Tempelinsel von Philae in der Nähe von Assuan

Isis-Tempel von Philae
Einige der schönsten und besterhaltenen Tempelanlagen Ägyptens stehen auf der kleinen Insel Angílkia in der Nähe von Assuan südlich des ersten Kataraktes und etwa 3 km südlich des alten Staudammes. Doch wie bei den Tempelanlagen von Abu Simbel und Kalabscha , ist dies nicht der Originalort der Tempel. Ursprünglich stand das Tempel-Ensemble auf der berühmten Nilinsel Philae, die wegen des kleinen Stausees zwischen dem alten und neuen Staudamm im Wasser versank. Dadurch waren die Kulturdenkmäler gefährdet und mussten auf die höher gelegene Nachbarinsel Angílkia versetzt werden, die heute als Neu-Philae ein beliebter touristischer Ausflugsort ist. Die Tempelanlagen stammen ausschließlich aus der Spätzeit und griechisch-römischen Zeit. Das Ensemble von Kultgebäuden auf Philae war das letzte große Heiligtum der altägyptischen Religion und ein Schwanengesang ägyptischer Tempelarchitektur.

Philae war im Altertum ein bedeutender Kult- und Wallfahrtsort der Göttin Isis. Wegen der imposanten Tempelanlagen und der pittoresken Lage im Nil beeindruckte die Insel europäische Reisende der letzten Jahrhunderte und galt als Perle Ägyptens (Pierre Loti). Das Eiland war rund 460 Meter lang und 150 Meter breit, mit vielen Palmen und Büschen bewachsen und, vom blauen Nilwasser umgeben, ein farbenprächtiges Natur-Kultur-Ensemble inmitten der nubischen Felsenwüste. Die meisten Bauten von Philae stammen aus der Zeit der griechisch-römischen Antike. Die letzten Reliefausschmückungen wurden während der Regierungszeit der römischen Kaiser Marc Aurel und Commodus (zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.) angebracht. In dieser Zeit war der Isis-Kult nicht nur in Ägypten, sondern auch in weiten Teilen des Mittelmeerraums sehr populär. Dementsprechend war die Insel über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannt. Strabo, Plinius d. Ä., Diodorus, der Geograph Ptolemäus und Seneca erwähnen sie in ihren Schriften. Auch in Nubien war die Verehrung der Isis sehr verbreitet. Das älteste Gebäude stammt von Nektanebos I. (30. Dynastie, um 370 v. Chr.). Es gibt auch Hinweise auf Vorgängerbauten von Taharka (25. Dynastie) und Amasis (26. Dynastie). Das letzte Dokument eines Isis-Anhängers und Pilgers ist ein Graffito auf einer Tempelwand, das ins Jahr 452 n. Chr. datiert und in Demotisch verfasst ist, einer späten Sprach- und Schriftform des alten Ägyptisch, und eine griechische Inschrift aus dem Jahr 456/457 n. Chr. Trotz der Verbote heidnischer Kulte unter Theodosius I. (Regierungszeit von 379 bis 394) wurde der Isis-Kult auf Philae erst unter dem oströmischen Kaiser Justinian I. (Regierungszeit von 527 bis 565) im 6. Jahrhundert geschlossen bzw. dann für die byzantinisch-koptische Epoche zu einem christlichen Wallfahrtsort für den Heiligen Stephanus, dem ersten christlichen Märtyrer, umgewandelt und Kirchen errichtet. Das Hypostyl des Isis-Tempels wurde zu einer Kirche umfunktioniert und die heidnischen Götterbilder ausgemeißelt. Ebenso, wie der Isis-Kult auf Philae sich auch in christlicher Zeit noch relativ lange hielt, war Philae später ein Refugium der Christen bis weit hinein in die islamische Epoche. Erst im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Kirchen endgültig aufgegeben.

Der Name der Insel Philae (lat.), Philai (griech.), Pilak (koptisch), Bilaq (arab.) geht auf das ägyptische P3-jw-rk (sprich: Pa-ju-rek bzw. Pajulek) zurück, was soviel wie Insel der Zeit bedeutet, wobei es sich hierbei vermutlich um eine spätägyptische pseudoetymologische Interpretation des alten nubischen Namens handelt. Die heutigen arabischsprachigen Bewohner der Region nennen die Tempelinsel auch el-Kasr (arab.), was die Festung bedeutet, vermutlich weil sie an eine Inselburg erinnerte. Ein anderer arabischer Name ist Geziret Anas el-Wogud in Anspielung auf eine Märchenfigur aus 1001 Nacht. Der offizielle hocharabische Name lautet Geziret Fila.

Die Versetzung der Tempel von Philae

Erster Pylon des Isis-Tempels
Lange Zeit gehörten die Tempel von Philae zu besterhaltenen Ägyptens. Die Situation änderte sich, als in den Jahren 1898 bis 1902 nur zwei Kilometer nördlich der Staudamm von Assuan errichtet wurde. Zügig stieg der Wasserspiegel des aufgestauten Nils. Die Insel Philae war bald im Stausee versunken. Nur die obere Hälfte der Tempelbauten ragte aus dem Wasser. Mit jeder Dammerhöhung versank das Tempelensemble weiter im Nil. Der Grund der Anlagen verschlammte. Besichtigungen waren nur per Boot möglich. Man umfuhr die Säulen, Architrave und Dächer der Tempelanlagen, die gespenstisch aus dem Wasser ragten. Lediglich in den Sommermonaten, wenn vorübergehend die Schleusen des Dammes geöffnet wurden, kam für kurze Zeit die alte Pracht zum Vorschein. Zwar wirkte das Wasser entsalzend auf die Bausubstanz, aber die Farbenpracht der einst bemalten Reliefs war verloren.

Als in den sechziger Jahren mit dem Bau des neuen großen Staudammes Sadd el-Ali begonnen wurde, war der Erhalt der Tempel von Philae endgültig gefährdet. Besonders nach dessen Einweihung 1971 wurde das Dilemma offensichtlich. Die Insel Philae liegt nämlich im Zwischenstausee, direkt zwischen dem alten und neuen Damm. Zu effizienten Nutzung der am Staudamm errichten Wasserkraftwerke wechselte die Höhe des Wasserspiegels im Zwischenstausee in geringen Zeitabständen. Der schnelle Wechsel von Trockenlegung und Wasserbad war eine große Gefahr für den Erhalt der Bausubstanz der Tempelbauten. Zur Rettung Philaes gab es nur eine Lösung: Wie bei den Tempeln von Kalabscha und Abu Simbel mussten die Tempelbauten versetzt werden. Die UNESCO übernahm, wie bei der Rettung der anderen nubischen Heiligtümer, die Schirmherrschaft und half mit finanzieller Unterstützung. 1972 begann man in internationaler Zusammenarbeit mit konkreten Planungen. Zahlreiche Pläne lagen vor. So wurde vorgeschlagen, den Fluss dauerhaft durch hohe Deiche abzuhalten oder die Insel anzuheben. Ein anderer Plan stammte vom amerikanischen Unternehmer und Bankier J.P. Morgan. Er schlug vor, die Tempel abzubauen und in den USA wiederzuerrichten. Dafür bot er sich auch als Sponsor an. Man entschied sich schließlich für einen ägyptischen Plan, der eine Versetzung auf die rund 600 Meter nordwestlich gelegene Nachbarinsel Angílkia vorsah. Angílkia liegt rund 13 Meter höher über dem Wasserspiegel und hat eine ähnliche Form wie Philae, ist aber etwas kleiner. Außerdem musste man Teile der schroffen und felsigen Insel Angílkia einebnen, um eine Baufläche für die zu versetzenden Tempel zu erhalten.

1972 starteten auch die praktischen Vorarbeiten. Um die wichtigsten Bauten Stein für Stein abzutragen, mussten die Tempelanlagen trocken gelegt werden. Dazu umschloss man die Bauten zunächst mit einem Kofferdamm. 4500 Tonnen Stahlschienen waren in der Spundwand der Dammabriegelung verbaut worden. Schließlich wurde das Wasser über Philae abgepumpt. Nach kompletter Austrocknung und Reinigung des Tempelgeländes, begann man mit der baulichen Bestandsaufnahme. 1977 konnte mit dem Abbau begonnen werden. Hierbei musste jeder Steinblock, jedes Bauelement mit Positionsmarken gekennzeichnet werden, damit später der detailgetreue Wiederaufbau gelingen konnte. Zahlreiche große Baublöcke mussten zersägt werden. Insgesamt waren es etwas mehr als 37.000 Blöcke und Bauelemente. Die leichten wogen zwei Tonnen, die größten bis zu 25 Tonnen. Um die Bauelemente und Fundamentblöcke zu lösen, mussten mehr als 22.000 Tonnen Schlamm bewegt werden. Die Steine wurden zunächst bei Schellal am östlichen Nilufer ausgelagert. Dann wurden sie auf die Insel Angílkia gebracht.

Bei den bauhistorischen Untersuchungen und Zerlegungen der Tempel kamen einige Überraschungen zum Vorschein. Einige Blöcke waren Spolien älterer Vorgängerbauten. Es wurden Steine mit Namensaufschriften von Taharka (25. Dynastie) und Amasis (26. Dynastie) gefunden. Sogar einige Steine von dem alten Festtempel Thutmosis III. (18. Dynastie) aus Karnak wurden auf Philae verbaut. Auch Reste einer alten koptischen Siedlung wurden freigelegt. Schließlich begann man mit dem Wiederaufbau des kompletten Isis-Tempels, des prächtigen Trajan-Pavillons, des Hathor-Tempel s, des kleinen Harendotes-Tempels, der Halle des Nektanebos I., des Pavillons von Psammetich II., des Asklepios-Tempels, des Mandulis-Tempels und des Tempels des Arensnuphis-Dedun. Die Kosten für die internationale Rettungsaktion beliefen sich auf etwa 30 Millionen US-Dollar. Um die Bedeutung des Vorhabens zu unterstreichen und die Tempel zu würdigen, wurde 1979 das Tempelensemble von Philae zum Weltkulturerbe erklärt. Anfang 1980 waren die Arbeiten am neuen Standort auf Angílka abgeschlossen. Am 10. März 1980 wurde die Anlage offiziell übergeben. Eine prächtige Feier mit großen Feuerwerk läutete die neue Epoche von Philae ein: Nach fast acht Jahrzehnten konnten von nun an die Besucher wieder ganzjährig die Tempel trockenen Fußes besuchen. Heute gehört Philae wieder zu den touristischen Besichtigungshighlights in der Region von Assuan. Wegen des Einfügens von Bindemitteln, die nötig waren, um die wieder neu zusammengesetzten Blöcke zusammen zu halten, sind die Gebäude teilweise bis zu 30 cm höher als ursprünglich, was aber optisch nicht weiter auffällt. Deutlich sichtbar sind allerdings die Verfärbungen am Gestein der Bausubstanz. Man kann noch heute erkennen, bis wohin das Wasser einst gestiegen war. Aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaftslage Angílkas zu Philae und der ähnlichen Inselform konnte das ehemalige Ambiente der Tempelinsel einigermaßen erhalten werden.

Einige Wermutstropfen bleiben. Der Tempel des Augustus, das Tor des Diokletian und die zwei koptischen Basiliken wurden nicht gerettet. Sie liegen auf dem Grund des Sees. Außerdem verzichtete man aus Gründen der Kostenersparnis darauf, die tiefer gelegenen Fundamente der Tempel zu bergen. Sie hätten weitere Informationen zur Geschichte der Tempel und ihrer Vorgängerbauten preisgeben können, die nun für immer verloren sind.

Bauten um den Tempelvorplatz vor dem Isis-Heiligtum

Erster Pylon am Isis-Tempel von Philae

Am südlichen Teil der Insel, vor dem Eingangspylon zum Isis-Tempel gelegen, gibt es einige Bauten, die einen großen Platz umrahmen. Dieser Platz, eine Art Tempelvorplatz ist im Norden vom besagten Pylon des Isis-Tempels und zu den Seiten, d.h. an der westlichen und östlichen Flanke von Säulenkolonnaden begrenzt. Hinter der mehr als neunzig Meter langen westlichen Kolonnade zieht sich befestigungsartiges Mauerwerk, unterbrochen von einzelnen Treppenzugängen zum Nil. Hinter der östlichen Kolonnade verbergen sich die Reste des von Süd nach Nord ausgerichteten Imhotep -Tempels von Ptolemaios V. Epiphanes Eucharistos. Imhotep war ein hoher Amtsträger und Architekt des Alten Reiches, der wegen seiner Weisheit posthum vergöttlicht wurde. In griechisch-römischer Zeit wurde er Asklepios gleichgesetzt. Am südlichen Ende der östliche Kolonnade stehen die Mauerreste des kleinen Tempels des Harensnuphis (Arensnuphis-Dedun), einer autochthonen nubischen Gottheit aus griechisch-römischer Zeit. An ihm wurde unter dem nubisch-meroitischen König Ergames II. (Arqamani) und unter Ptolemaios V. Epiphanes Eucharistos gebaut. Am Süd-Ende des Vorplatzes, am Kai des südlichen Nilufers der Insel gelegen, befinden sich die Überreste einer alten Kapelle von Nektanebos I., einem der ältesten Bauwerke der Insel, von dem noch Mauer- und Säulenreste stehen und an der westlichen Seite die Pflanzensäulen mit Hathor-Köpfen auf den Kapitellen nahezu komplett erhalten sind.

Der Tempel der Isis

Der wichtigste Gebäudekomplex auf Philae ist der Tempel der Isis und des Horuskindes. Er gehört zu den am besten erhaltenen Tempeln Ägyptens. Er geht ursprünglich auf den spätzeitlichen Pharao Nektanebos I. (30. Dynastie) zurück, wobei der Großteil der Bauten allerdings aus der Zeit der Ptolemäer (3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) stammt. Die Reliefdekorationen des Tempels sind in ihrem Stil typisch ptolemäisch. Allerdings weicht der Tempel in seiner Grundrissarchitektur von den zeitgenössischen Pendants, wie z.B. in Edfu , ab. Auffällig ist der Achsenknick, während sonst die Tempel jener Zeit streng axial ausgerichtet waren. Dies ist sicherlich auf die Gestalt des Inselgeländes zurückzuführen, auf die man bei den Erweiterungen der Heiligtümer Rücksicht nehmen musste.
Der Isis-Tempel hat zwei Pylone (typisch ägyptische Torbauten mit zwei seitlichen Türmen). Der erste Pylon ist 45,5 Meter breit und 18 Meter hoch. Es ist mit großen Reliefdarstellungen dekoriert, die in ihrer Motivik an alte ägyptische Traditionen anknüpfen. So ist am rechten (d.h. östlichen) Tor der Pharao (hier: Ptolemaios XII. Neos Dionysos) in der typischen Feind-Erschlagungs-Pose abgebildet, d.h. es wird gezeigt, wie er eine Gruppe feindlicher Krieger am Schopf gepackt hält und mit einer Keule zum Schlag ausholt. Dieses Motiv ist schon auf Gegenständen der Frühzeit und des Alten Reiches belegt und war im Neuen Reich das typische Motiv auf der Vorderseite der Pylone (vgl. Tempel in Karnak und Luxor ). Nach außen war die Botschaft also die Feindabwehr. Außerdem sind noch Kulthandlungen des Königs vor Horus und Nephthys und vor Isis und dem Horuskind dargestellt. Ein ähnliches Darstellungsensemble prankt am linken (westlichen) Torturm. Die Obelisken, die klassischer Weise einst vor dem Pylon standen, sind nicht mehr da. Baulich mit dem östlichen Torturm des ersten Pylons verbunden ist das Tor des Königs Ptolemaios II. Philadelphos.

Geht man durch das Tor des ersten Pylons, gelangt man in den ersten Vorhof. Zu seiner Rechten (d.h. im Osten) sieht man ein Gebäude, das für die Priesterschaft des Tempels bestimmt war. Zu seiner Linken (d.h. im Westen) findet man das Mammisi (Geburtshaus), das Kultgebäude, in dem die Geburt des Götterkindes zelebriert wurde. In diesem Fall geht es natürlich um die Geburt des Horus, dem Kind von Isis und Osirs. Zu dem Mammisi führt auch ein direkter Zugang durch den westlichen Pylonturm des ersten Pylons. Diese architektonische Besonderheit hat vermutlich mit den spezifischen Kultvorgängen und Prozessionsfesten zu tun. Das Mammisi besteht aus einem länglichen Gebäude mit drei hintereinander folgenden Räumen, das von Säulengängen umgeben ist. Das große Thema der unter Ptolemaios VI. Philometor, Augustus und Tiberius angebrachten Reliefdekorationen im Mammisi von Philae sind die Vorgänge rund um die Geburt des Horuskindes durch die Mutter Isis. Harpokrates ist der griechische Name der hellenisierten Form des altägyptischen Gottes Horus, dem Götterkind von Isis und Osiris. Allerdings muss man einräumen, dass es im Laufe der ägyptischen Religionsgeschichte für das Horuskind verschiedene Variationen, Gestalten, Funktionen und Namen in unterschiedlichen Götterkonstellationen gab, die sich in vielen Aspekten überschneiden aber nicht identisch sind. In den Hieroglyphentexten im Mammisi von Philae ist jedenfalls von Hor-pa-chered die Rede, was soviel wie Horus, das Kind, also Horuskind bedeutet. Die Texte und Bilder schildern die göttliche Geburt dieses Horuskindes und dessen Jugend in den Schilfdickichten des Nildeltas. Kolonnaden umgeben das Mammisi. Die Säulenschäfte sind mit Doppelkapitellen bekrönt: Auf jedem Pflanzenkapitell ist ein Hathorkopf-Sistrum-Kapitell aufgesetzt. (Ein Sistrum ist ein altägyptisches metallenes Klapperinstrument).

Gegenüber dem Mammisi, auf der östlichen Seite des Hofes gelegen, befinden sich spezielle Räume der Priester, darunter ein Arbeitsraum, ein Gerichtsraum, und eine Bibliothek. Dieser Gebäudeteil wurde unter Ptolemaios VIII. Euergetes II. (Regierungszeit von 145 bis 116 v. Chr.) errichtet.

Im Norden wird der Vorhof vom zweiten Pylon begrenzt. Er ist 12 Meter hoch und 32 Meter breit. Durch den zweite Pylon betritt man den eigentlichen Kern des Isis-Tempels. Zunächst gelangt man in den offenen Tempelhof mit zwei kleinen seitlichen Hallen, dann kommt man in die Vorhalle (Pronaos), in der acht Säulen die Decke tragen. Vom Pronaos gelangt man durch weitere Räume schließlich ins Allerheiligste der Göttin Isis von Philae. Dort steht in der mittleren Kammer noch der Sockel, auf dem einst die Barkensänfte abgestellt wurde. In der linken (westlichen) Seitenkammer ist eine Treppe, die einst auf das Dach des Tempels führte, und von dort aus in eine Kultkapelle für Osiris, deren Reliefs den Tod und die Grablegung desselben Gottes zum Thema haben. Sie ist heute leider nicht mehr zugänglich.

Die Hieroglyphentexte und Reliefdekorationen im Isis-Heiligtum stammen von Ptolemaios II. Philadelphos, Ptolemaios VIII. Euergetes II., Augustus, Tiberius und Antoninus. Die christlichen Symbole und Kreuze, die man an manchen Stellen entdeckt, wurden von den Kopten in byzantinischer Zeit angebracht, als Teile der Räumlichkeiten für christliche Gottesdienstzwecke umfunktioniert worden waren.

Tor des Kaisers Hadrian und Tempel des Harendotes

Kiosk des Trajan auf Philae
Westlich des Isistempels stehen am Nilfufer ein Tor des Hadrian (römischer Kaiser von 117 bis 138 n. Ch.) mit gangartigen Vorbau und ein kleiner quadratischer Tempel des Harendotes. Beide Gebäude sind schlecht erhalten. Harendotes ist eine Form des Gottes Horus, der als Rächer oder Schützer seines Vaters Osiris auftritt. Der Tempel steht im Zusammenhang mit dem Osiris-Kult der gegenüber gelegenen Insel Bigga. Auch das Hadrianstor steht, wie man an den Motiven der Reliefdekoration noch erkennen kann, mit dem Osiris-Kult der Nachbar-Insel in Verbindung. Sie waren vermutlich Kultstationen der Isis-Statue auf ihren Prozessionsweg nach Bigga. Die Bilder und Texte beschreiben Einzelszenen aus dem Mythos von Isis und Osiris. Im unteren Bild- und Textregister an der Nordwand findet man übrigens die letzte datierbare Hieroglyphen-Inschrift aus dem Jahr 394 n. Chr. An der Nordwand ist am linken Ende ein berühmtes Einzelmotiv erwähnenswert, dass den Nilgott als Hermaphroditen mit Papyruspflanzen auf dem Kopf zeigt. Er schüttet Wasser aus zwei kleinen Opfergefäßen und ist von einer Schlange kreisförmig umgeben.
 

