Nilinsel Sehelnarti bei Assuan und Hungersnotstele

Felsinschriften auf der Insel Sehel (Foto: M. Hüneburg)
Landschaft auf der Insel Sehel (Foto: M. Hüneburg)
Etwa drei Kilometer südlich von Assuan im Gebiet des ehemaligen Katarakts liegt die Insel Sehelnarti, die nach einem der Inseldörfer auch kurz „Sehel“ genannt wird. Die abgelegene Nilinsel Sehel ist ein archäologisches Kleinod, das nur selten von Touristen besucht wird. Die Landschaft der Insel wird von den typischen Granitfelsen bestimmt, wie sie in der Region von Assuan häufig anzutreffen sind. Um dorthin zugelangen, kann man an den Anlegekais in Assuan oder auf Elephantine einen Bootsfahrer anheuern und mit ihm einen Tagespreis aushandeln. Wegen der Entfernung ist die Fahrt mit Segelboot nur dann zu empfehlen, wenn man genügend Zeit eingeplant hat. Ansonsten empfiehlt sich das Motorboot.

Das Besondere an dieser Nilinsel sind die vielen hundert Inschriften und Steinzeichnungen auf den großen Granitfelsen. Mehr als 250 Inschriften wurden gefunden. Einige Felsen sind mit Darstellungen von Göttern versehen. Meistens sind die Hauptgottheiten von Elephantine, der widderköpfige Schöpfergott Chnum, die Nilquellengöttin Satet und ihre Tochter Anuket dargestellt. In altägyptischer Zeit haben viele Reisende bei ihren Expeditionen nach Nubien und Kusch hier haltgemacht und eine Inschrift hinterlassen, bevor sie weiter in die Regionen des Sudan segelten. Die Insel Sehel gehörte im Altertum neben Elephantine zu den letzten Grenzposten des eigentlichen Ägypten, bevor südlich des Ersten Kataraktes schließlich das innerafrikanische Fremdland begann. Wesire, Vizekönige, Generäle und hohe militärische Amtsträger und Expeditionsleiter haben hier ihre steinerne Visitenkarte hinterlassen.
Hungersnotstele auf Sehel (Foto: M. Hüneburg)
Die berühmteste und interessanteste Felsinschrift auf der Insel Sehel ist die Hungernotstele aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Es handelt sich hierbei um eine Inschrift aus ptolemäischer Zeit, die trügerisch vorgibt, viel älter zu sein, nämlich aus der Zeit des Djoser (2700 v. Chr.). Im Bildteil ist der König Djoser dargstellt, wie er der Göttertriade Chnum, Satet und Anuket opfert. Der eigentliche Text beginnt mit der Datumsangabe: 19. Regierungsjahr des Königs Djoser (Horus Netjerichet). Dann kommt eine großartige, lange Inschrift, die von schweren Dürrezeiten und einer großen Hungersnot berichtet, die sieben Jahre lang das Land heimgesucht haben soll. Dem König Djoser soll dann der Gott Chnum im Traum erschienen sein, woraufhin der König diesem Gott Stiftungen und Ländereien der Umgebung inklusive der Nutznießung der örtlichen Bodenschätze und Landwirtschaftsprodukte zusprach. Diese Stiftungen des Königs an den Gott Chnum sollen der Not schließlich ein Ende bereitet haben. Interessant und spannend sind die Parallelen zur biblischen Josephs-Geschichte.

Vermutlich ließ Pharao Ptolemäus IV. (221 – 205 v. Chr.) diese Inschrift hier anbringen, um einen angeblich uralten Anspruch der Priesterschaft der Tempel von Elephantine (Tempel des Chnum und der Satet) auf das sogenannte „Zwölfmeilenland“ am Ersten Katarakt mit einer historischen Rechtfertigungsschrift zu untermauern. Vielleicht gab es jedoch tatsächlich mal eine ähnliche Inschrift aus der Zeit des Djoser, deren Inhalt durch diese Inschrift wieder erneuert wurde. Zumindest ist nicht auszuschließen, dass dieser Inschrift eine alte traditionelle Überlieferung zugrunde liegt. Eine plausible Erklärung für den Entstehungshintergrund der Hungersnotstele ist, dass in ptolemäischer Zeit die Tempelinstitutionen von Elephantine mit dem Tempel der Isis von Philae in gewisser Konkurrenz um die Nutznießrechte der umliegenden Ländereien standen.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

Lichtheim, Miriam, Ancient Egyptian Literature III, London 1980, S. 94-103 (mit ausführlicher Übersetzung der Hungersnotstele und umfangreicher Bibliographie).

Zibelius, Karola, „Hungersnotstele“, in: Lexikon der Ägyptologie III, Wiesbaden 1980, Sp. 84, mit weiteren Angaben.

 

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg