebiet befindet, das zu betreten oder zu fotografieren strengstens verboten ist. Das Pyramidenfeld erstreckt sich über eine Strecke von ca. 3 km entlang des Wüstenrandes.

Dahschur ist archäologisch eine Fundregion von höchster Bedeutung. Allerdings sind die meisten archäologischen Befunde eher für den Archäologen, Ägyptologen oder Bauhistoriker interessant, weil viele Grabbauten stark zerstört sind und für den Laien nur schwer rekonstruierbar. Insgesamt gibt es in Dahschur mindestens 15 (!) Pyramiden und Pyramidenruinen: drei aus der 4. Dynastie ( Altes Reich ), drei aus der 12. Dynastie ( Mittleres Reich ) und neun, die vermutlich alle aus der Zeit der 13. Dynastie stammen. Hinzu kommen noch einige kleine Satellitenpyramiden. Die Pyramiden der 13. Dynastie sind am schlechtesten erhalten bzw. fast vollständig zerstört und so sehr abgetragen, dass sie aus der Ferne kaum von der Wüstenlandschaft zu unterscheiden sind. Zudem können sie zum Teil nicht mehr mit bestimmten Herrscherpersönlichkeiten in Verbindung gebracht werden. Eine Ausnahme bildet die Pyramide des Ameni-Qemau aus der 13. Dynastie. Zwischen den einzelnen Pyramiden erstrecken sich mehrere Gräberfelder mit Mastabas, d.h. Privatgräbern aus dem Alten und Mittleren Reich. Auch die Überreste von Werkstätten und Arbeiterunterbringungen der Pyramidenbaumannschaften wurden archäologisch identifiziert und erforscht.

Herausragend in ihrem Erhaltungszustand, in ihrer Größe und in ihrer bauhistorischen Bedeutung sind dagegen die zwei Pyramiden des Pharao Snofru (4. Dynastie). Sie sind die unmittelbaren Vorgängerbauten der Pyramiden von Giza und an Bauvolumen und Perfektion fast mit jenen vergleichbar. Im Gegensatz zur Situation in Giza sind die Pyramiden von Dachschur jedoch nicht touristisch überlaufen.

Ebenfalls bedeutend sind drei Lehmziegelpyramiden der 12. Dynastie, obwohl sie allerdings ihrer Steinverkleidung beraubt sind und Wind und Wetter die inneren Lehmziegelmassive zu amorphen Hügelmassen deformiert haben.

Die fünf bedeutendsten Pyramiden von Dahschur seien im Folgenden beschrieben.
 
Dahschur Lageplan

Die „Knickpyramide“ des Pharao Snofru (4. Dynastie)

Die Knickpyramide ist das erste monumentale Steinbauwerk, das von Anfang an als richtige Pyramide geplant war. Ihren modernen Spitznamen erhielt sie wegen der Änderung des Neigungswinkels. Auf halber Höhe ändert sich dieser von anfangs steilen 54 Grad zu etwa 42 Grad. Es gibt zahlreiche Theorien bezüglich dieser Bauänderung. Vermutlich wurde der anfangs angestrebte Neigungswinkel aus bauchtechnischen Gründen zugunsten einer sichereren Konstruktion aufgeben, um den Druck auf das Innere nicht zu hoch werden zu lassen. Die Pyramide ist 97 m hoch (ursprüngliche Höhe 105 m) und hat eine Basislänge von 189 m. Zwei Eingänge führen zum inneren Kammersystem: ein Nordeingang und ein Westeingang. Die Grabkammern und Vorkammern werden von steilen Kraggewölben überdeckt. Errichtet wurde die Pyramide aus örtlich abgebautem Kalkstein. An den Außenseiten sieht man Reste der Verkleidung aus hochwertigen Tura-Kalksteinplatten, die auf der anderen Seite des Niltals abgebaut wurden. Ursprünglich war die Pyramide vollständig verkleidet und hell leuchtend poliert. Zum Pyramidenkomplex gehören außerdem eine kleine Satellitenpyramide als Kultgrab, ein Stelenheiligtum an der Ostseite der Pyramide und ein Taltempel, der durch einen Aufweg mit der Pyramide verbunden ist.
 
Dahschur Rote Pyramide (Foto: M. Hüneburg, 1996)

Die „Rote Pyramide“ des Pharao Snofru (4. Dynastie)

Im Norden der Knickpyramide steht die sogenannte Rote Pyramide des Snofru. Vermutlich wurde sie errichtet, weil die Knickpyramide nicht der angestrebten reinen Pyramidenform entsprach. Wegen des rötlich schimmernden Kalksteins erhielt sie ihren Namen. Allerdings ist bei ihr die ursprüngliche Verkleidung aus hell leuchtenden und polierten Tura-Kalksteinplatten fast vollständig abgetragen worden. Ihre ursprüngliche Höhe betrug 104 m und ihre Seitenlange an der Basis 220 m. Wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen hat man hier von Anfang an einen flacheren Neigungswinkel von ca. 43 Grad gewählt. Im Gegensatz zur Knickpyramide hat die Rote Pyramide nur einen Eingang im Norden, der zu zwei Vorkammern und einer höher gelegenen Grabkammer führt. Auch hier sind die Kammern mit Kraggewölben überdacht. An der Ostflanke der Pyramide wurde ein kleiner Totentempel ausgegraben, von dem allerdings nur noch die Fundamente erhalten sind.