Der große Kiosk (Pavillon) des Trajan

Am Ostufer der Insel Philae bzw. Angílkia, direkt an der Kaianlage, an der einst die Barken mit dem Kultbild der Isis anlegten, steht der prächtige Säulen-Kiosk aus römischer Zeit. Er ist etwa 20 Meter lang, 15 Meter breit und rund 15 Meter hoch. Errichtet wurde er während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98 bis 117 n. Chr.), wobei es wohl einen Vorgängerbau des Augustus (Regierungszeit von 27 v. bis 14 n. Chr.) gab. Die Reliefdekoration blieb zwar unvollendet, umso beeindruckender ist dagegen die Architektur mit den detailreich ausgestalteten Komposit- und Pflanzenkapitellen der 14 Säulen. Hier zeigt sich deutlich, wie sehr die ägyptische Kunst von den Römern respektiert wurde. Während im ganzen Mittelmeerraum, von Spanien bis Syrien, die römischen Städte und Tempel im Stil der klassischen Antike errichtet wurden, ahmten in Ägypten die römischen Kaiser die Baukunst der Pharaonen nach. Die Funktion des Kiosks entspricht den Barkensanktuarien und Stationsheiligtümern der früheren Zeiten. Hier pausierte der feierliche Prozessionszug für besondere Kulthandlungen. Beim heiligen Prozessionszug des Isis-Kultes auf Philae ging es in erster Linie um ihren rituellen Besuch des Kultgrabes des Osiris auf der großen Nachbarinsel Bigga/Bigge.

Tempel der Hathor

Nur wenige Meter östlich des großen Isis-Tempels steht ein kleines Heiligtum der Göttin Hathor-Aphrodite. Die Gliederung der Tempelbereiche ist streng axial von West nach Ost ausgerichtet. Der Tempel besteht aus einem Vorhof (Pronaos) mit zehn Säulen, einer äußeren Halle, einer inneren Halle und dem Allerheiligsten am Ostende. Der Bau stammt von Ptolemaios VI. Philometor und Ptolemaios VIII. Euergetes II. Die Reliefausschmückung ist aus der Zeit der römischen Kaiser Augustus und Tiberius und thematisiert unter anderem den Mythos um die Heimkehr der Göttin Hathor aus Nubien nach Ägypten. Sie hatte als Tochter des Sonnengottes Re das Land im Zorn verlassen und wird bei ihrer Rückkehr in ihrem Zorn besänftigt und findet ihre Lebensfreude bei Musik und Tanz wieder. Pittoreske und bizarre Motive in der Reliefdekoration thematisieren dieses mythologische Ereignis. Neben Musikern mit Harfen und Flöten sind auch tanzende und musizierende Affen und der fratzengestaltige zwergenhafte Gott Bes mit Musikinstrumenten dargestellt.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Bénédite, G., Le temple de Philae, Paris 1893-1895.
  • Bonnet, Hans, „Philae“, in: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Hamburg 2000, S. 592–594.
  • Haeny, Gerhart, “A short architectural history of Philae”, in: Bulletin de l’Institute français d’Archéologie orientale (le Caire) 58 (1985), S. 197 – 233.
  • Junker, Herman, Der große Pylon des Tempels des Isis in Philae, Wien 1958.
  • Lyons, H.B., A Report in the Island and Temples of Philae, Kairo 1908.
  • Magi, Giovanna, Assuan , Philae, Abu Simbel , Florenz 1992.
  • Siliotti, Alberto, Aswan (Egypt Pocket Guides), Kairo 2001.
  • Vassilika, Eleni, Ptolemaic Philae, Löwen 1989.
  • Winter, Erich, „Philae“, in: Lexikon der Ägyptologie , Band IV, Sp. 1022-1027.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg