Insel Elephantine gegenüber der City von Assuan

Die pittoreske Felseninsel Elephantine (auf Arabisch heute „Geziret Aswan“ genannt) gegenüber der City von Assuan ist ein archäologisches Kleinod Südägyptens. Nirgendwo sonst in Ägypten konnten sowohl die mehrtausendjährige Siedlungsgeschichte einer antiken Stadt als auch die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von Heiligtümern und Tempeln aus der Zeit der Pharaonen besser dokumentiert werden als auf dieser Nilinsel.

Panorama von Elephantine (Fotomontage aus 6 Fotos)

Die südliche Hälfte der Insel Elephantine entspricht einem Freilichtmuseum, das uns einen einzigartigen Blick in die Geschichte einer alten Stadt gewährt. Dies ist einem archäologischen Glücksfall zu verdanken. Normalerweise liegen die meisten Städte im fruchtbaren Schwemmland der Flussebene. Viele alte Siedlungshügel wurden dementsprechend oft von der jährlichen Nilschwemme, Flussbettverlagerungen oder landwirtschaftlichen Flurbereinigungen zerstört. Manche antike Siedlungen wurden von der ländlichen Bevölkerung komplett abgetragen, weil die Nilschlammziegel der alten Häuser zu Düngemittel verarbeitet werden konnten. Andere antike Städte können archäologisch nicht vollständig erforscht, geschweige ausgegraben werden, weil sie schlichtweg unterhalb der Bebauung moderner Städte liegen. Nicht so auf Elephantine.

Auf dem Grabungsgelände von Elephantine (Foto: M. Hüneburg)
Ausgrabungen auf dem Siedlungshügel von Elephantine (Foto: M. Hüneburg)
Wegen des hohen Bodenniveaus waren die historischen Baudenkmäler und Siedlungsschichten auf der Nilinsel weder von den hohen Nilfluten der Vergangenheit noch vom staudammbedingten Grundwasserspiegelanstieg der Moderne gefährdet. Zudem schützen Granitfelsen die Inselufer vor der Bodenerosion durch die Flussströmung. Der eigentliche Siedlungsruinenhügel (arab. „Tell“ bzw. ägyptisch-arabisch „Kom“ genannt) am Süd-Ende der Insel besteht aus bis zu 12 Meter hoch übereinander gelagerten Besiedlungs- und Baufundamentschichten, die von der prähistorischen Zeit bis in die frühislamische Epoche reichen. Das entspricht einem Zeitraum von weit mehr als viertausend Jahren. Zu den umfangreichen Besiedlungsspuren und Ruinen gehört ein breites Spektrum von unterschiedlichen Bauresten: Tempelanlagen, Wirtschaftsgebäude, Vorratsspeicher, Wohnquartiere, Straßen, Stadtbefestigungsanlagen, Torbauten, Verwaltungsbauten, Kaianlagen, Gräberfelder, zwei Nilometer und sogar eine kleine Pyramide aus dem Alten Reich. Aus der Spätzeit konnten spärliche Reste eines jüdisch-aramäischen Tempels und aus byzantinischer Zeit Überreste koptischer Kirchenbauten identifiziert werden. Im späten Mittelalter endete die Besiedlung des südlichen Teils der Insel, sodass die antike Siedlung nicht von modernen bewohnten Häusern überbaut ist.

Die vorbildliche archäologische Erforschung und Dokumentation von Elephantine ist insbesondere dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Schweizerischen Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde zu verdanken, die in enger Kooperation seit einigen Jahrzehnten dort tätig sind. Durch die bauhistorischen Rekonstruktionen einiger Abschnitte und Errichtung eines archäologischen Lehrpfades wird dem historisch interessierten Publikum die Grabungsstätte zugänglich gemacht. Wichtige Fundstücke sind im nebenstehenden Museum ausgestellt.
Blick auf den Komabbruch von Elephantine (Foto: M. Hüneburg)
Häuser im nubischen Dorf auf Elephantine (Foto: M. Hüneburg)
Am südlichen Ende hat der Siedlungshügel eine fast 12 Meter hohe Abbruchkante. Sie entstand durch die bäuerlichen Sebachin, die in den letzten Jahrhunderten wie in einem Steinbruch die Lehmziegel massenweise aus dem Kom (Tell) herausbrachen und abtransportierten, um daraus Düngererde zu gewinnen. Von Süden gesehen, kann man an der dadurch entstandenen Abbruchwand nahezu die gesamten Siedlungsschichten der Stadt, von der Frühzeit bis zur byzantinischen Zeit, übereinander geschichtet sehen, gleichsam wie geologische Sedimentablagerungen in einer natürlichen Felsformation.

Nördlich des Ausgrabungsgeländes liegen zwei nubische Dörfer, deren Häuser zum Teil noch in traditioneller Bauweise aus Lehmziegeln errichtet worden sind. Beim Spaziergang durch diese Dörfer lässt sich erahnen, wie die Wohnungen und Gassen in der antiken Stadt ausgesehen haben könnten. Umgeben sind die Dörfer von Palmenhainen, Gärten und Anbauflächen. An der Nordspitze der Insel erhebt sich eine monumentale Hotelanlage.

Die Insel erstreckt sich über eine Länge von 1200 Metern und ist in der Mitte etwa 400 Meter breit. Die Inselform Elephantines hat sich im Laufe der Jahrtausende verändert. Tatsächlich bestand Elephantine zunächst aus mehren kleinen Inseln, die teils durch natürliche Sedimentierung und andernteils durch künstliche Aufschüttungen zusammenwuchsen. Bereits in frühdynastischer Zeit bzw. spätestens im Alten Reich hatte Elephantine mehr oder weniger das heutige Flächenausmaß erreicht.
Stadttor von Elephantine aus dem frühen Alten Reich (Foto: M. Hüneburg 1996)

Geschichte einer über 5000 Jahre alten Grenzstadt

Die ältesten Siedlungsspuren auf Elephantine stammen aus der mittleren Naqadazeit (gegen 3500 v. Chr.). Seit der späten Naqadazeit (um 3200 v. Chr.) gibt es das Heiligtum der Antilopengöttin Satet (Satis). Dieses Heiligtum wurde immer wieder umgebaut und erweitert und wuchs im Lauf der Jahrtausende zu einem bedeutenden Tempel. Unterhalb des Siedlungshügelabbruches, am Südende der alten Stadt, kann man noch ein Stadttor aus der Frühzeit und dem Alten Reich sehen. Seit der Frühdynastischen Zeit und dem Alten Reich war Elephantine ein wichtiger Grenzort an der Südspitze Ägyptens. Die Stromschnellen des ersten Kataraktes, die südlich der Insel beginnen, markierten die Grenze zum südlichen Fremdland, in das man sich nur in Form gut ausgestatteter Expeditionen oder bewaffneter Kohorten begab, um aus den weitläufigen und unwirtlichen Regionen des Sudan exotische Produkte des tropischen Afrika heimzubringen. Der alte Inselname „Abu“, der mit „Elefant“ oder „Elfenbein“ übersetzt werden kann, deutet auf die Bedeutung der Insel als Umschlag- und Handelsplatz hin. Von hier aus wurde zudem das harte und wertvolle Granitgestein, das in den Steinbrüchen rund um Assuan abgebaut wurde, zu den Pyramiden- und Tempelbaustellen des Reiches verschifft. Eine Festung beherbergte die Grenzgarnison zum Schutz gegen die nubischen Stämme.

 
Als während des Mittleren Reiches die Pharaonen begannen, ihr Machtterritorium weit über die natürlichen Grenzen Ägyptens nach Süden auszudehnen, verlor die Insel zwar ihre Funktion als Grenzstadt, blieb aber eine wichtige Handelsstadt und Ausgangsstation für Schiffsexpeditionen in den Süden. Ab dem frühen Mittleren Reich entwickelte sich neben dem Satet-Heiligtum auch das Heiligtum des Kataraktengottes Chnum, der als Schöpfergott verehrt wurde. Auch dieser Tempel wurde stetig erweitert und umgebaut, bis er in griechisch-römischer Zeit zu einer imposanten Anlage herangewachsen war. Inmitten der Stadt wurde zudem ein Kapellenheiligtum angelegt, das der Verehrung des Ortsheiligen von Elephantine und Schutzpatrons der Schiffsexpeditionen, Heqaib Pepi-Nacht, geweiht war.
Siedlungshügel von Elephantine von Süden gesehen (Foto: M. Hüneburg 2009)
 
In der Spätzeit und während der persischen Fremdherrschaft in Ägypten, im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr., entstand eine jüdisch-aramäische Siedlerkolonie auf der Insel. Sie stand im Zusammenhang mit den aramäischen Truppenkontingenten einer Söldnergarnison, die insbesondere in der Perserzeit dort stationiert war, um als loyale Militäreinheit die Interessen der Fremdherrscher im besetzen Ägypten zu wahren. Die jüdische Gemeinde verfügte auch über einen eigenen Jahwe-Tempel. Im Zusammenhang mit dieser Gemeinde stehen die aramäischen Papyri, die bei frühen Ausgrabungen auf Elephantine gefunden worden waren. Die Papyri geben Aufschluss über das Gemeindeleben und die Lebensumstände der jüdisch-aramäischen Bevölkerung, aber auch über Rechtsstreitigkeiten und soziale Konflikte. So kam es beispielsweise um 410 v. Chr. zur Zerstörung des jüdischen Tempels. Vermutlich stand die Zerstörung im Zusammenhang mit einem Rechtsstreit um Bebauungen im Stadtgebiet, denn das jüdische Stadtviertel und der Bezirk des ägyptischen Chnum-Tempels lagen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Erweiterungen konnten so leicht zum Konflikt über Bebauungsrechte führen, wie zum Beispiel bei der Erweiterung des jüdischen Tempelbereichs auf Kosten einer bedeutenden ägyptischen Prozessionsstraße westlich des Chnum-Tempels.

Wer sich vor seinem Besichtigungsrundgang von dem Ruinengelände einen optischen Überblick verschaffen möchte, sollte zum höchsten Punkt des Siedlungshügels gehen, wo nahe des Kom-Abbruchs eine Aussichtsplattform für die Besucher aufgestellt wurde. Von dort kann man die Grabung überschauen und seinen Rundgang planen. Ein anderer guter Aussichtpunkt befindet sich nur wenige Meter südlich davon, wo der Weg hinunter zum Kom-Abbruch führt. An diesem Aussichtspunkt wurde ein altes Tor aufgestellt. Die Rekonstruktion aus zum Teil originalen Teilen zeigt einen Torbau des Königs Amenophis II. (18. Dynastie), auch wenn die untere Szene im Durchgang aus der Zeit Ptolemaios’ I. stammt, also tausend Jahre später hinzugefügt worden ist.
Blick von der Aussichtsplattform nach Süden (Foto: M. Hüneburg 1996)

Idealerweise wird der Besuch der Insel Elephantine durch die Besichtigung des Grabungsmuseums ergänzt. Hier kann man anhand der ausgestellten Pläne, Karten und Modelle die Erkenntnisse der Inselbesichtigung vertiefen und anschließend wichtige Fundobjekte in Augenschein nehmen. Nicht nur Stelen, Reliefs und Statuen aus den Heiligtümern sind ausgestellt, auch altägyptische Gebrauchsgegenstände, antikes Mobiliar, Toilettenartikel, Schmuck, Jagdwaffen, Werkzeug, Webmaterialien, Keramikgefäße und schriftliche Dokumente sind zu sehen.

Neben den umfangreichen Ruinen und Siedlungsresten der antiken Stadt sind besonders die Heiligtümer sehenswert, die in ihrer Entwicklungsgeschichte hervorragend dokumentiert sind.

 

Der Tempel der Satet (Satis)

Die Tempel aus dem alten Ägypten sind in den seltensten Fällen das Resultat einer architektonischen Einzelleistung, entworfen und ausgeführt durch ein und dieselbe Hand. Vielmehr haben die meisten Heiligtümer eine lange Entwicklungsgeschichte, die auf Jahrtausende alte Kulttraditionen und eine Ahnenreihe von Vorgängerbauten zurückweist.

Satet-Tempel der Hatschepsut auf Elephantine (Foto: M. Hüneburg)

Zu Beginn noch kleine Heiligtümer oder Kapellen, wurden sie im Laufe der Jahrhunderte ausgebaut, erweitert und umgebaut, bis sie zu bedeutenden Tempelanlagen herangewachsen waren, die wir heute besichtigen können. Selten lässt sich jedoch die Entwicklungsgeschichte eines Tempels exakt verfolgen und rekonstruieren. Im Falle des Satet-Tempels auf Elephantine ist das Außergewöhnliche gelungen. Man hat es nicht nur geschafft, die Baugeschichte eines Tempels von seinen prähistorischen Anfängen bis in die griechisch-römische Zeit zu erforschen und zu rekonstruieren, sondern man war sogar in der Lage, die Entwicklung für den Besucher sichtbar zu machen. Den Bemühungen des Deutschen Archäologischen Instituts ist es zu verdanken, dass Rekonstruktionen verschiedener Entwicklungsphasen, die man sonst nur, wenn überhaupt, übereinander vorfindet, nebeneinander aufgestellt wurden. Nach mustergültiger archäologischer und bauhistorischer Erforschung wurden Rekonstruktionen einzelner Bauphasen errichtet: Der Satet-Tempel der ptolemäisch-römischen Zeit, der 18. Dynastie, der 11. Dynastie, der 12. Dynastie und der Satet-Tempel der 6. Dynastie. Für jede Rekonstruktion wurden soviel originale Baublöcke wie möglich verwendet. Was sich der Besucher bei seiner Besichtigung vergegenwärtigen muss, ist dass die Baublöcke der älteren Bauten als Spolien zur Errichtung der neueren wieder verwendet worden waren. Beim Abtragen und archäologischem „Sezieren“ eines Bauwerkes kamen daher stets auch Baublöcke der Vorgängerbauten zum Vorschein, die Rückschlüsse über die Bauentwicklung gaben.

Satet-Tempel des Mittleren Reiches (Foto: M. Hüneburg)
Da die Rekonstruktionen der verschiedenen Bauphasen des Satet-Heiligtums nicht übereinander gestellt werden konnten, befinden sich nur die Rekonstruktionen des Satet-Heiligtums aus der 6. Dynastie und der 18. Dynastie an originaler Stelle. Das frühe Heiligtum des Alten Reiches geht auf die natürliche Felsformation eines heiligen Ortes zurück. Dort, wo drei Granitfelsen aufeinander stoßen, war ein Strudelloch, aus dem bei Anstieg der Nilflut Wasser quirlte. Vermutlich wurde dieser Ort als eine Art Quellenheiligtum angesehen. Spätestens zu Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. entstand am Quellenheiligtum eine Lehmziegelhütte, der später ein Vorhof angefügt wurde. Dann, im Verlauf des Alten Reiches, wurden das Ziegelheiligtum und die Mauer des Vorhofes erneuert und verstärkt, der Eingang zum Allerheiligsten versetzt. Heute ist das Heiligtum des Alten Reiches von einer stabilen modernen Betondecke überdacht, auf der die beeindruckende Rekonstruktion des Tempels der 18. Dynastie steht. Dieser Sandsteintempel der Königin Hatschepsut war bereits soweit oberhalb der Granitfelsen errichtet worden, dass die natürliche Felsformation, die der Ursprung des Heiligtums war, zu jener Zeit nicht mehr erkennbar war. Der Tempel der 18. Dynastie ist von einem charakteristischen Pfeilerumgang umgeben, einer typischen Architekturform der 18. Dynastie. Man betritt im Innern des Tempels zunächst einen Zweipfeilersaal. Die Reliefs zeigen Darstellungen der Gottheiten Satet (Satis, erkennbar an hoher Krone mit Antilopenhörnern), Chnum (erkennbar am Widderkopf) und Anuket (Anukis, erkennbar an der Federkrone). Die Dekorationen stammen aus der Zeit Hatschepsuts und wurden zum Teil unter Thutmosis III. verändert. In seinem Grundriss wird die Idee des Quellenheiligtums insofern aufgegriffen, als dass vom Allerheiligsten keine gerade Zugangsachse vom Tempeleingang besteht, sondern die zentrale Kultstätte durch Seitenkorridore von hinten betreten wird. Dabei liegt das Allerheiligste direkt über dem Ort des alten Felsenheiligtums.

Nur wenige Meter nördlich des Satet-Tempels aus der 18. Dynastie stehen die Rekonstruktionen der beiden Vorgängertempel aus dem Mittleren Reich, und zwar von Sesotris I. (12. Dynastie) und von Mentuhotep II. Nebhepetre (11. Dynastie). Neben dem Satet-Tempel des Mentuhotep hat man die Kapellen der Könige Intef II. und Intef III. neu aufgestellt, die ursprünglich ebenfalls aus dem alten Satet-Heiligtum stammen.

Die jüngste Version des Satet-Tempels ist der Bau aus ptolemäisch-römischer Zeit. Obwohl er imposanter und mächtiger als alle seine Vorgängerbauten war, ist nur wenig von ihm erhalten geblieben. Um Informationen zu den älteren Vorgängerbauten zu bekommen, wurden seine Baureste einschließlich des Fundamentes abgetragen. Anhand einiger Bauelemente, die südöstlich des Baus der 18. Dynastie aufgestellt sind, kann man die ursprüngliche Größe erahnen.

Zum Satet-Tempel gehört der berühmte Nilometer von Elephantine , eine Treppe zum Nilufer, an deren Wänden die Markierungen und Messskalen zur Ermittlung des Nilflutpegels angebracht sind. Je höher die Flut, die gemessen wurde, desto größere landwirtschaftliche Ernteerträge waren zu erwarten und desto mehr Steuern konnten eingetrieben werden. Allerdings ist der Nilstandmesser des Satet-Tempels nicht der einzige auf Elephantine. Auch der Chnum-Tempel hatte seinen eigenen Nilometer.
 

Tempel des Chnum

Umgestürzter Naos in den Ruinen des Chnumtempels (Foto: M. Hüneburg)

Neben dem Satet-Tempel war der Tempel des widderköpfigen Gottes Chnum das bedeutendste Heiligtum auf der Insel. Chnum galt seit dem Neuen Reich als Schutzgott der Insel Elephantine und der Gegend des ersten Kataraktes. Auch als Schöpfergott wurde er verehrt: Entsprechend einer mythologischen Schöpfung sversion schuf er den Menschen aus Ton auf einer Töpferscheibe. Zusammen mit der Antilopengöttin Satet (Satis) und deren Tochter Anuket (Anukis) bildete er die Göttertriade von Elephantine.

Die noch erhaltenen Ruinen und Fundamente seines gewaltigen Tempels stammen zum großen Teil aus der Spätzeit und aus der ptolemäischen Zeit. In der Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. wurde unter Nektanebos II. (30. Dynastie), dem letzten einheimischen Pharao vor der hellenistischen Epoche der Ptolemäer, mit dem Neubau des monumentalen Tempels begonnen. Er ließ ein 28 Meter breites und 42 Meter langes Bauwerk errichten, in dessen Zentrum die drei Schreine der Göttertriade von Elephantine standen. Heute präsentiert sich dieser Bereich dem Besucher als gewaltige Trümmergrube, aus der zwischen all den Baublöcken noch ein gewaltiger eingesunkener Naos aus Rosengranit hervorragt. Unter Ptolemaios VI. und Ptolemaios VIII. wurde der Tempel durch einen Pronaos, eine Vorhalle mit sechs Säulen, nach vorn erweitert. In spätptolemäischer und römischer Zeit wurde der Tempel noch weiter nach vorn erweitert und erhielt einen großen Vorhof mit Säulenumgang und einen mächtigen Pylonbau. Der Pylon soll rund 45 Meter breit und 18 Meter hoch gewesen sein. Die Vorgängerbauten des Chnum-Tempels gehen bis ins Mittlere Reich zurück. Damit ist seine Bautradition weniger alt als jene des Satet-Tempels. Anhand von Spolien und einzelnen Bauteilen und Ergebnissen von Fundamentgrabungen ließen sich Erkenntnisse über das Aussehen und den Grundriss des Vorgängerbaus, des älteren Chnum-Tempels aus der Zeit des Neuen Reiches gewinnen.



Heiligtum des Heqaib

 

Im Zentrum der Stadt, an der bedeutendsten Straße gelegen und umgeben von den ausgegrabenen Wohnhäusern aus der Zeit des Mittleren Reiches, wurde ein außergewöhnliches Heiligtum freigelegt. Es handelt sich um den kleinen Provinztempel des Ortsheiligen von Elephantine und Schutzpatrons der Nubien-Expeditionen: Heqaib Pepinacht. Er war gegen Ende des Alten Reiches Stadtgouverneur von Elephantine und hatte sich offensichtlich während seiner Amtszeit einen guten Ruf erworben. Jedenfalls wurde ihm posthum ein kleines Heiligtum geweiht, das im Mittleren Reich ausgebaut wurde. Verschiedene wichtige Persönlichkeiten der Region errichteten Kapellen innerhalb des Heiligtums oder stellten zumindest Statuen und Stelen mit ihren Namen auf, um als fromme Stifter des Heqaib-Kultes erinnert zu werden. Der ausgegrabene und zum Teil restaurierte Zustand des Heiligtums gibt den Zustand zur Zeit der 12. Dynastie ( Mittleres Reich ) wieder. Viele Objekte, die im Heiligtum des vergöttlichten Heqaib gefunden wurden, sind im Museum von Elephantine und im Nubien-Museum von Assuan ausgestellt.



Älterer Tempel von Kalabscha und Tor von Ajula

Versetzte ptolemäische Kapelle von Kalabscha und rekonstruiertes Tor von Amenophis II. (Foto: M. Hüneburg 2009)
Ganz im Süden von Elephantine befindet sich ein Bau, der eigentlich gar nicht auf diese Insel gehört. Bei der Versetzung des großen römerzeitlichen Mandulis-Tempels von Kalabschba 1961 bis 1963 entdeckten die deutschen Archäologen und Ingenieure im Fundament als Spolien wiederverwendete Bauteile eines älteren Tempels. Es handelte sich um Reste eines kleineren Vorgängertempels aus ptolemäischer Zeit, errichtet von dem nubisch-meroitischen König Ergamenes II. (nubischer Name: Arqamani, um 200 v. Chr.) und in der Dekoration ergänzt unter dem ägyptischen König Ptolemaios IX. und dem römischen Kaiser Augustus. Dieser kleine Vorgängerbau des Kalabscha-Tempels wurde 1972 rekonstruiert und an der Südspitze von Elephantine neu errichtet, weil Kalabscha zum Schutze des Assuan -Hochdammes zeitweise militärisches Sperrgebiet und daher unzugänglich war. Der kleine Torbau dieses Tempels wurde im Museum von Berlin (damals West-Berlin) aufgestellt.

Ebenfalls zu einem nubischen Mandulis-Tempel aus römischer Zeit gehörte das Tor von Ajula, das schon um 1900 von seinem Ursprungsort, einem Ruinenfeld 7 km südlich von Kalabscha, nach Elephantine gebrachte wurde. Dort wurde es 1988, nur wenige Meter von der Kalabscha-Kapelle entfernt, neu aufgebaut.

 

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Bommas, Martin, Der Tempel des Chnum der 18. Dyn. auf Elephantine (Dissertation), Heidelberg 2003.
  • Dreyer, Günter, Der Tempel der Satet. Die Funde der Frühzeit und des Alten Reiches (Elephantine Bd. VIII., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 39 ), Mainz 1986.
  • Franke, Detlef, Das Heiligtum des Heqaib auf Elephantine (Studien zur Archäologie und Geschichte Ägyptens , Band 9), Heidelberg 1994.
  • Habachi, Labib, The Sanctuary of Heqaib (Elephantine Bd. IV, Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 33), 2 Bde., Mainz 1985.
  • Habachi, Labib, „Elephantine“, in: Lexikon der Ägyptologie , Band I, Sp. 1217-1225.
  • Jaritz, Horst, Die Terrassen vor den Tempeln des Chnum und der Satet (Elephantine Bd. III., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 32), Mainz 1980.
  • Kraeling, Emil G., The Brooklyn Museum Aramaic Papyri, New Haven 1953.
  • Kaiser, Werner (Hrsg.), Elephantine – Die antike Stadt (Offizielles Führungsheft des Deutschen Archäologischen Instituts, Abt. Kairo), Kairo1998.
  • von Pilgrim, Cornelius, Untersuchungen in der Stadt des Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit (Elephantine Bd. XVIII, Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 91), Mainz 1996.
  • von Pilgrim, Cornelius, “Tempel des Jahu und Straße des Königs – Ein Konflikt in der späten Perserzeit auf Elephantine”, in: Ägypten – Tempel der Welt (Festschrift für Jan Assmann), Leiden 2003, S. 303-317.
  • Porten, Bezalel, Archives from Elephantine: The Life of an Ancient Jewish Military Colony, Berkeley 1968.
  • Porten, Bezalel (et al.), The Elephantine Papyri in English: Three Millennia of Cross-Cultural Continuity and Change. Leiden 1996.
  • Otto, Eberhard, „Chnum“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Sp. 950 ff.
  • Otto, Eberhard, „Anuket“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Sp.333 f.
  • Sachau, Eduard, Aramäische Papyrus und Ostraka aus einer jüdischen Militär-Kolonie zu Elephantine: Altorientalische Sprachdenkmäler des 5. Jahrhunderts vor Chr. Leipzig 1911.
  • Seidlmayer, Stephan, Gräberfelder aus dem Übergang vom Alten zum Mittleren Reich (Studien zur Archäologie und Geschichte Ägyptens, Band 1), Heidelberg 1990.
  • Seidlmayer, Stephan, Historische und moderne Nilstände. Untersuchungen zu den Pegelablesungen des Nils von der Frühzeit bis zur Gegenwart, Berlin 2001.
  • Siliotti, Alberto, Aswan (Egypt Pocket Guides), Kairo 2001.
  • Valbelle, Dominique, Satis et Anoukis (Sonderschriften des Deutschen Archäologischen Instituts 8), Mainz 1981.
  • Valbelle, Dominique, „Satet“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Sp. 487 f.
  • Ziermann, Martin, Befestigungsanlagen und Stadtentwicklung in der Frühzeit und im frühen Alten Reich (Elephantine Bd. XVI., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 87), Mainz 1993.

Autor dieses Artikels:

 

Mirco Hüneburg