Die „Weiße Pyramide“ des Pharao Amenemhet II. (12. Dynastie)

Die sogenannte Weiße Pyramide von Amenemhet II. ist so stark zerstört, dass ihre ursprünglichen Ausmaße nicht mehr rekonstruiert werden können. Sicher ist nur, dass sie mit einer Basislänge von nicht mehr als 50 m wesentlich kleiner war als die Pyramiden des Snofru, Sesotris III. und Amenemhet III. Archäologisch ergiebig waren die Ausgrabungen in ihrem unmittelbaren Umfeld, wo Gräber der königlichen Familienmitglieder und hohen Amtsträger freigelegt wurden. Im Grab der Prinzessin Chumit wurde sogar Goldschmuck gefunden.

 

Die Pyramide des Pharao Sesostris III. (12. Dynastie)

Der übrig gebliebene Pyramidenkern aus schwarzen Lehmziegeln ragt heute nur noch 27 m hoch empor und gleicht nun mehr einem dunklen Kraterhügel. Man mang sich kaum vorstellen, dass diese Pyramide einst etwa 74 bis 75 m hoch war und eine Basislänge von 105 m aufwies. Damit ist sie bis zu ihrer Zerstörung die fünfthöchste Pyramide Ägyptens gewesen, nur übertroffen von den Monumentalbauten Snofrus, Cheops ’ und Chephrens. Ursprünglich war sie, wie alle Pyramiden jener Zeit, mit einer hellen Kalksteinverkleidung versehen gewesen, welche Jahrhunderte später von Steinräubern abgebrochen und weggeschleppt wurde, um sie als Baumaterial andernorts zu verwenden. Umgeben war die Pyramide von sechs kleinen Königinnenpyramiden, die alle innerhalb des von einer Umfassungsmauer begrenzten Pyramidenkomplexes lagen. Neben dem Pyramidenschacht, der zur Grabkammer des Königs führte, fand der damalige Ausgräber Jacques de Morgan 1895 einen weiteren Schacht, der zu den unterirdischen Grabkammern der Königinnen führte. Hier wurden gut erhaltene Goldschmuckstücke gefunden. Der Eingang in die Pyramide war nicht, wie üblicherweise, im Norden, obwohl, nach älteren Angaben, dort im 19 Jahrhundert noch Reste einer Eingangskapelle zu sehen waren, sondern im Westen.

Die Regierungszeit Sesostris’ III. gilt als Höhepunkt des Mittleren Reiches. Das Land war beinahe so zentralistisch organisiert und verwaltet wie zur Zeit der 4. Dynastie. Die Literatur dieser Zeit erzählt von einer Gesellschaft, die stark auf das Königtum ausgerichtet war. Der Pharao war ideologische Leitfigur des staatstragenden Gesellschaftssystems, ein autoritäres System mit strenger Hierarchie aber auch gegenseitiger sozialer Verantwortung. Wie im Alten Reich legten sich die Eliten des Landes wieder öfter ihre Gräber in der Nähe ihres königlichen Patrimonialherrn an. So finden wir unmittelbar neben der Pyramide Sesostris’ III. zahlreiche Mastabas hoher Amts- und Würdenträger. Einige entstammen alter Gaufürstenfamilien aus den mittelägyptischen Provinzen.

 

Die „Schwarze Pyramide“ des Pharao Amenemhet III. (12. Dynastie)

Der Name dieser Pyramide geht auf das dunkle Lehmziegelmaterial zurück, aus dem der Kern der Pyramide bestand. Auch die Pyramide des Königs Amenemhets III. wurde im arabischen Mittelalter ihrer Kalksteinverkleidung beraubt. Später wurden Ziegel abgebaut, um sie in geriebener Form als Düngemittel zu verwenden. So erhielt die Pyramidenruine ihre skurril-amorphe Form. Die Pyramide hat eine Basislänge von ca. 105 m und war ursprünglich etwa 74 m hoch. Statt Nebenpyramiden für die Königinnen hat die Pyramide des Amenemhet ein komplexes Gangsystem mit mehreren Kammern für den König und für die Königinnen. Neben der Königskammer gehörten 15 Vorkammern und ein Ka-Grab zum Gangsystem. An der Nordseite der Pyramide wurde eine Bestattung des Königs Auibre-Hor (13. Dynastie) mit einer Holzstatue des Königs gefunden, die heute im Kairoer Museum zu besichtigen ist. Diese Statue ist eine einzigartige Darstellung der königlichen Ka-Seele: mit dem Ka-Symbol der ausgebreiteten Arme auf dem Kopf.

Amenemhet III. ließ sich noch eine weitere Pyramide errichten, und zwar in Hauwara im Fayum. Vermutlich waren Senkungen des Pyramidenmassivs und damit verbundene Beschädigungen der Innenräume der ausschlaggebende Grund für den Bau der zweiten Pyramide.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Arnold, Dieter, Der Pyramidenbezirk des Königs Amenemhet III. in Dahschur, Mainz 1987.
  • De Morgan, Jacques, Foullies à Dahchour, 2 Bde., Wien 1895 u. 1903.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden: Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg